PHILIPPINEN »Am seidenen Faden«
SPIEGEL: Wie sieht nach fünf Wochen Geiselhaft Ihr Tagesablauf aus?
Werner Wallert: Man liegt und sitzt nur herum. Manchmal gehen wir den Weg hoch zu einem kleinen Kiosk. Da trinken wir eine Cola, die wir kaufen müssen. Zum Glück hat uns jemand Geld dagelassen. Außer Cola und Keksen gibt es dort allerdings nichts zu kaufen.
Marc Wallert: Ich bin gesundheitlich besser dran und vertreibe mir den Tag mit vielen Spaziergängen. Große Aktivitäten oder intellektuelle Abwechslung gibt es nicht.
SPIEGEL: Können Sie in der Nacht ruhig schlafen?
Renate Wallert: Die Nächte sind furchtbar, sie sind das Schlimmste, was es überhaupt gibt. Sie hören nie auf. Da ist der Krach der Bewacher. Sie feiern. Offenbar wollen sie so ihre Angst bekämpfen.
Marc Wallert: Es wird auch viel gebetet. Sie spielen zuweilen Endlosbänder mit Gebeten ab. Das ist schon sehr laut. Sie haben auch die Gefechte mit der philippinischen Armee mit einem Walkman aufgenommen. Das Band spielen sie immer wieder ab. Meine Mutter macht das jedes Mal fertig, weil immer wieder dieselben furchtbaren Geräusche zu hören sind, etwa der Einschlag von Granaten oder der Schusswechsel. Ansonsten wird pausenlos geschrien, gerotzt, gespuckt. Nur für zwei Stunden ist wirklich Ruhe.
SPIEGEL: Herr Wallert, Sie tragen einen Kopfverband. Was ist passiert?
Werner Wallert: Ich bin nicht verletzt. Ich habe eine Erkältung mit einer Drüsenschwellung am Hals, die ein wenig druckempfindlich ist. Ich habe Fieber ...
Renate Wallert: ... 39,3 ...
Werner Wallert: ... und außerdem Kopfschmerzen. Doch meine Frau hatte noch aus ihrer Hausapotheke ein Mittel parat.
Renate Wallert: Mein Mann hat auch Medikamente bekommen, Paracetamol. Eine Französin hat uns das geschenkt.
SPIEGEL: Frau Wallert, wie geht es Ihnen inzwischen?
Renate Wallert: Ich sitze den ganzen Tag in der Hütte herum und gehe zweimal am Tag in den Busch. Dabei werde ich von meinem Mann oder meinem Sohn getragen.
SPIEGEL: Es heißt, Sie hätten zwei Herzanfälle erlitten.
Renate Wallert: Ja. Aber jetzt hat sich mein Zustand stabilisiert. Wenn ich nicht laufe, ist es gut. Ich habe Tabletten gegen den hohen Blutdruck bekommen. Nun ist er sehr niedrig, 90/70, und ich habe die Tabletten wieder abgesetzt. Wenn nicht geschossen wird und kein Aufbruch bevorsteht, geht es ganz ordentlich. Ich kann allerdings nicht auf Berge klettern und nur fünf Minuten lang gehen. Sollten wir wieder mal umziehen müssen, dann setzt mein Herz aus, dann werde ich ohnmächtig.
SPIEGEL: Sie sollten erneut verlegt werden?
Werner Wallert: Ja. Wir sollten in ein anderes Camp. Doch es war wohl ein falscher Alarm. Nun sind wir bereits seit einigen Tagen in dieser Hütte. Vorher waren wir weiter oben, auf dem Berg. Zwischendurch mussten wir mehrere Tage im Freien zubringen. Das war furchtbar.
Renate Wallert: Es hat geregnet, wir hatten überhaupt keinen Schutz. Da fingen meine Ohnmachtsanfälle an.
SPIEGEL: Erhalten Sie die Sachen, die Ihren Entführern für Sie mitgegeben werden?
Renate Wallert: Wir bekommen nur ein Viertel von dem, was wir brauchen. Und alles, aber auch alles, wird mit den anderen und den Bewaffneten geteilt. Wir haben sehr wenig zu essen, doch nun besitzen wir Geld. Wir können uns Fische kaufen, schon dreimal. Jemand bereitet sie für uns zu. Einmal haben wir viel Geld ausgegeben für ein schönes Essen mit großen Fischen, zwei Gurken und Tomatensalat. Das muss dann wieder für eine Woche reichen.
SPIEGEL: Was fehlt Ihnen vor allem?
Renate Wallert: Viele Dinge. Toilettenpapier, Orangensaft, zum Beispiel. Wir haben jetzt insgesamt nur drei Decken bekommen, es müssten aber viel mehr sein. Mein Mann friert nachts, weil es nichts zum Zudecken gibt. Wir haben vier T-Shirts, unsere alten eingeschlossen. Ich trage jetzt ein T-Shirt mit der Aufschrift »Qaddafi«. Die Hose hatte ich schon in Malaysia an. Inzwischen habe ich noch eine Jacke, getragene Jeans und Turnschuhe von einem Soldaten erhalten.
SPIEGEL: Wie verstehen Sie sich mit den anderen Geiseln?
Werner Wallert: Es gibt keine starken Konflikte. Natürlich entstehen zuweilen Spannungen, dann bilden sich einzelne Gruppen wieder neu.
SPIEGEL: Wann wussten Sie nach der Entführung aus Ihrem Ferienort in Malaysia, wer Ihre Kidnapper eigentlich sind?
Werner Wallert: Schon auf dem Boot. Sie hatten MNLF-Abzeichen auf ihren Uniformjacken. Ich wusste dann, dass es sich um die Mindanao-Befreiungsfront handelt.
SPIEGEL: Hatten Sie jemals vorher von der MNLF gehört?
Werner Wallert: Ja, unter anderem aus dem SPIEGEL.
SPIEGEL: Haben Ihre Entführer Ihnen erklärt, was sie eigentlich wollen?
Renate Wallert: Aber ja, wir erhalten Lektüre. Wir sollen uns schlau machen.
Werner Wallert: Daran ist ihnen sehr gelegen. Es geht sogar so weit, dass sie uns zum Islam bekehren wollen.
Renate Wallert: Das ist ihnen sehr wichtig. Sie wollen die ganze Welt verändern. Es sind sehr, sehr fanatische Menschen.
Marc Wallert: Die Erklärungen begannen schon gleich in der ersten halben Stunde. Sie decken das ganze Spektrum ab: über den Unabhängigkeitskampf auf den Philippinen, über Erschießungen und Lösegeldforderungen bis hin zum aktuellen Konflikt auf Mindanao. Bis wir das in Ansätzen verstanden hatten, dauerte es ähnlich lange, wie sich die Verhandlungen über unsere Befreiung hinziehen.
SPIEGEL: Wissen Sie, was Ihre Bewacher fordern?
Marc Wallert: Die Forderungen scheinen auch jetzt noch nicht klar zu sein. Offenbar würde sich eine Gruppe durchaus mit Geld zufrieden geben, während die anderen Geiselnehmer ganz hoch gesteckte, utopische Ziele verfolgen.
SPIEGEL: Haben Sie jemals an Flucht gedacht?
Werner Wallert: Nein, ich wusste von vornherein, dass dies unmöglich ist. Es gab einen von uns, der vielleicht etwas abenteuerlicher dachte, aber den haben wir darauf eingeschworen, nichts zu unternehmen. Wir waren ja teilweise von mehreren hundert Kämpfern umgeben, und das Vertrauen war dann so groß, dass sogar Waffen unbewacht herumlagen.
SPIEGEL: Breitet sich unter den Geiseln das so genannte Stockholm-Syndrom aus, gibt es jemanden, der Sympathien für die Entführer entwickelt?
Renate Wallert: Natürlich. Wenn ich von vier Entführern auf einer Trage von einem Camp zum anderen transportiert werde, dann bin ich ihnen dafür dankbar. Sonst wollte mich keiner tragen. Aber das fällt sicher nicht unter das Stockholm-Syndrom.
Werner Wallert: Sogar einer unserer Entführer diskutierte über diesen Begriff, ein intelligenter Mann mit Hochschulstudium. Wir haben ihn allerdings nur angeschmunzelt. Man muss aber auch bedenken: Als die Armee attackierte, übernahmen die Entführer die Rolle unserer Verteidiger. Beim ersten Angriff lagen wir ja mitten unter den feuernden Kämpfern.
SPIEGEL: Die Armee wollte Sie befreien?
Werner Wallert: Das war ein grässlicher Angriff. Falls das eine Befreiungsaktion gewesen sein sollte, war sie unprofessionell durchgeführt. Wir haben uns sagen lassen, dass Artillerie vom Kaliber 105 Millimeter eingesetzt wurde. Wir hatten den Eindruck, als habe der philippinische Präsident, der ja auch Oberbefehlshaber ist, die Marschroute ausgegeben: »Bringt die Sache hinter euch, und dann liefern wir eine tränenreiche Entschuldigung.«
Renate Wallert: Diese Gefahr besteht immer noch. Wir sind immer noch nicht sicher, ob wir überhaupt hier rauskommen. Unser Leben hängt an einem seidenen Faden. Sie von der Presse können überhaupt nichts für uns tun, gar nichts. Sie können die Welt wachrütteln, und es hilft trotzdem nichts. Diese Hoffnung haben wir völlig abgeschrieben. Wir sterben hier, und Sie können nichts tun!
SPIEGEL: Sind Sie über den Stand der Verhandlungen informiert?
Marc Wallert: Nur in Ansätzen. Aus der Entführergruppe erhalten wir manchmal Informationen. Aber drei Leute machen dann drei unterschiedliche Aussagen.
Werner Wallert: Dass man vier Wochen für den Beginn der Verhandlungen gebraucht hat, lag sicher nicht nur an der philippinischen Regierung, sondern wohl auch an der chaotischen Entscheidungslage auf der Seite unserer Entführer.
Marc Wallert: Wir fürchten, dass die Regierung ein korruptes Spiel spielt, um Zeit zu schinden. Jeder will offenbar Anteil haben an den Verhandlungen. Das zermürbt uns gewaltig. Wenn der Befehl kommt, die Sachen zu packen, weil das Militär anrückt, dann fallen Mitgefangene, die keine Energien mehr übrig haben, auf der Stelle um.
SPIEGEL: Was erwarten Sie von der deutschen Regierung?
Marc Wallert: Uns wurde gesagt, dass die deutsche Regierung wie alle anderen Regierungen und Organisationen den dringenden Rat bekommen hat, sich rauszuhalten. Das kann man nur so hinnehmen. Angenommen, die philippinische Regierung bemüht sich ernsthaft, eine Lösung zu finden, macht es uns natürlich Angst, wenn die Armee dann leichtfertig unser Leben aufs Spiel setzt. Entweder waren wir der philippinischen Regierung egal, oder sie hatte keine Kontrolle über das Militär. Das ist eine höchst unangenehme Situation. INTERVIEW: ANDREAS LORENZ