Budenzauber im Göttertempel
Er war König und wurde als Halbgott verehrt. Als Alexander der Große (356 bis 323 vor Christus) in Babylon starb, hinterließ er ein Reich von über vier Millionen Quadratkilometern.
Bis heute ist das Leben des Makedoniers von Legenden umrankt. Hat ihn wirklich die Malaria hingerafft? Wieso ist sein Grab unauffindbar? Und warum pilgerte der Feldherr tief in die Westwüste und befragte das Orakel von Siwa?
In der Überlieferung wird »Sehnsucht« als Motiv für die Reise genannt. Experten vom Deutschen Archäologischen Institut haben eine andere Erklärung vorgelegt: Der Zug nach Siwa war ein politisches Meisterstück, unterstützt von bestechlichen Oasenpriestern, die dem Feldherrn aus der Klemme halfen.
Das kam so: Im Winter 332/331 war Alexander mit seinen Truppen in Ägypten eingefallen - ein gefährliches Abenteuer. Erst im Jahr zuvor hatte der Stratege die Großmacht Persien attackiert (333 - »Issus Keilerei"), ohne den Gegner entscheidend schlagen zu können. Nun machte er am Nil eine zweite Front auf.
Ägypten war zwar schnell überrannt. Dennoch spitzte sich die Lage zu. Die konservativen Priester von Theben verweigerten dem »dahergelaufenen Barbaren« (der Archäologe Klaus Peter Kuhlmann) die Inthronisierung als Pharao.
Diese Zeremonie vollzog sich nach altem Brauch direkt vor der Statue des Reichsgottes Amun ("Der Verborgene"). Die Götterfigur stand streng abgeschirmt
im Tempel von Karnak. Ausschließlich ein Pharao hatte das Recht, ihr vors Antlitz zu treten. Jeder neue Gottkönig musste zum Amtsantritt nach Theben reisen. Dort erhielt er, in privater Audienz mit dem Gott, ein zustimmendes Orakel.
Doch die thebanischen Priester sperrten sich. Sie verweigerten Alexander den Zutritt ins Allerheiligste.
Damit ergab sich eine verzwickte Lage. Der Eroberer herrschte ohne Legitimation. Im Land machte sich Unruhe breit. Zugleich zog Alexanders Hauptfeind, der Perserkönig Dareios, eine neue Streitmacht zusammen, darunter Sichelwagen und Kampfelefanten.
In dieser Lage verfiel der Grieche auf eine List. Auch in Siwa, das nicht zum Nilreich gehörte, stand ein Abbild Amuns. Die Priester dort waren zu der Prozedur bereit und ließen den Fremden vor.
Auch den Ablauf des Orakel-Verfahrens konnte Kuhlmann rekonstruieren. Er basierte auf einem architektonischen Trick, die Pfaffen betrieben Budenzauber (siehe Grafik):
Nach dem Empfang wurde Alexander zuerst ins Sanktuar vorgelassen (1). Dort trug er dem Götterbild laut murmelnd seine Wünsche vor. Währenddessen war über einen versteckten Seitengang (2) ein priesterlicher Horchposten aufs Tempeldach geklettert. Von dort kroch der Spion durch eine Dachluke und gelangte in eine fensterlose Geheimkammer direkt über dem Sanktuar (3). Mit dem Ohr am Holzboden konnte er die Worte des Feldherrn hören.
Nachdem Alexander das Allerheiligste verlassen hatte, eilte der Lauscher zurück und aktualisierte eine vorgefertigte Schrift. Dieser Text - verstanden als Botschaft des Amun, die als Schriftrolle aus dem Himmel aufs Tempeldach fiel - wurde dem Feldherrn sodann im »Verkündigungsraum« vom Oberpriester vorgelesen (4). Entscheidend dabei war die Anredeformel. Sie lautete: »Sei gegrüßt, Sohn, und nimm diese Anrede als auch vom Gotte stammend.« Damit war Alexander ein Sohn des Amun - also Pharao.
Sofort nach dem Polit-Coup kehrte der Eroberer nach Memphis zurück. Die Bürger Ägyptens akzeptierten das Königsorakel von Siwa. Die Gefahr eines Zweifrontenkrieges war abgewendet.
* Ausschnitt aus dem römischen Mosaik »Die Alexanderschlacht«.