Seelenheiler im Labyrinth
Gern hätte der Dichter, ein nervöser Schöngeist, die Welt einmal von oben betrachtet, etwa von einem Felsgipfel oder von einer Turmspitze aus. Aber schon der Gedanke daran versetzte ihn in einen Zustand der Panik. Sein Magen hob sich, sein Puls begann zu hämmern, Schweiß trat ihm auf die Stirn.
In Straßburg, wo er 1770 zu Studienzwecken weilte, gelang es Goethe, seine Höhenangst ein für alle Mal zu besiegen. Mit weichen Knien, doch wild entschlossen, erklomm er dort den Turm des gotischen Münsters. Hoch droben, auf einer geländerlosen Plattform, starrte er wie betäubt in die Tiefe.
»Dergleichen Angst und Qual«, notierte er, »wiederholte ich so oft, bis mir der Eindruck ganz gleichgültig ward.« Fortan war er geheilt und im Stande, selbst auf wackligen Baugerüsten schwindelfrei herumzuturnen.
Die Rosskur, die Goethe sich verordnete, gehört inzwischen zum Standardrepertoire moderner Verhaltenstherapeuten. Angstneurotiker, die nicht über Goethes Mut und Willenskraft verfügen, werden von den professionellen Helfern auf Hochhausdächer begleitet, Patienten mit Platzangst behutsam in enge Liftkabinen komplimentiert. »Konfrontationstechnik« nennen die Fachleute das Verfahren, bei dem es darauf ankommt, dem Schrecken zu trotzen, bis er allmählich weicht.
Zur Goethe-Zeit, vor rund 200 Jahren, gab es keine Psychotherapeuten; die Psychologie war nur ein praxisferner Nebenzweig der Philosophie. Erst Ende des 19. Jahrhunderts war die Wissenschaft von der Seele mächtig aufgeblüht - und mit ihr das neue, viel versprechende Fach der Seelenheilkunde.
Doch die Seelentherapeuten, von Beginn an stets zerstritten, mussten auf die staatliche Anerkennung als Heilberufler lange warten, in Deutschland bis 1999. Seither dürfen sie, wie die Ärzte, ihre Dienste in eigenen Praxen frei offerieren und die von ihnen erbrachten Leistungen mit den gesetzlichen Krankenkassen abrechnen.
Zwar lässt das Psychotherapeutengesetz von 1999 nur die Vertreter von drei Behandlungsmethoden (Psychoanalyse, Tiefenpsychologie, Verhaltenstherapie) an die Kassenkrippe. Dennoch wird das Gesetzeswerk von den Seelenheilern einmütig als Triumph gefeiert: Erstmals fühlen sie sich den Medizinern gleichgestellt, die ihr Heilbehandler-Monopol schon aus Einkommensgründen zäh verteidigten.
Der vermeintliche Sieg allerdings hat die Widersacher der Psycho-Zunft keineswegs verstummen lassen. Sie zweifeln nach wie vor an der Kompetenz der neuen Heilberufler - und nun auch an der Weisheit des Gesetzgebers, der nicht nur den 40 000 deutschen Diplom-Psychologen, sondern auch Pädagogen und Theologen die Erlaubnis ("Approbation") zur Seelenbehandlung verspricht, sofern die Bewerber eine psychotherapeutische Zusatzausbildung nachweisen können.
Nur wer die Approbation besitzt, darf sich laut Gesetz fortan mit dem Titel »Psychotherapeut« schmücken; gewonnen ist damit nicht viel: Auch approbierte Psycho-Heiler dürfen weder Blut- noch Röntgenbilder auswerten, Reflexe prüfen oder Hirnströme messen und keine rezept-
pflichtigen Medikamente verordnen, nicht einmal den Seelentröster Valium.
Eher dunkel und zirkelschlüssig klingt im Gesetzestext die Beschreibung des psychotherapeutischen Berufsauftrags. »Ausübung von Psychotherapie«, heißt es dort in Paragraf 1, »ist jede mittels wissenschaftlich anerkannter psychotherapeutischer Verfahren vorgenommene Tätigkeit zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Störungen mit Krankheitswert, bei denen Psychotherapie indiziert ist« - eine Definition, die nach Ansicht von Kritikern gleichsam hilflos im luftleeren Raum schwebt.
»Wissenschaftlich anerkannt«, behauptet der Psychologe und Publizist Rolf Degen, sei auf dem weiten und zerklüfteten Feld der Seelenheilkunde so gut wie gar nichts. Wer im Riesenlabyrinth der Psycho-Theorien und -Praktiken nach einem roten Faden suche, verirre sich unweigerlich in einem Gestrüpp von »Mythen, Lügen und Irrtümern«.
In einem jetzt erscheinenden Buch tritt Degen, ein ausgewiesener Kenner der Psycho-Szene, zu einem furiosen Generalangriff auf die Seelenkundler an**. Auch nach nunmehr hundert Jahren Seelenforschung, so lautet sein Fazit, sei es ihnen nicht gelungen, auch nur ein einziges Rätsel der menschlichen Psyche zufrieden stellend zu lösen. Entsprechend dürftig falle der Heileffekt ihrer Bemühungen aus: »Keine einzige psychotherapeutische Schule kann Heilwirkungen vorweisen, die größer sind als der Effekt einer wirkstofflosen Zuckerpille (Placebo).«
Nahezu alles, was in der etablierten Psychotherapie gilt, ist in den Augen Degens Blendwerk und Scharlatanerie. In seiner pointenreichen Polemik, die der SPIEGEL in Auszügen abdruckt (siehe Seite 118), reißt Degen nicht nur psychotheoretische Eckpfeiler ein, die bislang als stabil galten - so etwa die Lehre von der »Verdrängung« unliebsamer oder schmerzlicher Erlebnisse ins »Unbewusste«.
Vielmehr, Degen hält das Jonglieren mit derlei auch bei Laien längst populären Begriffen obendrein für sozialschädlich: Es trübe, klagt er, den unvoreingenommenen Blick auf das eigene Ich wie auf das der Mitmenschen. Wer die Denkschablonen des Psychoanalyse-Gründers Sigmund Freud ("Ödipuskomplex«, »Wiederkehr des Verdrängten") fest in seinem Kopf installiert habe, merke am Ende gar nicht mehr, »dass er sich in Wirklichkeit nur antiquierte Metaphern des frühen Maschinenzeitalters überstülpt«. In diesem Sinne, schreibt Degen, habe Freud »gewiss einen größeren und bleibenderen Schaden angerichtet als Karl Marx«.
Mit solchen Verbalinjurien dürfte Degen die Seelentherapeuten kaum erschrecken. Ohnehin haben sich die meisten längst in aller Stille vom Gründervater Freud verabschiedet. Ihr Metier zerfällt seit langem in immer neue Fraktionen; allein in Deutschland, wo Dutzende von Psychologen-Verbänden miteinander rivalisieren, werden an die 600 unterschiedliche Behandlungsarten angeboten (siehe Grafik).
Was die Heiler mehr schmerzen wird, ist Degens Vorwurf, in der Psycho-Branche herrsche eine verbreitete, panische Scheu vor wissenschaftlich exakten Erfolgskontrollen. Zutreffend ist, dass sich Deutschlands Psychotherapeuten nur ungern in die Karten schauen lassen. Über Flops und Erfolge diskutieren sie meist nur im Kreis von Kollegen, die der gleichen Therapierichtung folgen. Heraus kommen durchweg Urteile in eigener Sache, die, selbst wenn sie kritisch ausfallen, nur selten die Grundlagen der jeweiligen Therapieschule in Frage stellen.
Stets lösten bislang vergleichende Studien Außenstehender im Therapeuten-Milieu Tumulte aus. So machte sich dort 1991 Entsetzen breit, als der Berner Psychologe Klaus Grawe im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums ein Gutachten vorlegte, das die Heilwirkung unterschiedlicher Therapiemethoden kritisch bewertete. Ein halbes Dutzend gängiger, teils altehrwürdiger Verfahren - darunter Psycho-Verfahren im Stil der Freud-Schüler Alfred Adler und Carl Gustav Jung - wurden von Grawe als absolut nutzlos eingestuft.
Grawes Grundsatz, den auch Psycho-Kritiker Degen teilt: Was in Medizin und Pharmazie gang und gäbe sei, solle künftig auch in der Psychotherapie gelten - jede Methode müsse sich in einer kontrollierten Vergleichsstudie mit unbehandelten Patienten oder einer Placebo-Therapie als wirksam erweisen.
Nicht ganz zu Unrecht weisen die Psycho-Heiler ein solches Ansinnen als unfair zurück. Wie ein Blinddarmpatient lege artis zu behandeln sei, wann ein Beinbruch als geheilt gelten könne, ob ein Medikament die gewünschte Wirkung erziele oder nicht - dergleichen, meinen sie, lasse sich statistisch oder im Placebo-Versuch ziemlich genau ermitteln. Wann dagegen ein Depressiver sich wieder auf der Höhe fühle, wie ihm am besten und schnellsten zu helfen sei, das sei ungleich schwieriger und oft nur im Einzelfall zu entscheiden.
Wahr ist, dass sich im Seelenleben nur schwer eine deutliche Grenze ziehen lässt zwischen Gesundheit und Krankheit, zwischen alltäglichen Stimmungsschwankungen und neurotischen Leidenszuständen, die womöglich einer Behandlung bedürfen. Was als krankhaft gilt, wird nicht nur von Fachleuten, sondern weithin auch von der Gesellschaft entschieden. Ein Normalmensch des Mittelalters, der an Hexen glaubt und in ständiger Teufelsfurcht lebt, so bemerkte einst der Psychoanalytiker Erich Fromm, würde heute mit Sicherheit rasch als Wahnkranker in der Psychiatrie landen.
Strittig bleibt, wie viele Deutsche derzeit therapiebedürftig sind. Die Bundesregierung vermutet mindestens 2 Prozent, die Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie schätzt dagegen, dass fast 10 Prozent aller Bundesbürger reif für den Seelendoktor sind. Ärzte halten es für möglich, dass rund 30 Prozent aller Patienten, die bei Allgemeinmedizinern Hilfe suchen, zumindest auch an seelischen Störungen leiden.
Über mangelnde Nachfrage haben die Psycho-Heiler jedenfalls nicht zu klagen, ihre Praxen sind überfüllt. Mehr denn je genießen sie im Laienvolk Vertrauen; das Psychotherapeutengesetz hat ihren Kundenkreis, aber auch ihr Selbstbewusstsein mächtig erweitert.
Rückenwind verspüren die Seelenkundler seit den siebziger Jahren. Damals, als Revolution und Klassenkampf, Marx und Mao aus der Mode kamen, begann der massenhafte Rückzug in die Innerlichkeit, ins eigene Ich. Dort, nicht länger auf den Barrikaden, wurde fortan nach dem wahren Lebensglück Ausschau gehalten. »Selbsterfahrung«, »Selbstverwirklichung«, »Therapie statt Politik«, hießen die neuen Parolen, so die Psychologin Eva Jaeggi: »An die Stelle der Befreiungsutopien trat der Psycho-Boom.«
Seither durchweht der psychotherapeutische Geist, einst eingesperrt in diskrete Praxiszimmer, die letzten Winkel der Gesellschaft. In allen Lebensbereichen - Schulen, Polizeibehörden, Strafanstalten und sogar in der Bundeswehr - sind Seelentherapeuten an der Arbeit, die Psycho-Schäden kitten oder durch Vorsorge vermeiden sollen.
Zugleich allerdings betrat eine Heerschar von esoterischen Heilsbringern die Szene - Apostel des »positiven Denkens«, Schamanen und Gurus, die ihre Anhängerschaft in Reiki, Channeling, Qui Gong oder der tantrischen Kunst des Hodenatmens unterwiesen. Nicht wenige Jünger der meist fernöstlich inspirierten Seelenfänger holten sich auf der Meditationsmatte oder beim Trance-Tanzen einen Psycho-Knacks, den sie anschließend beim Verhaltenstherapeuten zu reparieren versuchten.
Vor allem dem Schutz vor schädlichem »Eso-Mumpitz« ("Psychologie heute") soll das neue Psychotherapeutengesetz dienen: 20 Jahre dauerte die Vorbereitung. Ob die Volksvertreter bei der Suche nach seriösen, nachweislich heilkräftigen Therapieformen wirklich die richtige Auswahl getroffen haben, ist weiter ungewiss.
In der Praxis allerdings kümmern sich viele Therapeuten längst nicht mehr um den dogmatischen Methodenstreit. Sie glauben, dass jeder Patient eine eigene, maßgeschneiderte Behandlung brauche. Oft wird sie aus Versatzstücken unterschiedlicher Psycho-Techniken zusammengestückelt: »Ich kann einer Brustkrebs-Patientin helfen, sich wieder im Spiegel anzuschauen. Wenn sie vor allem Angst vor dem Sterben hat, würde ich sie eher zum Tiefenpsychologen schicken«, erklärt zum Beispiel die Hamburger Verhaltenstherapeutin Ulrike Lupke (siehe Interview Seite 116).
Immer häufiger sehen sich die PsychoHeiler gezwungen, die wackligen Theoriegebäude ihrer Lehrmeister zu verlassen. Mit den Denkschablonen Freuds, der seine Theorien aus den bürgerlichen Familiendramen der Gründerzeit abgeleitet habe, sei der seelische Leidensdruck etwa türkischer Immigranten schwerlich zu lindern, bekennt ein Psychoanalytiker, der die Grundlagen seines Metiers für längst revisionsbedürftig hält.
Ähnlich ratlos fühlen sich oftmals Psycho-Experten, die Folteropfern, ehemaligen Geiseln, Bürgerkriegsflüchtlingen oder vergewaltigten Frauen beistehen. Die Behandlung der »posttraumatischen Belastungsstörungen«, unter denen diese Patientengruppe leidet, hat die Helfer gezwungen, neue, unkonventionelle Therapiemethoden zu entwickeln.
Häufiger aber kommen die Psycho-Heiler auch ohne innovative Mühen aus. Vielen Klienten genügt es, wenn der Therapeut geduldig zuhört, einfühlsam auf innere Konflikte eingeht und lebensklugen Rat zur Selbsthilfe erteilt. In der säkularisierten Welt des Westens haben Psychologen inzwischen den vakanten Platz der kirchlichen Seelenhirten eingenommen, die einst ihren Schutzbefohlenen mit rituellem Trost zur Seite standen.
Die Feinde des anhaltenden Psycho-Booms verweisen gern auf die Kehrseite der postmodernen Therapiegesellschaft. Das dort allgegenwärtige Psychologisieren, klagen sie, habe keineswegs zu einer Verbesserung der zwischenmenschlichen Beziehungen beigetragen, eher schon, so der New Yorker Psychologe Peter Vitz, zur »Selbstvergötterung«, einer »Verherrlichung des individuellen Selbst«.
Dass etwa Ignoranten und Faulpelze ihr Versagen im Berufsleben angeblichen Erziehungsfehlern der Eltern anlasten, die daraufhin von Schuldgefühlen gequält werden; dass Ehepartner ihre Beziehung sezieren, bis davon nichts mehr übrig ist; dass Väter, aus Furcht vor dem Vorwurf des Kindermissbrauchs, ihren Töchtern aus dem Weg gehen - derlei Misslichkeiten sind Ausgeburten einer Epoche, die von der Seelenzergliederung geradezu besessen ist.
Auswüchse räumt auch Psychologin Jaeggi ein. Doch andererseits, glaubt sie, ist das allgemeine Psycho-Palaver auch fortschrittsfördernd: »Der Psycho-Boom als Entgrenzung und Vergesellschaftung von Therapie«, schreibt sie, »hat mit dazu beigetragen, die Kultur der Bundesrepublik umzuwandeln. Neue Männer bekam das Land, es durfte Schwäche gezeigt werden, weiche Seiten und Gefühle.«
Inzwischen jedoch würden die Seelenkundler den ausgeuferten therapeutischen Geist gern wieder in die Flasche zurückzwingen. Das Psychotherapeutengesetz nötigt sie, sich verstärkt auf ihre eigentliche Aufgabe zu besinnen: die Heilbehandlung von Neurosen. Seit ihnen die Kassenzulassung gewährt wird, stehen sie erstmals unter akutem Erfolgsdruck - fortan müssen sie, wie die Ärzte, nachweisen, dass sie ihr Geld (145 Mark pro Therapiestunde) auch wert sind.
Sehr wahrscheinlich, dass sie auf dem Weg zur Erfolgskontrolle noch manche Kränkung einstecken müssen. Eine wurde ihnen kürzlich von zwei amerikanischen Berufskollegen zugefügt.
Die beiden US-Psychologen hatten die seelische Verfassung von insgesamt 15 Personen untersucht, die einen Flugzeugabsturz überlebt hatten. Dabei zeigte sich, dass die Mehrzahl der Überlebenden offenbar gefestigt aus der traumatischen Erfahrung hervorgegangen waren; die Davongekommenen waren psychisch stabiler, stressfester und ausgeglichener als eine Kontrollgruppe von Vergleichspersonen, die kein ähnlich schreckliches Erlebnis hinter sich hatten.
Schlechter fielen nur die Testergebnisse einiger weniger Überlebender aus - derjenigen, die nach der Katastrophe psychotherapeutische Hilfe in Anspruch genommen hatten. KLAUS FRANKE, HANS HALTER
* Szene aus dem Film »Die totale Therapie«.* In dem Spielfilm »Manhattan«.** Rolf Degen: »Lexikon der Psycho-Irrtümer«. Eichborn Verlag,Frankfurt; 340 Seiten; 44 Mark.