ÖSTERREICH Armada der Aufrechten
Ton Buitinga ist Dirigent des Knabenchors »De Buddy's« im niederländischen Delft. In dieser Funktion bringt er mit Klompen, klobigen Holzpantinen, beschuhten Heranwachsenden das Singen bei. So lange, bis der Stimmbruch kommt.
Seit 32 Jahren ist Buitinga im Amt, seit diesem Jahr ist er berühmt: Sein Lied »Kauft nicht von Österreichern«, gesungen mit den glockenhellen Stimmen unschuldiger »Buddy's«, hat Aufsehen erregt. »Kauft nicht bei Juden«, hieß es in Nazi-Deutschland, ehe am 9. November 1938 die Scheiben von Geschäften wie Synagogen klirrten.
»Jörg, Jörg nur du allein, sollst die Quelle des Elends sein«, lässt Buitinga seine Zöglinge im Alter von acht Jahren aufwärts singen: »Wir sind allergisch gegen dein Gesicht, Demagogie, das gefällt uns nicht.« Das antifaschistisch grundierte Bemühen der musischen Delfter, den Sanktionsbeschluss der 14 EU-Staaten gegen Österreich auch im täglichen Leben umzusetzen, wird derzeit auf 3000 CDs gepresst und verewigt.
Wiens Botschafter in Den Haag, Alexander Christiani, hat sich über das Lied »Kauft nicht von Österreichern« beklagt und vom Missbrauch Unmündiger gesprochen. Zum Botschafter-Diner von Königin Beatrix am 10. Mai ist er nicht mehr geladen worden. Protokollarisch steht er damit nun auf einer Stufe mit dem Emissär von Jugoslawiens Präsident Slobodan Milosevic.
Diese Degradierung hat nun wiederum Wiens langjährigen und geachteten Honorarkonsul in Den Haag, Heinrich Orsini-Rosenberg, dazu bewogen, den ihm für seine Verdienste verliehenen Oranje-Orden umgehend ins Reich der Tulpenzwiebeln und Käsekugeln zurückzuexpedieren.
Im Februar ist Wolfgang Schüssel mit dem Segen der stimmenstärkeren Partei Jörg Haiders, der FPÖ, zum Bundeskanzler gewählt worden. Es folgte ein Sanktionsbeschluss der 14 EU-Staaten, der Österreichs Regierung international isolieren sollte. Die Maßnahmen zur diplomatischen Kontaktsperre werden seitdem ergänzt durch bisweilen bizarr anmutende Boykottaktionen, verhängt von einer europäischen Armada der Aufrechten.
Die allgemeine Wehrpflicht den Anfängen des Haider-Faschismus gegenüber wird von den unterschiedlichsten Seiten befolgt: Die Universität Turku sagt ein Österreich-Seminar ab; in Oslo entfallen auf Wunsch der Referenten nacheinander ein Musil- und ein Handke-Abend; belgische Soldaten streichen ihre Teilnahme an den militärischen Skiweltmeisterschaften in Österreich.
Es entfällt der Österreicher-Ball in Straßburg am 27. Mai, weil die Stadtväter der elsässischen Metropole ihre Unterstützung zurückziehen. Österreichs Botschafter in Paris muss das geplante Nougat-Naschen in Tours stornieren. Einzelne Rehschlegel und Wildschweinkeulen aus Haiders Heimat finden nicht mehr den Weg in französische Pfannen und Töpfe - Importstopp.
Kuriosa, sonst nichts? Die erste wirkliche Sanktion, die auch Nicht-Politiker in Österreich schmerzlich verspürt hätten, seien, so spottete ein Wiener Journalist, 13-mal »Austria, zero points« beim europäischen Schlager-Grand-Prix in Stockholm gewesen. Franzosen und Portugiesen hätten sich auch bei dieser Strafaktion wieder eifrig beteiligt.
In Wahrheit entsteht in den Bereichen Bildung und Kunst durch Wohlmeinende durchaus Schaden. Da wird eine Architektur-Ausstellung in Graz von spanischer Seite abgesagt und im belgischen Eupen darauf verzichtet, Bilder Schieles und Klimts zu zeigen. Da wird ein europäisches Rabbiner-Treffen von Wien nach Bratislava verlegt, als müssten Juden in Österreich wieder um ihr Leben fürchten; und Lehrlinge aus dem Burgenland werden in letzter Sekunde von Gastgebern aus La Rochelle ausgeladen.
Schüler des Wiener Elitegymnasiums Theresianum sind bis heute fassungslos über den Empfang, der ihnen in Straßburg bereitet wurde - ausgerechnet beim Projekt Euroscola, das der Jugend die Europäische Union näher bringen soll. Die Diskussionsbeiträge der Österreicher im Plenum seien totgeschwiegen oder ausgebuht worden, sagt die Schülerin Rhana Neidenbach: »Wir wurden auch beschimpft, und zwar als Rassisten und Nationalsozialisten.«
Nachdem die Sache publik wurde, dürfen die Theresianer nun auf Initiative der französischen Botschaft und mit Hilfe des Sponsors Peugeot eine Trostreise nach Paris antreten, um sich, zuvorderst im Louvre, aber auch im Senat, ein Bild von wahrer französischer Kultur zu machen.
Österreichs Botschafter in Paris hingegen, Franz Ceska, musste unlängst beim Treffen in der französischen Nationalversammlung als einziger Gesandter eines EU-Mitgliedstaats draußen bleiben, während Frankreich drinnen seine Vorstellungen von der künftigen EU-Ratspräsidentschaft diskutierte. Dabei wäre gerade Ceska interessiert gewesen, denn einfacher wird es nach Lage der Dinge für Österreich auch dann nicht. In Wien treibt daher jetzt bei sommerlichen Temperaturen der ortsübliche Sarkasmus Blüten: »Warum ist es in Österreich zur Zeit so heiß? - Weil wir so gut isoliert sind.«
In österreichischen Reisebüros neigen die international geächteten Opfer der Anti-Haider-Allianz inzwischen vereinzelt zu Symptomen spontaner Rachsucht, berichtet der Tourismus-Manager Joseph Reitinger-Laska.
»Griechenland ist in der EU?«, werde da gefragt und schnell umentschieden: »Dann fahren wir doch lieber in die Türkei.« WALTER MAYR