Heldin der Arbeit a. D.
Essen Sie, bitte!« Die Frau lebt in der Energiestraße im Osten Moskaus, in einer zwölfstöckigen Wohnmaschine, wo es kalt aus dem Müllschlucker staubt und ein »FACK« in den Putz gekratzt wurde, Kommentar zur neuen Zeit.
»Nehmen Sie noch einen Keks, bitte!« Die alte Frau heißt Olga Linowna Baryschnikowa und war eben auf der Straße noch eine winzige, eingeschrumpfte Babuschka in einem abgenutzten Anorak, an dem nur auffiel, mit welcher Sorgfalt die Senkel ausgebessert waren.
»Aus Berlin kommen Sie? Ich kenne Berlin«, hat sie gesagt, war dann durch den Gemeinschaftsflur, drei Klingeln, drei Wohnungen, geschlurft, hatte ihre 20 Quadratmeter aufgeschlossen, die Mütze mit Zeitungspapier ausgestopft, Schlappen verteilt und angefangen, nach ihren Alben zu kramen: »Hier«, sagt sie und fummelt ein briefmarkengroßes Foto aus dem Stapel. Da steht eine Gruppe Rotarmisten in einem Raum voller Trümmer: »Das bin ich. Im Büro von Adolf Hitler.« Russische Rentnerinnen sind erstaunliche Wesen. Nach menschlichem Ermessen müssten sie längst ausgestorben sein. Sie leben meist unter dem Existenzminimum, haben ihr Leben lang als Traktoristin oder Stahlkocherin geschuftet, um ihre saufenden Männer durchzubringen, haben die Heimat der Werktätigen gegen den faschistischen Aggressor verteidigt und am Ersten Mai noch brav zu den Tribünen hochgewinkt. Jetzt bekommen sie in Moskau 750 Rubel, 54 Mark Rente im Monat, und weil das zum Leben nicht reicht, tragen sie die Kleider der besseren Zeit auf.
Sie sind überall, verkaufen Sonnenblumenkerne, klauben Altobst zusammen oder hüten die neuen »Favorit plus«-Klohäuschen, in der Hoffnung, vom Boss am Monatsende tatsächlich auch bezahlt zu werden. Und beklagen sich nicht.
Olga Baryschnikowa ist 79 Jahre alt, eine knappe Generation überm russischen Rentenalter von 55 Jahren für Frauen. Aber noch vor Wochen hat sie in der Poliklinik Nr. 133 als beratende Chirurgin gearbeitet, für umgerechnet 63 Mark monatlich. Jetzt als Rentnerin und Veteranin erhält sie sogar etwas mehr und ist zufrieden: »Ich bin alt. Ich brauche nicht mehr«, sagt sie.
Steht jeden Tag um sechs Uhr auf, macht ihre Kniebeugen, trinkt ein Glas heißes Wasser mit Honig, isst einen Teller Buchweizengrütze. Freitags kocht sie ein Stück Fleisch und isst es kalt den Rest der Woche: »Ich habe nichts zu erzählen. Ein ganz normales Leben.«
Ihr Vater ist Schmied gewesen, in einem Dorf Golowchin in Weißrussland. Er hatte immer von den Deutschen geschwärmt und, wenn er den Kindern etwas zeigen wollte, stets gesagt: »Schaut, so machen es die Deutschen.« Die seien auch besser als die Russen zu den Juden.
Olga Baryschnikowa schaffte es auf das Medizinkolleg. Als der Krieg kam, wurde sie eingezogen. Alles Weitere lernte sie in den Frontlazaretten. Sie amputierte, schnitt Kugeln heraus, nähte und flickte, 18 Stunden am Tag. Sie nähte zusammen, was die Zeitläufte und historischen Notwendigkeiten zerfetzt hatten.
Sie war erst 22, aber die Soldaten nannten sie »Mütterchen«. Einer hat sie gezeichnet. Das Bild liegt in dem Album. Sie hatte kluge Hände und, auf dem Bild, ein Lächeln, das die Soldaten ihr noch Briefe schicken ließ, als der Krieg lang vorbei war.
Einmal kamen Partisanen aus der Gegend von Golowchin. Die berichteten, das Dorf sei von den Deutschen abgebrannt worden, die Bewohner erschossen. Ihre Eltern und ihre Schwester. Der Bruder starb wenig später an der Front.
Um daran nicht zu denken, operierte sie ohne Pausen. Einmal hatte sie 104 Menschen behandelt, an einem Tag. Sie bekam einen roten Stern und einen Orden mit dem Bildnis von Stalin: »Durch unsere Taten werden wir gewinnen«, stand darunter.
Das Erste, was sie von Deutschland sah, war eine Villa mit Leichen: »Sie hatten sich umgebracht. Den Kindern hatten sie Spritzen gegeben.« Das verstand sie nicht. Auch später begriff sie nicht die Angst der gefangenen Landser, als dieses russische Mädchen mit dem nach hinten gebundenen Haar sie operieren wollte und offenbarte: »Ich bin jüdischer Nation.«
Die Soldaten waren schockiert, dass so eine sie operierte - ihre Blutfeindin. »Ich habe ihnen auch Blut gespendet. Einer wollte das nicht. Essen Sie, bitte, noch einen Keks.«
Olga Baryschnikowa sitzt in ihrem Zimmer, und sie gräbt sich durch selbst gefaltete Umschläge mit Feldpostbriefchen und Fotos. Sie tippt auf die Gesichter eines Klassenfotos und sagt »tot, tot, tot«, zeigt auf ein herausgekratztes Gesicht in der Mitte und sagt: »Ein Verräter. Er hat mit den Nazis gearbeitet.« Ein anderes Foto braucht sie nicht zu suchen. Es gibt kein Bild von dem einzigen Mann, den Olga Baryschnikowa in ihrem Leben gehabt hat, nur einen Namen: Wassilij. »Er war mein Mann an der Front. Er ist gefallen.« Sie sagt, sie gehöre zu den Menschen, die nur eine Liebe haben im Leben. Ihre dauerte eben nur ein Jahr.
Aber dann, im Mai 1945, stand sie mit anderen Ärzten und Sanitätern im Empfangssaal der Reichskanzlei, inmitten von Schutt, zerborstenen Bilderrahmen, Patronenhülsen und herumliegenden Papieren. Und da hatte Olga Baryschnikowa den Krieg gewonnen: »Wir umarmten uns alle. Keiner würde mehr sterben. Ich dachte, so schön wird es nie wieder. Und ich hatte Recht.«
1944 wurde sie gedrängt, Parteimitglied zu werden. Kommunismus heiße, sich um die Menschen zu kümmern, sagt sie. Das Parteibuch hat sie nie abgegeben, auch wenn es die KPdSU nicht mehr gibt. Und Stalin? Dass ihr eigener Chirurgieprofessor für 18 Jahre als Volksverräter in den Gulag gesperrt worden war, habe sie erst erfahren, als sie sich später zufällig wiedertrafen. Von ihren Freunden sei niemand verhaftet worden. Sie selbst habe immer nur gearbeitet, auch als der Krieg vorüber war, sie habe keine Zeit für Politik gehabt.
Stalin, sagt sie, war die dunkle Seite der Partei. Um im selben Atemzug hinzuzufügen, dass die Kommunisten an der Front immer ganz vorn gestanden hätten. Die neue Kommunistische Partei in Russland sei nicht mehr die alte: »Sjuganow hat sich den anderen Kandidaten gegenüber schlecht verhalten. Er denkt nur an sich.«
Die demokratische Revolution, findet Olga Baryschnikowa, habe ihr nichts, rein gar nichts gebracht: »Ich war sehr glücklich in der Sowjetzeit. Die Patienten waren dankbar, und am 40. Jahrestag des Sieges wurde ich in den Kreml eingeladen.« Niemals werde sie Michail Gorbatschow verzeihen, dass er die mächtige und friedliche Sowjetunion zerschlagen hat.
Und die jungen Reichen, die jetzt mit Vierradantrieb und Mercedes durch Moskau paradieren? Die Cocktails ordern, teurer als jede Veteranenrente? »Ich kenne keine Neuen Russen. Für mich gibt es nur zwei Klassen von Menschen: Gesunde und solche, denen ich helfen kann.«
Diese Frau hat ihr Leben lang gegeben. Und jetzt, im Alter, ist nicht viel übrig geblieben. Drei Vitrinen voller Bücher, ein ledergebundener Bericht »25. Chirurgenkongress 1935«, dazu »Vom Winde verweht«, eine Postkarte mit Tschechow überm Bett, ein Büfett aus Birke, in das die wenigen Kleider passen, viele Fotos und an den Wänden Aquarelle, die ihr ehemalige Patienten geschickt haben.
Worüber klagen? Bei wem sich beklagen? Wenn Olga Baryschnikowa vor die Tür geht, sieht sie, dass es anderen schlechter geht. Die Babuschka, die vorm Haus mit einem Stock in der Müllkarre nach Flaschen fischt, heißt Nina Fjodorowa und ist einmal »Verdiente Kindergärtnerin des Volkes« gewesen: 750 Rubel im Monat.
Die Frau beim Lefortowo-Markt, die nur darauf wartet, dass die Jugendlichen ihre Bierflaschen geleert haben, ist eine Heldin der Arbeit a. D. der Iljitsch-Werke. Ein Rubel pro Buddel, 20 Flaschen am Tag, das macht die Knochen schmerzen und treibt das Wasser in die Beine.
Sie habe für Putin gestimmt, sagt Olga Baryschnikowa. Warum? »Weil er den Frieden bringen wird.« - Aber er hat doch den Krieg in Tschetschenien erst angefangen? »Nein. Das wird nur gesagt. Putin wird ihn beenden. Begonnen haben ihn die Kriminellen.«
So ging das Leben. Mit jedem Jahrestag wuchs die Zahl der Orden auf ihrer Veteranenjacke, bis sie klimperten wie ein Glockenspiel. Sie zeigt die Jacke gern. Olga Baryschnikowa weiß nicht, dass solche Medaillen auf der Arbad-Fußgängerzone an Touristen verkauft werden, dass türkische Händler sie in Berlin, wo Hitlers Reichskanzlei stand, gleich dutzendweise verhökern. Und wüsste sie es, würde es sie auch nicht stören: Sie hat gelernt, die Gegenwart nicht ernst zu nehmen.
Noch einen Keks, und dann bittet Olga Baryschnikowa, sie nun wieder allein zu lassen in ihrem Leben. Ihrem »sehr normalen« Leben, einem von Millionen, die dieses verratene Land zusammenhalten, weil sie bis zum letzten Atemzug werkeln und warten und wissen, dass ohnehin nichts mehr so furchtbar sein wird wie der Krieg. Und nichts mehr so schön wie jener Tag vor 55 Jahren, als alles vorüber war. ALEXANDER SMOLTCZYK