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Die Welt im 21. Jahrhundert BLONDER NACHSCHUB

Die dänische Universitätsstadt Aarhus wurde zu einem Zentrum des globalen Spermahandels. Das dort ansässige Unternehmen Cryos exportiert Spendersamen in 30 Länder der Erde und hat schon über 4000 Kindern zu ihrer Existenz verholfen.
Von Rainer Paul
• aus DER SPIEGEL 48/2000
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Das Firmenlogo zeigt zwei Spermien, zu lustigen Smiley-Gesichtern verfremdet: »Wir halten den Klapperstorch auf Trab.«

Das Motto ziert den weltgrößten Spermienlieferanten, die im dänischen Aarhus ansässige Cryos International Sperm Bank Ltd. Dem Dienstleistungsunternehmen mit der Firmenbezeichnung »Biologischer Deponierungsservice« verdanken mehr als 4000 im letzten Jahrzehnt geborene Kinder ihre Existenz.

Die meisten von ihnen, etwa 2500, kamen in Dänemark zur Welt, der Rest in weiteren 30 Staaten, darunter Australien und Nordamerika, Island, Singapur und Uruguay. Auch nach Dubai exportiert Cryos, allerdings im Geheimen, weil im arabischen Emirat dem Inseminator - dem Arzt, der das Sperma an den Bestimmungsort bringt - die Todesstrafe droht.

Herr über den globalen Schwangerschaftsdienst ist Firmengründer Ole Schou. Vor mehr als zwei Jahrzehnten war er als Student der Betriebswirtschaft eines Morgens mit »einem lustigen Traumbild im Kopf aufgewacht«, auf das er sich »keinen Reim« machen konnte: Hunderttausende von Spermien, bewegungslos eingefroren in dicken Eisblöcken, waren ihm im Schlaf erschienen.

Noch am selben Morgen ging Schou in die Kopenhagener Staatsbibliothek und erbat, verschämt und »mit roten Ohren«, wie er sich heute erinnert, von einer »schönen Bibliothekarin alles, was zum Thema gefrorener Samen vorrätig war«.

Während seine Kommilitonen in ihrer Freizeit Fußball oder Tischtennis spielten, erkor BWL-Student Schou das bizarr anmutende Gefrierthema zu seinem Hobby, das er nach dem Examen - und nach Jobs als Motorradverkäufer und Industrieberater - zum, wie er findet, »schönsten Beruf der Welt« ausbaute. Schou nahm Kontakt zu erfahrenen dänischen Fortpflanzungsmedizinern auf und analysierte den weltweiten Spermamarkt. Der Markt weitete sich vor allem in den Vereinigten Staaten aus, wo Anfang der achtziger Jahre zwei zentrale Samenbanken gegründet wurden.

Versehen mit einem Darlehen seiner Mutter in Höhe von umgerechnet 25 000 Mark, gründete Schou 1990 die Cryos Samenbank. Zur Erstausstattung gehörten ein Mikroskop, eine Apothekerwaage, eine Tiefkühltrommel zur Einlagerung von Sperma bei minus 196 Grad Celsius in flüssigem Stickstoff und jede Menge Strohhalme aus Plastik, in die der Spendersamen aufgezogen wird.

»Ich hatte in einer Marktnische einen Volltreffer gelandet«, erinnert sich Schou. Schon am ersten Geschäftstag erschienen zehn Aarhuser Studenten in dem damals nur neun Quadratmeter großen Cryos-Büro, mit der Absicht »schnell und ohne große Mühe ihr Taschengeld aufzubessern« (Schou). Die Spendewilligen erhielten vom Firmenchef ein filmdosengroßes Behältnis und wurden zur Toilette auf dem Flur gewiesen.

Heute misst das Cryos-Hauptquartier, in einem renovierten Lagerhaus in der Aarhuser Altstadt, 240 Quadratmeter. »Gemütlich« nennt Schou das Ambiente mit Parkettboden, sanften Wandfarben, dimmbaren Deckenleuchten und bequemem Gestühl im Wartebereich.

Stehlampe und Grünpflanze zieren den Masturbationsraum mit einer über der Tür angebrachten roten Besetzt-Leuchte. Die mit einer Papierbahn bedeckte schmale blaue Plastikliege aus dem Behandlungszimmer einer medizinischen Praxis, die umherliegenden Pornomagazine und das Gerät zum Abspielen von Hardcorevideos dienen auf sachliche Weise dem Zweck des Unternehmens.

Mehr als 200 junge Männer, die meisten von ihnen in der Altersgruppe zwischen 24 und 28 Jahren, gehören zum festen Spenderstamm von Cryos; gemeinsames Merkmal, so Schou, sei »die durchgehend hohe Qualität ihres Spermas«.

Um den Standard zu sichern, hat Schou ein rigoroses Ausleseverfahren entwickelt. Der potenzielle Spender liefert bei seinem ersten Besuch eine Samenprobe ab. Sie wird gewogen (Durchschnittsgewicht: drei Gramm), sodann wird unter dem Mikroskop die Spermienmenge ausgezählt und die »zielgerichtete Beweglichkeit« (Motilität) der Samenfäden bewertet. Danach wird die Spende für kurze Zeit im Cryotank eingefroren, was erfahrungsgemäß nur etwa 40 Prozent der Samenzellen überstehen.

Die aufgetaute Probe wird erneut ausgezählt und bewertet; enthält sie mindestens 25 Millionen bewegliche Spermien pro Milliliter, hat der Kandidat »die Eingangsprüfung bestanden« (Schou). Es folgt eine eingehende medizinische Untersuchung, HIV-Test inklusive.

Im Gespräch mit einem Psychologen muss der Spender die Motive seiner Dienstleistung darlegen, und er wird auf die Probleme hingewiesen, die seine Frau oder Freundin möglicherweise damit haben werde, »dass ihr Partner nebenbei Vater Dutzender von Kindern sein kann«, wie der Firmenchef erläutert.

Entsprechend dänischen Rechtsvorschriften muss jeder Bewerber schriftlich versichern, dass er weder homosexuell noch drogensüchtig ist. Nur jeder Zehnte übersteht am Ende das Ausleseverfahren. Gleichwohl ist die Spermadeponie von Aarhus bislang nie in Lieferschwierigkeiten geraten.

Als Hauptgrund nennt Schou - neben dem traditionell chronischen Geldmangel aller Studenten - die »totale Anonymität, die wir jedem unserer Lieferanten zusichern«. Kein Spender wird namentlich erfasst. Er identifiziert sich jeweils nur durch eine Ausweiskarte mit Passfoto und Pin-Code.

Unter dieser Personennummer finden sich in der Cryos-Kartei jene Spenderdaten, die bei jeder Lieferung dem Empfänger mitgeteilt werden. Dazu gehören Angaben über Augen- und Haarfarbe, Größe, Gewicht und Blutgruppe und die ethnische Zugehörigkeit des Spenders. Um Überraschungen oder Verwechslungen vorzubeugen, wird das Sperma nichtweißer Spender in gelbe Halme abgefüllt.

Verweigert wird jede Auskunft über den Intelligenzquotienten der Spender, nach dem beispielsweise amerikanische Kunden, so Schou, »immer als erstes fragen«. Die mit Cryos-Hilfe gezeugten Kinder sollten »nicht besser und nicht schlechter werden« als konventionell gezeugte Nachkommen. Positive Eugenik, wie sie im amerikanischen Befruchtungsbusiness betrieben wird, lehnt Schou ab.

Insgesamt 40 000 Halme mit Sperma der Qualität »Standard« (20 bis 25 Millionen motiler Zellen pro Milliliter) und »Extra« (40 Millionen Zellen) hält das Unternehmen in seiner Aarhuser Zentrale und bei den Cryos-Niederlassungen in Kopenhagen und Odense tiefgekühlt auf Lager. Mit zwei Millionen Mark ist das wertvolle Gefriergut derzeit gegen Verderben und Diebstahl versichert.

Umgerechnet 65 Mark erhält der Spender für jedes Ejakulat, das im Durchschnitt dazu ausreicht, sechs Halme zu füllen. Für die erfolgreiche Einleitung einer künstlichen Schwangerschaft sind - je nach gewählter Befruchtungsmethode - zwischen einem und sechs Spermahalme nötig; jeder Halm kostet 130 Mark. Der Versand erfolgt in Spezialbehältern, die mit flüssigem Stickstoff oder Trockeneis gekühlt werden. Kunden in »zivilisierten Ländern« (Schou) werden innerhalb von 48 Stunden beliefert, zu »entlegenen Destinationen« sei die kühle Fracht aus Aarhus höchstens einen Tag länger unterwegs.

Am weltweiten Boom mit Spermaspenden (geschätztes Exportvolumen: rund 100 Millionen Dollar) will der dänische Spezialist kräftig mitverdienen. Sein Firmenziel: »Ich möchte mit Cryos zum McDonald''s der Sperma-Branche werden.«

Nach dem Franchise-Konzept der amerikanischen Fleischklopskette will Schou die Welt mit einem Netz von Cryos-Samenbanken überziehen. Als Standort der ersten Filiale böten sich die USA an: Dort, auf dem weltgrößten Spermamarkt, werde der Handel mit Samenzellen besonders freizügig betrieben.

Vor allem aber hat Schou »im amerikanischen Mischmasch der Rassen« eine Bedarfslücke ausgemacht: »Die Nachfrage nach Sperma von blonden und blauäuigen Spendern aus Nordeuropa ist dort groß.« RAINER PAUL

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