Stochern im Kunstnebel - DER SPIEGEL
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KRIMINALITÄT Stochern im Kunstnebel

Tatort Disco: Deutschlands Tanzbetriebe werden immer mehr zum Schauplatz blutiger Bandenkriege um Drogen, Schutzgeld und Prostituierte.
• aus DER SPIEGEL 10/2000
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Wie ein dunkler Schatten erstreckt sich der Blutfleck im Eingang zum sternförmigen Neubau des Hamburger Polizeipräsidiums. Vergangenen Dienstag waren sich dort zur Mittagszeit, mehr oder weniger zufällig, Kontrahenten einer Schießerei vor der Disco »Check Inn« begegnet, bei der zwei Tage zuvor zwei Menschen getötet und drei verletzt worden waren.

Highnoon in Hamburg: Als sich die Augen der Männer trafen, zog der Sohn des Disco-Schützen, ein Kraftpaket mit Kahlkopf und Stiernacken, eine belgische FN-Pistole, Kaliber 7,65 Millimeter. Vor den Augen entsetzter Polizisten schoss der Türke Mehmet C., 29, auf seinen Landsmann Cetin K., 27. Die Kugel durchschlug den Unterschenkel des Opfers.

Noch am selben Tag begannen Handwerker mit der Installation einer Sicherheitsschleuse im Foyer der Polizeizentrale. »Bild« klagte entsetzt: »Hamburg macht im Jahr 2000 den Eindruck, als wäre man im Chicago der dreißiger Jahre.«

Jedenfalls sind die Toten vor der Disco und die Schüsse auf bewachtem Behördengelände jüngster Ausdruck eines kri-

minellen Trends: Discotheken, in denen sich stets schon Milieu und Szene mischten, werden zunehmend zum Austragungsort blutiger Bandenkämpfe um Huren, Drogen und Schutzgeld.

Zwar stochern die Ermittler auf der Suche nach dem Motiv für die Todesschüsse vor dem »Check Inn« noch im Disco-Kunstnebel. Mehmet C. und sein Vater gelten als Macher des Tanzbetriebes; welche Rolle die Toten, Verletzten und deren Angehörige spielten, blieb zunächst unklar. Doch etliche der Beteiligten waren der Polizei als Einbrecher, Betrüger oder Gewalttäter bestens bekannt. Und in der Disco, wissen die Ermittler, habe es seit längerem Streit um Anteile sowie Ärger mit Erpressern gegeben - kein Einzelfall.

Vergangenen Monat erst hat der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) ein »Merkblatt zur Schutzgelderpressung« herausgegeben. »Wegen der hohen Bargeldumsätze am Wochenende sind Discotheken besonders gefährdet«, sagt Stephan Büttner, Geschäftsführer der Dehoga-Fachabteilung Discotheken und Tanzbetriebe.

In manchen Fällen müsse der Gastronom »minderwertige Ware zu überhöhten Preisen« bei einem bestimmten Lieferanten einkaufen, gelegentlich seien unseriöse Türsteher in Delikte verwickelt.

In der Branche, wissen Ermittler, gelte die Regel: »Wer die Tür hat, hat den Laden.« Die Bande, die hinter dem Rausschmeißer steht, kontrolliert nicht selten den Drogenhandel auf dem Dancefloor oder rekrutiert in der Disco den Nachwuchs fürs Bordell. Es sei schon erstaunlich, urteilt Büttner, wie »professionell die vorgehen«.

»Wer einmal zahlt, zahlt immer wieder und immer mehr«, warnt der Dehoga-Ratgeber. Opfer von Erpressern sollten tunlichst »anonym über einen Rechtsanwalt« Anzeige erstatten. Anderenfalls könnten die Schutzgeldbanden über ihre Advokaten an die Namen des Anzeigeerstatters kommen - mit womöglich fatalen Folgen. »Diese Szene«, sagt Büttner, »schreckt vor Gewalt bis zum Mord nicht zurück.«

Doch nicht nur Mafiosi machen der Branche Sorgen. Auch »die Gäste rüsten auf«, weiß der Dehoga-Experte: »Das Gewaltpotenzial hat zugenommen.« So kommt es immer wieder zu brutalen Schlägereien, weil ein Disco-Betreiber von seinem Hausrecht Gebrauch macht und unerwünschten Gästen Lokalverbot erteilt. Hamburgs Kripo hatte bereits 1996, als es in der Hansestadt immer wieder zu Messerstechereien und Schießereien am Eingang von Discotheken kam, eine Spezialeinheit zur Beobachtung der Türsteherszene angesetzt.

Zu den Leidtragenden der Entwicklung zählen Gastronomiebetreiber wie Frank Stricker, 41, der Ende vergangenen Jahres in Berlin den »Shark Club« eröffnete und in Hamburg zeitweise zwei Edel-Discos betrieben hat. »Wir geben«, sagt Stricker, »eine halbe Million Mark im Jahr für Sicherheit aus« - etwa für Metalldetektoren und Videokameras im Eingang und an der Tanzfläche sowie für teure, professionelle Türsteher. Lohn der Angst: bis zu 350 Mark pro Mann und Abend.

Aggressionsfördernd, urteilt der hannoversche Kriminologe Professor Christian Pfeiffer, sei nicht zuletzt die Disco-Musik - »Rhythmen, die früher benutzt wurden, um Männer kampfesmutig zu machen«. Wer in aufgeheizter Atmosphäre vor den Augen anderer Gäste ein Messer ziehe, um denen zu imponieren, habe »nicht selten das Gefühl, auch zustechen zu müssen«.

»Am gefährlichsten«, sagt Disco-Betreiber Stricker, »ist die Zeit zwischen 4 und 5 Uhr morgens, wenn die Mischung aus Drogen, Alkohol und Musik durchknallt.« Oder wenn der Gastronom Halb- und Unterweltlern den Eintritt verweigert. Stricker: »Dann ziehen die schon mal einen Ballermann und sagen dem Türsteher: ,Du bist tot!''« ANDREAS ULRICH

* Links: vor der Discothek »Check Inn« am 27. Februar; rechts:bei der Festnahme am 29. Februar in Hamburg.

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