SIFFIG, FEUCHT, SCHÖN - DER SPIEGEL
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leben SIFFIG, FEUCHT, SCHÖN

DIE STIMMUNG IN DEN FREIBURGER STUDENTENKNEIPEN SCHWANKT ZWISCHEN VORHÖLLE UND KATHOLISCHEM JUGENDHEIM. / VON RAINER SCHMIDT
• aus UNI SPIEGEL 5/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Irgendetwas ist mit Freiburg, so viel ist klar. Am liebsten würden ja alle da bleiben, auch nach ihrem Abschluss, für immer und ewig. Den Eindruck machen sie zumindest, wenn man sie später trifft, in Hamburg oder Berlin. Sie sprechen über ihre Zeit in Freiburg mit einer Wehmut wie Alkoholiker, die leider nicht mehr trinken dürfen. Nur wenige klagen wie Süchtige, die den Stoff verdammen: »Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse, Fahrradfahrer (Backgammonspieler, Tanztheater) dieser Stadt«, singt Tocotronic in dem Lied »Freiburg«. In beiden Fällen ist ein mächtiger Zauber am Werk. Woher kommt der?

Da ist es also, süß und strahlend liegt es in der hellen Herbstsonne. Disneyland, Abteilung deutsche Uni-Städte. Unfassbar, man wehrt sich verzweifelt gegen plumpe Klischees, aber nach ein paar Stunden steht fest: In Freiburg gilt das erste eherne universitäre Naturgesetz. Immer noch. Je kleiner und südlicher die Stadt, desto größer die spezifische Behaarungsdichte pro Einwohner. Rastawürste, Pferdeschwänze und gern auch Fusselmatten, die ums blasse Kinn herum gelegt werden. Es sprießt und wuchert, dass man mit einem Rasierer Amok laufen möchte.

Gleich um die Ecke vom Hotel, vor dem so genannten KG 2, einem Uni-Gebäude, hängen ein paar Vergessene in Jacken aus dem deutschen Punkmuseum von 1981 mit ihren verlausten Kötern ab. Und in der Fußgängerzone laufen Menschen herum, die abends mit Harfenklängen makrobiotische Beete bezirzen, garantiert. Es ist alles wahr, man muss es schreiben, so grausam es ist.

In Großstädten gilt es als schick, das Studentendasein an sich unter brutalster Selbstverleugnung als lästige Nebenerscheinung eines wahren Lebens, das man eigentlich führt, abzutun. In Uni-Städtchen dagegen verklärt man den Mikrokosmos Universität zur echten Welt und zum alleinigen Referenzpunkt. Du sollst keine anderen Freiburgs haben neben mir. Und alle schreien begeistert: Ja!

Wie hält man es aus in dieser Atmosphäre lieblicher Selbstzufriedenheit? Die Antwort kann doch nur lauten: Saufen. Kiffen. Jammern. Fliehen. Oder? Um mich vom Gegenteil überzeugen zu lassen, habe ich mir zwei Lotsen für die Nacht gesucht, Stephanie Lachnit, 25, und Mirko Berger, 23, eine Soziologiestudentin und einen Jurastudenten - für eine ausgewogene Sicht der Dinge.

Stephanie kommt mit Nasenring und einem befreundeten Forststudenten ins Brennessel, wo es viel Holz und das kulinarische Top-Gericht Spätzle mit Soße für 5 Mark noch was sowie einen süffigen Gutedel gibt. Das fängt nicht schlecht an. »Freiburg ist wie ein großes Wohnzimmer«, sagt sie, und das ist durchaus positiv gemeint. Einmal im Monat arbeitet sie in Baden-Baden für das Jugendradio »Das Ding« - und kommt immer wieder gern nach Freiburg zurück: »Hier gibt es wenigstens nicht so viele alte Säcke.«

Und dann schwärmen sie und ihr Bekannter von der Natur, dem Gefühl der Vertrautheit, dem kulturellen Angebot, aber immer wieder, als müssten sie sich distanzieren, lästern sie auch über das Gehabe verbissener Kampflesben und den ganzen linken pseudoradikalen Revolutionshabitus, den immer noch ein paar sehr, sehr ernst zu nehmen scheinen. Stephanie sagt: »Du kannst den Schluffis nicht entkommen.« Und als ob sie das beweisen müsste, gehen wir in den kleinen Rattenspiegel. Das macht die jetzt aber extra, oder?

Am Nebentisch spielen zwei Backgammon, der Kellner ist ein grauhäutiger Langhaariger, der einen verschlissenen Strickpulli zur Jeans trägt, die seit Woodstock nicht mehr gewaschen wurde, was wohl auch für seine Füße gilt, die sind sehr nackt und die Sohlen sehr schwarz. Passend dazu läuft alter Rock. Wenn jetzt noch »I can't get no satisfaction« von den Stones kommt, zertrümmere ich die Anlage. Aus Notwehr.

Ich mache einen Abstecher in die Jackson Pollock Bar am Theater, um Mirko, den Jurastudenten, zu treffen, der weder das fachspezifische blaue Hemd noch ein Einstecktuch trägt, sondern beruhigend normal aussieht. Eine lange Theke, Licht wie in einem türkischen Kulturverein und ein deutlich höheres Durchschnittsalter geben dem Laden etwas Großstädtischeres. Hier und da glänzen Halbglatzen und tiefe Geheimratsecken, einige Damen tragen enge Kleider und dezentes Make-up, der DJ animiert eine Gruppe betont freudiger, betont exaltierter Menschen zu betont brünstigen Befruchtungstänzen.

»Das sind alles Schauspieler«, sagt Mirko und fügt grinsend hinzu, dass immer derselbe alle Hauptrollen in allen Stücken spiele, was seine Theaterleidenschaft etwas hemme. Und wie ist das durchschnittliche Paarungsverhalten hier? Er lacht: »Ich habe mal eine bundesweite Umfrage gelesen, da lagen wir weit hinten.«

Mirko ist so ein Freiburg-Süchtiger. Seine Eltern haben hier schon Jura studiert. Der Bonner selbst war zwischendurch mal ein Jahr in München, wo er nach dem Examen im Frühjahr durchaus gern arbeiten würde, aber bald war klar: Studieren will er lieber hier. »In München merkst du gar nicht, dass du studierst, alles verläuft sich.«

Er schwärmt von dem Gemeinschaftsgefühl, der Fachschaftsarbeit, dem besseren Wetter und der besseren Laune, der liberalen Atmosphäre, den vielen Privatpartys, und während wir an unserem Bier nippen, wiegen sich vor uns die Leiber der Profis, und eigentlich könnte man jetzt auch hier versacken, aber wir müssen weiter.

In den Gewölben des Jazzhaus erwartet uns, so verkündet stolz ein handgeschriebenes Plakat: »Live Act - Stereoton aus der Hauptstadt«. HipHop. Na dann. Drinnen ist es so, wie es überall ist, wenn jüngere Menschen in Deutschland davon träumen, sie wären an brennenden Mülltonnen in der Bronx statt in ihren Reihenhäusern groß geworden: ganz lustig. Alle fummeln ghettomäßig mit ihren Armen rum, ein paar tragen diese gestrickten Klorollenwärmer auf dem Kopf, und der ganze Saal bewegt sich im Takt der Musik.

Nur eins fällt sofort auf: Es kifft kaum jemand. Gerade hier. Eine echte Überraschung. Was ist da los, Freiburg? Mirko zuckt mit den Schultern: »Keine Ahnung.« Wir müssen gehen, um mit Stephanie und ihrem Bekannten eine andere, exotische Welt zu erforschen.

Die liegt hoch über dem Bahnhof, im 17. und 18. Stock. Das Kagan - Club Lounge sieht so aus, als habe jemand zu viel im englischen Design-Kultmagazin »Wallpaper« gelesen und dann versucht, alles im Freiburger Möbelhandel nachzukaufen. Der Ausblick ist einmalig, die Anzugdichte nimmt rasant zu, in den sehr gesunden Gesichtern ist viel Gewissheit, alles Alpha-Männchen hier.

Ein besonders heftig Frühvergreister sagt allen Ernstes und extra laut über meine Studenten im Vorbeigehen: »Die sind ja gar nicht richtig angezogen.« Dafür würde man ihm sofort gern richtig eine ... aber lassen wir das, so ist das halt, wenn eine bizarre Mischung aus, na sagen wir: BWL-Studenten und gut verdienenden Handwerksmeistern aus der Umgebung mal ordentlich einen in der Metropole Freiburg losmacht.

Die Mädchen tragen Schwarz und viel Brust zu noch mehr Blond, die Männer am Tresen gern Doppelkinn zum teigigen Unterbau. O. k., die sehen wirklich nicht wie Studenten aus, wie sie da den Whiskey flaschenweise bestellen und »ihren« Mädchen gönnerhaft die Gläser vollgießen. Neben uns stehen ein paar arg bemalte Thailänderinnen, und Mirko philosophiert lächelnd über das organisierte Verbrechen und kriminelle Energien der Badener. Mir soll keiner mehr sagen, Juristen hätten keinen Humor.

Danach ziehen wir weiter in die Spechtpassage, wo in zwei Räumen nette DJs auflegen, von da aus in einen Keller, der, so vermuten die meisten, El.Pi. heißt. Man lernt den großen Vorteil zu schätzen, dass auf ein paar hundert Quadratmetern von Rock bis House alles bequem zu Fuß erreichbar ist. Ich erkenne bereits Leute aus anderen Läden wieder. Zeit fürs große Finale. »Das Crash ist für den Absturz zum Schluss«, hatte Stephanie am Anfang des Abends angedroht, es fielen die Stichworte links-alternativ und autonom, was soll's, jetzt sind wir bereit, uns unserem harten Schicksal zu stellen.

Vorher aber gehen mein Jurastudent und ich noch ins Drifter's, einen kleinen Houseclub neben dem Crash: klein, intim, nette Beats und entspannte, hübsche Menschen, es ist, ja, ziemlich nett. Liegt's am Bier oder an den Caipirinhas? Da ist echte Euphorie im Raum, als vibriere der Äther, Leidenschaft ist spürbar, man möchte gar sagen: Spaß. Einfach so. Wie vielleicht sonst nur auf Partys im Osten der Republik, wo wahrscheinlich am unbeschwertesten gefeiert wird.

Kein Vergleich mit den intellektuellen Krampftanzveranstaltungen nach Hamburger Art, wo oft die Devise gilt: Wer sich zuerst bewegt, hat verloren. Oder nach Berliner Art, wo auf den Toiletten meist mehr los ist als auf den Dancefloors.

Ein Wort noch zu den Kellnerinnen. Männer, wenn ihr unter der weit verbreiteten, nicht unsympathischen, weil verständlichen Zwangsneurose leidet, euch sofort und fanatisch in attraktive Tresenfrauen zu verknallen, nur um euch vor ihrem Revier mit melancholischem Existenzialistenblick langsam zu betrinken oder anderweitig zum Affen zu machen - bleibt zu Hause. Meidet Freiburg. Geht dort nicht aus. Sonst werdet ihr w-a-h-n-s-i-n-n-i-g. Ich weiß nicht, wo die alle herkommen und warum die alle gerade hier sind, aber ich weiß, wovon ich rede. Vergesst es einfach.

Stephanie steht bereits an der Tanzfläche im Crash, das an eine Katakombe erinnert - und in dem einige auch schon sehr tot aussehen. Licht gibt es kaum, Sauerstoff sowieso nicht, dafür viel Haargewirbel und ekstatischen Ausdruckstanz in einer Atmosphäre aus Vorhölle und katholischem Jugendheim. Da vorn versucht, ganz unbehelligt, sogar ein Kurzgeschorener so etwas wie Tanzbewegungen. Wie war das jetzt noch mal mit Skinheads in roten Stiefeln?

Wir sind mittlerweile angenehm Crashkompatibel. Der Biernebel im Kopf ist so dicht wie die künstlichen Schwaden um uns herum. Immer wieder stolpern wir zum Tresen, um dort unsere Unterarme in die Alkoholpfützen zu legen und nach neuen Bechern zu verlangen.

Es ist siffig, düster, feucht, ein schöner Abend. Aus den Boxen rotzen junge Männer mit einer Gewalt Testosteron auf die Tanzfläche, dass selbst die Bewusstlosen noch im Takt zucken. Diese Welle aus hemmungsloser Aggressivität und aggressiver Hemmungslosigkeit erfasst uns, packt uns, spült uns weg und lässt uns untergehen in der Masse der spastisch Verrenkten und grenzdebil Lächelnden. Mit anderen Worten: Wir haben Spaß.

Mirko sagt lachend: »Das erinnert mich an meine 12. Klasse.« Das Schlimme ist, antworte ich ihm, es erinnert mich auch an meine 12. Klasse, nur liegt die schon mehr als zehn Jahre zurück. Wir stoßen an. Eines dieser komischen Männerrituale, das nirgendwo besser passt als hier, nachts um vier, direkt neben einem der bollernden Lautsprecher.

Und als dann ganz zum Schluss die Guano Apes »Big In Japan« schreien, sehe ich Steffi in unnachahmlicher Eleganz die Arme hochreißen und verträumt im Kunstnebel verschwinden. Plötzlich ist alles, ja, so schön - und so egal. Diese ganzen Stumpfen und Kaputten, die in den Gängen liegen, weil sie nicht mehr gehen können, der Geruch von Männerschweiß, selbst der barfüßige Langhaarige neben mir und das alte Wrack im Lederflickenanzug, das zwischen den jungen Tanzenden nach Luft japst - ich sehe nur noch verzückte Gesichter und Körper, die nach Erlösung fiebern.

Und dann verstehe ich mit abgrundtiefer Klarheit, was DJ Westbam einmal sagte: »We'll never stop living this way.« Er meinte ganz bestimmt nicht diese Musik und ganz bestimmt nicht diese Freiburger. Aber sie, vielleicht nur sie, haben ihn verstanden. Der Zauber Freiburgs, das muss er sein.

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