»DU KRIEGST DIE KRISE« - DER SPIEGEL
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studieren »DU KRIEGST DIE KRISE«

EIN STUDIUM ZWISCHEN KIND UND KLAUSUREN ERFORDERT STARKE NERVEN.
• aus UNI SPIEGEL 5/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Befund löste schieres Entsetzen aus. Drei Wochen vor Studienbeginn saß Martina Koppmann in der Praxis ihres Frauenarztes und hoffte inständig auf eine Korrektur der Diagnose. Doch es half alles nichts: Sie war schwanger.

Dass sie den Vater des Kindes auf keinen Fall heiraten wollte, machte ihr am wenigsten Sorgen. Doch Martina fürchtete ihre Exmatrikulation wegen des unehelichen Kindes, noch vor Studienbeginn. Denn sie hatte sich an der Katholischen Fachhochschule Mainz eingeschrieben, einer Ausbildungsstätte für soziale Berufe mit christlicher Orientierung.

Und noch etwas brachte den Boden unter ihr ins Wanken: der Gedanke daran, dass die nächsten Jahre anders verlaufen würden als vorgesehen. Ein Studentenleben mit viel Zeit zum Pauken und Feiern konnte sie sich nun abschminken. Neben Klausuren, Hausarbeiten und Referaten würde es künftig einen Menschen geben, für den sie sorgen musste. Ob sie der Doppelbelastung gewachsen sein würde - sie wusste es nicht.

Das alles liegt drei Jahre zurück. Heute ist Martina, 24, nicht nur stolze Mutter der zweijährigen Frederike, sondern auch Diplom-Religionspädagogin. Wie sie beides geschafft hat? »Das kann ich selbst nicht erklären«, sagt sie. Durchhalten, nicht nachdenken, auch wenn du immer wieder schwankst zwischen »Du packst das« und »Du kriegst die Krise«.

Die Mainzer FH hatte sich als keineswegs so päpstlich erwiesen, wie Martina befürchtet hatte - ein Kind sei kein Thema. Die Doppelbelastung aber war ein echtes Problem. Wenn sie mit ihrer Situation wieder einmal überfordert war, tröstete sich Martina damit, nicht die einzige studierende Mutter zu sein. Nach den Zahlen des Deutschen Studentenwerks haben rund sieben Prozent der Immatrikulierten Kinder: 59 000 Frauen und 71 000 Männer. Allein erziehend sind davon rund 16 000 Studentinnen und 7800 Studenten.

Und sie alle kämpfen mit den gleichen Schwierigkeiten: Die Kinderbetreuung muss gesichert und mit den Seminarzeiten koordiniert werden. Das Geld ist meistens knapp. Viele studierende Eltern haben ein schlechtes Gewissen, weil sie nicht genug Zeit für die Kleinen haben. Sie müssen sich mit kinderfeindlichen Professoren herumschlagen und mit der Frage, wie man nach einem anstrengenden Tag auf dem Spielplatz den Kopf zum Lernen frei bekommt.

»Ein Studium mit Kind ist aber nicht so schwierig, wie manche glauben«, behauptet Payam Katebini, 26, Medizinstudent in Marburg und Vater von Bastian, 3, und Paul, 5 Monate. Die Probleme verschweigt er dabei keineswegs: So waren seine Eltern - Einwanderer aus Iran - außer sich. Wenn er jetzt Nachwuchs in die Welt setzen würde, wäre sein Leben gelaufen, prophezeiten sie. »Studium mit Kind - das schaffst du nie«, waren sie überzeugt.

Doch Payams Eltern haben sich getäuscht. Die Doppelbelastung hat das Leben ihres Sohnes nicht ruiniert. Liiert ist er mit Elke Neuwohner, 24, einer Kommilitonin. Beide stehen kurz vor dem Examen und engagieren sich im Asta. Nebenbei arbeitet Payam in der Altenpflege und in der Computerbranche.

Den Nachwuchs hat das Paar bewusst ins Studium hineingeplant - weil sie in dieser Zeit »flexibler, dynamischer und belastbarer« seien als später. Dass ihr Studienfach zu den anstrengenderen zählt, konnte die Entscheidung nicht kippen. »In Marburg ist das Medizinstudium so chaotisch, da fällt man mit

seinem eigenen Chaos gar nicht auf«, sagt Payam und lacht.

Gelernt wird im Hause Katebini/Neuwohner nachts und in den Semesterferien. Für Payam ist klar, dass nicht die Kinder das Problem sind, wenn es beim Pauken nur langsam vorangeht. »Ich bin lernfaul«, gesteht er und schwärmt von seinem Schreibtisch, auf dem nicht nur Bücher und Vorlesungsmaterialien liegen, sondern auf einer Wolldecke auch der kleine Paul.

Bastian, der ältere Sohn, war wenig studienfreundlich. »Er hat oft geschrien wie am Spieß«, erinnert sich Payam, der damals spürte, was es heißt, als studierender Vater an die Grenzen der Belastbarkeit zu stoßen. Mit seinem kreischenden Sohn im Arm, auf einem Gummiball hoch und runter hüpfend, hat er viele Nächte verbracht. »Man kann mal eine Nacht durchmachen und am nächsten Tag in die Uni gehen, aber das geht nicht auf Dauer«, sagt er. In dieser Zeit habe er viel Stoff versäumt, den er später mühsam habe nachholen müssen.

Obwohl der Student von heute längst nicht mehr ausschließlich männlich, ledig und jung ist, müssen sich viele Professoren an Studierende mit Kind erst ge-

* Im Büro einer Wohnungsbaugesellschaft in Marburg.

wöhnen. Einige der Dozenten, so Payam, seien »positiv überrascht«, von anderen bekomme er zu hören: »Was soll das? Ihre Liebe gehört der Medizin.«

Wird der Nachwuchs mit an die Uni gebracht, verliert mancher Prof die Beherrschung. Einmal und nie wieder hat Heike Peters, 32, Medizinstudentin an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, ihren Josh, 2, mit in eine Vorlesung genommen. Josh wurde wach, der Professor wütend. »Was ist das hier? Ist da hinten etwa ein Kind?«, habe er geschrien, »da kann man ja gleich seine Kaninchen und Hühner mitbringen. Demnächst fangen Sie noch an zu stricken.« Sprüche wie »Gerade als Medizinstudentin muss man doch wissen, wie man verhütet«, rauben ihr den letzten Nerv. Wenn wieder alles gegen sie läuft, denkt sie oft: »Ich hör auf, ich kann nicht mehr.«

Geraten Studierende mit Kind in ein Motivationstief, haben sie nur eine Chance: mit Selbstbewusstsein und Zähigkeit wieder raus. Gelingt das nicht, wird das Studium meist abgebrochen. Für Juliet Peikert, 35, mit Sohn Oliver, 7, war das Studium des Bauingenieurwesens an der TU Hamburg-Harburg ein Alptraum. Nach vier Jahren wurde sie exmatrikuliert.

»Ich hatte enorm hohe Fehlzeiten, so dass die Möglichkeit mitzuhalten von Semester zu Semester schwand«, erzählt die enttäuschte Juliet. Eine Zeit lang habe sie noch versucht, das Versäumte »in Eigenregie« nachzuarbeiten - »bis da innerhalb kürzester Zeit nur noch Frust« gewesen sei. Juliet bestand kaum eine der Klausuren. »Ich weiß, dass ich nicht blöd bin, aber ich hatte immer das Gefühl, ich wäre es«, sagt sie. Als sie die Uni verlassen musste, war sie erleichtert.

Die Gründe für ihr Versagen ahnt Juliet. »Olivers Vater hat sich abgesetzt und ich stand allein da, ohne Rückhalt«, erklärt sie. Für sie war außerdem immer klar, dass ihr Sohn an erster Stelle stehen sollte. Also widmete sie Oliver an Zeit, was er forderte, und dem Studium, was vom Tag noch übrig blieb - zu wenig. Als ihr dann das Bafög gestrichen wurde und sie in einem Call-Center jobben musste, blieb das Lernen ganz auf der Strecke.

Aus der Doppelbelastung Studium und Kind wird schnell eine dreifache, wenn die finanzielle Lage schwierig wird und die jungen Eltern sich den Großteil ihres Lebensunterhalts selbst verdienen müssen. Zwischen 1800 und 2000 Mark hat ein studierender Elternteil für sich und das Kind im Schnitt zur Verfügung, rund 500 Mark mehr als die kinderlosen Kommilitonen.

Welche Unterstützungen von staatlicher Seite wann und unter welchen Bedingungen gezahlt werden, bleibt für viele Studierende ein Rätsel. Sie arbeiten sich durch Broschüren und Info-Blätter, lesen über Mehrbedarfszuschlag, Studienabschlussförderung, verlängerten Bafög-Bezug, einmalige Leistungen, Sozialhilfe, die Bundesstiftung Mutter und Kind, Erziehungs-, Wohn- und Kindergeld - und müssen doch oft feststellen, dass das Geld nicht reicht.

Die BWL-Studentin Silke Solbach, 27, und Andreas Niederhofer, 30, Doktorand der Biologie in Kiel, haben eine Tochter: Luka, 4. Furchtbar seien auf den Ämtern die stets »auslegungsfähigen Verordnungen«. Entweder urteilten die Sachbearbeiter »Ach, wie ist das schrecklich. Sie bekommen alles, sofort« oder »Wir können Ihnen leider nichts geben«. Auf dem Sozialamt haben die Eltern auch Vorschläge gehört wie »Gehen Sie doch arbeiten anstatt zu studieren« oder »Sie hätten das Kind ja nicht kriegen müssen«.

Silke kellnert, um über die Runden zu kommen. Dabei trifft sie häufig Studenten, die 30 Jahre und im dritten Semester sind und sich beklagen, sie hätten zu viel zu tun. Erzählt sie denen von ihrer Belastung, herrscht erst mal Ruhe. Folgt die Frage »Und wo ist dein Kind jetzt?«, fühlt sich Silke als »Rabenmutter«. Das schlechte Gewissen begleite studierende Väter und Mütter immer, sagt sie, selbst wenn das für die Betreuung des Kindes mühsam gesponnene soziale Netz aus Eltern, Freunden und Kindertagesstätte gut funktioniere.

»Wer sich von Schuldgefühlen befreien will, muss sich mit den eigenen Wertvorstellungen auseinander setzen«, erklärt Frauke Narjes vom Zentrum für Studienberatung und Psychologische Beratung der Uni Hamburg. Ob jemand ein Studium mit Kind bis zum Ende durchhalte, sei nicht so sehr von der Intelligenz abhängig als vielmehr von der Einstellung. Keine Studentin sei eine schlechte Mutter, nur weil sie bei der Alltagsorganisation Hilfe annehme. Narjes hat beobachtet, dass es gerade leistungsorientierten Frauen schwer fällt, ihr Kind loszulassen und Verantwortung abzugeben.

Kompromisse müssen studierende Eltern auf jeden Fall machen. Seit Silke eine Tochter hat, fährt sie ein »Schmalspurstudium« und lernt »auf Durchkommen«. Von einem Auslandssemester, sehr guten Noten, einer kurzen Studienzeit und der großen Karriere hat sie sich verabschiedet.

Was sie aber ärgert, ist die Unterstellung, sie würde Luka vorschieben, um weniger leisten zu müssen. »Ich will keine Sonderrolle«, erklärt sie. Als ihr bewusst wurde, dass das obligatorische Praktikum nicht mit ihrem Kind zu vereinbaren war, hoffte sie auf Verständnis. Statt sechs Monate ganztags wollte sie ein Jahr halbtags in einen Betrieb. Der Vorschlag wurde mit der Begründung abgelehnt: »Das haben Sie ja vorher gewusst.«

Ihre Entscheidung, mit Kind zu studieren, hat Silke nie bereut. Auch Jacqueline Neubauer, 28, Studentin der Ökotrophologie an der FH Hamburg und Mutter von Jeremy, 6, hat sich immer wieder gefragt: »Wozu mache ich das eigentlich?«

Häufig hat sie nachts an Hausarbeiten geschrieben, »Grätschen zwischen Kind und Klausuren veranstaltet« und sich gesagt: »Jetzt bist du so weit gekommen, jetzt schaffst du auch den Rest.« Es hat geklappt. Wenn alles gut geht, hat sie im Dezember ihr Diplom. NINA DAEBEL

KIND UND VORLESUNG

Informationen und Adressen für Studierende mit Kind gibt es unter:

www.studienwahl.de

www.rund-ums-baby.de/uni/ index.htm

Das Bundesfamilienministerium hat als Leitfaden die Broschüre »Studieren mit Kind« herausgegeben: Bundesfamilienministerium, Postfach 20 15 51, 53145 Bonn; Tel.: 0180 / 532 93 29; E-Mail: broschuerenstelle@bmfsfj.bund.de Internet: www.bmfsfj.de

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