PUNKTGENAUE LANDUNG - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 84 / 129

* 1. Medizin von morgen * 1.2. Rettung durch Robodocs - Fortschritte der Medizintechnik PUNKTGENAUE LANDUNG

Bei der Behandlung von Unfallopfern vollbringt die hoch technisierte Heilkunst wahre Wunder. SPIEGEL-Reporter HANS HALTER beschreibt die modernste deutsche Unfallklinik in Berlin. Dort weht auch unter Ärzten und Pflegepersonal ein neuer Wind.
Von Hans Halter
• aus DER SPIEGEL 16/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn es irgendwo gekracht hat und ein Mensch schwer zu Schaden kam, hat der Helikopter einen vielleicht lebensentscheidenden Vorteil: Er fliegt Luftlinie, für ihn gibt's keinen Stau, kein Warten, nirgendwo - so weit die Theorie.

Im wirklichen Leben kommt es vor, dass der Rettungshubschrauber sein Ziel auf Umwegen anfliegt, dass er in Sichtweite eines Klinikums reglos in der Luft steht, Viertelstunde um Viertelstunde, dann abdreht und anderswo sein Glück versucht. Dann hat die Klinik mit dem prestigeträchtigen roten Kreuz auf dem Dach der Funkleitstelle signalisiert: Kein Intensivbett für die Notaufnahme frei, alle OPs belegt, keine OP-Teams mehr verfügbar.

Besonders am späten Vormittag, meist gegen 11 Uhr, melden sich viele Krankenhäuser von der Maximalversorgung ab: Hubschrauber-Landeplatz gesperrt.

Für die Rettungscrew ist das jedes Mal ein Desaster. Mit einer Nase, die weiß wird und immer spitzer, reagiert der Schwerverletzte, auch dann, wenn er ohne Bewusstsein ist. Alle spüren: Es ist noch ein Gevatter an Bord gekommen - der Tod fliegt mit.

Auf dem Dach des Unfallkrankenhauses Berlin (UKB) darf zu jeder Zeit des Tages jeder Rettungshubschrauber sofort landen. UKB meldet sich »nie bei der Leitstelle ab, nie«, sagt der Ärztliche Direktor, »das ist unsere Philosophie«. Axel Ekkernkamp, 43, macht eine kleine Pause: »Es ist doch ein Menschenrecht, sofort versorgt zu werden als Schwerverletzter. Da kann man doch nicht 'ne Stunde in der Luft darauf warten.«

Offiziell hat das Berliner Krankenhaus nur einen Landeplatz auf seinem Dach. Zwei Helikopter haben aber lässig Platz. Notfalls auch drei, denn ein Heli-Pilot kann auf engstem Raum landen, wenn es nötig ist und wenn man es ihm erlaubt.

Der Zeitgewinn einer punktgenauen Landung ist ein kostbares Gut, man darf es nicht vertändeln. Wenn mehrere Wirbelknochen zerbrochen sind (weil das Mädchen vom Pferd gefallen ist), wenn 70 Prozent der Haut verbrannt sind (weil erst das Grillgut, dann die Kleidung Feuer fing), wenn die Kreissäge den Arm des Arbeiters sauber vom Körper abgetrennt hat, dann geht es wirklich um jede Minute.

Vom windigen Dach des Berliner Unfallkrankenhauses fahren deshalb zwei Fahrstühle in das Herzstück des Gebäudes - in den Schockraum für Schwerverletzte und, separat davon, in den für die Verbrennungsopfer. Tag und Nacht ist der auf 40 Grad Celsius temperiert. Ein nackter Mensch, dem die Haut in Fetzen am Körper hängt, friert leicht.

Für die Verbrennungsopfer hält die neue Klinik am östlichen Rand der Großstadt Berlin einen eigenen Trakt bereit. Es ist eine keimfreie Welt. Wer sie betritt, muss sterile OP-Kleidung anziehen. Mit den Mikroben, zumal denen, die sich im Krankenhaus besonders wohl fühlen, soll der Verbrannte nicht in Kontakt kommen. Das würde seine Überlebenschancen deutlich mindern.

Deshalb hat jeder Verbrennungspatient hier seinen eigenen Raum, ausgestattet mit allen Pretiosen der Medizintechnik. Selbst die Betten sind elektronische Wunderwerke, dreidimensional verstellbar und so konstruiert, dass die verbrannte Haut möglichst keinem Druck ausgesetzt wird. Zwölf Ärzte und 32 Krankenschwestern kümmern sich um zwölf Patienten. Kosten pro Tag und Patient: rund 4000 Mark.

Das separate Reich der Schwerstverbrannten hat noch eine Besonderheit, die das Berliner Unfallkrankenhaus als zukunftweisende Hightech-Klinik ausweist: Die Station kann sich auf die benachbarten Räumlichkeiten ausdehnen, im Katastrophenfall auf zwei Intensivstationen, in denen sich bis zu 20 Verbrannte verarzten lassen, alles ohne Abstriche vom höchstmöglichen Standard.

Alle hier sind auf die äußerste Notlage vorbereitet. Jeder Mitarbeiter hat einen Pieper in der Tasche, der meist nur die üblichen Signale sendet, im großen Ernstfall aber einen Ton, der Beine macht. Im OP-Trakt und davor sammeln sich dann in Minutenschnelle 150 Ärzte und Schwestern, genug Personal für alle Eventualitäten und die sofort einsatzbereiten 13 Operationssäle. Hinter solcher jederzeit abrufbaren ärztlichen Höchstspannung steht eine zentrale Überlegung: Die modernen Zeiten und der Unfall marschieren Hand in Hand. Je mehr Kräfte - PS oder Kilowatt - der Mensch kommandiert, je höher er baut, je schneller er fährt, je riskanter er Sport treibt, taucht oder fliegt, desto näher rückt ihm der Unfall auf den Leib.

Früher war es vor allem die harte Arbeit in Kohlengruben oder Stahlkochereien, die Unfälle nach sich zog. Der ärztliche Direktor der Unfallklinik Berlin kommt noch aus dieser Tradition. Axel Ekkernkamp hat die Unfallchirurgie im berühmten Bochumer Krankenhaus »Bergmannsheil« gelernt, als 37-jähriger Direktor wurde er 1994 nach Berlin geholt.

Am Rande des Ost-Berliner Stadtteils Marzahn, einer Plattenbau-Retortenstadt, in der PDS-Star Gregor Gysi stets mit großen Mehrheiten gewählt wird (nein, er selber wohnt dort nicht), fanden sich der Bauplatz und ein 120 Jahre altes Krankenhaus aus Ziegelsteinen, das den Architekten als Anregung diente. 500 Millionen Mark für 468 neue Betten wurden ausgegeben. Das ist viel Geld pro Bett, anderswo braucht man dafür oft nur ein Drittel.

In drei Jahren Bauzeit wurde die Unfallklinik - derzeit die modernste Deutschlands - aus hellbraunen Ziegelsteinen hochgezogen, vier Stockwerke, ein heller Bau, ebenmäßig und schön. Moderne Krankenhäuser müssen nicht nur aus Beton und so monströs sein wie das Klinikum in Aachen.

Könnte es sein, dass die zivile Form, der Verzicht auf Bombastisches, das Tun und Lassen der insgesamt 180 Ärzte und ihrer 750 Helfer günstig beeinflusst?

Gewöhnlich herrscht in Unfallkliniken ein rauer Ton. Führen und folgen, befehlen und gehorchen gelten als der richtige Stil. Den meisten Ärzten erscheint die Hierarchie ebenso unentbehrlich wie die Verteidigung des eigenen Reviers - meine Betten, mein Oberarzt, unsere Röntgen-Visite.

Im Unfallkrankenhaus am östlichen Stadtrand von Berlin weht ein anderer Wind. Die Leitenden Ärzte sind allesamt jung, manche nicht einmal 40 Jahre alt. Sie sind fast alle zur gleichen Zeit berufen worden, und keiner hat »eigene« Betten oder »eigene« OPs. Es gibt eine »flache Hierarchie«, die traditionellen Oberschwestern mit ihrem Herrschaftswissen wurden wegrationalisiert.

Erfolgreich bestanden wurde auch der Kampf gegen die Papierflut, die in fast allen größeren Kliniken wütet: Die Zahl der Formulare, mit denen dort hantiert wird, geht immer in die tausende. In der Klinik in Marzahn stehen überall PC. Weil das Personal im Durchschnitt nur 33 Jahre alt ist, handhabt das Team die elektronischen Helfer ohne Friktionen. Zusätzlich zum Internet wird derzeit ein hauseigenes Intranet installiert. Verstaubte Ablagen soll es hier bald nicht mehr geben.

Die Röntgenbilder sind schon abgeschafft, vollständig. »Nasschemie« nennt der Ärztliche Direktor leicht angewidert die herkömmliche Art, ein schwarzgraues Schattenbild zu fabrizieren und es dann mit dem Verletzten auf Reisen zu schicken, bis es sich irgendwo unauffindbar zwischen anderen Röntgenbildern zur Ruhe legt.

In Marzahn sind alle bildgebenden Verfahren digitalisiert. Wer die richtigen Tasten drückt, der holt Ultraschallaufnahmen oder Computertomogramme sekundenschnell in den Raum, wo sie gerade gebraucht werden, neuerdings auch auf einen tragbaren Flachbildschirm direkt ans Krankenbett. Die digitale Röntgendiagnostik macht es möglich, die Bilder zu vergrößern und zu verkleinern, ihre zeitliche Abfolge auf einen Blick zu erfassen, sie elektronisch hin- und herzuwenden. Der Kranke wird durchsichtig. Das ist der Fortschritt.

Das »Spiral-CT« - technischer Höhepunkt in Marzahn - steht im Unfalltrakt parterre gleich neben dem Fahrstuhl, der die Schwerstverletzten vom Dach holt. Das Gerät zerlegt schmerzlos und schnell jeden Notfallpatienten innerhalb von einer Minute gleichsam in Scheiben: Auf dem Monitor wird der Mensch von Kopf bis Fuß durchsichtig. Zu erkennen ist jeder Knochen, jedes Blutgefäß, die Bandscheiben so klar wie der Kehlkopf, das Gehirn, die Kniegelenke.

Nach einem Verkehrs- oder Arbeitsunfall, dem Sturz vom Dach oder Baugerüst, auch nach einer Schlägerei oder einem Schusswechsel ist meist nicht nur ein Organ in Mitleidenschaft gezogen. Die ärztliche Kunst besteht darin, alle verletzten Körperteile rechtzeitig und vollständig zu orten, das Ausmaß und die Gefahr der Verletzungen richtig einzuschätzen und dann die Rangfolge der Reparaturen festzulegen.

Die Basis des ärztlichen Erfolgs ist die möglichst zuverlässige Diagnostik. In der Unfallchirurgie ist das leichter zu bewerkstelligen als bei Stoffwechsel-, Alters- oder Krebsleiden. In diesen Fächern verschwimmen die Diagnosen leicht, sie überlagern sich, und sie sind nicht so häufig Urteile über Leben und Tod. 80 Prozent der Patienten in Marzahn sind jünger als 65 Jahre - in vielen Berliner Krankenhäusern ist es genau umgekehrt.

Und wie wird das in Zukunft sein? Die Wende zur vollständigen Wiederherstellung der Gesundheit - und damit der Arbeitsfähigkeit - gelingt naturgemäß besser in jungen Jahren. Einem 70-jährigen Hobbybastler, der sich die Finger abgesägt hat, kann die tüchtigste Abteilung für Hand-, Replantations- und Mikrochirurgie die Hand meist nicht mehr rekonstruieren; bei einem 17-Jährigen ist das inzwischen Routine.

Die Natur und das Alter setzen der ärztlichen Kunst Grenzen. Aber die werden immer weiter hinausgeschoben. Qualitätssprünge sind vor allem dort zu beobachten, wo modernste Technik, engagiertes Personal und möglichst vitale Patienten aufeinander treffen.

60 Betten hat in Marzahn die Abteilung für Rückenmarkverletzte. Die meisten sitzen, wenn sie nach durchschnittlich 73 Tagen die Klinik verlassen, für immer querschnittgelähmt im Rollstuhl. Noch gibt es keine seriöse Methode, ein durch Unfall zerstörtes Rückenmark wieder zusammenzufügen. Doch das muss nicht so bleiben.

Dass Nervenbahnen funktionsgerecht wieder zusammenwachsen, gilt als das große Ziel der Neurochirurgen. Lokal wirksame Wachstumsfaktoren sollen die biologische Reparatur stimulieren. Auf längere Sicht traut man in der Unfallheilkunde auch den Mikrochips Großes zu, schließlich ist die Weiterleitung nervaler Impulse ein elektrochemischer Vorgang.

Chips werden, hoffen die Experimentatoren, auch die lädierten Sinnesorgane wieder funktionstüchtig machen. Bei Auge und Ohr sind die Entwicklungen weit fortgeschritten. Es wird versucht, die zerstörte Netzhaut durch mikroelektronische Bausteine zu ersetzen. Das gleiche Prinzip hilft Patienten mit einem zerstörten Innenohr. Ihre Taubheit ist kein unabänderliches Schicksal mehr.

Weil aber ein Produkt aus der Natur noch immer das Beste ist, gelten die Langzeithoffnungen der Mediziner den »nachwachsenden Organen«. Wenn es gelänge, aus dem Amputationsstumpf ein gesundes Bein wachsen zu lassen, wenn der Verlust von Nervenzellen nicht unabänderlich, sondern vorübergehend wäre, wenn gar zerstörte Sinnesorgane aus den körpereigenen Erbinformationen als Doubletten hergestellt - »geklont« - werden könnten, würde die ärztliche Kunst die Folgen von Krankheit und Unfall nicht mehr nur lindern, sondern aufheben können.

Zur Ausgabe
Artikel 84 / 129

Mehr lesen über