CONSULTANT VOM CAMPUS - DER SPIEGEL
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STUDENTISCHE UNTERNEHMENSBERATER ZÄHLEN SELBST GROSSKONZERNE ZU IHREN KUNDEN - UND BEREITEN SO IHRE KARRIERE VOR.
• aus UNI SPIEGEL 6/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Firmenzentrale des Company Consulting Team (CCT) hat eine etwas ungewöhnliche Adresse: Raum Wil005 der Technischen Universität Berlin. Es ist eine Unternehmensberatung der besonderen Art: Die 50 CCT-Kräfte sind allesamt angehende Akademiker, Wirtschafts-, Psychologie- oder Ingenieurstudenten, die hier im Nebenjob erproben, was ihre Kommilitonen in überfüllten Betriebswirtschaftsseminaren mühsam pauken müssen. Von der Kostenanalyse für Internet-Start-ups über Marketing-Konzepte für Handwerksbetriebe bis zum kompletten Personalauswahlsystem für einen etablierten Industriekonzern: Die Studenten bieten an, womit auch etablierte Unternehmensberater ihr Geschäft machen.

Nur, sie sind erheblich billiger, und die Tätigkeit hat einen pädagogischen Nebeneffekt: Die Consultants können am praktischen Beispiel studieren, wie die Wirtschaft in Wirklichkeit funktioniert.

Die Berliner Nebenerwerbsberater, die für ein Zehntel der Tagessätze von McKinsey und Co. arbeiten, sind gut im Geschäft. Mal entwickeln CCT-Teams ein diebstahlsicheres Verpackungssystem für hauptstädtische Einzelhändler, mal durchleuchten sie die Verwaltungskosten eines Berliner Automobil-Zulieferers. »Wir bekommen mehr Aufträge, als wir annehmen können«, freut sich Christian Hellebrandt, angehender Luftfahrt-Ingenieur und CCT-Pressereferent.

Bundesweit bieten derzeit mehr als 50 studentische Unternehmensberatungen ihre Dienste an, rund dreimal so viele wie vor zehn Jahren. Zu den Kunden zählen mittelständische Industriezulieferer und junge Internet-Gründer, aber auch Weltkonzerne wie DaimlerChrysler, Thyssen-Krupp oder die Lufthansa.

Viele Großunternehmen unterstützen die Uni-Berater zudem finanziell oder entsenden hochrangige Experten in die Beiräte, die auf Qualität achten. Um Vorbehalte bei der Kundschaft abzubauen, stellen die Studentenbetriebe strenge Anforderungen an die Professionalität ihres Personals. Wer als studentischer Berater auf die Kunden losgelassen werden will, muss zuvor Pflichtseminare in Rhetorik, Präsentation und Projektmanagement absolvieren. Den Teams steht zudem meist ein erfahrener Consultant vor, der bereits mehrere Aufträge erfolgreich abgewickelt hat.

Die Führungskraft hat dafür zu sorgen, dass die Studenten-Berater nicht weniger auf Leistung getrimmt sind als ihre Profi-Kollegen. Die Hochschüler arbeiten in ihrem Nebenjob oft zwölf oder mehr Stunden pro Woche und üben wenig Nachsicht, wenn einer ihrer Kommilitonen sein Pensum nicht schafft. Als im Team von CCT-Sprecher Hellebrandt jüngst ein Student die geforderte Marktanalyse nicht rechtzeitig abgab, holte sich der Projektleiter kurzerhand einen anderen in die Gruppe. »Allen war klar, dass das unvermeidlich war«, räumt Hellebrandt ein. »Sonst wäre der Kunde nie wiedergekommen.«

Wer durchhält, kann sich dafür schon in einem Alter mit beruflichen Erfolgserlebnissen schmücken, in dem andere noch nicht einmal einen Betrieb von innen gesehen haben. Wie selbstverständlich pflegen die Studenten-Berater die gleichen Statussymbole wie ihre professionellen Vorbilder, vom dunkelgrauen Business-Anzug bis zum unentwegt klingelnden Diensthandy, vom unterkühlt vorgetragenen Heldenbericht über die jüngsten Nachtsitzungen bis zum aktuellsten Management-Jargon: Der »Private-Equity-Fonds« geht ihnen dabei genauso locker über die Lippen wie das »Business-Controlling« oder die »Later-Stage-Finanzierung«.

Man verliere »einfach die Berührungsangst«, sagt Wirtschaftsstudent Till Stolzenberg, 24, Mitglied bei der Beraterfirma Junior Comtech in Darmstadt. »Auch Unternehmensberater kochen nur mit Wasser.«

Wie sehr solche Einsichten das studentische Selbstvertrauen aufmöbeln können, weiß auch Ahmet Tombul, 27, Vorsitzender des Berliner CCT.

Der angehende Wirtschaftsingenieur sollte vergangenes Jahr im Auftrag eines Berliner Verkehrskonzerns untersuchen, in welchen europäischen Ländern es die besten Verladesysteme für Eisenbahnen und Lkw gibt. »Anfangs war der Forschungsleiter äußerst skeptisch, ob wir die entsprechenden Daten zusammenbekommen würden«, erzählt Tombul. Doch dann nutzte der Nachwuchsberater seine guten Kontakte zu studentischen Partnerberatungen in Italien, Frankreich und Spanien ("Das war unser Joker") und überraschte seinen Auftraggeber mit einem unerwartet ausführlichen Nationen-Vergleich.

Der Manager war sichtlich angetan und ließ den Jungberatern eine besondere Form der Anerkennung zuteil werden. Während er mit Tombuls Team im luxuriösen firmeneigenen Vorstandskasino speiste, tafelten nebenan in der Betriebskantine alte Bekannte - ehemalige Kommilitonen, die nach dem Studium in dem Unternehmen als Trainees begonnen hatten. »Die waren von unserer Vorzugsbehandlung mächtig beeindruckt«, sagt Tombul.

Nicht nur solche Erfolgsstorys locken die Studenten zu den Uni-Consultants. Die Hochschüler knüpfen bei ihren Einsätzen auch wichtige Kontakte, die sie später für ihren Start ins Berufsleben nutzen können.

Manager der Gasag Berliner Gaswerke AG zum Beispiel fragen nicht selten zunächst bei den CCT-Consultants, wenn sie eine Stelle zu besetzen haben. Die Führungskräfte wissen aus Erfahrung: »Wer bei den Beratungsunternehmen mitmacht, gehört meist zu den helleren Studenten«, so Jürgen Schmidberger, Controlling-Leiter bei der Gasag.

Der Manager lässt von einem CCT-Team gerade ein Kontrollziffern-System für die Tochterbetriebe des Konzerns entwickeln. Zwar muss Schmidberger den Hochschülern dabei immer mal wieder unter die Arme greifen, weil »die natürlich noch zu grün sind, um solch einen Auftrag völlig autark abwickeln zu können«. Doch dafür kosten ihn die Studenten nur einen Bruchteil dessen, was er für ein professionelles Consulting-Unternehmen ausgeben müsste. »Das ist eine ganz kühle Kalkulation«, sagt Schmidberger: »Was steckt man rein, was bekommt man raus.«

Die Rechnung geht auch für die studentischen Berater auf. Natürlich könnte zum Beispiel CCT-Mitglied Daniel Tisch, 22, mit vielen Nebentätigkeiten mehr Geld verdienen als mit seinem aufwendigen Beraterjob. Doch dafür entgingen dem Betriebswirtschaftsstudenten Erfahrungen, die er im Hauptseminar nie machen könnte.

»Im Lehrbuch steht, welche Unternehmenszahlen man als Berater so braucht«, sagt der Student, »dass manche Manager im Betrieb dann aber gar nicht wollen, dass man diese Zahlen auch bekommt, daran muss man sich erst einmal gewöhnen.«

Für viele der studentischen Berater steht dennoch fest, dass sie ihr Hochschul-Hobby später zum Beruf machen wollen. Seit die Berliner Studentin Nicole Bodack für das CCT mehrere Projekte erfolgreich abgeschlossen hat, ist ihr klar: Sie will Unternehmensberaterin werden. »Da ist man für seine Arbeit selbst verantwortlich«, sagt die Studentin, »und muss nicht wie in einer Bank Tag für Tag dieselben Aktienwerte analysieren.« MICHAEL SAUGA

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