PSYCHOLOGIE Schön schlank, aber krank
Es begann mit einem einfachen Satz: »Ich bin zu dick.« Tatsächlich war Katka zu der Zeit, vor zwei Jahren, ein bisschen pummelig - 67 Kilo bei 1,65 Meter Größe -, aber in ihrer Wahrnehmung wog sie eher 167 Kilo. »Ich habe mir nicht mehr gefallen«, sagt Katka.
Natürlich war es nicht nur das Gewicht, was sie nicht mochte. Katka war überhaupt unglücklich damals, mit 16 Jahren. Ihr Freund trank, sie aß. Die gemeinsame Psychotherapie, auf die Katka sich eingelassen hatte, verschlimmerte alles nur. Ihr Freund machte Schluss.
Es schien ihr, als habe sie ihr Leben nicht mehr unter Kontrolle. Den Freund konnte sie nicht mehr zurückholen. Aber ihr Gewicht konnte sie verändern, schlank und schön werden, und es dem blöden Kerl zeigen. Katka sagt: »Von einem auf den anderen Tag habe ich fast nichts mehr gegessen.« 56 Kilo, das war die Zahl, die sich in ihrem Kopf festgesetzt hatte. Zwei Monate lang ernährte sie sich von fettarmem Joghurt und Äpfeln, dann hatte Katka ihr Traumgewicht erreicht: »Es war so leicht abzunehmen, und viele haben mich dafür bewundert.«
Katka war glücklich. Nur konnte sie nicht mehr aufhören mit dem Hungern. Wenn die Freunde bei McDonald''s aßen, bestellte sie - nichts. Magermilch-Joghurt kam ihr plötzlich zu fett vor. Sie kochte sich Tütensuppen. Bei 50 Kilo, unter die sie eigentlich nie rutschen wollte, fühlte Katka sich immer noch zu dick. Nach einem Jahr wog sie 40 Kilogramm. Die ratlosen und überforderten Eltern konnten nicht verhindern, dass sie auch noch die Nudeln aus der Brühe fischte.
Eines Tages sah Katka sich im Sommer in einem Schaufenster, die streichholzdünnen Beine unter dem kurzen Rock - plötzlich war sie entsetzt, sie erkannte sich selbst nicht mehr. Ein paar Wochen lang aß sie wenigstens einmal am Tag, bis sie bei 48 Kilo angelangt war. Da fand sie sich wieder zu dick.
Bis auf lebensbedrohliche 39,5 Kilo hungerte Katka sich herunter - und auch der Psychologe, zu dem ihre verzweifelten Eltern sie schickten, war machtlos. Schließlich wies er sie in die Dresdner Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie ein. Vermutlich hat er Katka damit das Leben gerettet.
In der Klinik probierte der Direktor Michael Scholz gerade als Erster eine alte psychotherapeutische Methode bei Magersüchtigen und Bulimikerinnen aus: die Mehrfamilien-Therapie. Die sieht vor, dass mehrere Familien gleichzeitig an den Gruppensitzungen teilnehmen. Scholz passte das Konzept an die Krankheit an und stellte eine extreme Belastungssituation in den Mittelpunkt: das Essen. Die Familien kommen zu einer Therapie-Woche in die Klinik und müssen dort jeden Tag gemeinsam die Mahlzeiten einnehmen. Später treffen sie sich alle drei bis vier Wochen für ein bis zwei Tage.
Kernstück der Mehrfamilien-Therapie ist nicht maximale Qual, sondern die Überwindung der sozialen Isolierung. Die Eltern erleben beim Essen und in den Gesprächsrunden den Terror zwischen den anderen Erwachsenen und deren Kindern, und sie stehen selbst unter Beobachtung, von Patienten wie von Therapeuten. »Die Familien lernen voneinander«, sagt Scholz, »richtig mit der Krankheit umzugehen.«
Zwei von fünf Mädchen finden sich zu dick. Eine Bielefelder Studie ergab kürzlich, dass 17 Prozent der befragten 11- bis 15-Jährigen gerade eine Diät machten. In einer anderen Umfrage erklärten 19 Prozent der weiblichen Teenager, bulimische Erfahrungen zu haben. Bedenklich sei, sagt Scholz, dass nach seiner Beobachtung die »Patientinnen immer jünger werden und die Fälle immer schwerer«. Männer haben viel seltener Essstörungen - doch auch die Zahl der anorektischen und bulimischen Jungen steigt.
Seit zwei Jahren arbeitet der Dresdner Psychiater nun mit der Multifamilien-Therapie. Zwar gibt es noch keine harte statistische Untersuchung, sondern nur eine Zwischenbilanz, aber der neue Behandlungsansatz scheint sich bewährt zu haben: Alle 22 behandelten Jugendlichen legten deutlich Gewicht zu, und ihr Zustand stabilisierte sich. Nur ein Mädchen, das die Therapie abgebrochen hatte, erlitt später einen Rückfall.
93 Prozent der Eltern und 84 Prozent der Patientinnen äußerten sich bei einer klinikinternen Umfrage positiv über die Behandlung. Psychologische Tests ergaben außerdem, dass trotz der heftigen Konflikte zwischen Eltern und kranken Mädchen die emotionale Verbundenheit während und auch noch nach der Therapie zunahm. Zudem fühlten die Eltern sich allmählich unabhängiger und autonomer von der diktatorischen Krankheit des Kindes.
Die Dresdner Klinik ist in einer üppigen Jugendstilvilla untergebracht, luftig steht sie mitten in einem riesigen Garten. Innen ist es vorbei mit der Freiheit. Die Toilettentüren sind abgeschlossen, damit die Mädchen nicht vor dem Wiegen literweise Wasser trinken oder sich nach dem Essen heimlich übergeben. Vertrauen ist naiv, lautet die Devise, Kontrolle ist klüger. »Wer Magersucht für eine Neurose hält«, sagt der Klinikleiter Scholz, »der unterschätzt die Krankheit.« Die Hungersucht müsse mit gleicher Konsequenz behandelt werden wie die Drogensucht.
Für die meisten Eltern und Patienten ist das erste gemeinsame Essen im Krankenhaus ein Schock - auch deshalb, weil Familien mit magersüchtigen Kindern aus Scham nie Gäste zum Essen einladen und sich erst recht nicht ins Restaurant trauen. Und nichts hassen die Mädchen mehr, als wenn ihnen jemand beim Essen zusieht. Dann fühlen sie sich fett und sind davon überzeugt, viel mehr auf dem Teller zu haben als die anderen.
Nach Gewichtszunahme und Überwindung der sozialen Isolierung ist das dritte Ziel der Therapie, dass Eltern und Patient bei der Beobachtung der anderen Familien die eigenen Fehler erkennen. Auch das Feedback der Gruppe verschafft ihnen Einblick in die eigene Psychodynamik.
Katkas Mutter Petra, 42, hatte ihrer Tochter am ersten Morgen eine Schnitte Brot geschmiert. Das Mädchen bestand aber auf einem Joghurt. Die Mutter wollte schon nachgeben, da fragte die Therapeutin: »Glauben Sie, dass ein Becher Joghurt ausreicht, oder wollen Sie, dass Ihr Kind stirbt?« Dann bat die Psychologin die anderen Eltern um ihre Meinung. Alle waren sich einig: Katka müsse mehr frühstücken. Sie aß an diesem Morgen mehr, unter Protest. Aber ihr blieb nichts anderes übrig.
Die Eltern waren noch irritiert über die Einmischung, als die sie die Kommentare verstanden, da standen mittags schon Suppe, Nudeln und Obst auf dem Tisch. »Ich dachte, das ist doch Quälerei«, sagt Petra, »so viel isst doch kein normaler Mensch.« In Wahrheit hatten sich nach dem zwei Jahre langen Anorexie-Terror ihre Maßstäbe verschoben: Pubertierende essen tatsächlich so viel.
Häufig erkennen Eltern anfangs gar nicht, dass ihre Tochter eine Anorexie entwickelt. »Die Mädchen werden von ihren etwas korpulenteren Eltern zunächst bewundert«, erzählt Scholz, »die sind stolz, dass aus dem Pummelchen eine schöne schlanke Frau wird.« Irgendwann aber werde, so der typische Verlauf, der Vater misstrauisch. Die diätfrustrierte Mutter halte dagegen, der Mann solle erst mal seinen Bierbauch loswerden, bevor er an der Tochter herumnörgele: »Normales Erwachsenenverhalten wird pathologisiert.«
Auch Katkas Eltern reagierten viel zu spät - sie glaubten, sie müssten sich einfühlsam zeigen und dürften ihre Tochter nicht unter Druck setzen. Schließlich diskutierten sie mit ihr stundenlang - über einen Löffel Nudelsalat. »Wer mit den Mädchen über die Portionen verhandelt«, sagt Scholz, »hat schon verloren.« Wie hart und bitterernst der Kampf um die Kalorien ist, zeigt ein Collage-Spiel, das Scholz pädagogisch einsetzt: Die Familien schneiden die Essensportionen aus Buntpapier aus - bei den Töchtern fehlt das Fleisch, und drei mit der Nagelschere ausgeschnittene Erbsen liegen auf dem Teller. Dann beginnt das Machtspiel: »Da wird die Soße durchgerissen, über zwei Erbsen verhandelt«, erzählt Scholz, »das ist ein echtes Panoptikum.«
Die richtige Strategie sei aber, der Tochter klar zu sagen: »Du bist nicht mehr autonom, wenn es um das Essen geht.« Und ihr anschließend vorzuschreiben, wie viel Gemüse und wie viele Fleischstücke sie essen müsse - auch wenn das Mädchen noch so sehr brülle und weine.
So glatt wie an Katkas erstem Tag in der Klinik laufen die gemeinsamen Essen nicht immer ab. »Die Mädchen kotzen auf den Teller oder werfen ihn an die Wand«, erzählt Scholz. Christine, 17, erinnert sich noch, wie sie sich beim ersten Mittagessen zwischen Suppe und Schokoladen-Pudding entscheiden musste. »Meine Mutter hat mir schließlich einen Teller Suppe gegeben«, erzählt das Mädchen, »da bin ich schreiend aufgestanden.« Was die übrigen Familien am Tisch dachten, war ihr egal - Hauptsache, sie musste nichts essen. Während die Mutter zu Hause spätestens jetzt aufgegeben hätte, blieb sie nun unter den Blicken der anderen neben ihrer Tochter sitzen, bis sie die ganze Suppe weinend in sich hineingelöffelt hatte.
Manchmal setzen die Therapeuten die Mädchen zu einem fremden Elternpaar.
»Das war furchtbar, die haben mir noch mehr auf den Teller gepackt«, erzählt Christine, »das musste ich alles essen.« Diese Aufpasser zu terrorisieren hat sie sich nicht getraut. Für die Ersatz-Eltern ist es eine dringend ersehnte Bestätigung, wenn sie ein anderes Mädchen dazu bringen, den Teller leer zu essen: Offenbar, so die entlastende Erkenntnis, machen sie doch nicht alles falsch. Nach den nervenzehrenden Mittagssitzungen gehen die Familien im Park der Villa spazieren - »eine Versöhnungsrunde drehen«, nennt Scholz das.
Die gemeinsamen Essen und Gruppengespräche werden auf Video aufgezeichnet und von Therapeuten und den Familien später analysiert. Die Offenheit sei anfangs »knallhart« gewesen, erzählt der Berliner Holger, dessen Tochter Karolin, 16, sich auf 40 Kilo heruntergehungert und -gebrochen hatte.
Christines Vater bekam den Zorn der anderen zu spüren, als die Runde das Weihnachtsmenü diskutierte und er Gänsebraten ablehnte. Zu fett, war sein Argument. »Das schlug in der Gruppe ein wie eine Bombe«, erzählt er: Mit dem Kalorien-Argument hatte er sich auf die Seite der Magersüchtigen gestellt.
Für Holger kam der tiefste Schock, als er in der Therapie erfuhr, wie weit entfernt seine Tochter Karolin sich von ihm fühlte. Später hat es ihn erst überrascht und dann erleichtert, dass »die Probleme der Familien sich ähneln - das Lügen, Betrügen oder das Vorspielen von heiler Welt, obwohl es mit dem Gewicht bergab geht«. Auch sei es für ihn wichtig gewesen, den anderen Mädchen zuzuhören, wenn sie von ihrer Hungerwelt erzählten: »Karolin ist immer so verschlossen.«
Seine Tochter war zuvor zweimal erfolglos in einem Berliner Krankenhaus behandelt worden. Nach längerer stationärer Therapie in Dresden hat Karolin wieder Normalgewicht. Sie selbst kann das nur ahnen, denn sie darf sich nicht wiegen - sie ist immer noch überzeugt, zu dick zu sein, also noch lange nicht geheilt. Im Österreich-Urlaub, den sie zwischendurch machen durfte, hatte sie sich nach dem Essen wieder heimlich übergeben.
»Man besitzt etwas, was die anderen nicht haben«, sagt Katka, »nämlich die Fähigkeit, das eigene Gewicht zu regulieren.« Hungern sei ein Trost, »wenn etwas nicht so gut läuft: Man denkt, wenigstens habe ich abgenommen«. Vor allem lenkt der klapprige Körper die Kranke selbst, aber auch Eltern, Freunde und viele Ärzte von den wahren Ursachen der Anorexie ab. Katka erzählt: »Die sagen, kümmer dich erst mal darum, dass du wieder ein paar Kilo zulegst.«
Magersucht sei ein »multifaktorielles Geschehen«, erklärt Scholz, das sich aus Veranlagung, Pubertät, Familiendynamik und Gesellschaft zusammensetze. Eine genetische Disposition vermutet der Psychiater beispielsweise hinter der Störung des Körperschemas: Magersüchtige, die bei geschlossenen Augen den Durchmesser ihrer Oberschenkel mit den Händen anzeigen sollen, überschätzten die spindeldürren Beine um 150 bis 400 Prozent - die Länge hingegen können sie genau bestimmen. Aufschlussreich ist, dass auch Eltern sich täuschen, wenn sie die Umrisse ihres Kindes auf eine Tapete malen sollen: Sie halten die Tochter für dicker, als sie ist, bilden andere Mädchen aber korrekt ab.
Gar kein Zweifel besteht für Scholz daran, dass das Schönheitsideal der avancierten Moden für die Magersucht mitverantwortlich ist. Wogen Models vor 25 Jahren noch 8 Prozent weniger als der Durchschnitt der Frauen, sind sie heute 23 Prozent dünner. Und 42 Prozent aller normal- und untergewichtigen Mädchen halten sich für zu dick. »Das Aussehen ist in unserer Gesellschaft Maßstab für den Wert der Frau«, kritisiert der Therapeut. In jeder Schule konkurrierten die pubertierenden Mädchen darum, wer die Dünnste sei. »Die beste Freundin fängt mit der Diät an«, sagt Scholz, »und das genetisch vorbelastete Mädchen kann nicht mehr aufhören.«
Katka hatte sich vor der Therapie die Arme aufgeschlitzt, um sich zu bestrafen, wenn sie nachts vor dem Kühlschrank den Kampf mit dem Hunger verloren hatte und doch wieder einen Löffel Senf gegessen hatte oder sogar einen Becher Joghurt. Als ihre Mutter sie verzweifelt an der Selbstzerstörung hindern wollte, erklärte das Mädchen: »Ich kann auch anders« - und drückte sich eine Zigarette auf dem Arm aus. »Ich wollte nicht, dass mir Essen Spaß macht«, erzählt Katka, »ich dachte, ich darf nicht glücklich sein.«
Zu Beginn der Krankheit arbeiteten ihre Eltern in verschiedenen Schichten - gemeinsam saß die Familie so gut wie nie am Tisch. Heute sind die Mahlzeiten ein gemeinsames Ritual, das Katka sogar selbst eingefordert hat: »Sie deckt den Abendbrottisch, dann sitzt man zusammen und quatscht noch lange«, erzählt die Mutter, »ihre große Schwester braucht das auch.«
51 Kilogramm wiegt Katka nach knapp einem Jahr stationärer und ambulanter Mehrfamilien-Therapie. Eigentlich will sie immer noch ein paar Kilos loswerden. »Aber ich weiß, wenn ich weniger werde, werden die Depressionen mehr.«
Katkas Vater sagt zu seiner Tochter: »Magersucht ist wie ein Dämon. Wenn du isst, wird er mit jedem Bissen ein Stück kleiner.« MARIANNE WELLERSHOFF
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Die Magersucht der Frauen
Essstörungen gehören zu den häufigsten psychosomatischen Erkrankungen der 15- bis 35-jährigen Frauen: Schätzungsweise 1 Prozent von ihnen krankt an Anorexie (Magersucht), 5 Prozent leiden an Bulimie (Ess-Brech-Sucht), Tendenz steigend. 15 Prozent aller Magersüchtigen sterben an der Krankheit. Etwa ein Drittel wird durch Psychotherapie gesund, ein Drittel schafft das ohne Hilfe, und bei einem Drittel wird die Magersucht chronisch. Von Anorexie sind 16-mal mehr Mädchen als Jungen betroffen. Die Mehrfamilien-Therapie, die an der Dresdner Uniklinik erprobt wird, setzt vor allem auf die Überwindung sozialer Isolierung (ki.jugendpsych@mailbox.tu-dresden.de).
* Vor seinem Dresdner Institut.