KRIMINALITÄT Da kommt was nach
Als die jugoslawische Handgranate vom Typ M75 in der Hamburger Edel-Disco »J's« explodierte, waren die Promis schon weg. Heiner Lauterbach und Dauerfreundin Jenny Elvers sowie die Schauspielerkollegen Til Schweiger und Heinz Hoenig hatten sich bereits zur nächsten Fete aufgemacht. Der Sprengkörper entlud 3000 Stahlkugeln im Special-Guest-Bereich, neun Gäste wurden verletzt, zwei von ihnen lebensgefährlich.
»Aufräumen, Herr Runde!«, verlangte »Bild« prompt vom Ersten Bürgermeister; die »Morgenpost« sprach von »Krieg«. Es war der dritte Anschlag in der Disco-Szene der Hansestadt im Jahr 2000, purer Zufall, dass es diesmal keine Toten gab. Ende Februar feuerte ein Türke vor dem »Check Inn« auf fünf Männer und tötete zwei von ihnen, Anfang März erschoss ein Landsmann vor dem »Saray en Joy« einen Gegner.
In keiner anderen Stadt in Deutschland ist das Nachtleben so gefährlich wie in Hamburg. Nirgendwo anders gibt es so brutale Kämpfe rivalisierender Gruppen. Und nirgendwo anders schauen die Behörden so tatenlos zu. Zwar bedauerte Hamburgs Innensenator Hartmuth Wrocklage (SPD) die Opfer des Granatenanschlags, doch das war's auch schon fast. Für die Sicherheit seien schließlich die Disco-Betreiber verantwortlich, die, immerhin, künftig genauer überprüft werden sollen.
Im Fall des »J's«, der Disco in einem Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg, hätte das wenig genützt. Die fünf Inhaber der Betreibergesellschaft E. O. I. L. sind lauter honorige Bürger mit besten Adressen.
Jürgen Nasilowski, 33, Steuerberater und E. O. I. L.-Geschäftsführer, ging nach dem Anschlag erst einmal auf Tauchstation. Fragen beantwortete sein Rechtsanwalt Oliver Haugk: Nasilowski werde weder erpresst, noch zahle er Schutzgeld, er handle auch nicht als Treuhänder und habe nur eigenes Geld investiert. »Es gibt halt Leute, die stecken 50 000 Mark in so einen Laden und sagen, jetzt machen wir mal was Lustiges«, erklärt Haugk das Motiv der Kommanditisten.
Außerdem betreibt der Steuerberater noch vier Szenekneipen auf St. Pauli, jedoch, so Haugk, »allein und mit eigenem Geld«. Gerüchte, Deutschlands mächtigste Rockerbande, die Hells Angels, stecke hinter dem »J's«, seien »alle Quatsch«.
Trotzdem gilt unter Ermittlern eine Schlägerei zwischen einem Höllenengel und zwei Türken am Karfreitag als möglicher Schlüssel des Anschlags. Der Rocker hatte die beiden bei einem Streit aus dem Laden geprügelt. Ein szenekundiger Zeuge der Keilerei beschloss, fortan das »J's« zu meiden. Denn: »Da kommt was nach.«
Die Handgranate am vorvergangenen Sonnabend könnte die Antwort gewesen sein. Denn der Anschlag galt offenbar keiner bestimmten Person. Wollte der Täter die Hells Angels schädigen, weil sie laut einem unbestätigten Gerücht am dem Laden beteiligt sind?
Mit Sorge beobachten die Sicherheitsbehörden, wie sich die Hells Angels seit der Fusion mit der bis dahin stärksten deutschen Rockerbande Bones im November vergangenen Jahres (SPIEGEL 6/2000) immer wieder unangenehm bemerkbar machen. So mischte eine Angels-Delegation in der Nacht zum 1. Mai die Promi-Pinte »Pony« in Kampen auf Sylt auf. Angeblich war die Rechnung von 1600 Mark zu hoch.
Schon Ostern waren die Höllenengel im tarnfarben lackierten Ferrari auf der Schickeria-Insel aufgetaucht. Und ein paar Wochen vorher hatten Mitglieder der Gang vor der Kieler Disco »Traumfabrik« zwei Türken vermöbelt. So verschafft man sich Respekt im Milieu.
Die vermeintlichen Expansionsgelüste einer Rockerbande könnten möglicherweise den Anschlag auf das »J's« erklären. Eine Erklärung für die Gewaltorgien in den Tanztempeln der Hansestadt sind sie nicht. Die hängen wohl eher mit der Unfähigkeit der Hamburger Behörden zusammen, die Szene unter Kontrolle zu halten.
Längst haben sich innerhalb der ethnischen Minderheiten in Hamburg, allen voran Türken und Emigranten aus dem ehemaligen Jugoslawien, kriminelle Subkulturen herausgebildet. Sie bilden bereits eine Art Parallelgesellschaft, die für die Polizei kaum noch zu durchdringen ist. »Das sind geschlossene Gruppen, da haben wir keinen Zugang mehr«, klagt ein Beamter. Für die Bosse der Gangs ist der Auftritt in den angesagtesten Discotheken eine Frage der Ehre.
Einen Erklärungsansatz für die »ethnisch konditionierte Kriminalität«, wie sie ein hanseatischer Kriminaler nennt, liefert der hannoversche Kriminologe Professor Christian Pfeiffer, der in einer bundesweiten Studie über türkische Jugendliche zu niederschmetternden Ergebnissen für die angeblich so weltoffene Hafenmetropole kommt. Danach geht es jungen Türken republikweit in Hamburg am schlechtesten, in München hingegen am besten.
Fast ein Viertel aller türkischen Eltern in Hamburg ist arbeitslos, in München nur 8,1 Prozent. Außerdem besuchen in München mit 15,1 Prozent fast doppelt so viele türkische Jugendliche das Gymnasium wie in Hamburg. Hinzu kommt, dass sich die Befragten in Hamburg sehr viel schlechter integriert fühlten als in München. Damit sind laut Pfeiffer schon die Lebensumstände für junge Ausländer in der Hansestadt deutlich kriminalitätsfördernder als anderswo.
Im »J's« beschränkte man sich vergangene Woche auf rein technische Katastrophenabwehr: Die Betreiber installierten Kameras, Türsteher checken mit Metalldetektoren die Gäste, Taschen und Mäntel sind nun an der Garderobe abzugeben. ANDREAS ULRICH