MEDIZIN Heiler aus der Retorte
Adam Nash ist als Retter auf die Welt gekommen. Bereits Sekunden nach seiner Geburt gewannen Ärzte Blut aus seiner Nabelschnur und spülten später Zellen daraus in den Körper seiner Schwester. Für die blutarme Molly, 6, ist der Lebenssaft des kleinen Bruders eine unschlagbare, weil verträgliche Medizin.
Nicht der Himmel hat den kleinen Retter geschickt, sondern die moderne Reproduktionsmedizin. Adam wurde zusammen mit etwa einem Dutzend Embryonen in der Retorte gezeugt. In der Petrischale unterzogen Ärzte sie einem genetischen Test. Adam hat ihn bestanden: Weil seine Gewebemerkmale mit denen seiner Schwester am besten zusammenpassten, hat seine Mutter nur ihn ausgetragen und geboren: als ersehnten Sohn - und Spender.
»Wir haben eine Grenze überschritten, die nie zuvor überschritten wurde«, urteilt der Bioethiker Jeffrey Kahn von der University of Minnesota. »Wir haben auf Grund von Merkmalen ausgewählt, die nicht für das zu gebärende Kind das Beste sind, sondern für eine andere Person.«
Bisher wurden Embryonen bei der Präimplantationsdiagnostik (PID) stets zum eigenen medizinischen Wohl sortiert: Die Erbkranken bleiben in der Petrischale, die Gesunden dürfen in die Gebärmutter.
In Deutschland ist eine solche Auslese verboten, weil dabei notgedrungen Embryonen vernichtet werden. In Belgien, Großbritannien oder den USA sind die Gesetze nicht so streng: Die PID hat mittlerweile Hunderten von Paaren, die Anlagen für schwerste Krankheiten in ihren Genen tragen, den Traum vom gesunden Kind erfüllt.
Gesundsein allein reicht jetzt nicht mehr. Adam, der seit seiner Geburt Ende August im amerikanischen Bundesstaat Colorado prächtig gedeiht, ist der Vorbote einer ganz neuen Ära der Fortpflanzungsmedizin: In den USA tragen einige weitere Frauen Kinder unter dem Herzen, die - wie Adam - auserlesen wurden, weil sie gesund sind und als Spender geeignet.
In London kämpft Paul Serhal, Reproduktionsmediziner am University College Hospital, seit Monaten darum, die in England noch verbotene Auswahl endlich auch anwenden zu dürfen. Er möchte in seinem Labor gezielt Embryonen selektieren, die nach der Geburt ihren erbkranken Eltern lebenswichtige Blutzellen liefern.
Deutsche Fortpflanzungsmediziner reagieren ablehnend. »Ein Kind war bisher immer ein Geschenk«, urteilt Heribert Kentenich, Arzt und Psychoanalytiker von der Frauen- und Kinderklinik Pulsstraße in Berlin. »Adam Nash aber ist das erste Kind der Menschheitsgeschichte, das ein zweckgebundenes Geschenk ist.«
»Es ist für das Selbstbewusstsein eines Menschen nicht so gut, wenn er erfährt, dass er auf die Welt kam, um als Spender zu dienen«, meint Vera Baukloh, Biologin am Fertility Center Hamburg.
Und Manfred Stauber von der Frauenklinik der Universität München befürchtet, die Produktion »möglichst passender Kinder könnte grundsätzlich zur Praxis werden«. Dann würde sich die Befruchtung künftig nur noch in der Retorte abspielen, warnt Stauber: »Die Trennung von Sexualität und Zeugung wäre endgültig vollzogen.«
Dass die heraufdämmernde Reproduktionsgenetik vielen Menschen unheimlich erscheint, kann Paul Serhal in London nicht verstehen. »Man erzeugt ein gesundes Baby und heilt die Eltern dabei«, preist er den unbestreitbaren Nutzen des Embryonentests. Schon einige Londoner Paare haben sich dafür angemeldet.
Die meisten Interessenten wohnen nahe des University College Hospital, in den Stadtteilen Camden und Islington. Dort leben viele Menschen griechischer Abstammung. Die Thalassämie, eine sonst im Mittelmeerraum häufige Blutarmut, ist unter ihnen stark verbreitet. Bei einer bestimmten Ausprägung des Erbleidens (Thalassaemia major) können die Patienten in jungen Jahren zwar Kinder zeugen, doch schon im mittleren Alter sterben sie - es sei denn, sie erhalten eine Bluttransfusion.
Die idealen Spender wären Serhals Vorstellung zufolge genetisch gemusterte Kinder der kranken Eltern. Den Embryo mit der größten Gewebeverträglichkeit in der Petrischale zu finden, das sei technisch kein Problem. »Und bei der Geburt gewinnen wir dann die benötigten Zellen aus der Nabelschnur und frieren sie ein«, erläutert der Arzt. »Damit besitzen wir einen Vorrat für die Mutter oder den Vater.«
Doch viele Paare wünschen sich aus der Retorte noch anderes als vorsortierte Spender. Louise und Alan Masterton, beide 42, traten jetzt mit einem illegalen Begehren an Serhals Fortpflanzungsklinik heran.
Das im schottischen Monifieth lebende Paar hat vier Söhne. Die einzige Tochter verbrannte unlängst im Alter von drei Jahren bei einem Unfall. »Wir hatten fünf Kinder und eine komplette Familie«, sagt Mutter Louise. »Jetzt ist sie nicht mehr komplett, weil wir unser kleines Mädchen nicht haben.«
Schon bald möchte Louise Masterton mit Hilfe der Reproduktionsmedizin noch einmal schwanger werden. Ihre Embryonen will sie mit der PID auf das Geschlecht testen lassen - um dann gezielt ein Mädchen auszutragen.
Zwar hat Serhal die Geschlechtsbestimmung entschieden zurückgewiesen, weil sie unerlaubt wäre. Allerdings lasse sich die Entscheidung zwischen Junge und Mädchen, welche die PID bereits heute präzise erlaubt, nicht mehr lange verbieten: »Die Geschlechtsselektion im Reagenzglas wird zur Routine.« JÖRG BLECH