Schrecken der Luftfahrt - DER SPIEGEL
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REISEN Schrecken der Luftfahrt

Tausende von Flugpassagieren weltweit starben an Thrombosen. Die Airlines wollen künftig zwar davor warnen - weisen jedoch jede Mitschuld zurück.
• aus DER SPIEGEL 4/2001
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Manchmal erfolgt der Absturz erst nach der Landung: »Die Leute gehen noch bis zum Gepäckband, dann sacken sie zusammen« - so beschreibt der Rettungsarzt John Belstead den Niedergang von Langstreckenpassagieren. »Bis man sie in unsere Notaufnahme gebracht hat, sind die meisten von ihnen tot.«

Belstead, 55, und seine Kollegen am Ashford Hospital nahe des Londoner Flughafens Heathrow sehen ungefähr 90 Prozent aller Flugpassagiere, die nach ihrer Ankunft einen Notarzt brauchen - und den Weg zu ihm mitunter nicht überleben.

Rund 60 Körper bekam Belstead in den vergangenen drei Jahren zur Beschau. An 30 der Leichen diagnostizierte der Doktor jenes Leiden, das Fluggäste und Luftfahrtgesellschaften gegenwärtig gleichermaßen beunruhigt: das Economy-Class-Syndrom.

Bis zu 2000 Flugpassagiere sterben jedes Jahr weltweit an dem Leiden, schätzt das Fachblatt »Flight International« in seiner neuesten Ausgabe. Und in Australien, England und Neuseeland beschweren sich 800 Menschen über Folgen der Sitzfolter in Langstreckenmaschinen. Sie alle wollen Blutgerinnsel (Thrombosen) erlitten haben, die im Krankenhaus behandelt wurden.

Fluggesellschaften haben das Economy-Class-Syndrom ihren Kunden bisher verschwiegen. Genau deshalb erwägen Hunderte vermeintlicher Thrombose-Opfer nun, British Airways, Singapore Airlines oder etwa die australische Qantas mit Sammelklagen auf Schadensersatz in Millionenhöhe zu überziehen.

Zu ihnen gehört auch der Verlobte von Emma Christoffersen. Die 28 Jahre alte Verkäuferin aus Wales starb nach einem 20-Stunden-Flug von Sydney nach Heathrow, den sie Ende September eingepfercht in der Economy-Class ertrug (SPIEGEL 44/2000).

Das Blut staute sich in einer ihrer Venen und bildete ein Gerinnsel, vermutlich im Bein. Als Christoffersen sich nach der langen Reise erhob, löste sich der Blutpfropf. Er trudelte durch ihren Körper, strandete in der Lunge und verstopfte eine lebenswichtige Ader. Die Frau sank am Gepäckband in Heathrow in eine Bewusstlosigkeit, aus der sie nicht mehr erwachte. Doktor Belsteads Diagnose: Lungenembolie.

Bis zum Ableben der jungen Frau galten nur Abstürze und Hijacker als Schrecken der zivilen Luftfahrt: Jedes Jahr finden rund 1000 Fluggäste bei etwa 50 Unfällen den Tod. Dann erfuhr der Passagier: In Flugzeugen, die unversehrt landen, verscheiden noch mehr Menschen. Ungefähr 2000 geraten jedes Jahr aus der Luft in die Gruft.

Oft stirbt der Passagier erst, wenn er den Flieger bereits verlassen hat - und entgeht damit der Statistik. Nur wenige Studien versuchen diese Lücke zu füllen. Auf dem Narita-Flughafen in Tokio etwa spürten japanische Ärzte dem Sekundentod nach: 25 Menschen verblichen in den vergangenen acht Jahren wegen Thrombosen nach einem Langstreckenflug. Von 20 Millionen Passagieren jährlich wurden zudem jeweils 100 bis 150 wegen Gerinnseln behandelt. Auf dem Flughafen in Frankfurt am Main, den mehr als doppelt so viele Menschen nutzen wie Narita, werden solche Krankengeschichten nicht zentral erfasst.

»Ich bin sicher, dass der Flughafen Tokio keine Ausnahme ist«, kommentiert der Arzt Toshiro Makino seine Zahlen. »Andere Flughafenkliniken müssen das gleiche Ausmaß an Fällen haben.«

Nun formiert sich der Widerstand all jener, die sich bisher ohne Murren in die lebensfeindliche Enge der Economy-Class fügten. Passagiere kramen alte Flugtickets und Krankenakten hervor. Eine 24 Jahre alte Australierin beispielsweise, die jetzt British Airways verklagen will, behauptet, sie habe vor drei Jahren auf einem Flug nach London unter Beinkrämpfen gelitten und ihren anschließenden Urlaub überwiegend im Krankenhaus verbracht.

Der walisische Abgeordnete John Smith wiederum beklagt den Tod seines Landsmannes John Thomas: »Er war bei perfekter Gesundheit. Das Einzige, das ihm widerfuhr, war ein Langstreckenflug.« Der Polizist aus Cowbridge nahe Cardiff war vorigen Sommer kollabiert - nach dem Rückflug aus den Flitterwochen in Hawaii.

Bei der Lufthansa sind ebenfalls »einige schriftliche Forderungen vermeintlicher Thrombose-Opfer nach Entschädigungen« eingegangen, räumte das Unternehmen vergangene Woche erstmals ein. »Wir haben in allen Fällen geantwortet, dass wir die Verantwortung nicht übernehmen«, erklärt Lufthansa-Sprecherin Karin Weber. Wie viele Passagiere sich genau beschwert haben, verriet sie nicht. Es handele sich um »noch laufende Vorgänge«.

Die deutsche Fluglinie bleibt dabei: In der eigenen Flotte seien »keine Fälle des Economy-Class-Syndroms bekannt«. Zwar starben voriges Jahr elf Menschen an Bord von Lufthansa-Maschinen. Einer von ihnen spritzte sich eine Überdosis Heroin. Andere waren sieche Krebspatienten: Sie wollten in oder zumindest über ihrem Heimatland sterben - um nicht die Prämie ihrer Lebensversicherungen zu gefährden. Eine Lungenembolie jedoch, versichert der leitende Lufthansa-Arzt Lutz Bergau, 59, sei unter den Todesursachen nicht gewesen.

Anders als British Airways und Qantas wird die Fluglinie deshalb keine Warnhinweise in die Tickets legen. Bergau: »Das würde nur unnötige Ängste schüren.«

Die - bisher freilich noch recht dürre - Statistik stützt die rigide Haltung. So zeigte eine Erhebung am Pariser Flughafen Charles de Gaulle: Nur einer unter zwei Millionen Passagieren erkrankte. Zudem tritt das Economy-Class-Syndrom nicht nur unter Fliegern auf: Thrombosen können generell durch stundenlanges Sitzen entstehen, auch in Bussen, Bahnen und Autos.

Rund fünf Prozent aller Deutschen sind von Natur aus anfällig. Sie tragen ein mutiertes Gen für ein Protein, das normalerweise die Blutgerinnung hemmt. Wer den Defekt von beiden Eltern geerbt hat, trägt ein bis zu 100fach erhöhtes Thrombose-Risiko. Aber auch wer nur eine Kopie des mutierten Gens hat, sollte vor Langstrecken-flügen einen Arzt aufsuchen und sich Blut verdünnende Mittel verschreiben lassen.

Einen verblüffenden Zusammenhang förderten im letzten Jahr norwegische Forscher zu Tage: Sie setzten 20 gesunde Männer in einem Wohncontainer acht Stunden lang einem Luftdruck aus, der so niedrig war wie in einem Flugzeug. Bestimmte körpereigene Stoffe, die das Gerinnen des Blutes fördern, waren anschließend um das Zwei- bis Achtfache erhöht. Offenkundig war es der niedrige Luftdruck, der die Blutzusammensetzung änderte. Denn die Männer bewegten sich frei in ihrem Container.

Auch die Befunde vom Flughafen Tokio stützen den Verdacht, dass nicht Enge allein die Ursache der Thrombosen ist: 5 Prozent der Opfer reisten in der ersten Klasse und 25 Prozent in der Business-Klasse - das entspricht dem Anteil der Passagiere in einem durchschnittlichen Langstrecken-Jet. Deshalb sagt Toshiro Makino: »Wir sollten das Economy-Class-Syndrom lieber Flugzeug-Syndrom nennen.«

Die Airlines wollen bisher weder von dem einen noch von dem anderen etwas hören. Selbst wenn das Schicksal einen ihrer Kunden im Fluge ereilt, bleiben sie hartleibig. So sackte Business-Passagierin Susan Mavir-Ross, 42, noch auf dem Luftweg von San Francisco nach Heathrow zusammen. Nach der Landung wurde sie rasch ins Ashford Hospital geschafft, wo Doktor Belstead die ihm wohl bekannte Todesursache feststellte: Thrombose.

Ein Mitarbeiter der Gesellschaft Virgin Atlantic Airways sprach dem geschockten Vater der Toten sein Mitgefühl aus - nicht ohne anzufügen: »Nichts verbindet ihren Tod mit dem Flug.« JÖRG BLECH

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