Atlantis des Motorenkults - DER SPIEGEL
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AUTOKONZERNE Atlantis des Motorenkults

Nahezu eine Milliarde Mark investierte VW in den Erlebnispark »Autostadt«. Glaspaläste und Kulturspektakel sollen die Retortensiedlung Wolfsburg zur Touristenattraktion adeln.
• aus DER SPIEGEL 22/2000
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Der Bahnfahrer findet sie am leichtesten, die Autostadt. Kaum dem ICE entstiegen, überquert er den Mittellandkanal auf einer neu errichteten Fußgängerbrücke und erreicht die laut VW größten gläsernen Hallentore der Welt.

18 Meter ragen die drehbaren Pforten empor. Diesen Mittwoch wird der Kanzler hindurchschreiten, einen architektonischen Gigantismus einzuweihen, der hier in der niedersächsischen Tundra so befremdlich wirkt wie ein Olympiazentrum in Rheda-Wiedenbrück.

Vier Jahre Arbeit und eine Investitionssumme von 850 Millionen Mark erfüllten den Wunsch des VW-Chefs Ferdinand Piëch, 25 Hektar Wolfsburg in ein Atlantis des Motorenkults zu verwandeln. Unmittelbar hinter dem vierschlötigen Werkskraftwerk, wo bis dahin nur Ölfässer und Kohleberge lagerten, entstand ein hügeliger Erlebnispark, für den 22 000 Quadratmeter künstliche Wasserflächen angelegt, 120 000 Kubikmeter Boden bewegt, 650 Bäume und 110 000 Blumenzwiebeln gepflanzt wurden. 400 Architekten, angeführt von Chefplaner Gunter Henn, erdachten das Ensemble.

Als Dädalus postmoderner Industrie-Tektonik hat der Münchner Ingenieur und Architekt schon zahlreiche Führungsetagen, Forschungszentren und Fabriken in Stahl und Glas gepackt. »Piëch«, sagt Henn, »ist ein unglaublich großer Bauherr, vergleichbar mit August dem Starken oder Napoleon.« Als eines der größten Henn-Projekte drehe sich die Autostadt um eine Kardinalfrage, die womöglich noch nie ein VW-Fahrer gestellt hat: »Was ist die bauliche Komponente der Marke?«

Offenbar steht sie nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit Fahrzeugen. Eine große, nahezu unmöblierte Halle empfängt den Besucher des Wolfsburger Erlebnisparks. Henn: »Es wäre fürchterlich, wenn hier Autos stünden.«

Ein Riesenglobus aus Metallrohren dominiert die »Piazza«, den Vorhof zur Autostadt. Unter dem Glasboden rotieren weitere 60 Mini-Erdbälle mit Informationen über so unautomobilistische Sachverhalte wie Säuglingssterblichkeit und Lebenserwartung in verschiedenen Erdteilen. Das Installationspaar »Mondo 1« und »Mondo 2« des Künstlers Ingo Günther bildet den Auftakt zu einem Sammelsurium kultureller Erlebnisse, die den Besucher der Autostadt erwarten.

Die Hauptattraktionen, teilweise Werke prominenter Künstler und Regisseure, halten das Produkt Auto oder gar die Marke VW bewusst auf Distanz. Das Highlight der in fünf Kinos und zwei Simulatoren gezeigten Filmproduktionen ist eine viertelstündige Kurzgeschichte zum Thema Sicherheit.

Statt das Publikum mit Crashtests zu behelligen, präsentiert Regisseur Dani Levy eine märchenhafte Love-Story mit hochkarätiger Besetzung als ersten Spielfilm der Welt, der mit einer neunobjektivigen Kamera für eine 360-Grad-Projektionsfläche gedreht wurde. Zu Pferde durchmisst Hauptdarstellerin Meret Becker die isländische Ödnis auf der Rundumleinwand. Ihr Ziel ist die absolute Sicherheit, die sie am Ende nicht findet.

Wenige Schritte weiter behandelt ein Kurzfilm von Rainer Kaufmann das Thema »soziale Verantwortung« in einer Omnibus-Irrfahrt mit drolligen Pannen und Happy End. Kein Satz der aufwendig produzierten Stücke rät auch nur indirekt zum Kauf eines VW. »Was wir hier machen, ist ein Zeichen tiefgreifenden Wandels in Vertrieb und Marketing«, doziert Vertriebsvorstand Robert Büchelhofer.

Sicher begegnet der Besucher auch ganz konkreten Autos, etwa im »Zeithaus«, dem Museum der Autostadt. Zu den VW-Exponaten - Hauptattraktion ist der 500 000 Mark teure Nachbau eines Prototyps aus der Erprobungsphase des Käfers - wurden wohldosiert auch epochale Fahrzeuge anderer Hersteller gestellt: das erste Benz-Dreirad zum Beispiel, Fords T-Modell oder der englische Mini.

Der zentrale »Zeithaus«-Film über das Rad, welches der Mensch »sich vom Himmel erbat«, überschreitet dann etwas unvermittelt die Grenze zur religiösen Theatralik, und dies laut Chefplaner Henn durchaus mit Methode: »Kirche und Staat ziehen sich zunehmend aus dem öffentlichen Raum zurück, weil sie ihn nicht mehr ausfüllen können. Die Unternehmen haben die Pflicht, diesen Raum zu besetzen.«

Dass dieser Raum ein Minenfeld ist, sei ein Grund mehr, ihn zu erobern: »Wir müssen so etwas machen, damit man uns nämlich entlarven kann.«

Unbehelligt von derlei vergeistigtem Gedanken-Seiltanz werden die meisten Besucher in der Autostadt das sehen, was sie in erster Linie ist: ein Auslieferungszentrum für Neuwagen. Herzstück der Anlage sind zwei 48 Meter hohe, zylindrische Glastürme, die je 400 Fahrzeuge aufnehmen können. Einem überdimensionalen Smart-Center gleich, wo ebenso transparente Hochregale als Lagerstätte dienen, überragen sie die Autostadt.

Über eine vollautomatische Transportbahn werden die Fahrzeuge in die Türme gestapelt und von dort zur benachbarten Auslieferungshalle gebracht. 1000 Autos pro Tag soll das System bewältigen - ein internationaler Rekordwert. Als erster Massenproduzent wagt VW die direkte Auslieferung ab Werk. Sie ist ein Teil des kühnen Piëch-Plans, Volkswagen ein ähnliches Renommee wie Mercedes angedeihen zu lassen. Geplant ist sogar ein Gepäckservice, der die Koffer der Kunden am Bahnhof entgegennimmt und schon vor der Auslieferung im Wagen deponiert.

Sollte der Andrang alle Erwartungen übertreffen, ließe sich die Auslieferungskapazität durch zwei weitere Türme verdoppeln - die Fundamente sind bereits gelegt.

Die Generalprobe für den Systemstart ging freilich gründlich schief. Ausgewählte VW-Händler sollten am vergangenen Montag die ersten Modelle des neuen Vans Sharan im Kundenterminal abholen. Doch die Großraumlimousinen stauten sich stundenlang in den Katakomben der Autostadt. Entnervt reisten einige Händler mit der Eisenbahn ab.

Das Projekt ist im Handel sehr umstritten. Ausgerechnet zu einer Zeit, in der die Autoindustrie vor einer Absatzkrise steht - die Verkaufszahlen von VW werden in diesem Jahr voraussichtlich um zehn Prozent zurückgehen - erscheint die Piëchsche Baulust nicht wirklich opportun. 2000 neue Mitarbeiter werden für die gesamte Anlage beschäftigt, 800 davon allein zur Bewältigung der Auslieferungslogistik.

Laut Autostadt-Geschäftsführer Otto Ferdinand Wachs soll sich die gesamte Anlage mit ihren diversen Restaurants und Bistros nach der stattlichen Grundinvestition betriebswirtschaftlich selbst tragen. Bei einem Eintrittspreis von 24 Mark und Gratis-Einlässen für alle Abholer von Neuwagen erscheint dieses Ziel kaum realistisch. Maximal zwei Millionen Besucher pro Jahr könne die Autostadt zu einem »offenen Dialog« (Wachs) empfangen. Doch wo sollen die herkommen?

Um das Interesse auszuloten, lud VW bereits zahlreiche Testgäste aus dem Umland ein. Neugierig durchstreiften die Niedersachsen das Gelände, das in die Autostadt integrierte Luxushotel Ritz-Carlton, das sich mit Übernachtungspreisen von bis zu 2500 Mark nicht jedem VW-Kunden als Herberge anbieten dürfte, und die Markenpavillons der VW-Töchter Bentley, Lamborghini, Skoda, Seat und Audi, deren Botschaft sich einem breiten Publikum sicher nicht auf Anhieb erschließt.

Im Seat-Pavillon zum Beispiel erwartet die Besucher ein Panoramakino, in dem Sequenzen mediterranen Lebens eingespielt werden. Als auf der Leinwand ein betagter Spanier vor der Mittelmeerbrandung gleichmütig Zeitung liest, meint die Besucherin aus Gifhorn: »Irgendwie fehlt 'n Auto.« Ihr Begleiter erwidert unsicher: »Ich glaube, das ist hier der Mythos oder so.« CHRISTIAN WÜST

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