ARCHÄOLOGIE Schlaflos in Luxor
Als Obelix die Sphinx bestieg, brach die Nase ab. Rainer Stadelmann ist vorsichtiger. Sanft lehnt er eine gepolsterte Leiter an den linken Memnonkoloss. Dann steigt er an der Wade empor.
3360 Jahre schon steht die Riesenstatue am Westufer des Nils bei Luxor. Cäsar kniete vor ihr, Churchill und Hillary Clinton. Im letzten Dezember kam Rudolf Scharping. Gleich neben dem Felsungetüm hockt ein baugleicher Zwilling. Auch er ist ohne Bodenplatte 800 Tonnen schwer und knapp 15 Meter hoch.
Stadelmann will die Big Brothers jetzt erklimmen. »Vorsicht, der Stein ist glatt«, ruft der Archäologe, während die Keramikspezialistin Myriam Seco aus Sevilla über die gewaltige Kniescheibe robbt. Es folgt, mit Stift und Zeichenblock, Silke Markt, eine Expertin aus München.
Schließlich hockt das dreiköpfige Team auf einem Schoß aus Quarzit, groß wie ein Kinderzimmer. Was für ein Augenblick! Es ist sieben Uhr morgens. Über dem Totenland von Theben, der alten Hauptstadt Ägyptens, liegt noch Morgendunst.
Hinter dem Rücken der Sitzriesen wird bereits fleißig gearbeitet. Rund 40 Arbeiter
reißen mit Hacken den Boden auf. Sie jä-
ten Schilf und Kameldorn und scharren die fruchtbare schwarze Erde in Gummieimer. Ein Lkw schafft den Aushub weg.
Stolz zeigt der Chef das Grabungsareal. Auf Podesten liegen monumentale Unterarme, zerborstene Nasen, Brüste aus Rosengranit. Im Zentrum der Anlage ragen Säulenstümpfe, groß wie Brontosaurier-Füße, empor.
30 Jahre lang hat Rainer Stadelmann das Deutsche Archäologische Institut in Kairo mitgeleitet. Nun, als Pensionär, erfüllt sich der Forscher einen Traum: Er gräbt im Totentempel von Pharao Amenophis III.
Ein Ruf wie Donnerhall umgab zu Lebzeiten diesen Herrscher der 18. Dynastie. Amenophis hinterließ mehr Selbstporträts als jeder andere Pharao (über tausend Monumentalstatuen). Er besaß den üppigsten Harem (tausend Frauen) und den schwierigsten Sohn - Echnaton.
Sich selbst präsentierte Amenophis als Auserwählten: »Ich schuf Größe ohne Grenze in Gold, Stein und allen kostbaren Edelsteinen.« Der Bauforscher Horst Jaritz glaubt: »Der Mann war größenwahnsinnig.«
Da ist was dran. Einer Abschätzung zufolge war der Kultbezirk, der nun zu Tage kommt, 550 Meter lang und 700 Meter breit. Umschlossen wurde der Tempel von einer zinnenbewehrten Ziegelmauer, Wandstärke: 8,50 Meter. Um bis zur Nordostecke des Rekordbaus zu gelangen, setzt sich der Ausgräber lieber in den Jeep. Dort zeigt er über einen Acker hinweg zu den Memnonkolossen: »Das waren die Türfiguren vor dem Haupteingang.«
Alten Quellen zufolge besaß die Anlage silberne Fußböden. Vor den Eingangstoren (Pylonen) standen bunte Fahnenmasten. Die Texte berichten von einem »Arbeitshaus voller Sklaven« sowie einem heiligen See, geschmückt mit Blumenkörben, in dem sich Fische und bunte Wasservögel tummelten.
Hunderte Priester lebten in dieser »Festung der Ewigkeit«, wo sie den Pharao schon zu seinen Lebzeiten als Gott verehrten (siehe Grafik Seite 183).
Doch der Wunderbau hielt den Zeiten nicht stand. Erdbeben rüttelten an den Säulen. Fluten begruben Hunderte Statuen und Stelen unter Nilschlamm. Dann folgten die Steinräuber.
Im Jahr 1818 traf der britische Konsul Henry Salt in Luxor ein und schlachtete die Ruine weiter aus. Mit Seilwinden hievte er Skarabäen, Nilpferde aus Alabaster und monumentale Anubis-Figuren aus dem Morast.
Wo Stadelmann auch den Spaten ansetzt, stößt er auf Spuren von Vandalismus. »Der Kopf wurde mit dem Vorschlaghammer abgebrochen und wegtransportiert«, erklärt er und zeigt auf eine Sphinxfigur. Rund zehn Prozent aller altägyptischen Statuen und Reliefs, die heute in den Magazinen von Berlin bis New York liegen, stammen aus dieser gigantischen Tempelanlage. Zwei Riesensphinxe stehen heute in Sankt Petersburg an der Newa.
Doch so reichhaltig auch seine Hinterlassenschaft sein mag, so bescheiden ist Amenophis Nachruhm. Fast scheint es, als sei mit der Plünderung seiner Bauten auch der Name des Schöpfers vergessen. Heute steht der bauwütige Pharao im Schatten seiner weit berühmteren Nachfolger Echnaton, Tutanchamun und Ramses.
Selbst die Memnonkolosse tragen einen falschen Namen: Im ägyptischen Volksmund hieß Amenophis »Nimmuria«. Diesen Namen verballhornten die Griechen zu »Memnon« - so hieß einer der Helden, der vor Troja fiel.
So sank ein historischer Titan zum Nobody herab. 38 Regierungsjahre lang hielt Pharao Amenophis (1390 bis 1353 vor Christus) seine Untertanen in Atem. Die US-Archäologin Arielle Kozloff vergleicht ihn mit dem Sonnenkönig Ludwig XIV.
Wie im Sturmlauf überzog der König das Land mit Quadern, Pylonen und Säulenwäldern. »Mit diesem Herrscher tritt eine Steigerung der Dimensionen ein, die wir kaum erklären können«, sagt Horst Jaritz vom Schweizerischen Institut für Ägyptische Bauforschung.
Als der breitwangige Dynast den Thron bestieg, stand Ägypten im Zenit seiner Macht. Vom Euphrat bis zum vierten Nilkatarakt reichte das Staatsgebiet. Seine Vorgänger hatten Kriege geführt. Amenophis verlegte sich aufs Protzen.
»Glänzende Sonnenscheibe aller Länder« nannte sich der Regent, vor dem der Nahe Osten katzbuckelte. Im Harem des Königs lebten Prinzessinnen aus Syrien, Anatolien und Babylon. Vom Schwager Tuschratta, 1500 Kilometer entfernt im Zweistromland wohnend, liegt Diplomatenpost vor.
Schon die Geburt des Königs ist in überirdisches Licht getaucht. Der Legende nach war die Mutter Mutemwia »die Allerschönste im Lande«; der begehrliche Blick des Reichsgottes Amun fiel auf sie: »Seine Liebe drang in ihren Leib ein, und der Palast erfüllte sich mit dem Duft des Gottes.«
Fakt ist, dass um 1400 vor Christus ein strammes Kind im königlichen Wohnbezirk von Theben zur Welt kam. Tanzzwerge hielten das Baby bei Laune. Schwarze Dienerinnen wuschen ihm den Hirsebrei vom Sabberlätzchen. Stolz berichten die propagandistisch gefärbten Annalen über den Wagemut des jungen Königs. Demnach tötete er mindestens 102 Löwen und - an einem einzigen Jagdtag in der Fajum-Oase - 56 Stiere.
Kaum 15-jährig wurde der Knabe zum Staatschef gekürt. Altem Brauch zufolge hätte er eine königliche Verwandte heiraten müssen. Amenophis aber freite eine Bürgerliche. Ihr Name: Teje.
Eine Holzstatue zeigt die Gemahlin mit wulstigen Lippen und brutalem Gesichtsausdruck. Viele Forscher stufen die Frau - die sich gern als Sphinx darstellen ließ - als verkniffen und zänkisch ein. Und auch mit dem Nachwuchs gab es Ärger. Der ältere Sohn starb bei einem Unfall, der jüngere, Echnaton, war anatomisch missraten und machte später als Ketzerpharao und erster Monotheist der Weltgeschichte Karriere (SPIEGEL 17/1999).
Floh der Vater das traute Heim? Bauen jedenfalls wurde seine Leidenschaft. Ungebremst, auf einer Welle nubischen Raubgolds schwimmend und dekadent wie der Bayernkönig Ludwig II., forderte er von seinen Hofarchitekten Monumente, »wie sie noch nie existierten«. Weite Teile des Militärs wurden zum Steineklopfen abkommandiert.
Vor allem in Theben, dem religiösen Zentrum des Landes, auch Waset (Zepter) genannt, ging der Bauwütige ans Werk. Im Roman »Joseph und seine Brüder« hat Thomas Mann diese Stadt »himmlisch« genannt. Noch als Ruine zieht sie Scharen von Touristen an. Viele der schönsten Bauwerke, die der Besucher dort bestaunt, stammen von Amenophis III. Er war es, der die vier Kilometer lange Sphinxallee und den grandiosen Luxortempel hochziehen ließ. Im Amuntempel von Karnak, gleich nebenan, stemmten seine Arbeiter Säulentrommeln bis auf eine Rekordhöhe von 22 Metern.
Auch der alte Wohnpalast war dem König zu eng. Stracks plante er am Westufer von Theben ein neues Eigenheim. Vergoldete Gipsdecken und Türrahmen mit blauen Fayencen solle die 200 000-Quadratmeter-Anlage haben, befahl der Monarch. Also geschah es.
Im duftenden Palastgarten kredenzten livrierte Diener Spanferkel und Feigensirup. Gleich neben der Residenz muss-ten die Untertanen einen künstlichen, zwei Quadratkilometer großen See ausheben. Der britische Archäologe Barry Kemp spricht vom »größten Erdwerk Ägyptens«.
Noch heute liegt der Aushub, aufgetürmt wie moderne Industriehalden, im Gelände. Inschriften zufolge nutzte der Staatschef den Teich für Bootsfahrten mit der jungen Ehefrau, während Musikanten ihm die Stimmung versüßten.
Ein Romantiker? Vielleicht. Ein Ästhet? Sicherlich. Auf jeden Fall aber war Amenophis ein Verrückter. Für den Ägyptologen Herbert Ricke ist es unerklärlich, wie das Nilreich die »hypertrophe Bautätigkeit« in den 38 Regierungsjahren dieses Regenten »wirtschaftlich hat tragen können«.
Dabei sind längst nicht alle Pläne bekannt. Erst vor kurzem hat der Experte Jaritz Spuren eines weiteren unvollendeten Projekts entdeckt: Am Westufer des Nils, nahe dem Tal der Könige, ließ Amenophis einen kompletten Hang terrassieren. Millionen Tonnen Stein wurden dafür bewegt.
So liebte ihn die Gemeinde: ein Mann, der Berge versetzt, heroisch, unheimlich, ständig viril und süchtig nach dem ewigen Leben. Noch im Alter erkor der Pharao die eigene Tochter Sitamun zur Nebenfrau und ließ ihr neben dem Harem ein Privatschloss errichten.
Nur in Sachen Körperbau hat der Übermensch an Glanz eingebüßt. Porträtieren ließ er sich zwar gern mit Waschbrettbauch und Athletenkreuz - in Wahrheit war der »Herrscher der Herrscher« (Selbstauskunft) fett.
Vorvergangenes Jahr hat der US-Arzt James Harris von der University of Michigan die ramponierte Mumie nachuntersucht. Ergebnis: Amenophis besaß schwabbelige Oberschenkel und schmächtige Schultern. Sein Leib hatte die Gestalt einer Birne; das Gebiss war von Karies zerfressen.
Auch das biografische Finale trägt unappetitliche Züge. Lethargisch, den Wanst in Frauengewänder gehüllt (so zeigt ihn ein spätes Relief), irrte der Monarch durch seine Privatgemächer. 75 Quadratmeter maß das Badezimmer, in dem sich der König den aufgeschwemmten Leib massieren ließ.
Schmerzen plagten den Schlaflosen. »Das Leiden zog sich mindestens drei Jahre lang hin«, erklärt Stadelmann. Doch woran litt Amenophis? Bis nach Ninive (im Nordirak) erging der medizinische Hilferuf. Schwager Tuschratta schickte eine Götterfigur. Zauberer und Ärzte umschwirrten den Moribunden. Der erteilte in seiner Verzweiflung seinen Steinmetzen einen letzten Großauftrag.
Mit Hammer und Pickel mussten die Handwerker über 700 löwenköpfige Frauenstatuen herstellen. Es waren Abbilder der Heilgöttin Sechmet. Ganze Alleen ließ der Staatschef mit dieser Herrin der Seuchen flankieren. Stadelmann geht davon aus, dass sich der Parcour vom Wohnpalast bis zum 1,5 Kilometer entfernt liegenden Totentempel erstreckte und von dort weiter bis zum Nilufer führte.
Auf diesen Straßen, flankiert von Abbildern der grimmen Göttin, schleppte sich der Monarch zu seinen letzten Spaziergängen. »Am Ende«, glaubt Stadelmann, »hat sich der Pharao nur noch im Schutz der Sechmet unter freien Himmel gewagt.«
Was davon blieb? Nichts. Mit dem Jeep fährt der Archäologe das Areal ab, wo einst der Wohnpalast stand. Die Residenz, errichtet aus Lehmziegeln, ist zu Staub zerfallen. Ausgerechnet jener Regent, der das Land mit einer beispiellosen Bau- und Künstlerkampagne überzog, ist heute nahezu unbekannt. Es ist, als liege ein Fluch auf diesem Herrscher:
* Amenophis wurde im wahrscheinlich prunkvollsten Königsgrab der ägyptischen Geschichte bestattet. Doch kaum beerdigt, brach ein nubisches Heer in die Grabkammer ein.
* Um 1360 vor Christus ließ der König die höchste Statue Ägyptens (um 22 Meter) aufstellen. Der Lulatsch fiel um. Erhalten sind nur die Füße.
* Beide Memnonkolosse stellen Amenophis dar. Doch im 16. Jahrhundert kamen die Mamelucken und zerschossen den Figuren - mit Steinschleudern - die Gesichter.
Auch der 50 Fußballfelder große Totentempel des Pharao ging schmählich zu Bruch. Für immer, so sah es die religiöse Choreografie vor, sollten dort die Opferfeuer brennen. Doch es kam anders.
Bereits Amenophis'' eigener Sohn Echnaton entheiligte den Totentempel. Er ließ den Namen des Vorgängers aus den Kartuschen kratzen - eine Art Vatermord mit dem Steinschaber.
Nach diesem Anschlag folgte - wahrscheinlich um 1210 vor Christus - ein Erdbeben. Damit war die Anlage gleichsam sturmreif geschossen. Die Nachwelt konnte sich an der Bruchbude bedienen.
Besonders unverfroren griff Pharao Merenptah (1213 bis 1204 vor Christus) zu. Sein Totentempel - er steht gleich nebenan - besteht weit gehend aus geklauten Altsteinen. Wandreliefs und Pylone wurden weggeschleift. Sperrigen Sphinxen schlugen die Mauren einfach die Köpfe ab.
Einzig die Memnonkolosse trotzten dem Steinraub. Verwittert und rund 1,5 Meter tief im Boden versackt, stehen sie heute einsam im Niltal. Wer zu ihnen aufblickt, ahnt, was für einen Jenseitspalast diese Statuen einst bewachten.
Acht »zusammengebundene Schiffe«, heißt es in einem Hieroglyphentext, ,,waren nötig, um die 1000 Tonnen schweren Rohlinge aus einem Steinbruch bei Memphis über den Nil zu befördern« - ein Schwerlasttransport über eine Strecke von 700 Flusskilometern.
Der staunenswerten Tat folgte ein mysteriöser Klang. In der Morgensonne erzeugte die rechte Statue einen Summton. Immer wieder wurde in der Antike über das Phänomen gerätselt. Die Erklärung ist einfach: Aufgeheizt durch die Sonne, so die Archäologin Seco, habe der Koloss »bis zum Bersten unter Spannung gestanden«.
Nun droht erneut ein Debakel. Handbreite Risse durchädern die Felskörper. »Frühere Restauratoren haben die Spalte mit grobem Zement zugeschmiert«, erklärt Stadelmann. Er zeigt auf die Spachtelmasse: »Bei Regen wirkt das Zeug wie Sprengstoff.«
Auch die Schieflage der Statuen bereitet Kopfzerbrechen. Nächste Woche wollen Ingenieure aus Kairo mit 40 Meter tiefen Bohrungen den Untergrund prüfen. Selbst geringe Erschütterungen, heißt es in einem noch unveröffentlichten Papier, »könnten zu einer Katastrophe führen«.
Immerhin geschieht nun etwas. Im Jahr 1998 setzte der World Monuments Fund die Statuen auf die Liste der hundert meistgefährdeten Denkmäler. Das deutsche Restauratorenteam erhielt 50 000 Dollar.
Die diesjährige Kampagne wird von Monique Hennessy, 82, finanziert. Die Weinbrand-Erbin ist Mitglied der »Amis des Colosses«, eines Vereins, mit dem Stadelmann in Frankreich Geld eintreibt.
Seitdem das Cognac-Geld fließt, arbeitet das deutsche Team wie im Rausch. Zufrieden beobachtet Stadelmann, wie seine Handlanger (Tageslohn: 15 Mark) in der Mittagshitze Erde schaufeln. Erst vor wenigen Wochen wurden eine Treppe und Teile des alten Tempelpflasters freigelegt.
Derzeit wartet die Truppe auf einen Spezialisten der Firma Alfred Kärcher. Das Unternehmen aus Baden-Württemberg hat angeboten, die verschmutzten Kolosse mit Spezialgerät zu reinigen. Unter der Dreckkruste verbirgt sich feinstes rötliches Quarzit.
Für Stadelmann hat die geplante Putzaktion zugleich symbolische Bedeutung. Unter dem Strahl der Dampfdüsen, so seine Hoffnung, soll endlich jener Nil-monarch wieder erstrahlen, dessen ruhmvolle Taten so sang- und klanglos in Vergessenheit gerieten.
Am historischen Rang des Regenten, der einst mit Zahnschmerzen eine Weltmacht regierte und am Schluss wie ein Psychotiker in Damenkleidung umherirrte, besteht jedoch kein Zweifel: »Über 300 Pharaonen haben den ägyptischen Thron bestiegen«, sagt Stadelmann und überblickt das mit Scherben übersäte Tempelgelände, »aber Amenophis war von allen der glänzendste.« MATTHIAS SCHULZ
* Mit seinen Mitarbeiterinnen Myriam Seco (links) und SilkeMarkt.