Kunstmarkt im Rauschzustand - DER SPIEGEL
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AUKTIONEN Kunstmarkt im Rauschzustand

Selten saß das Geld der Kunstkäufer so locker wie gegenwärtig - die jungen Aktien-Gewinnler mischen kräftig mit. Trotzdem verunsichern Skandale und Verteilungskämpfe die Auktionshäuser. Die Giganten Sotheby's und Christie's fürchten den Verlust ihrer traditionellen Übermacht.
• aus DER SPIEGEL 26/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Niemand weiß, wann genau es in die Besenkammer verbannt wurde: jenes Rokoko-Gemälde mit der kokett lächelnden Dame, um deren schimmernde Schulter so dekorativ ein weiter, bonbonfarbener Rüschenmantel drapiert ist. Kunsthistoriker hatten das Bild »Rückkehr vom Ball« - 1735 vom französischen High-Society-Künstler Jean-François de Troy gemalt - schon vor Jahrzehnten als verschollen gemeldet. Es soll, so viel war bekannt, eine der besten Arbeiten de Troys gewesen sein - immerhin hängt das Pendant »Vor dem Ball« im renommierten Getty-Museum in Los Angeles.

Die vermisste Rüschendame aber, das klärte sich erst vor wenigen Monaten, wurde um 1900 von einem englischen Privatsammler gekauft und dann weitervererbt; doch offenbar gefiel sie nicht allen seinen Nachkommen. Nach einem Todesfall in der Familie entdeckten Angehörige das Bild in einem Schrank unter einer Treppe. Statt es in den Müll zu werfen, was der ursprüngliche Entsorgungsplan war, brachten sie es zum Londoner Auktionshaus Phillips.

Zu ihrem Glück: Am 4. Juli soll der Fund versteigert werden - unter 1,2 Millionen Mark wird er nicht hergegeben. Phillips-Direktor Dan Klein rechnet sogar mit »weitaus höheren Geboten«. Das Interesse bei Museen und Privatsammlern, schwärmt er, sei »enorm groß«.

Über eine solche Beachtung in der Kunstwelt dürften die Auktionatoren noch lauter jubeln als die Erben des Bildes: Jeglichen Gewinn an Aufmerksamkeit feiert Phillips als Triumph - kratzt er doch an der Übermacht der Konkurrenten Sotheby''s und Christie''s.

Und die ist noch unangefochten - die beiden Mammuts teilen sich schließlich 95 Prozent einer Branche, die im Jahr etwa zehn Milliarden Mark umsetzt. Phillips, mit knapp 400 Millionen Mark Umsatz die Nummer drei auf dem Markt, gilt eher als »verschlafen« ("New York Times").

»Neben uns zwei Giganten«, so selbstbewusst sieht es Tobias Meyer, Vorstandsmitglied von Sotheby''s, »hat es immer nur Zwerge gegeben, die aufmopsten, was wir liegen gelassen haben.«

Allerdings setzt Phillips gerade alles daran, zum gefährlichen Giftzwerg zu mutieren. Die Firma wolle, verkündet Klein, »neue Verhältnisse am Markt etablieren« - und dabei das Beinahe-Duopol der beiden Groß-Konkurrenten knacken.

So viel Mumm zur Attacke kommt nicht von ungefähr: Seit Herbst 1999 gehört Phillips zum Pariser Mode- und Champagnerkonzern Louis Vuitton Moët Hennessy. Und der Herr über dieses Luxus-Imperium, Großinvestor Bernard Arnault, lässt den Auktionshammer schwingen, um seinen Lieblingsfeind François Pinault zu ärgern - zu dessen Firmenreich seit 1998 Christie''s gehört. Seit Jahren führen die beiden Franzosen ihren »Kampf de Luxe« ("Time Magazine"), den selbst das abgehärtete »Wall Street Journal« als »brutal« empfindet.

Um zu beweisen, dass er es ernst meint, hat Profi-Einkäufer Arnault nach Phillips gleich noch das französische Auktionshaus Tajan geschluckt. Anteile an Internet-Versteigerern besitzt er sowieso.

Davon, dass der »Mann mit der stählernen Maske« ("Herald Tribune") Sotheby''s und Christie''s zittern lässt, spürt man auf deren Auktionen freilich noch nichts. Zurzeit, dagegen kann auch Arnault nichts ausrichten, laufen ihre Geschäfte nämlich richtig gut. Ganz gleich, ob barocke Altmeis-

ter, knallige Zeitgenossen, Impressionisten oder die Ikonen der klassischen Moderne: Das Geschäft boomt. Begehrt ist, was nach Spitzenqualität aussieht - und gekauft wird bevorzugt bei Sotheby''s und Christie''s.

Bei den marktstrategisch wichtigen New Yorker Frühjahrsauktionen im Mai kassierte Sotheby''s etwa für eine von Claude Monets atmosphärischen Ansichten der Kathedrale von Rouen 52 Millionen Mark - und damit den zweithöchsten Preis, der je für einen Monet erzielt wurde. Christie''s kam mit Picassos Arrangement seiner Geliebten vor ein paar Tulpen gar auf 62,6 Millionen Mark.

Für die 1988 entstandene Porzellanskulptur »Woman in Tub« des amerikanischen Kitsch-Fetischisten Jeff Koons machte ein anonymer Bieter in New York 3,75 Millionen Mark locker - obwohl die badende Nackte nicht einmal ein Unikat ist. Über so viel »Ekstase« und »irrationalen Überschwang« konnte sich die »Neue Zürcher Zeitung« nur wundern.

Und weil das Big Business gerade so brummt, schieben die Kolosse bei den anstehenden Londoner Auktionen weitere Brocken hinterher: Christie''s am Mittwoch beispielsweise eine Frucht- und Krugvariation vom Star-Impressionisten Paul Cézanne. Schätzpreis: 27 bis 36 Millionen Mark.

Sotheby''s will am Dienstag für eine 98 Zentimeter hohe Tänzerinnen-Skulptur, die Ballett-Freak Edgar Degas um 1880 entwarf, 23 bis 29 oder noch mehr Millionen Mark erzielen. Schon im schlechtesten Fall wären das über 230 000 Mark pro Zentimeter.

Bei seinem Altmeister-Event holt Sotheby''s am 6. Juli dann eine »Heilige Familie« des Barockvirtuosen Orazio Gentileschi aufs Podest - der 4,5 bis 6 Millionen Mark schwere Gentileschi, giften die Auktionatoren in Richtung Phillips, sei wahrhaft eine spektakuläre Entdeckung und begeistere die Kunstwelt erst recht.

Angeheizt wird der aktuelle Kunst-Hype, da sind sich alle Versteigerer einig, von den jungen Cyber-Gewinnlern, die ihr Vermögen mal eben mit Internet- und Technologieaktien zusammenspekulieren - und es genauso fix wieder ausgeben.

Dass die Dot.com-Generation dazu in die Auktionssäle rennt, wundert Sotheby''s-Vorstand Meyer nicht. Viel Geld zu riskieren und nie sicher zu sein, ob man das Stück am Ende tatsächlich ergattert - dieser Nervenkitzel, meint Meyer, »passt zum Zeitgeist«. Auktionen, frohlockt er, »gelten heute als sexy«.

Der Kunstmarkt im Rauschzustand. Aufsteiger Phillips aber muss, will er daran maßgeblich teilhaben, erst einmal draufzahlen. Man ködert mit horrenden Garantiesummen potente Einlieferer, um vergleichbare Star-Ware wie die Konkurrenz anbieten zu können.

Erstmals gelang den Briten das bei den New Yorker Mai-Auktionen. Das Phillips-Highlight, eine »Suprematistische Komposition« des russischen Quadrat-Stars Kasimir Malewitsch, hatte jahrzehntelang im New Yorker Museum of Modern Art gehangen und wurde dann von der Familie des Künstlers zurückerstritten.

Den Erben hatte Phillips einen hohen Preis garantiert - angeblich 30 Millionen Mark. Die Erwartung lag höher: bei mindestens 40 Millionen Mark. Eine Fehlannahme. Das Höchstgebot betrug am Ende netto gerade einmal 31 Millionen Mark.

Dabei hatte Phillips für den Auktionsabend eigens Hollywood-Blondie Sharon Stone als Animateuse engagiert - an sich eine clevere PR-Aktion, sollte doch ein Bruchteil der Einnahmen an eine von ihr unterstützte Aidshilfe-Organisation gespendet werden.

Nur rückte die wohltätige Schauspielerin den Bietern allzu dicht auf die noble Pelle und setzte sich gar einem potenziellen Käufer auf den Schoß. Solch aggressive Annäherung kam in der »versnobten Welt des New Yorker Auktionsmarktes« ("Newsweek") nicht gut an. Bei den Auktionen für impressionistische und moderne Kunst wurden dann auch nur 60 Prozent all der teuer eingekauften Monets, Cézannes und Picassos versteigert, die Gebote läpperten sich gerade einmal auf 87 Millionen Mark zusammen - erwartet hatte Klein »das Doppelte«.

Zufrieden, sagt er, sei er dennoch: »Wir sind nicht nur mit Mrs. Stone, sondern auch zum ersten Mal mit hochkarätigen Stücken aufgefallen.«

Immerhin war schon die anschließende Auktion für zeitgenössische Kunst ein »voller Erfolg« ("FAZ"). Phillips verkündete eine Verkaufsquote von 95 Prozent und weitere 24 Millionen Mark Einnahmen - im Vergleich zum vergangenen Herbst, als die Briten in New York gerade einmal 4 Millionen Mark umsetzten, ein kommerzieller Quantensprung.

»Alles in allem«, muss eine Christie''s-Managerin zugeben, »steigt Phillips gerade wie Phoenix aus der Asche.«

Und das Timing dazu ist perfekt. Kaum hatte sich Arnault Phillips einverleibt, da taumelten Sotheby''s und Christie''s in einen Mega-Skandal - und der größte Ärger steht ihnen noch bevor.

Im Januar erhärtete sich der Verdacht, die Marktriesen hätten sich 1991 illegal über ihre Provisionen - üblicherweise vom Einlieferer wie vom Kunden zu überweisen - abgestimmt und so selbstherrlich gegen das Kartellrecht verstoßen. In diesem Fall mussten ausgewählte Einlieferer offenbar gar nicht zahlen, die restliche Klientel umso mehr.

Den Tipp bekam die US-Justiz von keinem Geringeren als von Christopher Davidge, Ex-Chef von Christie''s. Mit den Enthüllungen sicherte er seinem langjährigen Arbeitgeber weitgehend Straffreiheit - und schickte nebenbei, so hämte das Fachmagazin »Artnews«, »Schockwellen durch den Kunstmarkt«.

Die reichten bis zu Sotheby''s nach New York, wo Großaktionär und Vorstandschef Alfred Taubman, aber auch die Direktorin Diana Brooks bald zurücktraten. Frühere Affären, zum Beispiel um angeblich übliche Versteigerungen von Schmuggelware, hatten beide noch ohne solche Blessuren überstanden.

Noch ist ungewiss, was Sotheby''s und Christie''s im Detail vorgeworfen werden kann. Am 18. Juli läuft in New York die Beweisaufnahme der Staatsanwaltschaft ab. Dann erst dürfen die Sotheby''s-Anwälte das wohl hoch belastende Material sichten.

Unabhängig davon, wie die kartellrechtlichen Bußen insbesondere für Sotheby''s ausfallen: Für beide Gebührenjongleure könnte die Angelegenheit ruinös teuer enden. Denn überdies verlangt eine Schar angesäuerter Kunden von beiden Firmen Schadensersatz in Milliardenhöhe.

Über ihre Sammelklage soll im Februar 2001 verhandelt werden. Sollte die Beweislage dann noch gegen Sotheby''s sprechen, will man die Klagewilligen zu einem - billigeren - außergerichtlichen Vergleich überreden. »Wir wollen ja nicht«, sagt eine Sotheby''s-Sprecherin, »dass am Ende nur Christie''s überlebt.«

Bei diesem apokalyptischen Ungemach ist es kein Wunder, dass die Sotheby''s-Aktie auf Niedrigniveau dümpelt.

Und wer weiß, ob nicht Phillips-Neueigentümer Arnault diese Gunst der Stunde nutzt. Angeblich hat sich der Großeinkäufer schon bei Sotheby''s umgesehen. Der Versteigerer will das »mögliche Interesse« des Franzosen nicht einmal dementieren. Angenommen, der Unberechenbare, der so harmlos grinsen kann, kauft Sotheby''s: Wird er dann Phillips noch behalten wollen?

So viel Krise war selten im nur quasi-seriösen Gewerbe: Sotheby''s-Mann Meyer aber wiegelt ab, er könne die Aufregung nicht verstehen. »Wenn ich den Kunsthandel im Ganzen sehe«, trotzt er, »dann arbeiten Christie''s und Sotheby''s unheimlich sauber.« Das sieht Phillips-Direktor Klein anders: »Von einer Mafia zu sprechen«, stichelt er, »wäre übertrieben« - ein Teich voller Haifische sei die Branche allemal. Umso mehr, hofft er, werde das Publikum fortan die »Alternative Phillips« begrüßen: »Bei uns werden alle Einlieferer und Kunden professionell und menschlich behandelt.« Womit er so diskret wie deutlich auf die »überhebliche Firmenkultur« der Konkurrenz anspielt.

Er muss es wissen: Klein hat immerhin jahrelang für Christie''s gearbeitet. ULRIKE KNÖFEL

* Mit Ehefrau und Schauspielerin Sharon Stone (l.).* »Rückkehr vom Ball« von de Troy (1735).

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