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BRASILIEN In Schönheit versöhnt

Brasilien feiert die »Geburt der Nation« dank der portugiesischen Entdecker vor 500 Jahren. An historischer Stätte, in Bahia, bereiten sich Indios und Weiße auf einen pompösen Staatsakt vor. Von Matthias Matussek
Von Matthias Matussek
• aus DER SPIEGEL 16/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Geschichte Brasiliens ist eine der Ausbeutung und der Unterdrückung und damit ein unbedingter Anlass zur Freude: Überschäumend, in einem absurden Meer von Flitter und Straußenfedern, feierten die Cariocas ihren Jubiläumskarneval in Rios Sambódromo und führten auf ihren Prunkwagen vor, was ihnen zum Thema »500 Jahre Brasilien« eingefallen war.

Das zum Beispiel: Auf dem Wagen der Samba-Schule »Beija-Flor« kämpfte eine Mulattin gegen vier weiße Vergewaltiger - und gab Fernsehinterviews. Wie sie sich fühle? »Prächtig«, lächelte sie. Aber der Kolonialismus, die Leiden der Sklaven, die dunklen Kapitel der Geschichte? »Dieses Jahr gewinnen wir«, sagte die schöne Schwarze. »Wir haben die beste Samba-Hymne.«

In New York wären die Feministinnen Sturm gelaufen, in Berlin-Neukölln wären wahrscheinlich Bierflaschen geflogen. In der heißen Hexenküche des Sambódromo aber, in den Trommelwirbeln der Baterias, den Farb-Delirien der Kostüme, schmolz eine verzückte brasilianische Samba-Internationale der Rassen selbst die Schlacke ihrer Geschichte zu purem Rauschgold.

Kritische Rückschau forderten manche Leitartikler für jenen 22. April, an dem Brasilien die »Entdeckung« vor 500 Jahren feiert. Antikolonialistische Scherbengerichte? Eine ernste Debatte über die Identität der Nation?

Sie müssten es besser wissen. Wenn Brasilien seine Geschichte Revue passieren lässt, dann meint es - Revue. Hier tanzen Konquistadoren mit Indianern, schwarze Sklaven mit weißen Herren. Favelas und Herrenhäuser als Spektakel.

Im Sambódromo übernahm das Volk die Deutungshoheit: Selbst die undemokratischen Entgleisungen der jüngeren Geschichte - die Diktatur Vargas'', Militärjunta und linker Bombenterror - wurden von tanzenden Körpern in die Straße gemalt wie surreale Strophen in einem gewaltigen Gedicht, das alle in Schönheit versöhnen möchte.

Und die koloniale Ursünde, die Invasion der weißen Herren? Hingerissen sangen der junge Roberto und seine Freunde auf den billigen Plätzen des Stadions in jener Nacht die Hymne ihrer Samba-Schule »Imperatriz": »Es war Cabral, der Brasilien entdeckte - zwei Monate nach carnaval.«

Das ist für sie die historische Pointe des »Descobrimento": Die wahren Opfer sind die Kolonisatoren aus Europa, die den Spaß mal wieder verpasst haben - denn vor aller Unrechts-Geschichte schuf Gott den Samba. Unnötig zu sagen, dass »Imperatriz Leopoldinense« zum Champion 2000 gewählt wurde.

Glückliche Nation, die den patriotischen Kitsch so wenig hinkriegt wie die politisch-korrekte Hysterie. Nicht die nordamerikanischen Bigotterien zu nationalen Gedenktagen, nicht den albernen Trikolore-Bombast der Franzosen und nicht die düstere Biederkeit, mit der Deutsche sich erinnern, wenn sie sich erinnern. Brasilien tanzt. Es tanzt sich auch seine Traumata von der kollektiven Seele. »Ich habe alle Nationen der Welt gesehen«, schreibt Schriftsteller Benedito Ruy Barbosa, »und ich habe gelernt, dass ich mich für meine nicht schämen muss.« So lässig klingt Vaterlandsliebe, die nicht nationalistisch ist.

Entdeckung, Begegnung, Invasion? Wie lässt sich jener 22. April 1500 benennen, als die Karavellen unter dem Kommando von Pedro Alvares Cabral vor der Küste des heutigen Bundesstaats Bahia ihre Beiboote für den Landgang klarmachten? Wie lässt sich dessen Bedeutung einer Nation vermitteln, die wohl die talentierteste ist, wenn es darum geht, den Moment zu leben, aber zur Rückschau reichlich unbegabt? Ob Brasilien ein »Land der Zukunft« ist, wie es Stefan Zweig nannte, mag ja offen sein - eines der Vergangenheit ist es gewiss nicht.

Die großen blauen Uhren, die von den Regenwäldern im Norden bis zu den Gaucho-Weiden im Süden in jedem größeren Nest seit Monaten den Countdown zum »Geburtstag der Nation« herunterzählen, haben bestimmt nicht jenes Erwartungsfieber, jenen Einheitstaumel erzeugt, von dem die Organisatoren geträumt haben mögen.

Wie auch? Das offizielle Programm fürs Jubiläumsjahr ist ein Katalog der Beliebigkeiten: Es führt eine Ausstellung zur Mode der Kolonialzeit in São Paulo ebenso auf wie das Golfturnier in Rio de Janeiro, den brasilianischen Beitrag zur Asiatisch-Pazifischen Ledermesse in Hongkong und den zur Expo in Hannover.

Lustlos. Als wüssten die Macher von vornherein, dass sich aus der historischen Jubelnummer wenig innenpolitisches Kapital schlagen lässt. Feiern kann das Volk allein. Regierungsamtliche Inszenierungen wünscht es sich woanders: im Kampf gegen

die tägliche Anarchie, gegen Korruption und Rechtsunsicherheit, für eine Anhebung der Mindestlöhne.

Ausgerechnet in Porto Seguro an der Palmenküste Bahias, dort also, wo die ersten Portugiesen brasilianischen Boden betraten, bleibt die große blaue Uhr immer wieder stehen. Der tropische Urlaubsort hat seinen eigenen Rhythmus. Hier, wo der große Staatsakt begangen werden soll, haben die Souvenirläden aufgerüstet mit dem T-Shirt-Aufdruck »Kein Stress«.

So ganz lässt der Stress sich allerdings nicht vermeiden, und wie schon vor 500 Jahren geht es um Land. Die Urszene also, diesmal als seitenverkehrte Farce: Während im Hafen die Bootsattrappen für das Historienspektakel gezimmert werden, sind die Indianer ein paar Kilometer weiter nördlich auf Kriegspfad.

An diesem verregneten Vormittag haben rund hundert Pataxó-Indios ihre Kriegsbemalung angelegt und sich ein paar Hektar Boden zurückgeholt, der ihren Ahnen einst geraubt wurde. Nun, nicht direkt den Ahnen. Eigentlich sind die Pataxó erst 1972 mit dem Bau der Straße in diese Gegend gekommen. Aber sie repräsentieren, sozusagen, den ideellen Gesamtindianer. Und der hat Ansprüche.

Der Gegner: ein Möbelfabrikant an der Schnellstraße nach Santa Cruz de Cabrália. Er hatte sich geweigert, sein Land aufzugeben, weil ihm die von den Behörden angebotene Entschädigungssumme zu niedrig war. Gerade mit den Indios sollte jeder Ärger im Vorfeld der Festivitäten vermieden werden. In einem großzügigen Befriedungsprogramm wurde den Pataxó an historischer Stätte Land versprochen - 500 weiße Familien wurden für erhebliche Summen umgesiedelt. Bis auf diese eine.

Nun machen es sich die Indios unter der Führung des Pataxó-Häuptlings Ajuto Alves dos Santos auf den polierten Jaqueira-Holz-Möbeln unter dem Lagerdach des Fabrikanten bequem, und seine Kinder sind dabei - »zumindest die, von denen ich weiß«, sagt er lachend.

Sie grillen über offenem Feuer, spielen Domino, trinken. Nicht alle bekennen sich zum Stamme der Pataxó - einige tragen Heavy-Metal-Shirts, einer verehrt Bob Marley. Doch die Frauen haben ihre Busen in Kokos-Bikinis gezwängt, die meisten tragen Baströcke und Kriegskeulen aus den Souvenirläden, in die ein Herzchen eingeschnitzt ist - »Gruß aus Porto Seguro«.

»Das ist doch nichts als Karneval«, giftet Luísa, die Frau des Fabrikanten. Sie hat mittlerweile begriffen, dass sie das Feld räumen muss. Karneval? Natürlich ist es das. Aber was heißt das schon. Die Kostümierung hilft - sie dramatisiert den historischen Rechtstitel der Indianer.

Die Fabrikantenfrau schwankt zwischen Verständnis und Wut. Historisch und sehr allgemein gesprochen, seien die Indianer die Opfer der Geschichte, ganz klar. Aber die hier, die lassen alles verkommen. »15 Familien leben von uns - was soll aus denen werden, wenn wir gehen?« Nein, sie hat keine indianischen Angestellten. »Ich brauche keine Faulenzer.«

Misstrauisch beäugt sie die Indio-Kinder, die zwischen den Stühlen herumturnen, während ihre Arbeiter die Lagerbestände auf Lkw verladen. »Der Junge da drüben mit den grünen Federn«, zischt sie, »der würde mir glatt den Kopf einschlagen, wenn er könnte.«

Gestern sei ein Bekannter, Inhaber einer Strandbar, von Indianern krankenhausreif geprügelt worden. Und ihr Haus hätten sie vor fünf Jahren bereits heruntergebrannt. »Was sind das für Rechte, auf die sie sich berufen?« Jetzt, seufzt sie dramatisch, müsse sie erst einmal Urlaub in Oberitalien machen, in der Zivilisation. Urlaub von Brasilien.

Man wird sich um die versnobte Luísa Gomes keine Sorgen machen müssen. In den folgenden Tagen wird ihr Mann die Entschädigungssumme weiter hochzocken für einen Landstrich, den die Familie selbst erst vor 20 Jahren übernommen hat.

In Luísa spricht sich jene Mixtur aus Gönnerhaftigkeit, Galligkeit und Geschäftssinn aus, mit der der brasilianische Mittelstand auf die Erfolge der organisierten Indio-Bewegung reagiert. Deren Entschädigung kann sich mittlerweile sehen lassen - rund 350 000 Indios bewohnen Regionen, die so groß sind wie Spanien, Portugal, Deutschland und Belgien zusammengenommen.

Die staatlichen Gesundheitsausgaben in den Reservaten sind seit 1998 um 350 Prozent gestiegen. Pro Jahr entfallen auf jeden Indianer mittlerweile über 460 Mark - für den Rest der Bevölkerung sind es nur 180. Die Regierung gibt sich Mühe. Gleichzeitig sorgt die staatliche Alimentierung ähnlich wie in den USA dafür, dass sich viele Indios mit dem zufrieden geben, was nicht erarbeitet werden muss. Wer täte das nicht.

Auch deshalb wird es am Jahrestag nicht zu nennenswerten Protesten kommen. Nach optimistischen Schätzungen werden es ganze 2000 Indianer sein, die dem Protestaufruf der von Jesuiten gegründeten Indianer-Hilfsorganisation Cimi folgen werden und nach Porto Seguro marschieren, um für die Zukunft »500 andere Jahre« zu fordern. Doch vorsichtshalber sagte Präsident Fernando Henrique Cardoso seine Teilnahme an den Feiern in Bahia ab.

Die Jesuiten gehörten traditionell zu den großen Schutzmächten der Indios, so engagiert, dass sie nicht zuletzt deshalb 1759 ausgewiesen wurden. Sie verhinderten deren Versklavung durch die großen Fazendeiros und die Bandeirantes, die legendären Abenteurer aus São Paulo. Der kirchliche Schutz hatte seinen Preis: Die Indios mussten sich taufen lassen.

Für den bärtigen Angelo, der im kargen Cimi-Büro in Santa Cruz Transparente für den Protestmarsch vorbereitet, ist das eine der Ursünden der Amtskirche: »Sie hat sie gezwungen, ihre Identität abzulegen.« Seit seinen Studententagen vor 15 Jahren arbeitet der linke Laienpriester für die Sache der Indianer. Und er leistet ganz persönliche Wiedergutmachung, eine Art Seelenrückgabe - seinen Gottesdienst, seine Gebete hat er durchsetzt mit indianischen Ritualen, mit Ahnenbeschwörung und Opfergaben an Naturgeister.

Angelo hat seinen Weg gefunden. Den brasilianischen Weg, den »jeitinho«. Der ist die kleine Korruption, die den Alltag erträglich macht, die intuitive Suche nach dem Kompromiss. Der Jeitinho erfordert soziale Phantasie und das Talent zur Anpassung, zur Mischung.

Für den Dichter Affonso Romano de Sant'' Anna, einen der hellsichtigsten Kommentatoren Brasiliens, ist der Jeitinho das Gegengift zum organisierten Mord. In seinem Versepos über den Kölner Dom ("A Catedral de Colônia") spiegelt er die geglücktere brasilianische Geschichte gegen die der Deutschen, ihre wilden horizontalen Wucherungen gegen die monumentale vertikale Versteinerung.

Der Jeitinho war es, der den portugiesischen Kolonialismus, anders als den der rassistischen spanischen Nachbarn, zum unblutigsten auf dem südamerikanischen Kontinent gemacht hat. Adaption statt Konfrontation. Ein verlustreicher Unabhängigkeitskrieg war in Brasilien ebenfalls nicht nötig - dem portugiesischen Thronfolger Dom Pedro gefiel es einfach so gut im Lande, dass er sich dem Rückruf nach Lissabon widersetzte und die Unabhängigkeit Brasiliens 1822 per Dekret verkündete.

Kriege gegen Nachbarn? Ein einziger, 1864 bis 1870 gegen Paraguay - lächerlich, gemessen an denen des europäischen Schlachthauses. Sklaverei? Bereits 1840, mehr als zwei Jahrzehnte bevor im amerikanischen Bürgerkrieg über dieser Frage 600 000 Soldaten verbluteten, war die überwiegende Mehrzahl brasilianischer Sklaven schon befreit; Prinzessin Isabel, bis heute in Sambas gefeiert, verfügte 1888 die Abschaffung der Sklaverei.

Statt sich die Köpfe auf Dauer einzuschlagen, ging man lieber miteinander ins Bett. So wurde der schönste Menschenschlag der Erde geschaffen, einer, bei dem die Herkunft - schwarz, weiß oder rot - in den meisten Fällen kaum zu ermitteln ist. Wo es allein für die Bestimmung der Farbnuancen der Haut über 60 Bezeichnungen gibt, hat die simple rassistische Arithmetik weitgehend ausgespielt.

Ideologien? Die einzige, die hier wirklich je zählte, war die Lust auf Bereicherung, eine unbekümmerte Ausplünderung der immensen Natur von Beginn an. Holz, Zucker, Kaffee, Kautschuk, Gold - das sind die galvanisierenden Kulturschübe Brasiliens, nicht politische Dogmen.

Ausplünderung betrieben und betreiben übrigens auch die Indios, denn der edle »grüne« Wilde ist nichts als eine abenteuerlich-dumme Projektion des europäischen Mittelstandes. Die Pataxó etwa, die den Nationalpark am Monte Pascoal besetzen - jenen Zipfel der Neuen Welt, den die Portugiesen vor 500 Jahren als Erstes sichteten -, haben dieses Stück Regenwald mit Brandrodungen gewaltig dezimiert. Sie haben die wertvolleren Hölzer geschlagen und an Schmuggler verhökert. Polizisten, die dagegen einschreiten wollten, wurden mit Waffengewalt verjagt. »Die Indianer sind heute unser größtes Problem«, sagt die Park-Chefin Carmen Florencio.

Raubbau allerdings ist kein Festtagsthema. Folklore ist eines. Fest steht, dass es ein Indianermuseum in Porto Seguro geben wird und eine neue Mall für die Kunst der Pataxó mit dem schönen Namen »Pataxopping«. Weiterhin, dass das Feuerwerk zum Jubiläum teurer und prächtiger sein wird als das des Konkurrenten Salvador, der Hauptstadt Bahias.

Fest steht aber auch, zumindest für Porto Seguros Stadtschreiber Romeo Fontana, dass das Geld für eine funktionierende Kanalisation besser angelegt gewesen wäre. »Als ob wir einen Anlass zum Feiern brauchten.«

Romeo Fontana kennt hier jeden, und jeder kennt ihn. Er sitzt vor einer Bar in Porto Seguros pittoresker Hafenstraße, die man hier »passarela do álcool« nennt. Schüttere Haare, aristokratische Nase, spöttische Augen - und ein Strom von Geschichten. Er ist der Verfasser des Buches »Porto Seguro - Die Nation wurde hier geboren«.

Nach Fontana muss die Geschichte der Kolonisierung neu geschrieben werden. Zunächst die Schuldfrage: Die Indianer sind von einer stärkeren Invasionswelle überrollt worden, na und? Sie ihrerseits hatten eine frühere, negroide Urbevölkerung dezimiert, wie neueste archäologische Funde bestätigen. Das ist nun mal der Lauf der Dinge, fast schon Naturgeschichte und kein Grund für Schuldkomplexe.

Es mag ja stimmen, dass die Portugiesen Krankheiten einschleppten und die Kultur der Indios zerstörten. Aber sie bereicherten sie auch. Und zwar um »das erotische Vorspiel«. Wie bitte? Fontana bleibt todernst. Er habe den Fall einer Häuptlingstochter recherchiert, die von den Techniken ihres portugiesischen Liebhabers so verhext war, dass sie jeden indianischen Prinzen verschmähte: »Das hat die Stammeskultur nachhaltiger durcheinander gebracht als alles andere.«

Fontana wird tatsächlich als Historiker-Kapazität gehandelt - an vier aufeinander folgenden Abenden war er in einer TV-Reihe zur frühen Kolonialgeschichte befragt worden. Nun liegen die druckfrischen Fahnen seines Buches auf dem Tisch.

Fontana ist in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs zur Welt gekommen. Eigentlich wollte ihn sein Vater Rommel nennen, weil er den deutschen Generalfeldmarschall so verehrte - bei vielen Brasilianern waren die Nazis operettenhaft populär. Doch als sich die Niederlage der Deutschen abzeichnete - wer mag schon Verlierer -, hielt es sein Vater mit der zweitbesten Lösung, mit Shakespeares romantischem Helden. Warum? »Weil im Brasilianischen ''Romeo'' fast genauso ausgesprochen wird wie ''Rommel''« - Jeitinho!

Er will in den späten sechziger Jahren der erste Kiffer Porto Seguros gewesen sein, damals, als Trinkwasser noch auf Eseln hierher transportiert wurde. Er hat den Aufstieg des Fischernestes zum Hippieparadies begleitet und die spätere Apotheose zum brasilianischen Rimini. Das war, nachdem die Straße gebaut wurde - die Zeit, als die Indianer kamen und er Freundschaft schloss mit Paje Itambé, dem Pataxó-Indianer.

Fontana hat das Leben des Pataxó von Grund auf verändert. Als der Papst beschloss, 1980 Bahia zu besuchen und eine Messe zu zelebrieren, suchten die Organisatoren nach einem Häuptling, der dem Heiligen Vater stellvertretend für die Indios des Landes zum historischen Bruderkuss zugeführt werden konnte.

Man wandte sich an Fontana. Und der erinnerte sich an seinen alten Kumpel Itambé. Der war zwar kein Häuptling, »aber das hat keiner gemerkt«.

Paje Itambé betreibt eine der Buden auf dem Weg nach Santa Cruz de Cabrália, in denen Touristen nach echtem indianischem Brauchtum shoppen. Vor seinem Verschlag steht ein kunstvoll geschnitztes Holzschild: »Treffen Sie den Mann, der beim Papst war. Fotografieren nur mit Genehmigung«.

Itambé ist zufrieden. Er hat seinen Federschmuck angelegt und lässt sich mit argentinischen Touristen ablichten. Das Geschäft brummt, denn Itambé hat nicht nur Baströcke im Angebot, sondern auch Batterien obskurer Wässerchen, womit er als Medizinmann gilt, und die Heilkunst der Ureinwohner steht hoch im Kurs.

Eine ältere Dame möchte etwas gegen Krampfadern. »Das hier«, sagt Itambé und greift ins Regal, »das hilft gegen Rheuma und Diabetes.« »Aber hilft es auch gegen Krampfadern?« Der Indianer riecht an dem Fläschchen. »Nicht direkt«, sagt er, »aber es schadet wahrscheinlich auch nichts.« Die Dame kapituliert vor so viel Sachverstand und kauft gleich noch einen Federputz für den Enkel dazu.

Fontana lacht sich schief. Er und Itambé sind ein merkwürdiges Paar. Romeo hält die Indianer für Kretins und Itambé seine weißen Freunde, besonders Romeo, für skrupellose Hunde. Sie verstehen sich prächtig dabei. Sie haben ihren Jeitinho gefunden, den brasilianischen Weg.

Ein Grund zur Feier? Ständig, auch ohne Jubiläum.

* Darstellung aus dem 19. Jahrhundert.

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