* 1. Medizin von morgen * 1.2. Rettung durch Robodocs - Fortschritte der Medizintechnik ROBOTER IM OP
Genauigkeit, eiserne Ruhe, eine Stahlhand, die nicht zittert, und verlässliche Topform zu jeder Zeit des Tages: Das sind nach Meinung vieler Mediziner die wichtigsten Eigenschaften, die sie an ihren chipgesteuerten metallenen Gehilfen schätzen. Auch die Patienten finden an dem Vormarsch der Roboter in deutsche OP-Säle zunehmend Gefallen. Schon jetzt sind die Wartelisten an den Kliniken, die bereits seit ein paar Jahren auf Automatenhilfe setzen, länger als anderswo.
Auch wenn noch mehr der metallenen Ungetüme in die Krankenhäuser Einzug halten, soll es dennoch nicht kälter werden für die Kranken. »Im Gegenteil, für eine liebevollere Medizin, bei der der Patient im Mittelpunkt steht, sind die neuen Techniken sogar nötig«, betont Dietrich Grönemeyer. Der Professor für Mikrotherapie an der für eine menschliche Medizin werbenden Universität Witten/Herdecke setzt auf mikroinvasive Verfahren, die sich ohne Hightech kaum denken lassen. »Wenn Roboter sich durch winzige Öffnungen ihren Weg in den Körper bahnen, werden die Patienten erheblich weniger gepiesackt als bei einer klassischen Operation.«
So zum Beispiel im Herzzentrum der Universität Leipzig: Dort verlegt der Chirurg Anno Diegeler Bypässe, ohne seinen Patienten - wie bei der Operation am offenen Herzen - den Brustkorb aufzusägen und die Rippen auseinander zu spreizen.
Der Herzchirurg operiert mit Händen und Füßen. Ohne Schuhe sitzt er im Cockpit seines stählernen Assistenten und steuert den einige Meter entfernt im Nebenraum stehenden Riesenapparat der kalifornischen Firma Intuitive Surgical. Bestückt mit einer Stereokamera, einem elektrischen Skalpell und einer Pinzette, gelangen die zierlichen Metallhände des Roboters durch drei nicht einmal markstückgroße Löcher in der Brust des Herzpatienten an ihr Ziel.
Ein dreidimensionales Bild aus dem Inneren des Brustraums erscheint dabei in bester digitaler Qualität vor den Augen des Operateurs; zitterfrei kann er die Instrumente in der Roboterhand an die feinen Strukturen der Herzgegend heranführen.
Seit der Weltpremiere im Mai 1998 melden sich täglich mehrere Menschen in Leipzig, die nur noch den Roboter an ihr krankes Herz lassen wollen. Etwa 130 Patienten haben Diegeler und sein Kollege Volkmar Falk inzwischen mit Hilfe des mehr als eine Million Mark teuren Geräts operiert.
Ein Routineverfahren ist es gleichwohl immer noch nicht. In den meisten Fällen muss der Chirurg nach einem Teil der Arbeit sein Cockpit verlassen, in Schuhe und Handschuhe schlüpfen und die Operation von Hand zu Ende bringen. Schwierigkeiten macht der neuen Technik vor allem die ungenormte menschliche Anatomie, die individuelle Art also, mit der sich jede Herzarterie um den Pumpmuskel schlängelt. Überdies bewegen sich die Weichteile des Menschen häufig während der Operation. »Weil diese Veränderungen schlecht vorherzusehen sind, lassen sich solche Eingriffe nur schwer automatisieren«, erläutert Diegeler. Das wird sich vermutlich in einigen Jahren ändern, wenn Verfahren wie Computertomografie (CT) oder Kernspintomografie (MRT) während der Operation hochauflösende Bilder aus dem Innern des Patienten liefern. Dann können sich auch selbständig arbeitende Roboter über die Veränderungen im Körper auf dem Laufenden halten.
Zur Zeit sind die stählernen Gesellen vor allem an Knochen erfolgreich. Fest eingespannt auf einem wackelfreien Tisch, haben schon mehr als 2700 Patienten ihre Schenkel dem Robodoc genannten Urvater aller medizinischen Roboter ausgeliefert. Seit sechs Jahren lässt Martin Börner von der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik in Frankfurt am Main die millionenschwere Maschine auf Patienten los, die eine Hüftprothese brauchen.
Mit Daten aus CT und MRT gefüttert, fräst Robodoc ein Loch in den Oberschenkelknochen, in den das Kunstgelenk eingebettet werden soll. Wird das Loch mit der Hand gemeißelt, müssen entstehende Lücken zwischen Hüftknochen und künstlichem Gelenk mit Zement gefüllt werden; jede zehnte Prothese sackt mit der Zeit ins
Knocheninnere ab. Mit Robodocs, die inzwischen 60 deutsche Kliniken einsetzen, gelingt die Bohrung, wenn nichts wackelt, auf fünf hundertstel Millimeter genau.
Das Vertrauen der Patienten in die Robot-Fräse ist groß. In Frankfurt muss man auf eine Robodoc-Operation mehr als ein Jahr warten. Dass die Stahlriesen ihre Patienten wie rohe Eier behandeln, hat »Caspar«, eine deutsche Ausgabe des Robodoc, kürzlich demonstriert: Er fräste ein Stück Schale aus einem Hühnerei, ohne die darunter liegende zarte Haut zu beschädigen.
Vom Arzt losgelöste Automaten werden indes in der Klinik eher die Ausnahme bleiben. »Ich glaube, dass die Zukunft den interaktiven Robotern gehört, bei denen der Chirurg weiterhin die Instrumente führt«, sagt Tim Lüth vom Berliner Virchow-Klinikum, der Welt erster Professor für medizinische Robotik. Dabei werde der Operateur auch künftig in der Nähe des Patienten sitzen und nicht am anderen Ende der Welt - wie es durch die moderne Telemedizin möglich wurde.
Mit den Mitteln der Telemedizin, bei der medizinische Daten aller Art, aber auch chirurgische Eingriffe per Satellit oder Kabel übertragen werden, arbeiten heute vor allem Pathologen. Sie sind als Gewebe-Inspekteure häufig bei Operationen gefragt, etwa um zu entscheiden, ob und wie weit eine Geschwulst herausgeschnitten werden soll. Aber es gibt Pathologen nur an größeren Kliniken, und häufig werden die Entfernungen zu ihnen gleichsam noch mit der Postkutsche überwunden.
Ein Vorzeigeprojekt für die neue Technik wird das International Neuroscience Institute (INI) in Hannover sein, das im Juli eingeweiht wird und dessen Äußeres einem Gehirn nachempfunden ist. Noch im Operationssaal werden die kritischen Gewebeschnitte unter ein Objektiv gelegt, der Pathologe sieht sie, gleichgültig, wo er sich aufhält, digital am Bildschirm. Das INI soll überdies mit neurochirurgischen und radiologischen Zentren in aller Welt verknüpft sein, vornehmlich, damit sich die Ärzte in kniffligen Fällen bei fernen Experten Rat holen können.
Auf dem Weg in diese Zukunft sind noch Widerstände zu überwinden: Viele Mediziner fragen nicht gern um Rat und mögen sich nicht von Robotern helfen lassen. »Vor allem die Älteren sehen die technische Entwicklung quasi als persönlichen Angriff«, beobachtete der Wiesbadener Neurochirurg Volker Urban. Er hofft auf die zukünftige Generation der »Nintendo-Chirurgen«, die den Joystick ihres Computerspiels während des Studiums wie selbstverständlich gegen den Steuerknüppel eines OP-Roboters eintauschen.
»Zur Zeit sind viele Kranke fortschrittlicher als die meisten Kollegen«, meint Urban. »Wenn sie aus ihren Autos mit ESP, GPS und Airbag aussteigen, wollen sie nicht mehr mit Messer und Gabel operiert werden.« CHRISTINA BERNDT
* Rechts: 3-D-Repräsentation des Schädels.