REGIONALPROGRAMM Mach dich raus!
Vielen Westdeutschen liegt der nahe Osten fern. Und natürlich gibt es auch zehn Jahre nach der Einheit Klischees von Landstrichen, wo Metropolen Suhl heißen oder Zwickau, die Landesunkundigen bestenfalls als Behelfsausfahrten ewiger Autobahnbaustellen bekannt sind.
Es sind böse Klischees, zugegeben. Klischees von stonewashed Jeanshemden und ihren vermuckelten Trägern, die sich zwischen Plattenbauten und Broilerbuden über ihr Dasein beschweren. So in der Art eben.
Dann sitzt man eines Abends vor der Glotze, und plötzlich steht da Frau Ebert in einem Jeans-Zelt (stonewashed) vorm Plattenbau und beklagt sich, dass sie 16 Jahre lang für einen anderen Mieter die Stromrechnung bezahlt hat, die Stadtwerke nun mauern und überhaupt ...
Daneben wartet mit labbrigem Sakko und 30-Tage-Bart ein Mann, den sein Mikrofon als Moderator des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) ausweist. Sein Pferdeschwänzchen ist der traurige Rest einer privaten Revolution, die nie stattfand. Er heißt Hendrik Petzold und lächelt derart melancholisch, als hätte er Zeit seines Lebens die Reklamationsstelle eines Plauener Baumarkts betreut.
Meist steht Petzold mit seiner Show »Mach dich ran« in ostdeutschen Einkaufspassagen herum, die nach bevorstehender Immobilienpleite aussehen. Von dort aus macht er sich dann ran - zum Beispiel an Frau Ebert und ihr Stromproblem.
Einen Tag lang hat er Zeit, eine Lösung zu finden. Das ist der Nutzwert. Sein Passagen-Publikum - allesamt Kleinfamilien mit Kindern, die Jenny oder Maik heißen - muss wetten, ob Petzold es schafft. Das ist Entertainment. Und manchmal wird der Auflauf mit Lemuren garniert wie Fips Fleischer samt »Schau-Orchester«. Das ist der Nachtisch, Abteilung Traditionspflege & Lokalpatriotismus.
Dank dieser Programm-Mischung feiert der Sender seit Jahren Riesenerfolge. Mit einem Marktanteil von knapp zehn Prozent liefert der MDR das regional erfolgreichste unter allen dritten TV-Programmen, von denen es viele gibt und die am Lokalkolorit leicht zu erkennen sind.
Beim NDR toben sich Shanty-Chöre in Blauhemden aus. Beim WDR erklären grau melierte Bildungsbürger auf bonbonfarbenen Sofas die Welt aus Sozi-Sicht. Und die Orgelimpressionen aus der spätbarocken Wieskirche stammen garantiert vom Bayerischen Fernsehen.
Der MDR ist hoffnungs- wie hemmungsloser. Weil er die Quote anbetet, macht er sich ran. 24 Stunden pro Tag geht er dahin, wo es wehtut. Und im Osten tut es überall weh, wenn man dem Programm glauben kann, das auf drei Säulen ruht: Nutzwert, (N)ostalgie und Narrenfreiheit.
In der ersten Abteilung werden Menschen wie du und du vorgeführt, die sich von Spekulanten, Krankenkassen und Versicherungen verschaukelt fühlen oder einfach nur die gesamtdeutsche Welt nicht begreifen. »Wie gefährlich sind Last-Minute-Flüge?«, fragt ein Moderator mit Dinosauriern auf den Hosenträgern in »Natürlich gesund«, einer von etlichen Ratgebersendungen. Selbst die Partnersuch-Aktion »Je t''aime - Wer mit wem?« wirkt, als hätte sich das Sozialamt Chemnitz im Vollrausch eine Single-Show ausgedacht.
Bei so viel zynischer Realsatire muss der MDR Fluchtpunkte bieten. Der eine führt ins Archiv: mit uralten Funktionärs-Galas, Defa-Schinken und Wiederholungen altlastiger Desinformationssendungen wie der »Aktuellen Kamera«. Der andere führt in die Idyllenfülle der Erzgebirgs-Walküre Marianne Martin, zu »Achims Hitparade« oder dem »Schlagermagazin« der Minipli-Leihgabe (West) Bernhard Brink.
Nirgendwo im deutschen Fernsehen wird mehr geschmachtet und geschunkelt als in den zonigen Weichzeichner-Welten. Ein öffentlich-rechtlicher Placebo-Defekt. Ist aber vielleicht eine Sache der Perspektive, die im MDR-Fall westdeutsche Augen zu mahnen scheint: »Ihr da drüben, wir hier üben« - die Grundregeln moderner Unterhaltung, die Einheit, das Leben.
»Der Erfolg«, sagt Intendant Udo Reiter, »gibt uns Recht.« Demnach gilt im Umkehrschluss: Die Ossis identifizieren sich mit Reiters Reality-TV. Der MDR ist »Big Brother« mit knapp zehn Millionen Kandidaten. So viele Menschen leben in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt, dem Sendegebiet der Bedürfnis-Anstalt mit den drei Buchstaben in Schwarz, Rot und Gold.
Rot war dieser Teil Deutschlands vor allem zu SED-Zeiten. Dann kam eine Horde schwer vermittelbarer CSU-Medienstrategen aus München und krempelte den Staatsfunk um. Nun sitzen in den oberen Etagen wieder konservative Parteifunktionäre und bewachen die Arbeit der alten DDR-TV-Soldaten, die sich darunter hassliebend eingerichtet haben.
Hass, weil die neuen Partei- und Programmverantwortlichen schlecht zahlen, gerne alles auslagern und politisch sowieso indiskutabel sind. Liebe, weil man nach all den Säuberungsaktionen noch immer einen Job hat. Egal, ob als Florist der alles beherrschenden Musikanten-Stasi oder Nachrichtenlieferant eines Magazins wie »MDR um zwölf«, wo das Weltgeschehen gern reduziert wird auf: »Kuhkomfort«, eine Story über Hightech-Besamung; Leipzig will die Ansiedlung von Bordellen beschränken; die Jenoptik-Bilanz ist toll; die Bautzener Domschatzkammer hat neue Räume; in Thüringen wurde ein Mann getötet.
Es wird überhaupt viel gemordet in Mitteldeutschland, das so mittendrin ja nun auch wieder nicht liegt. In fast jeder Nachrichtensendung taucht irgendein Blutbad, Vergewaltigungsopfer oder Familiendrama auf. Kein Wunder. Die allwöchentliche Aktenzeichen-Show »Kripo live« wurde mit Marktanteilen bis knapp 30 Prozent der Quotengarant schlechthin.
Warum? Weil die Zivil-Beamten dort Graumarktautohändlern ähneln? Oder weil Fotos Magdeburger Heizungskeller gezeigt werden, in denen »ein sehr gefährlicher Triebtäter« mit »stark behaarten Unterarmen« eine 13-Jährige missbrauchte? Als Dröhnung setzte er dem Mädchen einen Kopfhörer auf, aus dem »Move your ass« schallte. Derlei Horror reißt Beamte wie Zuschauer jeden Sonntag gleichermaßen mit. Ein Fahndungsaufruf nach dem Serienkiller Dieter Zurwehme führte prompt dazu, dass die Polizei im Jagdfieber einen unschuldigen Hotelgast erschoss.
Dann schon lieber »Dabei ab 2«, wo es nur um einen brennenden Radlader und einen Zoologen aus Halle geht, der Hamster züchtet. Danach kommt »Hier ab vier«, und wahrscheinlich wird längst an Formaten wie »Vorbei um drei« oder »Ex nach sechs« gebastelt.
Wo ein Auslandsmagazin »Windrose« heißt und eine Bergsteiger-Show »Biwak«, könnte es auch bald das Seniorenmagazin »Gürtelrose« geben. Jedenfalls kommen dann noch die Eltern der behinderten Christina aus Erfurt zu Wort, die sich von ihrer Krankenkasse im Stich gelassen fühlen.
Überhaupt scheinen sich »drüben« ziemlich viele ziemlich allein zu fühlen. Deshalb gibt es dauernd Lebenshilfe wie die »Telethek«, wo es etwa um Milben und Matratzenreinigung geht. Beim MDR tobt der Nutzwert bis ins Schlaf- und Badezimmer.
»Heute schon geduscht?«, begrüßt Peter Escher seinen Gast, dessen einsames Gehöft nicht ans Trinkwassernetz angeschlossen wurde und der nun 70 Mark pro Kubikmeter zahlen soll. Der Mann schaut misstrauisch. Nur der Moderator lacht. »Ein Fall für Escher«, klare Sache. Und so heißt auch seine Show.
Escher ist der oberste Rächer der Abgezockten, ein Robin Hood aller Zu-kurz-Gekommenen, ein großspuriger Kämpfer wider das Kleingedruckte. Bei Escher wird andauernd »Klartext gefragt« in chronischer Ihr-da-oben-wir-hier-unten-Stimmung. Seine Gäste sind immer »kleine Bürger«, wahlweise auch »kleine Gartenbesitzer«, wenn es um deren Lauben geht, die hier Datschen heißen.
Neben Escher sind irgendwie alle klein, sogar seine Gegner: Baulöwen und Bürokraten, die meist einlenken, wenn er mit seinem marodierenden Stab aus Verbraucherschützern und Anwälten kommt, die das verbale Rächerrepertoire immer parat haben: »Hier herrscht Willkür.«
Eschers Finale ist meist ein Sieg, bevor er verkündet: »Nächste Woche geht es um Pinke-Pinke, genauer gesagt: Geldanlagen.« Einen Beitrag zum Tarifwirrwarr der Dresdner S-Bahn leitet er ein: »Damit sind wir beim Thema Sch-Sch-Sch... Eisenbahn.«
Das ist eben Klartext und Nähe zum Volk, das bei Escher aber nicht viel redet, weil es nur Sch-Sch-Sch-Bahnhof zu verstehen scheint. »Verstehen Sie Bahnhof?« heißt übrigens eine andere Show, die hässliche Wartesäle in hässliche Kulissen verwandelt, in denen das Volk aber auch nur schwitzend herumsitzt. Vielleicht drücken die lila-grün gesprenkelten Krawatten.
Beim MDR sieht niemand glücklich aus, nicht mal die Fauna, die in »tierisch, tierisch« eine neue Heimat finden möchte. Eine Töle namens Frieda »reagiert auf mansche Männer nischt sehr gudardisch«, sagt die Pflegerin aus dem Tierheim Pflanzwirbach. Hat der Hund eine dunkle Vergangenheit als Grenzschutz-Bello? Man weiß es nicht, aber da geht es schon weiter: »Isch möschte Ihnen heudde Felix vorschdälln.« Der Kater »ist geimpft, entwurmt, kastriert und hat leider nur drei Beine«.
Die menschliche Ausgabe von »tierisch, tierisch« heißt »Je t''aime - Wer mit wem?« Nicht, dass da dreibeinige kastrierte Landwirte aufträten. Aber unter der Obhut des Moderators Frank Liehr sucht auch jede Woche eine Hand voll Solisten schonungslos authentisch einen »Partner fürs Leben«.
Sie nennen sich Singles, sehen aber nie aus wie in »Herzblatt«. Eher wie Manuela, 23, aus Halle, die mit der Feurigkeit einer Eieruhr ihren auswendig gelernten Text herunterspult: »Isch kann auch sähr dembramendvoll sein. Für spondane Undernähmungen bin isch fasdd immär zu hamn.«
Zwischen solchen lebensfrohen Bekenntnissen darf der vergessen geglaubte Schlageronkel Bernd Clüver seinen Solidaritätsbeitrag heulen: »So wie ich fühl für dich«. Weil die MDR-Verantwortlichen der Kraft ihrer - wenn nicht blühenden, so doch restaurierten - Landschaften misstrauen, wird die Romantik mit Blumenkübeln bewehrt oder nachgebaut: als Fachwerkkulisse mit Butzenscheiben und Mühlrad, wo über jedes Bacherl a Brückerl führt.
Das Unterhaltungsbedürfnis, sagen Marktforscher, ist im Osten weit ausgeprägter als im Westen. Außer grünem Rechtsabbiegerpfeil, FKK-Tradition und Sandmännchen konnte man kaum etwas durch die Wendewirren retten. Also wird beim MDR eskapistisch geschunkelt und gejodelt, bis der Kassenarzt kommt.
Die Festhalle von Plauen zum Beispiel sieht normalerweise aus, als warte sie auf die Rückkehr Erich Honeckers. Im Foyer hängen Plakate zu Galas »mit Megastars wie Heinz Quermann und Ingeborg Krabbe«. Dreimal im Jahr wird die Schuhschachtel für »Achims Hitparade« auf Alpenglühen umfloriert, weil dann gleich vier Schunkel-Shows am Stück aufgezeichnet werden.
»Billigste Wegwerfprodukte in Fließbandarbeit« seien das, maulen die verhärmten TV-Altlasten aus der Adlershof-Ära und träumen von glanzvolleren Zeiten. Heute besteht ihr Publikum aus Busladungen voller Rentner, die sich mitunter Krücken schwingend um einen Platz in der ersten Reihe prügeln.
Moderator Achim Mentzel ist als Scherzartikel beliebt: »Ich bin eben ihr dicker Mops.« In den sechziger Jahren galt er als Mick Jagger von Berlin-Lichtenberg. In den Siebzigern gab er ein kurzes Gastspiel als Republikflüchtling und kehrte nach einem halben Jahr reumütig in den Arbeiterund-Bauern-Staat zurück, wo er in den Achtzigern als Lachsack Karriere machte, bis die Mauer fiel. Mentzel hatte Glück, weil das DDR-Fernsehen damals gerade eine neue Volksmusik-Show mit ihm plante. Im allgemeinen Einheits-Durcheinander überlebte ausgerechnet »Achims Hitparade« jeden Angriff guten Geschmacks.
Irgendwann wurde mal überlegt, die sympathische Frohsinns-Hamsterbacke gesamtdeutsch aus- und aufzubauen. Heute ist Mentzel froh, in der heimatlichen TV-Nische geblieben zu sein: »Lieber im Dritten der Erste als im Ersten der Letzte.« Sieht man mal von auftoupierten Sirenen wie Carmen Nebel oder Stefanie Hertel ab, finden Ost-Stars im Westen sowieso kaum statt.
Ingo Dubinski, als Zonen-Gottschalk der Traum aller Schwiegermütter zwischen Halberstadt und Zittau, darf in der ARD allenfalls die Altenheim-Granate »Wunschbox« moderieren. Als Lastenausgleich macht er auf MDR-Kosten Urlaub und erklärt seinen Landsleuten in »Mit Dubinski reisen« die Welt. Dann steht der jugendliche Phrasenmäher wie ein Last-Minute-Tourist auf Lanzarote rum und schwadroniert über »das sonnige Flair des Südens«.
Das ist immer noch besser, als das Schicksal seines TV-Kollegen Wolfgang Lippert zu teilen. Der durfte eine Zeit lang tatsächlich als Ersatz-Gottschalk »Wetten, dass ... ?« moderieren. Zuletzt geriet Lippert in die Schlagzeilen, als er in einem Baumarkt eine Kombi-Zange klaute. Ein Fall für Escher? Oder fürs Sozialamt?
Vielleicht könnte Lippert irgendwann »Riverboat« moderieren. Der Talkshow-Kutter gilt als »Flaggschiff« des MDR und ist für ausrangierte TV-Gesichter der letzte ABM-Job vor richtiger Arbeit.
So tropft die Nacht über Dunkeldeutschland, wenn nicht gerade die Zonen-»Peep«-Show »Indiskret« läuft, wo das Liebesleben von Ex-Bundesverkehrsminister Günther Krause beleuchtet wird. In der Rubrik »Briefkasten« fragt eine Zuschauerin, ob ihr ausgeprägtes Masturbationsbedürfnis noch »normal« sei? Am Ende des sächselnd-sexelnden Verkehrsfunks werden Nackedeis aus der Stummfilmzeit gezeigt: »Hans und Franz, die alten Knaben, sich gern an schönen Frauen laben.«
Das muss jene Art von Schwachsinn sein, die der MDR mit Infotainment verwechselt und auch exportiert. Dann heißt der Themen-Mix »Brisant« und dekoriert als Boulevardmagazin täglich das ARD-Nachmittagsprogramm.
So ist er eben, der Emm Dee Err, dessen drei Buchstaben da längst für »Mach dich raus!« stehen könnten. Zumindest für westdeutsche Augen, denen der Ostkanal kein anderes Land zeigt, sondern eine andere Welt. Wie die von »Mach dich ran«-Moderator Petzold eben, der sich zum Finale unverdrossen seinen Gebührenzahlern ausliefert.
Da steht er dann in seiner Einkaufszeile und verlost ein Kinderplanschbecken. Ein Rentner in Kunstlederjacke gewinnt, weil er richtig tippt, dass das Wasser 17 Grad kalt ist. Petzold fragt die Passanten, ob der Mann noch reinspringen solle. Es ist ein Scherz. Der Gewinner grinst unsicher. Im Pulk grauer Gesichter und verwaschener Discount-Blousons lacht niemand. Stille Tage im Klischee.
* »tierisch, tierisch« mit Uta Bresan.