Häftling Nummer 45472 - DER SPIEGEL
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FILM Häftling Nummer 45472

Norman Jewisons Kinofilm »Hurricane« beruht auf einem spektakulären Kriminalfall: Eine rassistische US-Justiz schickte den Boxer Rubin Carter für 19 Jahre hinter Gitter.
• aus DER SPIEGEL 9/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In den frühen Morgenstunden des 17. Juni 1966 stürmen zwei schwarze Männer in die schäbige »Lafayette Bar« in Paterson, New Jersey. Sie feuern mit Pistolen auf die letzten Nachtschwärmer in dem von Weißen besuchten Lokal. Im Kugelhagel sterben der Barkeeper und ein Gast sofort; eine Frau erliegt später ihren Schusswunden, und ein weiterer Gast wird schwer verletzt. Weil kurz zuvor in Paterson ein schwarzer Barmann erschossen worden war, wird Rache als Tatmotiv angenommen.

Nach dem Blutbad fahnden Streifenwagen nach zwei Schwarzen in einem weißen Straßenkreuzer. Polizisten nehmen den Boxer Rubin Carter fest, der zusammen mit einem Freund in seinem Dodge Polara durch die Stadt kurvt. Doch die Beamten müssen die Verdächtigen wieder laufen lassen. Der schwer verletzte Gast hat bei einer Gegenüberstellung im Krankenhaus signalisiert, dass Carter und sein Kumpel nicht die Täter waren.

Die Polizisten sind enttäuscht. Denn sie hassen den Ex-Sträfling Carter, seit der sich als erfolgreicher Fighter modische Anzüge und schnelle Wagen leisten kann und so ähnlich redet wie der Schwarzen-Aufwiegler Malcolm X.

Carter, den die Fans wegen der überfallartigen Wucht seiner Attacken »Hurricane« nennen, führe neben seinen Ringschlachten auch einen »Privatkrieg gegen die Gesellschaft«, hatte das Wochenblatt »Saturday Evening Post« berichtet. So habe er zum Eingreifen aufgerufen, als die Polizei in Harlem einen Aufstand niederschlug: »Wir sollten uns Waffen besorgen, dorthin aufbrechen und ein paar von den Polizisten umlegen«, zitierte die Zeitung den Boxer, »ich weiß, dass ich vier bis fünf von denen fertig machen kann, ehe sie mich erwischen.«

Solche Worte werten die Cops im von Rassenunruhen erschütterten Amerika der sechziger Jahre als Kriegserklärung. Wohin immer Carter in den Vereinigten Staaten reist - überall lauern Polizeibeamte. Sie wollen seine Papiere sehen, führen ihn unter fadenscheinigen Gründen zur Wache.

Zur Strecke bringen ihn New Jerseys Behörden vier Monate nach dem Bar- Überfall: Sie verhaften Carter erneut und klagen ihn des dreifachen Mordes an. Denn nun bezeugen zwei stadtbekannte Kriminelle, sie hätten den Fighter und seinen Freund am Tatort gesehen. Ein nur aus Weißen bestehendes Gericht in Paterson verurteilt Carter 1967 zu lebenslanger Haft.

Seitdem hat sein Fall nicht nur Richter und Journalisten beschäftigt. Bob Dylan sang in den Siebzigern die Moritat vom zu Unrecht verurteilten Hurricane Carter. Jetzt erzählt der Regisseur Norman Jewison, 73, Carters Leidensgeschichte auf der Leinwand - in der Titelrolle Denzel Washington, der dafür bei der Berlinale einen Silbernen Bären gewann und für den Oscar nominiert ist (siehe Interview).

»Hurricane« aber bleibt unnötig schwer verständlich, weil er in hektischen Zeitsprüngen zwischen Boxring, Gefängnis und Gerichtssaal hin und her zappt. Und aus dem widersprüchlichen Rubin Carter zaubert Hollywood einen strahlenden Helden. »Ich wusste gar nicht, dass ich mal so toll ausgesehen habe«, flachste Carter bei einer Vorführung des Films für Präsident Clinton im Weißen Haus.

Der inzwischen 62-Jährige stammt aus der schwarzen Unterschicht. Patersons Polizei kannte Rubin Carter seit seiner Kindheit. Seine Eltern hatten ihren stotternden, zu Gewaltausbrüchen neigenden Sohn schon mit neun Jahren den Behörden übergeben, weil sie ihn nicht bändigen konnten.

Als Jugendlicher wird Carter wegen Diebstahls und Körperverletzung verurteilt. Er flieht aus der Haft. Die Armee nimmt ihn als Freiwilligen. Der Soldat beginnt zu boxen und gewinnt den Weltergewichtstitel der in Europa stationierten US-Streitkräfte. Bei seiner Rückkehr nach Paterson nehmen rachsüchtige Cops Carter fest. Er muss seine Reststrafe abbüßen, nutzt die Haftzeit zu fanatischem Fitness-Training und wird nach seiner Entlassung Profi.

In seinem 22. Fight schlägt Carter 1963 den Weltergewichts-Weltmeister Emile Griffith in einem Nicht-Titelkampf in der ersten Runde k. o. Ein Jahr später verliert er den Kampf um die Mittelgewichtskrone gegen den Champion Joey Giardello über 15 Runden nach Punkten. Der Giardello-Fight bleibt Carters einziger Titelkampf. Als er 1966 im Kerker verschwindet, hat er nur vier seiner letzten zehn Kämpfe gewonnen. Entgegen der im Film aufgewärmten Legende war Carters große Zeit als Boxer vorbei.

Doch nun zeigt er andere Fähigkeiten: Carter studiert juristische Fachbücher, um seinen Fall aufzurollen; er liest Romane und philosophische Schriften. Die Verlegerin Linda Yablonsky entdeckt in Carters Briefen sein Schreibtalent und publiziert seine Autobiografie: »Die 16. Runde - vom Herausforderer Nummer eins zur Nummer 45472«.

Carter schickt ein Exemplar seines Buches an den »white brother« Bob Dylan. Der Musiker ist beeindruckt. Er besucht den Häftling im Knast, schreibt mit dem Song »Hurricane« einen seiner größten Hits. Beim vierstündigen Benefizkonzert »Night of the Hurricane« in New York treten 1975 zahlreiche engagierte Musikstars auf. Muhammad Ali widmet dem eingekerkerten Carter einen Titelkampf.

Bewegung in seinen Fall bringt freilich erst die hartnäckige Arbeit des »New York Times«-Reporters Selwyn Raab. Der hat die beiden Belastungszeugen gegen Carter aufgespürt und bearbeitet. »Ich habe gelogen, um meine Haut zu retten«, gesteht Arthur Bradley. Ihm und seinem Komplizen hätten langjährige Gefängnisstrafen gedroht, wenn sie nicht im Sinne der Polizei ausgesagt hätten: 1976 wird der dreifache Mord wieder aufgerollt; doch das Revisionsverfahren scheitert, weil beide Zeugen ihren Widerruf zurücknehmen.

Carter fällt in tiefe Depression; er bricht alle Beziehungen zur Außenwelt ab. 1980 hat sich die Protestbewegung für Hurricane aufgelöst. Da bekommt ein 16-jähriger Ghetto-Junge namens Lesra aus Brooklyn Carters Autobiografie in die Hand. Er mobilisiert eine Gruppe kanadischer Bürgerrechtler. Sie ermutigen Carters Verteidiger, mit neuen Indizien noch einmal vor Gericht zu gehen. In diesem Wiederaufnahmeverfahren urteilt Ende 1985 nicht mehr die voreingenommene Justiz des Staates New Jersey, sondern ein Bundesrichter. Nach 19 Jahren Haft ist Hurricane Carter frei.

Dieser Teil der Story steht im Mittelpunkt des Films, in dem Schlüsselfiguren wie die Verlegerin Yablonsky und der Reporter Raab nicht vorkommen. Aber so kintopphaft das Happy End mit dem schwarzen Teenager Lesra und seinen weißen Freunden wirken mag: Die Zufallshelfer aus Kanada waren Carters Rettung.

Nachzutragen wäre das: Rubin Carter lebt heute in Kanada. Er hatte Lisa Peters, eine Frau aus der Bürgerrechtsgruppe, geheiratet, sich später aber von ihr getrennt. Heute arbeitet er in einer Initiative für unschuldige Gefangene. Hurricane liebt immer noch auffallende Kleidung und fährt einen Mercedes. Zur Entspannung arbeitet der Beinahe-Weltmeister im Garten. HANS HIELSCHER

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