Im Dreieck des Todes - DER SPIEGEL
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RUMÄNIEN Im Dreieck des Todes

Die Öko-Katastrophe belastet nicht nur die Flussläufe in Rumäniens Anrainerstaaten, sondern auch die Brüsseler Verhandlungen über die EU-Osterweiterung. Wie können die postkommunistischen Beitrittskandidaten ihre marode Industrie auf westliche Standards trimmen?
Von Manfred Ertel und Claus Christian Malzahn
• aus DER SPIEGEL 8/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Für einen Mann, der soeben eines der größten Umweltdesaster der letzten Jahrzehnte hinter sich hat, wirkt Phil Evers erstaunlich gelassen. Der schlanke Enddreißiger mit dem gepflegten Dreitagebart trägt Jeans und eine gewachste Sportjacke, an der die eiskalten Regentropfen genauso abperlen wie die unangenehmen Fragen, mit denen der Manager konfrontiert wird.

Evers ist Chef des australisch-rumänischen Unternehmens Aurul. In der Bergbaustadt Baia Mare am Fuße der rumänischen Karpaten lässt er mit Hilfe des hochgiftigen Zyanids Gold und Silber aus der Erde waschen. Jetzt steht er, umringt von erregten Bauern, bedrückten Politikern und drängenden Journalisten, mit beiden Beinen im Matsch auf dem Deich seines zugefrorenen Rückhaltebeckens - unter dessen Eis schwappt hochtoxische Blausäurebrühe.

An ebendieser Stelle, inzwischen wieder sorgsam aufgeschüttet, brach vor drei Wochen der Damm und schickte eine Flut des Todes in Südosteuropas Flüsse. 100 000 Kubikmeter des noch zusätzlich mit Schwermetallen versetzten Giftcocktails ergossen sich in den nahen Fluss Szamos - Beginn der wohl »schwersten europäischen Umweltkatastrophe seit Tschernobyl«, wie Serbiens Umweltminister Branislav Blazic Tage später erschüttert bilanzierte.

Auf mehreren hundert Kilometern, vor allem in der Theiß, die aus der Ukraine kommend durch Ungarn fließt und in Serbien in die Donau mündet, hat die Zyanid-Lauge »praktisch alles Leben ausgerottet«, stellte der World Wide Fund of Nature (WWF) fest.

Mehrere hundert Tonnen toter Fische, nicht nur Wels, Zander, Barsch und Brasse, sondern auch besonders geschützte Arten, mussten bis Ende vergangener Woche aus den Flüssen geborgen und als Sondermüll entsorgt werden. Sämtliche Fischotter im Theiß-Zufluss Szamos, der die Blausäurebrühe in den Naturkreislauf einleitete, sind erstickt. Seeadler, Kormorane und Reiher verendeten an verseuchtem Fischaas. »Die Theiß ist gestorben«, schrieben wütende ungarische Anwohner auf Protesttransparante, behängten Brücken mit Trauerfahnen, warfen Blumen und Kränze in das verseuchte Wasser.

Allein im serbischen Pancevo wurden innerhalb kürzester Zeit rund 500 Kilogramm Fisch aus der Donau geborgen. Das Wasser des Flusses, schon während des Kosovo-Kriegs durch chemische Einleitungen aus zerbombten Fabriken schwer belastet, war nach Berichten von Anwohnern zeitweise »weiß von toten Fischbäuchen«.

Und die langfristigen Folgen des Desasters für den gesamten Öko-Organismus - durch verseuchte Grundschlämme der Flüsse zum Beispiel oder ein Insektensterben - dürften einigermaßen verlässlich wohl erst im Sommer abzuschätzen sein.

Doch Manager Evers, zum Lokaltermin an den Tatort geeilt, lächelt, was immer er auch zu hören bekommt. Milliardenschwere Regressforderungen? Mangelhafte Sicherheitsvorkehrungen? Moralische Skrupel angesichts zehntausender toter Fische, verseuchter Brunnen und Trinkwassernotstand, vergifteter Kinder und zerstörter Existenzen von hunderten Fischerfamilien entlang der Flussläufe?

Die Antwort ist ein Grinsen. »Das alles«, sagt Evers, die Augenbrauen lässig nach oben gezogen, »sollten wir doch lieber den Experten überlassen.«

Deren Reaktion könnte, zumindest für die politische Zukunft Rumäniens und damit auch für die Ertragslage multinationaler Konzerne in der Region, schwerwiegende Folgen haben. Ausgerechnet zum Beginn der Verhandlungsrunde mit den osteuropäischen EU-Kandidaten vergangene Woche in Brüssel warf die Umweltkatastrophe in geradezu dramatischer Weise die Frage nach den Beitrittsvoraussetzungen der Bewerber auf.

Bis zum Jahr 2003 wollte etwa die Regierung in Bukarest ihre Umweltgesetzgebung den Normen des EU-Rechts anpassen - ein Todesurteil für den Großteil der technisch überalterten heimischen Industrie. Gerade die westlichen Öko-Standards bilden das wohl heikelste Kapitel bei der Erfüllung der Aufnahmebedingungen - auch für andere osteuropäische Anwärter. Denn wie weit Rumänien und auch der eine oder andere der EU-Aspiranten tatsächlich vom europäischen Umwelt- und Sicherheitsniveau entfernt sind, hat die Katastrophe gerade wieder nachdrücklich bewiesen.

Die schwedische EU-Umweltkommissarin Margot Wallström, Ende vergangener Woche höchstselbst am Tatort, versuchte zwar die Sorgen der Rumänen vor neuen Hürden zunächst einmal zu zerstreuen. In Brüssel allerdings hörte sich das schon ganz anders an.

Der für die EU-Erweiterung zuständige Kommissar Günter Verheugen sprach von »ökologischen Zeitbomben«, die eine Aufnahme gefährden könnten. »Jetzt, und nicht erst während der Verhandlungen« oder gar nach Aufnahme der Bewerber, müssten die Umweltbedrohungen lokalisiert und identifiziert werden, forderte Verheugen. Deshalb sollen die Umweltkapitel bereits den Schwerpunkt der ersten Verhandlungsrunde bis Mitte des Jahres bilden.

Die Erledigung dieser Hausaufgaben dürfte für manche Ernüchterung in der Erweiterungseuphorie sorgen: Denn für weite Regionen des implodierten Sowjetblocks gelten im postkommunistischen Zeitalter jetzt die frühkapitalistischen Zustände, wie sie etwa der Sozialist Friedrich Engels Mitte des 19. Jahrhunderts in Manchester beschrieb: »Die Hölle auf Erden.«

Da geht es um die Luftverschmutzung der veralteten Stahlhütten im polnischen Industrierevier um Kattowitz; oder um mit westlichen Sicherheitsnormen unvereinbare Atommeiler im bulgarischen Kosloduj, im litauischen Ignalina und im slowakischen Bohunice; oder um den von tschechischen Kohlekraftwerken in die Landschaft verblasenen »böhmischen Nebel« - Probleme zuhauf, und westliche Standards dürften auch mit Milliardensubventionen alsbald kaum erreichbar sein.

In Rumänien sind Regierung und Betreiber zunächst einmal bemüht, die unmittelbaren Konsequenzen in den Griff zu kriegen. Vor dem Hintergrund wilder Gerüchte und Spekulationen über die Ursachen, die selbst Mutmaßungen über eine vorsätzliche Einleitung der Giftbrühe nicht aussparten, kündigten Ungarn und Serbien bereits massive Schadensersatzforderungen an.

Der rumänische Außenminister Petre Roman wehrte sich am Rande des EU-Treffens seiner Amtskollegen vorsorglich gegen den Vorwurf, die Nachbarn zu spät informiert zu haben. Zugleich attackierten Umweltverbände wie Greenpeace den »ökologischen Kolonialismus« des australischen Mehrheitseigners der Goldmine, des Bergbaukonzerns »Esmeralda«. Schließlich sei das Bergwerk nicht von »schlampigen Rumänen« gebaut worden, sondern von einer »Hightech-Firma aus Australien«. Beim profitablen Unterlaufen gängiger Umwelt- und Sicherheitsnormen jedenfalls, so scheint es, funktioniert das Ost-West-Zusammenspiel bestens.

Dass die jüngste Öko-Katastrophe Europas ausgerechnet in Baia Mare ihren Anfang nahm, ist kein Zufall. Die 160 000 Einwohner der Bergbaustadt nahe der Karpaten leben geradezu in einer Metropole der Gifte. Die Lebenserwartung hier liegt mit durchschnittlich 52 Jahren 13 Jahre unter der landesweit üblichen bei Männern und sogar 21 unter der von Frauen.

Vor allem nachts, wenn die Fabriken ihre Schleusen und Schlote öffnen, verwandelt sich die Stadt in einen Bleisarg, auf den Asche regnet. Wer jetzt noch auf der Straße ist, möchte am liebsten das Atmen einstellen. Die Gifte zerkratzen die Lunge, legen sich mit feinem Staub in Rachen und Schlund, lähmen mit einem grässlich süßen Geschmack die Zunge. »Unsere Politiker sehen der Wahrheit nicht ins Gesicht«, sagt der Mediziner Gheorge Gradinaru, »denn wir sind eine sterbende Stadt.«

Der 58-jährige Arzt erträgt den Job in seiner Praxis nur noch, weil auf seinem Pult neben der Blutdruckmanschette die Bibel liegt. Die hält ihn aufrecht, denn »ich habe von diesem Stuhl aus zu viel Elend gesehen«.

Fehlende Rippen. Unheilbare Allergien. Neugeborene mit vier oder sechs Fingern an einer Hand. Totgeburten. Kleinwüchsige Kinder mit Blei in den Knochen. 30-jährige Bergarbeiter mit Staublunge. Debile Schüler mit hervortretenden Augen. Gradinaru wirft seine Hände hoch, als wolle er sich ergeben: »Wir leben in einem Dreieck des Todes und werden langsam vergiftet!«

Der Mediziner malt einen imaginären Stadtplan in die Luft. Links pustet die Bleifabrik Romplumb ihren Staub ungefiltert in die Atmosphäre, rechts bläst das Edelmetallverarbeitungswerk Phönix, ein mehrheitlich britisches Unternehmen, Arsen und Schwefeldioxid aus dem Schornstein.

Und Aurul wäscht Gold und Silber mit dem hochgefährlichen Zyanid. Wenn ihre Auffangbecken für die Waschlauge im Winter nicht gerade überlaufen, bei Dauerregen und Schneegestöber auf die Dämme drücken, verdunstet das Gift im Sommer als Blausäure in den Himmel und schnürt den Bauern in der Gegend die Kehlen zu. In Baia Mare, diagnostiziert der Arzt, »sind eigentlich alle Menschen krank«.

Phil Evers und seine Manager versprachen den Bürgern der Stadt noch im letzten März, die durch Aurul verursachten Umweltprobleme »auf null« zu reduzieren. Doch so viel Zyanid, wie die neue Firma beim Goldwaschen inzwischen einsetzt, hatten selbst die gewissenlosen Ingenieure des nationalkommunistischen Despoten Ceausescu nicht verwendet.

Die Katastrophe übertrifft denn auch andere Schreckensmeldungen der letzten Jahre. Als Ende 1986, nach einem Brand beim Chemie- und Pharma-Multi Sandoz in Basel, 10 000 Kubikmeter hochgiftiges Löschwasser in den Rhein schwemmten, starben Fische und Mikroorganismen auf einer Länge von rund 250 Kilometern. Doch Mitte der neunziger Jahre hatte sich der Strom bereits wieder stattlich regeneriert.

Fünf Jahre zuvor waren nach dem Bruch eines Rückhaltebeckens für Minenabfälle im ukrainischen Stebnik hochkonzentrierte Salzlösungen ins Wasser des Dnjestr gespült und 200 Kilometer Flusslauf verseucht worden. In einem flussabwärts gelegenen Auffangbecken konnte die Giftlauge nach Angaben von Experten jedoch aufgefangen und sukzessive verdünnt werden.

Und rund 40 Tonnen Fisch sowie 4000 Hektar Land wurden verseucht, als vor knapp zwei Jahren - letztes großes Öko-Drama - das Entsorgungsbecken einer Zink- und Bleimine bei Sevilla in Südspanien barst. Fünf Millionen Liter hochgiftigen Schlamms, belastet mit Arsen und Schwermetallen, ergossen sich in den Guadiamar und vergifteten den besonders schützenswerten Nationalpark Doñana. Bis heute werden deutlich erhöhte Schadstoffbelastungen in Leber und Fleisch toter Vögel ermittelt, selbst wenn sie aus nicht betroffenen Teilen des Naturareals kommen.

Jetzt hoffen viele Menschen im rumänischen Baia Mare geradezu, politischer Druck der EU könnte ihnen endlich die lang ersehnte Hilfe bringen und Menschenleben retten. Bislang vermochte Doktor Gradinaru seinen unzähligen Umweltopfern nicht viel mehr zu verordnen, als sich einigermaßen bewusst zu ernähren: »Keinen Alkohol trinken, nicht rauchen, vitaminreich essen« - zum Beispiel frischen Fisch. Auch damit ist es jetzt erst einmal vorbei. MANFRED ERTEL,

CLAUS CHRISTIAN MALZAHN

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