»HIER BIN ICH EINZELFALL« - DER SPIEGEL
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DEUTSCHE STUDENTEN LIEBEN ENGLISCHE UNIS. DIE PROFESSOREN SIND JEDERZEIT FÜR SIE DA - NUR MANCHMAL FEHLT DEM STUDIUM DER TIEFGANG.
Von Sebastian Borger
• aus UNI SPIEGEL 5/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Jahr an der University of East Anglia war für den Anglistikstudenten Martin Rosenstock, 23, »das profitabelste meines Studiums«. Am Ende des Aufenthalts in der ostenglischen Stadt Norwich im vergangenen Sommer stand ein ungewöhnlicher Erfolg: Die Uni-Zeitschrift »Concrete« druckte Rosenstocks Kurzgeschichte »Thistles« ("Disteln") - er hatte sich gegen die Konkurrenz der englischen Kommilitonen durchgesetzt.

Den Text von der ersten Begegnung eines Jungen mit dem Tod hatte der Frankfurter - ohne den Zwischenschritt einer Übersetzung - auf Englisch geschrieben. In Norwich war aus dem leidenschaftlichen Hobby-Autor Rosenstock ein Profi geworden. Er besuchte Vorlesungen etablierter Autoren wie Andrew Motion, des offiziellen Hofdichters der Queen, und übte belletristisches Schreiben in Studenten-Zirkeln. Nur der berühmte Master-Kurs in »creative writing«, aus dem so bekannte Autoren wie Ian McEwan oder Kazuo Ishiguro hervorgegangen sind, blieb ihm verschlossen, weil er noch nicht den dafür nötigen Abschluss vorweisen konnte.

Neben den guten Bedingungen für sein Hobby lobt der Hesse am Studieren in Norwich das, was auch den meisten der rund 12 000 in Großbritannien studierenden Deutschen am englischen Uni-System gefällt: klar strukturierte Kurse, kleine Seminargruppen, gute Betreuung durch die Dozenten, häufige Lernkontrollen, alljährliche Prüfungen - also ein der Schule ähnliches Studium.

»Die Lehre ist hier studentengerechter«, glaubt Kathrin Brost, 27, die gerade einen Master-Kurs in Umweltmanagement an der Uni Durham in Englands Nordosten abschließt. Ein deutscher Dozent an einer britischen Elite-Uni sagt es noch deutlicher: »Die Unis gehören zu den wenigen Dingen, die dieses Land vernünftig hingekriegt hat. Im Vergleich zu hier sind die deutschen Hochschulen verkommen.«

Der Bachelor-Abschluss nach drei bis vier Jahren sowie Master-Kurse von einem oder zwei Jahren sind zwar mittlerweile auch an deutschen Unis zu haben. Doch das zusätzliche Plus, in der Weltsprache Englisch zu studieren, lockt immer mehr Lernwillige auf die Insel. Viele kommen schon nach dem Abitur. Daran hat auch die Einführung von Studiengebühren für Bachelor-Studenten (derzeit: 1050 Pfund/3400 Mark) nichts geändert. Auf »fast 5000« schätzt Sebastian Fohrbeck, bis vor kurzem Leiter des Londoner Büros des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), die Zahl jener, die ihr ganzes Studium auf der Insel absolvieren.

Curt Schmitt, 25, ist so einer. Nach dem Abitur kam der Westfale 1995 zum Geschichtsstudium an die London School of Economics (LSE) und erlebte dort, wovon seine Kommilitonen in Deutschland meist nur träumen: »Mit meinem Tutor hatte ich intensive Gespräche. Aber auch die anderen Professoren waren für jeden Anfänger ansprechbar.«

Individuelle Betreuung und unkomplizierter Umgang fallen deutschen Studenten besonders angenehm auf. »Diese sehr positive Bewertung taucht in 95 Prozent der Berichte auf, die unsere Stipendiaten am Ende ihres Studienjahres schreiben«, berichtet Herbert Grieshop vom DAAD-Büro in London. »Man wird als Einzelfall betrachtet«, ist die Erfahrung von Canan Gündüz, 23. Die türkischstämmige Kölnerin hat gerade ihr letztes Bachelor-Jahr in Europa-Studien am renommierten University College London begonnen.

Die oft gelobte Verschulung und die strukturierten Kurse haben aber auch Nachteile. »Ich habe einen sehr guten Überblick über alle Strömungen in meinem Fachgebiet bekommen«, berichtet Sabine Grenz, 32, die nach Studienabschluss in Köln und vier Berufsjahren gerade an der LSE einen Master in Gender Studies absolviert hat. »Am Tiefgang hat es aber gelegentlich gefehlt.«

Auch diesen Satz hören die DAAD-Betreuer immer wieder. Woran das liegt? »Von den Bachelor-Studenten wird ohnehin weniger Wissenschaftlichkeit erwartet als in Deutschland«, glaubt Grieshop. »Und auch in vielen Master-Kursen kommt die Analyse erst an zweiter Stelle.« Besonders in den ersten beiden Studienjahren müssen die angelsächsischen Studenten viel Grundwissen aufholen. Die deutschen Studenten glänzen in der Regel durch eine breitere Allgemeinbildung als viele Studenten aus Übersee, zumal aus den USA, hat Christopher Coker beobachtet, der an der LSE Internationale Beziehungen lehrt.

Dennoch nehmen die britischen Unis gern solche Bewerber, denn sie verdienen gut an Studenten aus »Übersee«. Das Imperial College London erhielt beispielsweise im vergangenen Jahr für seine 6948 Studenten aus Großbritannien und anderen EU-Ländern etwa 40,5 Millionen Mark von der Regierung; nur 1876 Studenten aus »Übersee« hingegen, vor allem Amerikaner und junge Leute aus den früheren britischen Kolonien, brachten knapp 55 Millionen Mark ein, da sie höhere Studiengebühren zahlen müssen.

»Die Unis leben von ausländischen Studenten«, erklärt ein deutscher Doktorand aus Cambridge. »Also ist doch klar, dass die Auswahl oft mit der intellektuellen Fähigkeit wenig zu tun hat.« Ist also das akademische Niveau niedriger als in Deutschland? Oder spielt dabei das unterschiedliche Verständnis von Wissenschaftlichkeit die Hauptrolle?

LSE-Professor Coker jedenfalls begegnet dem Ruf nach »mehr Tiefgang« spöttisch, obwohl er eine Schwäche für die Deutschen hat: »Viele kommen mit exzellenter Vorbildung, sind wissbegierig, fleißig, interessiert.« Wenn da nur nicht die Aufsätze wären! Coker schaudert: »Die Deutschen wollen immer gründlich sein, 40 Seiten schreiben und alle Experten zitieren. Ich sage dann, wenn Sie es nicht auf zehn Seiten schaffen, haben Sie nichts Originelles zu sagen! Das nehmen sie mir manchmal übel.«

Während britische Studenten Debatten gern auch mit abstrusen Argumenten beleben und US-Amerikaner ungern längere Gesprächspausen zulassen, melden sich deutsche Studenten meist nur dann zu Wort, »wenn sie ihrer Sache hundertprozentig sicher sind«, so Cokers Beobachtung. So sei man nun mal erzogen, stimmt ihm Canan Gündüz zu: »Wenn ich inhaltlich unsicher bin, halte ich den Mund.«

Manchmal kommt sprachliche Unsicherheit hinzu. »Meine Seminar-Aufsätze schreibe ich nie ohne Wörterbuch«, berichtet Gündüz. Wie vielen Deutschen fehlt ihr der Kontakt zu englisch sprechenden Mitstudenten - oft bleiben die Ausländer unter sich.

So erlebte es Kathrin Brost, die ihr Geologiestudium an der Uni Hannover zu Gunsten eines Auslandsjahrs in St. Andrews unterbrach. An der ältesten Universität Schottlands wird vom kommenden Jahr an auch Prinz William, der britische Thronfolger, studieren und es vielen Absolventen teurer Privatschulen gleichtun. »Es wimmelte nur so von reichen Engländern«, erinnert sich Brost, »aber die waren sehr unzugänglich. Und mit den Schotten hatte ich Verständigungsschwierigkeiten, des Akzentes wegen.«

St. Andrews hatte die angehende Geologin vor allem gewählt, weil vor Studienbeginn ein exzellenter Sprachkurs angeboten wurde. Erst vor Ort erfuhr sie, dass die Traditionsuni gemeinhin zu den zehn besten Lehranstalten der Insel gezählt wird. »Ich hatte keine Ahnung von all den Rankings«, berichtet Brost. »Ich traf meine Wahl anhand der Antworten, die ich auf meine Anfragen hin bekam.«

Das eigene Urteil bleibt der wichtigste Maßstab auf der Suche nach dem geeigneten Studienort.

Aber die in Großbritannien weit verbreiteten Rankings geben Newcomern wertvolle Anhaltspunkte. So dürfte feststehen: An den Elite-Unis, zu denen neben Oxford, Cambridge und einzelnen Institutionen in London auch Warwick, York, Durham und St. Andrews gehören, findet man im Durchschnitt bessere Studienmöglichkeiten und trifft die interessanteren Dozenten und Kommilitonen.

Die meisten Studenten zieht es noch immer in die Metropole London. Für die Provinzstädte spricht freilich, dass dort die Lebenshaltungskosten deutlich niedriger sind. Curt Schmitt etwa ging nach Bachelor und Master an der LSE zur Promotion nicht nur wegen des Renommees nach Cambridge. Er floh auch vor den Preisen in der fünftteuersten Stadt der Welt: »Cambridge ist teuer genug, aber deutlich günstiger als London.«

Dort schätzt etwa die LSE die durchschnittlichen Kosten für einen Studenten auf 670 Pfund (rund 2200 Mark) monatlich. Wegen des Kursverlustes der Mark reichen nun selbst die großzügig bemessenen DAAD-Stipendien (900 Mark für Bachelor-, 1900 für Master-Studenten) nicht mehr aus.

Die LSE-Studentin Sabine Grenz musste fürs Leben in London »ungefähr 500 Mark pro Monat« zusätzlich zum DAAD-Geld aufwenden. Vom Wohnheim hatte sie zwar einen Blick auf die Tower Bridge, dafür verging aber kein Tag ohne Baulärm. Dreck, Krach oder ausfallende U-Bahnen gingen ihr auf die Nerven. Das erstklassige Studium an dem weltweit geschätzten Institut entschädigte sie jedoch für alle Leiden. »Ich würde sofort wieder hingehen - notfalls auch ohne Stipendium.«

SEBASTIAN BORGER

INFOS IM NETZ

Einen Überblick bietet der »Studienführer Großbritannien, Irland« des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD): www.daad.de

Detailfragen beantwortet das DAAD-Büro in London: info@daad.org.uk

Auf der Homepage des »Times Higher Education Supplement« finden sich aktuelle wie allgemeine Infos:

www.thesis.co.uk/

Das British Council präsentiert nützliche Tipps sowohl über das Land als auch das Hochschulsystem:

www.britcoun.org/

University of Oxford: www.ox.ac.uk/

University of Cambridge: www.cam.ac.uk/

London School of Economics and Political Science: www.lse.ac.uk

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