Das Bad der nackten Nagas - DER SPIEGEL
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INDIEN Das Bad der nackten Nagas

»Mahakumbha Mela« ist das größte Volksfest der Welt. 50 Millionen Hindus werden in der Stadt Allahabad am Ganges erwartet - die Behörden fürchten Attentate.
Von Padma Rao
• aus DER SPIEGEL 4/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In den Nebeln des Morgengrauens schwangen die heiligen Männer ihre Schwerter und Dreizacke. Die »Naga-Sadhus« stießen Lobrufe auf Gott Shiva aus, und dann stürzten sie sich nackt, ihre Körper mit Asche und Zinnober bemalt, in die derzeit eisigen Fluten des Ganges.

Flugs zogen Hundertschaften von Kameraleuten ihre Socken aus und hüpften ebenfalls in das von Hindus als fließende Locke Shivas verehrte Gewässer. Es galt, die Bilder der planschenden Betbrüder, die am vorvergangenen Sonntag vor acht Millionen Zuschauern während des »Mahakumbha Mela«-Festes ihre rituellen Waschungen vollzogen, in alle Himmelsrichtungen zu verbreiten.

Das Wasser des Ganges heiligt Geburt, Tod und andere wichtige Ereignisse im Leben eines Hindus. Babys und Brautpaare werden mit seinen Tropfen besprenkelt, Leichenasche wird seinen Fluten übergeben. Über Jahrtausende begleiten die Hoffnungen, Klagen und Gebete der Hindus den 2700 Kilometer langen Lauf des mächtigen indischen Flusses vom Himalaja bis zum Golf von Bengalen.

Seit dem 9. Januar ist die Metropole Allahabad an seinen Ufern Schauplatz des größten Menschenauflaufs aller Zeiten. Mehr als 50 Millionen Pilger, Asketen, Touristen, Neo-Hippies, New-Age-Sinnsucher und Neugierige reisen zum Mahakumbha Mela, einem Mammut-Festival, das nur alle zwölf Jahre abgehalten wird.

Die diesjährige Feier gilt als die wichtigste seit 1857, denn nach zwölf mal zwölf Jahren stehen die Planeten wieder in einer ganz speziellen und besonders günstigen Konstellation - genau wie einst, als der Sage nach die Götter aus einem Topf ("Kumbha") voller Nektar an vier Orten entlang des Ganges und anderer heiliger Flüsse kostbare Tropfen verloren.

Diese Städte wechseln sich seither im Drei-Jahres-Turnus mit dem Feiern ab; drei kleineren River-Partys ("Kumbha Mela") folgt eine größere ("Mahakumbha Mela"), und dieses Jahr ist Allahabad Gastgeber. Wer jetzt dort im Ganges badet, der hat nach hinduistischer Überzeugung an des Nektars Wunderwirkung teil.

Per Flugzeug, zu Fuß oder mit dem Ochsenkarren kommen fromme Hindus herbei, und alle haben, wie der pensionierte Lehrer Pandit Sudarshan Prasad Upadhyaya, 70, ein gesundes Urvertrauen in die mystische Kraft des Nektars und des Stromes: »Mutter Ganges ist rein, und immer wenn ich in ihrem Wasser bade, verschwinden alle bösen Gedanken.« Dabei ist der legendenumwobene Wasserlauf insbesondere durch Chemikalien extrem verschmutzt; nicht selten schwimmen auch halb verkohlte Leichen mit.

Nahe Allahabad entstand auf sandigem Ufergrund eine 50 Quadratkilometer große Zeltstadt namens Mahakumbhnagar, die bis zum 21. Februar Dorfgemeinschaften aus allen Teilen Indiens beherbergt. Sie campieren frierend unter Lumpen im diesmal ungewöhnlich kalten indischen Winter und nutzen den heiligen Fluss nicht nur für gottgefällige Reinigungen: Die 17 000 öffentlichen Toiletten und 50 000 provisorischen Latrinenplätze reichen bei weitem nicht aus für die Besucherscharen - also muss der Ganges spülen.

Für die Sicherheit der Massen sind 19 000 Aufpasser zuständig. An 19 Schaltern werden Vermissten-Meldungen entgegengenommen. Mütter verknoten ihre Saris mit den Kleidern ihrer Kinder, damit der Nachwuchs nicht abhanden kommt. Dass sich während einer Kumbha Mela halbe Sippen samt dazugehöriger Haustiere tagelang unauffindbar verlaufen, hat Indiens Kino-Industrie bereits zu zahlreichen kassenträchtigen Schicksalsepen inspiriert.

Die nackten Sadhus kiffen gruppenweise; Marihuana-Wolken schweben durch die Lüfte. Schlangenbeschwörer spielen Flöte; Zauberer und Akrobaten zeigen für ein paar Münzen ihre Künste. Und Bauern wie der 65-jährige Bhaunwal Prasad, der sich mit 20 Freunden und Familienangehörigen ein zerschlissenes Zelt teilt, hoffen auf die Zauberkraft des Flusses: »Wenn bei uns die Ernte ausfällt, beten wir zur Mutter Ganges, und wenn es dann regnet, wissen wir, dass sie geholfen hat.«

Betuchte Besucher steigen entweder in den Hotels der Innenstadt Allahabads ab oder in einer der beiden Luxuszeltanlagen in Mahakumbhnagar (Kosten: 700 Mark für drei Nächte). Die Hierarchie der Hindu-Gesellschaft existiert auch während des Kumbha-Mela-Karnevals fort: »Sie haben nichts am Leib und nichts im Kopf«, spottet ein Dandi-Sadhu aus der höchsten Brahmanen-Kaste über den spektakulären Auftritt seiner nackten Kollegen. »Die Naga Babas rauchen Gras und klauen - und halten sich für unseresgleichen.«

Neid schwingt mit in seiner Schelte. Denn die öffentlichkeitsbewussten Naga Babas genießen ihr exzentrisches Auftreten und zelebrieren ihre Nacktheit. Manche, von der Natur begünstigt, winden ihren Penis um einen Gehstock und winken neugierige Frauen in ihre Zelte. TV-Teams bleiben besser taktvoll auf Distanz: Die Dreizacke der wilden Nackten sind rasiermesserscharf geschliffen.

Dandis und Nagas sind sich traditionell Feind. Die Erinnerungen an gewaltsame Zusammenstöße bei einer der kleineren Kumbha-Mela-Feiern sind noch frisch. Auslöser der Handgreiflichkeiten war die Frage, welcher Sadhu-Fraktion das Privileg gebühre, als Erste ins Wasser zu steigen. Deswegen wurde diesmal das Bad der nackten Nagas von staatlichen Einheiten mit AK-47-Gewehren gesichert.

Solche Eifersüchteleien sind indes weder das einzige noch das gravierendste Sicherheitsrisiko.

Zum einen droht eine von der radikal-islamischen Taliban unterstützte Terrorgruppe namens Lashkar-i-Toiba mit Anschlägen. Sie wird von den Behörden äußerst ernst genommen, denn nur wenige Tage nach dem medienwirksamen Wassergang der Nagas kamen in Srinagar, der Hauptstadt des indischen Teils Kaschmirs, elf Menschen bei einem Attentat ums Leben, darunter das sechsköpfige Lashkar-Selbstmordkommando.

Zum anderen wollen Fundamentalisten vom Welt-Hindu-Rat (VHP), die Indiens nationalistische Regierungspartei BJP unterstützen, den Bau eines grandiosen Hindu-Tempels auf den Trümmern der 1992 von einem Mob zerstörten Babri-Moschee in Ayodhya ankündigen. Die Stadt liegt nur rund 150 Kilometer von Allahabad entfernt, wo sich am Mittwoch dieser Woche rund 30 Millionen gläubige Hindus aufhalten werden - ein nicht abzuschätzendes Unruhepotenzial.

Die Polizei ist in höchster Alarmbereitschaft, Sicherheitsbeamte arbeiten unter anderem mit Hunden, die Sprengstoff erschnüffeln können, und mit Nachtsichtgeräten. Kontrollen an Straßen, Brücken und Badeplätzen sollen die Gefahr von Anschlägen reduzieren.

Mehr können die Behörden kaum tun, zumal zusätzlich jene spirituell angehauchte Show-Prominenz geschützt werden muss, die sich zum Ende des Kumbha Mela ebenfalls am heiligen Ganges angesagt hat: die Filmstars Sharon Stone, Demi Moore und Richard Gere sowie Paul McCartney und Courtney Love, Witwe des Nirvana-Sängers Kurt Cobain.

Es hat Aufrufe gegeben, die VHP-Kundgebung zu boykottieren. Doch deren Anliegen ist ganz im Sinn der frommen Hindus: »Ich hasse schmutzige Politik«, sagt der Lehrer Upadhyaya, »aber der Tempel muss gebaut werden. Nur Ausländer und solche, die unseren Glauben nicht verstehen, sind dagegen.« PADMA RAO

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