»Ich bin ein Spieler« - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 2 / 121

SPIEGEL-GESPRÄCH »Ich bin ein Spieler«

Boris Becker über seine immer währende Rolle als Kultfigur der Deutschen
Von Stefan Aust, Klaus Brinkbäumer und Heiner Schimmöller
• aus DER SPIEGEL 6/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Herr Becker, in den vergangenen Wochen haben drei große Themen die Nation bewegt: Rinderwahnsinn, die möglicherweise gewalttätige Vergangenheit des Vizekanzlers und das Ehe- und Sexleben von Boris Becker. Was ist das Wichtigste?

Becker: Sicher nicht Becker. In 30 Jahren wird niemand über die derzeitigen Ereignisse im Hause Becker reden, und wer auch nur einen Moment nachdenkt, weiß, dass BSE eine wirkliche Bedrohung für die Menschen ist.

SPIEGEL: Ob Sie wollen oder nicht - Sie sind offenbar auch nach dem Sport ein deutsches Idol geblieben, das die Menschen berührt. Könnte ein Grund dafür sein, dass es Parallelen zwischen der Entwicklung des Landes und seines prominentesten Sportlers gibt?

Becker: Ich maße mir nicht an zu behaupten, dass die letzten 10, 15 Jahre der Republik Hand in Hand gingen mit der Beckerschen Entwicklung. Als ich Wimbledon gewann, war die Floskel vom »siebzehnjährigen Leimener« ein Synonym für Erfolg. Inzwischen scheint es mir so, als sei ich heute der 17-jährigste Leimener. Im Ernst: Ich glaube, dass sich auch Deutschland gehäutet hat und dass die Deutschen etwas weltoffener, mutiger, frecher, provozierender geworden sind. Ähnlich wie ich. Ich glaube, ich bin jetzt nicht übergeschnappt, aber ich bin schon in gewisser Weise ein Botschafter des neuen Deutschland, nicht ich allein, aber ich auch.

SPIEGEL: Die Richtung gefällt Ihnen?

Becker: Ja, es ist alles offener und aggressiver geworden, amerikanischer vielleicht. Nicht nur in Deutschland, sondern in Europa. Ich glaube, dass Europa, wenn es will und den Mut hat, den US-Amerikanern zumindest in den nächsten Jahren ganz schön den Schneid abkaufen kann.

SPIEGEL: Warum die ungebrochene Popularität?

Becker: Zunächst einmal repräsentiere ich Deutschland im Ausland in einer Art und Weise, die viele überrascht. Ich lebe ein ganz anderes Leben und habe deshalb einen anderen Stellenwert in Amerika, in Japan, in Südamerika, als die meisten mir zugetraut hätten. Deshalb ist für manche schwer zu begreifen, was denn dieser Becker alles sein soll oder auch ist.

SPIEGEL: Sie vereinen auf sich Liebe und Hass wie schon vor 15 Jahren?

Becker: Ja, ich spalte die Nation nach wie vor. In den letzten Wochen gab es den öffentlichen Becker - und alle sind mit mir Achterbahn gefahren.

SPIEGEL: Kann es sein, dass Sie sich selber ein bisschen sehr wichtig nehmen?

Becker: Schauen Sie doch in die Zeitungen. Da frage ich Sie: Will ich das, oder wollen das die Medien?

SPIEGEL: Vorsichtig formuliert: Sie wirken sehr selbstbewusst.

Becker: Das ist mein Naturell. Ich habe leider oft zu wenig Angst und riskiere gern. Ich war von Beruf Spieler. Wie der Name sagt, ich habe für Geld gezockt, nicht im Casino, aber ich bin jeden Tag auf den Platz gegangen und habe für Hunderttausende Dollar gespielt. Das ist meine zweite Haut. Ich habe gewonnen und verloren. Ich hatte keinen Libero und keinen Torwart, sondern ich war immer allein. Das prägt, und das wird mich mein Leben lang prägen.

SPIEGEL: Sie wollen es längst nicht mehr anders.

Becker: Ich hasse nichts mehr, als irgendwo in einer Herde mitzulaufen. Mache ich manchmal trotzdem, ist ja entspannend und der einfachere Weg. Aber wenn ich wieder genügend Kraft habe, muss ich mein Ding machen.

SPIEGEL: Auch auf die Gefahr hin, dass es am Ende nur Verlierer gibt?

Becker: Ich bin nicht pessimistisch. Das rettet mich jedes Mal, weil ich immer an den Sieg glaube, wie auch immer der Sieg definiert ist. Im Fall Becker gegen Becker werden wir vier nicht heute und nicht morgen und nicht in einem halben Jahr, aber irgendwann erwachsen an einem Tisch sitzen und darüber lachen und uns im Arm halten. Davon bin ich überzeugt.

SPIEGEL: Da ist aber auch noch Ihre Affäre mit dem russischen Model Angela Ermakowa, mit der Sie in London eine Tochter haben sollen.

Becker: Aus juristischen Gründen kann ich dazu nichts sagen.

SPIEGEL: Was sagt Ihnen das Wort »Samenraub«?

Becker: Das habe ich neulich irgendwo gelesen - mit den unterschiedlichsten Versionen. Ich kann nur sagen: Im Endeffekt zählt allein das Resultat.

SPIEGEL: Es wird von einem Komplott der Russen-Mafia geraunt. Ist das nicht etwas zu viel Verschwörungstheorie?

Becker: Es ist ein schwebendes Verfahren, zu dem ich erst mehr sage, wenn die Ergebnisse des Gentests vorliegen.

SPIEGEL: Haben Sie Angst?

Becker: Was mich betrifft, bin ich realistisch: Nicht einmal 25 Leibwächter könnten mich schützen, wenn es einer auf mich abgesehen hat. Aber: Ein gewisses Risiko ist Bestandteil meines Alltags, Bedrohungen gab es immer.

SPIEGEL: Sie deuten Erpressungsversuche an?

Becker: Ich will den Ball flachhalten und ein Problem nach dem anderen lösen. Wer hinter allem steckt, weiß man nie hundertprozentig, ich kann auch noch nichts beweisen. Ich weiß nur, dass sich in den letzten Monaten Unglaubliches in meinem Privatleben abgespielt hat. London und Miami haben sich in der gleichen Zeitschiene angebahnt.

SPIEGEL: Und Sie glauben, das eine hat etwas mit dem anderen zu tun?

Becker: Das kann man nicht ausschließen.

SPIEGEL: Welches der beiden Probleme macht Ihnen am meisten zu schaffen?

Becker: Vor allem beunruhigt mich das Umfeld, dem meine Ex-Frau und meine beiden Söhne immer noch ausgeliefert sind. Seit acht Wochen gibt es da einen gewissen Daniel, über den sie praktisch alles abwickelt - ob es um den Ehevertrag geht, das neue Abkommen zwischen uns, Barbaras Kontoführung. Ja, sogar in meine Diskussionen mit Barbara war dieser Daniel eingeschaltet. Er ist eine Art Manager für sie; bei ihm sollen auch bis vor kurzem noch ihre Pässe und die unserer Söhne gelegen haben.

SPIEGEL: Und Barbara ist ihm richtig in die Hände gefallen?

Becker: Ja, ohne Daniel entscheidet sie gar nichts mehr. Er hat die Rolle übernommen, die ich bis vor wenigen Monaten hatte. Nicht, dass ich glaube, die beiden hätten eine Affäre - aber er ist so etwas wie ein psychologischer Wegweiser. Ich habe ihn gefragt: Warum machst du das? Wir waren befreundet, und jetzt bist du der Berater meiner Frau? Er hat behauptet, er wolle nur die Situation für uns beide retten.

SPIEGEL: Sie vermuten ein Eigeninteresse?

Becker: Er hat sich über Wochen nur mit uns beschäftigt. Und er wäre der erste Mensch, der solche Aufgaben nur für einen warmen Händedruck übernimmt.

SPIEGEL: Möglicherweise ist das Teil seines ganz normalen Geschäftslebens.

Becker: Niemand weiß so recht, was er wirklich macht, wer er wirklich ist. Er sagt, er sei in Israel geboren und zum dritten Mal verheiratet. In seinen amerikanischen Papieren aber heißt es, dass er in der Schweiz geboren wurde und zum ersten Mal verheiratet ist. Und seine Firma gilt als ein Unternehmen, das momentan keine Geschäftstätigkeit ausübt.

SPIEGEL: Was soll denn die Firma machen?

Becker: Unter dem Namen steht »E-Solutions« - was immer das heißen mag. Daniel führt ein relativ kleines Büro.

SPIEGEL: Wie haben Sie ihn kennen gelernt?

Becker: Er hat eine Loge in der Basketballhalle der Miami Heat und hat mich dahin eingeladen. Ich fand ihn interessant. Er ist ein intelligenter Mann von knapp 40 Jahren und redet, als wäre er 60 und habe alles schon erlebt und gesehen.

SPIEGEL: Und jetzt ist er so eine Art Partner für das neue Leben Ihrer Ex-Frau?

Becker: Ja. Dabei hilft ihm, dass er unglaublich gut über mein Leben Bescheid weiß, vermutlich auch mit Hilfe deutscher Kontaktpersonen. Und ich frage mich, warum er sich dafür interessiert.

SPIEGEL: Und was glauben Sie?

Becker: Ich habe keine Ahnung. Es kommt mir spanisch vor, dass ein Mann, den Barbara relativ kurz kennt, ihre absolute Vertrauensperson geworden ist. Das macht mir Angst - vor allem, weil er ja auch einen direkten Draht zu meinen Kindern hat.

SPIEGEL: Und Sie glauben, dass trotz des Scheidungsabkommens die Sache noch nicht ausgestanden ist?

Becker: Ich habe natürlich meine Phantasie. Aber ich muss das erst noch einmal alles sortieren und nach Beweisen suchen.

SPIEGEL: Kennt er auch die genauen Vermögensverhältnisse?

Becker: Er weiß sicher alles, was Barbara auch weiß.

SPIEGEL: Und Ihre Ex-Frau kennt alle Geheimnisse?

Becker: Nein, sie weiß aber sehr viel. Ich habe jetzt erfahren, dass ihre Sekretärin Andrea nach Barbaras Abreise nach Miami ein paar Tage lang alle greifbaren Akten ausgewertet hat, die in Haus und Büro zu finden waren.

SPIEGEL: Gibt es ein Erpressungspotenzial?

Becker: Das halte ich für ausgeschlossen. Aber dieses Vorgehen ist nicht akzeptabel.

SPIEGEL: Sie sind jemand, der gewohnt ist, dem Gegner ins Auge zu blicken. Haben Sie Angst?

Becker: Ich habe Angst, klar. Ich habe Angst um die Kinder, weil sie momentan in einer Situation leben, die weder die Mutter kontrolliert noch der Vater. Aus dem gleichen Grund habe ich Angst um meine Ex-Frau. Ich glaube, sie ist momentan bei einem Berater, dem sie nicht gewachsen ist. Ich kann mir vorstellen, dass ich vielleicht der einzige wirkliche Freund bin, den Barbara noch hat, und dass ich ihr helfen kann und auch muss. Es ist die Frage, wann sie es zulässt und ob sie es überhaupt zulässt.

SPIEGEL: Als Sie aufgehört haben, professionell Tennis zu spielen, was haben Sie sich da für Ihr weiteres Leben vorgestellt?

Becker: Ich habe eigentlich zweimal aufgehört. Einmal richtig, 1997, als ich meinen Rücktritt verkündet und für mich selber den Beruf abgeschlossen habe. Ich habe dann aber noch zwei Jahre gebraucht, um mich wirklich davon zu lösen.

SPIEGEL: Sie sind getingelt, haben öfters verloren und sind 1999 doch noch mal nach Wimbledon zurückgekehrt. Wieso fiel es Ihnen so schwer?

Becker: Na ja, das war ja kein Beruf, sondern eine Berufung. Ich habe das zumindest so empfunden und es so betrieben. Ich brauchte ein paar Jahre Abstand, um das endgültig zu beenden und mich neu zu definieren. Ich habe in den zwei Jahren neue Berufsbilder für mich gefunden. Jetzt bin ich weg von der Droge.

SPIEGEL: Die Droge war Ruhm? Oder waren es die Siege?

Becker: Nein, nein. Ich musste loskommen von den Emotionen - Centre Court, das Schicksal selbst in der Hand zu haben, vor Hunderten von Millionen Menschen zu siegen oder zu verlieren, und alles, was danach passiert, im Guten wie im Schlechten, hängt am nächsten Schlag. Ich habe das 15, 17 Jahre lang erlebt. Es klingt kitschig, aber für mich war es ein Kampf auf Leben und Tod; wenn der Schläger spitzer gewesen wäre, wäre mitunter einer von uns zweien liegen geblieben. Es war wie die Komprimierung des Lebens auf einen winzigen Moment auf dem Centre Court.

SPIEGEL: Sie haben gejammert, geheult, geflucht und nicht immer so gewirkt, als würden Sie es genießen.

Becker: Es war Hassliebe, aber immer Leidenschaft.

SPIEGEL: Darum war es so schwierig, den »Has been«-Blickwinkel zu finden?

Becker: Ich wollte mir die Zeit geben, die ich brauche. 1997 war ich fast 30 Jahre alt, hatte schon einen Sohn und die ganze Entourage. Die Opfer, die ich bringen musste zu Lasten meines Sohnes, meiner Frau, meiner Familie und Freunde, standen nicht mehr im Verhältnis zu den zehn Minuten Glücksgefühl, die ich nach einem Sieg hatte. Das war es nicht mehr wert.

SPIEGEL: Fehlt Ihnen heute manchmal das Tennisspiel, wenn Sie merken, wie kompliziert das wirkliche Leben sein kann?

Becker: Ich denke zurück an Zeiten, wo das Leben so viel einfacher war als heute.

SPIEGEL: Wo Sie so leben konnten, wie Norman Mailer sagt: »single-minded as every top athlete«?

Becker: Wäre ich so single-minded, hätte ich doppelt so viel gewonnen. Das Talent habe ich gehabt. Ich war Genussmensch, und wenn ich mich wohl fühlte, dann blieb ich sitzen, wo mir das Leben gefiel.

SPIEGEL: Aber Ihr Leben, darum ging es ja, war strukturiert.

Becker: Weil man mit einem Ass alles erklären konnte. Aber es hat zwei Seiten: Mein früheres Leben war anstrengender, ich hatte viele schlaflose Nächte und eine Menge Schmerzen - aber du gehst um zwölf auf den Platz, und um drei hast du gewonnen oder verloren. Jetzt geht alles, was ich tue, über Wochen und Monate, und wenn die Unterschrift unter einen Vertrag kommt, ist das der emotionsloseste Moment überhaupt. Als Athlet bist du nur so gut wie dein letztes Spiel.

SPIEGEL: Warum haben Sie es dann nicht noch ein paar Jahre gemacht?

Becker: Ich wusste: Nummer eins werde ich nicht mehr, denn selbst wenn ich mein bestes Match spiele, ist Pete Sampras besser. Warum weitermachen? Ich hatte ja schon mit 22, 23 meine Zweifel, weil ich alles schon erlebt hatte: Wimbledon gewonnen, Nummer eins gewesen, Davis Cup gewonnen, hier in diesem Land Gott und Teufel gewesen, alles schon mal gehabt. Es wurde zur Wiederholung. Und just in dem Moment kam meine Ex-Frau in mein Leben, die mich von meinem Beruf abgelenkt hat - da war ich erst mal Mensch. Ich habe Tennis nebenbei gespielt, und das bestimmt über zwei, drei Jahre. Da habe ich nicht viel gewonnen, aber weitergemacht.

SPIEGEL: Und jetzt, im Nachhinein, fühlen Sie sich ausgenutzt?

Becker: Eine ehrliche Antwort kriegen Sie vielleicht in 50 Jahren. Aber eines ist und bleibt wahr: Von den neun Jahren, die wir zusammen verbracht haben, waren sieben unschuldig. Diese Jahre waren das Glücklichste, was ich in meinem Leben erlebt habe. Das ist materiell nicht zu bewerten. Geld war bei unserer Scheidung ein Faktor, aber damit habe ich kein Problem. Mir wurde von den Menschen, denen ich vertraut habe, mehr geschenkt als genommen.

SPIEGEL: Sie würden alles noch einmal so machen?

Becker: Ja. Barbara war - und ist es noch - unglaublich emotional und in der Sekunde lebend, im Positiven wie im Negativen. Sie ist, wenn ihr irgendwas nicht passte, auf den Tisch gestiegen und hat diskutiert und versucht, das Problem zu lösen, egal, ob ein Kind geschrien hat, ob ihre Mutter angerufen hat - der Moment hat gezählt. Das war für mich faszinierend, wir waren Partners in Crime.

SPIEGEL: Das sind Sie ja nun erst recht.

Becker: Damals wussten wir, was uns wichtig war. Wir waren besser gemeinsam und haben das voll und ganz ausgelebt.

SPIEGEL: Das Ehepaar Becker hat noch eine Funktion gehabt - es war die deutsche Variante von Charles und Diana.

Becker: Nicht von Anfang an. Am Anfang standen Geschichten über »Straps-Babs« - oder »Cappuccino-Babs« - und es wurde die Frage diskutiert: Was macht der Blonde mit der Schwarzen?

SPIEGEL: Bis die Beckers das Symbol der funktionierenden Zweisamkeit wurden.

Becker: Bis die Heirat kam. Die Zeichen sind eben wichtig in Deutschland. Das nahm man ernst. Über Jahre hinweg gab es auch keine Gerüchte oder Storys bei uns. Die gibt es erst jetzt. Damals waren wir tatsächlich ein perfektes Team von A bis Z.

SPIEGEL: Jedenfalls in den sieben Jahren, in denen Sie noch gespielt haben.

Becker: Man lebte ja nur von Woche zu Woche, von Turnier zu Turnier. Und nur die nächste und übernächste Woche zählte. Wir waren ja nie länger als zwei, drei Wochen an einem Ort, nie. Das war spannend, das war unser Leben.

SPIEGEL: Sie wissen vermutlich, dass Sie die klassische Männer-Frauen-Diskussion befeuert haben. Es gibt die These, dass Sie vor vielen Jahren mal einen Rollentausch in Aussicht gestellt und dann gekniffen haben, als es so weit war.

Becker: Nein, ich bin der Letzte, der absolut Letzte, der irgendeine andere Person in eine Rolle hineinzwängen will. Die Höhepunkte wurden einfach weniger. Als ich noch gespielt habe, wusste sie: Die Nacht danach wird schlecht, wenn ich verliere.

SPIEGEL: Und dann muss man plötzlich für die Langeweile ein Rezept finden?

Becker: Nicht für mich, denn ich habe den Schritt ja gemacht. Ich war froh, ich konnte in Ruhe ins Büro und am Wochenende zu Bayern München, und einmal in der Woche sind wir ausgegangen. Aber meine Familie und meine Mitarbeiter hatten ein Riesenproblem: Sie kannten nur die Höhepunkte des schnellen Lebens.

SPIEGEL: Waren die wenigstens auf das Ende vorbereitet?

Becker: Keiner ahnte was, nicht mal meine Frau. Aber sie wusste, dass ich eben manche Sachen mit mir selber ausmache.

SPIEGEL: Sie hatten sich schon Wochen vorher entschieden?

Becker: Ich mag es nicht, Träume von anderen zu erfüllen oder Vorstellungen, wie ich mein Leben zu leben habe. 20 Jahre lang war Tennis mein Mittelpunkt - nur ich konnte entscheiden, wann Schluss ist.

SPIEGEL: Jetzt spielen Sie ein Match, dessen Regeln andere vorgeben.

Becker: In psychologischer Kriegsführung war ich besser als alle anderen. Ich glaube, dass ich heute zumindest gut mitspiele.

SPIEGEL: Dieses Spiel ist schmutziger als das auf den Tennisplätzen.

Becker: Glauben Sie, in Wimbledon geht es mit Fairplay zu? Ich habe mir auch Toilettenpausen gegönnt, obwohl ich nicht musste. Nein, so schlimm ist das auch heute nicht: Ich habe klare Vorstellungen, wie ich mein Leben zu leben habe. Dass das viele kritisieren, ist ihnen überlassen. Dass ich viele Dinge in der Öffentlichkeit tun muss, ist Teil meines Berufs; damit verdiene ich meinen Lebensunterhalt. Aber dass ich mich deswegen in eine Ecke pressen lasse, aus der ich nicht mehr herauskomme? Nie im Leben!

SPIEGEL: Härtet Leistungssport ab?

Becker: Ja. Ich habe kein Problem zu sagen, dass ich ein Spiel verloren habe, denn morgen beginnt ein neues. Morgen muss ich besser sein als heute. Das ist Teil von uns allen. Auch in dieser Ehe habe ich verloren. Ich habe mir doch nie im Leben träumen lassen, dass ich mich scheiden lasse und dass ich meine zwei Kinder und die Frau, die ich liebte, nur alle zwei, drei Wochen sehen kann. Deswegen sage ich: Das habe ich verloren, und es war die größte Niederlage von allen.

SPIEGEL: Wann begann es denn in Ihrer Ehe zu kriseln?

Becker: Als wir im Sommer 1997 nach dem Abschied aus Wimbledon in München gelandet sind. Da begannen die Diskussionen nach dem Motto: Was mache ich jetzt, was machst du? Wie läuft die Woche ab, das nächste Jahr? Viele aus meinem Team sind bis heute nicht mit der Umstellung klargekommen, und eine davon sitzt in Florida.

SPIEGEL: Das kommt in den besten Beziehungen vor: Rollen ändern sich, und dann gibt es Neid und Vorwürfe.

Becker: Barbaras Rolle war bis dahin klar definiert. Jetzt hatte sie plötzlich viele Möglichkeiten: Singen, Schauspielern, Buch schreiben, gar nichts tun, die Nacht durchmachen, die Nacht schlafen, Wohltätigkeitsveranstaltungen, alles war möglich. Wie das so ist mit der Qual der Wahl: Sie konnte sich in keiner Rolle wiederfinden, was auch immer es war.

SPIEGEL: Autorinnen in »Bunte« oder »Tageszeitung« prügeln Sie als Vorzeige-Macho. Letztlich hätten doch immer Sie, der Egozentriker, entschieden.

Becker: Nehmen wir die Chefredakteurin der »Bunten«, gutes Beispiel. Da haben sich Menschen zu Anwälten in Frauenfragen aufgeschwungen, deren persönliche Realität keinen Steinwurf aus dem Glashaus zulassen dürfte.

SPIEGEL: Sie umgeben sich gern mit Menschen, die Ihnen hörig sind.

Becker: Der Eindruck täuscht. Barbara war als meine Ehefrau mindestens eine gleichwertige Partnerin. Aber eine Partnerschaft hat Spielregeln.

SPIEGEL: Das gilt für beide Seiten.

Becker: Ich zeige zuerst auf mich, denn ich habe mich nicht immer hundertprozentig korrekt verhalten. Mir war das Problem klar, und ich wollte es ändern. Ich wollte es mit ihr ändern. Sie hat das in der Notwendigkeit nicht gesehen, sonst hätte sie diesen Schritt ja von sich aus gemacht. Sie hätte ja zuerst sagen können: Hör zu, Alter, du hast jetzt mit dieser und jener rumgemacht, du bist zu viel weg. Jetzt brauchen wir eine Pause. Nein - ich wollte ja die Trennung.

SPIEGEL: Weglaufen statt kämpfen?

Becker: Ich habe den Job namens »Vater« sehr ernst genommen, auch in den vergangenen zwei, drei Jahren, und habe versucht, gewissenhaft und mit Leidenschaft mit meinen Kindern viel Zeit zu verbringen. Doch ich kann mich auch nicht verleugnen. Ich bin ein sehr aktiver Mensch mit sehr viel Kreativität und Phantasie und Kraft. Wenn Sie mich mal eine Woche nur zu Hause erleben würden, würden Sie auch sagen: Jetzt geh mal lieber wieder ins Büro, denn du nervst mich.

SPIEGEL: Hat Ihre Ex-Frau das so gesagt?

Becker: Ja, logisch. Der Kern ist ein anderer, und wenn ich ehrlich bin, muss ich sagen: Wir haben es beide nicht geschafft, unsere Familie als Lebensmittelpunkt zu sehen, ich auch nicht. Ich dachte, dass sie mehr machen muss; sie dachte, dass ich mehr machen muss, und beide waren wir nicht genügend da. Ihr ging es eben darum, eine Frau im öffentlichen, im sozialen Leben zu sein. Ich habe das Problem, dass mich die öffentliche Meinung nicht mehr wirklich interessiert.

SPIEGEL: So wurden die Beckers in den vergangenen drei Jahren zum Gesellschaftsereignis.

Becker: Unser Haus war immer voll, Partys hier und Partys da. Ich habe auch alles für meine Frau gemacht und wollte, dass sie sich wohl fühlt. Es wurde mehr und mehr, und verloren ging, was uns stark gemacht hat, Partners in Crime eben, die sich ausgesucht haben, was sie machen. Plötzlich waren Menschen zwischen uns. Ich will niemanden zwischen meiner Frau und mir haben.

SPIEGEL: Wen meinen Sie damit?

Becker: Da gab es beispielsweise diesen berühmt-berüchtigten »Tits & Ass Club«, wo sich einmal im Monat die angeblich wichtigsten zehn Frauen Münchens getroffen und phantasiert haben. Die Hälfte ist mittlerweile geschieden oder getrennt.

SPIEGEL: Die Schuldfrage ist nie einseitig zu beantworten.

Becker: Nein, sie würde mir vorwerfen, zu wenig Zeit gehabt zu haben. Aber für sie hätte es trotzdem so weitergehen können. Nach der hunderttausendsten Diskussion habe ich gesagt: Hör zu, Mädel, ich habe einfach darauf keinen Bock. Das ist Scheiße. So will ich nicht leben. Das ist eine Lüge, was wir hier abziehen. Ich kann das nicht.

SPIEGEL: Sie hat Ihnen nicht mal die Story um das Baby von London vorgeworfen?

Becker: Das Wochenende war nicht einfach, als das Thema aufkam. Ich musste Barbara die Gesamt-Problematik erklären. Sie hat sehr gut reagiert.

SPIEGEL: Wann haben Sie es ihr erzählt?

Becker: Sie war von Anfang an informiert. Wir haben mit offenen Karten gespielt, und das Thema war nicht der Trennungsgrund.

SPIEGEL: Und warum haben Sie dann den Schlussstrich gezogen?

Becker: Ich wollte Ende November/Anfang Dezember nicht mehr so tun, als ob alles in Ordnung sei. Ja, wir haben Probleme in unserer Ehe. Wir sind nicht die Ersten und nicht die Letzten. Ja, wir müssen sie lösen. Ja, ich liebe dich noch. Ja, ich will dich nicht verlassen, aber wir haben jetzt über ein Jahr versucht, uns verbal auseinander zu setzen. Es funktioniert nicht. Im Gegenteil: Wir gehen immer weiter auseinander. Deswegen lass uns eine räumliche Trennung bis Weihnachten machen.

SPIEGEL: Sie erzählen wie von einer Vertragsverhandlung.

Becker: Es ging mir nicht wie bei einer Vertragsverhandlung, das können Sie mir glauben. Es war am Samstagabend, dem 25. November, um 22 Uhr. Da habe ich ihr beim Abendbrot gesagt: Jetzt geht es nicht mehr weiter. Ich werde die Koffer packen und für ein paar Wochen auf Geschäftsreise gehen. Ich habe gesagt: Wir nehmen mal eine Pause. Da war sie ganz ruhig und sagte: Gut, wenn du meinst. Dann habe ich nachts im Gästezimmer geschlafen und morgens um fünf meine zwei Taschen gepackt und bin zu meiner Mutter gefahren.

SPIEGEL: Nachts mit dem Auto zu Ihrer Mutter nach Leimen?

Becker: Sie ist meine engste Freundin. Ich bin hochgefahren und habe sie morgens um halb acht angerufen. Da sagte sie: Was ist passiert? Du rufst mich nicht ohne Grund sonntags morgens um halb acht an. Da sagte ich: Mutter, ich bin in einer Stunde da. Stell mal den Kaffee bereit. Ich habe ein bisschen was zu erzählen.

SPIEGEL: Wie kam es zu der Eskalation, die das Land wochenlang beschäftigt hat?

Becker: Ich kam Mittwoch zurück, alles war ganz normal. Barbara war ruhig, aber freundlich. Wir haben nicht viel geredet. Ich musste weg und bin abends wiedergekommen, weil ich am nächsten Morgen nach New York fliegen wollte. Da hat sie noch mal versucht, das Ganze zu verhindern.

SPIEGEL: Mit welchen Argumenten?

Becker: Sie habe in den drei Tagen alles eingesehen, sie werde alles anders machen. Da habe ich gesagt: Nein, Barbara. Sie hat gemerkt, dass ich felsenfest war, und dann meinte sie: Okay, dann gehe ich morgen nach Amerika, und du bleibst hier. Ich will weg vom Presserummel. Dafür hatte ich Verständnis und habe gesagt: Ja, logisch, eine Woche, bis sich der Nebel verzieht. Unter diesen Voraussetzungen habe ich ihrer Abreise zugestimmt.

SPIEGEL: Sie hatten keine Ahnung, was kommen würde?

Becker: Natürlich nicht, ich weiß erst heute mehr. Ich habe am Telefon von Barbara von einer neuen Schule für Noah gehört. Mir war das Ganze nicht geheuer. Sie wollte auch, dass ich jetzt nicht kommen sollte, weil sie Abstand brauche. Je mehr sie sagte, ich solle nicht kommen, umso mehr wollte ich hin. In der Zeit war sie schon beim Anwalt gewesen und hatte alle rechtlichen Schritte eingeleitet. Da wurde mir klar, dass schon lange Vorkehrungen getroffen worden waren für den Tag, an dem diese Ehe womöglich auseinander gehen würde.

SPIEGEL: Seit wann?

Becker: Sommer 2000.

SPIEGEL: Da ist das Thema London hochgekommen.

Becker: Genau. Ich habe dann also Papiere gefunden, wo es um die Residenzfrage in Amerika geht, wo es um Eheverträge geht, wie viele Tage sie im vergangenen Jahr in Amerika war, finanzielle Papiere, wie viel Einkommen ich habe, wie viele Ausgaben, American-Express-Card-Rechnungen und so weiter.

SPIEGEL: Dann sind Sie nach Miami geflogen?

Becker: Als ich am 10. Dezember in Miami ankam, war die Wohnung auf Fisher Island leer. Alle Vögel waren ausgeflogen. Ich habe sie schließlich bei einem guten arabischen Freund von mir, Tarik, gefunden. Sie sagte: Ich habe Angst vor dir. Ich habe gesagt: Ich muss die Kinder sehen. - Ja, die schlafen schon. Man muss wissen: Das war um 6 Uhr abends. - Die kannst du morgen vielleicht sehen. Dann habe ich mit Tarik telefoniert. Der hat gesagt: Ihr habt eine emotionale Zeit. Mach keinen Mist. Komm jetzt nicht. - Da habe ich gesagt: Ich rufe die Polizei. Ich muss meine Kinder sehen. Ich weiß nicht, was hier abgeht. Dann sagte er: Du kannst nicht in mein Haus. Das ist mein Eigentum. Ich erlaube es dir nicht.

SPIEGEL: Daraus wurde dann schnell der Scheidungsfall Becker gegen Becker in Amerika.

Becker: Als ich den ersten Gerichtsbescheid bekam, habe ich langsam angefangen zu verstehen, was da für ein Spiel abgeht.

SPIEGEL: Dann folgte das berühmte Balkongespräch mit dem Satz: »Ich mach dich fertig.«

Becker: Ja, und wir mussten beide lachen, denn so offen hatte ich meine Frau lange nicht erlebt. Ich habe ihr erklärt, dass wir nicht mehr Herr der Situation sind. Jetzt muss ich mich auch mit Anwälten bewaffnen, und es kann sehr schmutzig werden. Das ist nicht auf ihrem Mist gewachsen. Sieben Jahre lang war sie anders, da hat sie jemand auf gewisse Möglichkeiten hingewiesen.

SPIEGEL: Und dann begann das Spiel der Anwälte.

Becker: Zum Glück ist nach kurzer Zeit auch Barbara aufgewacht. Sie hat dann auf ihre eigenen Anwälte, so weit es ging, Einfluss genommen und ich auf meine. Wir beide haben das gelöst.

SPIEGEL: Sie haben Kontakt zu Ihren Kindern?

Becker: Ich kann sie sehen, so oft ich will.

SPIEGEL: Der Scheidungskrieg bekam eine groteske Dimension mit der Fernsehübertragung aus dem Gericht. Sie wurden vorgeführt wie noch nie.

Becker: Es stimmt, aber ich musste die Opferrolle spielen. Ich habe mir fast in die Hose geschissen, weil ich nicht wusste, wie es läuft. Klar war ich da der Verlierer ...

SPIEGEL: ... und Sie wollen uns erzählen, dass Sie sich bewusst haben demütigen lassen?

Becker: Ja, meine Strategie war: Ich musste Deutschland zeigen, was für ein Spiel da abgeht, in welcher Situation ich war. Da ging es nicht darum, dass einer die Ehefrau betrügt und wegrennt. Das war eine ganz andere Dimension. Erst nach diesem Fernsehgericht hat Deutschland plötzlich begriffen: Hoppla, da ist ja ein Strafverteidiger auf den Becker angesetzt, der ihn öffentlich als Lügner, als »dead horse«, also was auch immer bezeichnen darf, um ihn zu irgendeiner Falschaussage zu zwingen. Er hat mich eindreiviertel Stunden lang verhört, lustig war es nicht. Doch ich wollte diesem Menschen zeigen: Für meine Kinder laufe ich durch die Wüste. Du kannst mich noch vier Wochen grillen, ich habe keine Angst vor dir.

SPIEGEL: Es war ein Zweikampf wie in alten Zeiten? Und der gegnerische Anwalt Samuel Burstyn war Stefan Edberg?

Becker: Er war eher John McEnroe, das Ganze war ein Grand-Slam-Turnier über sechs Wochen. Ich habe diesen Menschen dann zum Mittagessen getroffen, und - es klingt ein bisschen pervers - wir haben Sympathie füreinander entwickelt, weil ich ihm klar gesagt hab: Du kannst zwar Kohle herausholen, aber für meine Kinder kämpfe ich. Ich habe ihm signalisiert: Wenn du kämpfen willst, dann kämpfe ich mit. Und ich glaube, er hat es verstanden.

SPIEGEL: Das müssen Sie erklären.

Becker: Alle, auch Barbara, haben gesehen, dass ich fertig gemacht werden sollte. Das hat Barbara Angst gemacht, und etwas Ähnliches von meinen Anwälten wollte sie sich ersparen, sie ist keine Front-Sau wie ich, fühlt sich eben eher in der zweiten Reihe wohl. Ich hatte 15 Jahre Erfahrung mit der Öffentlichkeit und wurde geschlachtet - dieser Auftritt hat dazu geführt, dass allen klar war, worauf wir uns eingelassen haben.

SPIEGEL: Burstyn brachte den immer noch unerledigten Steuerfall ins Spiel. Wollte er mit Enthüllungen drohen?

Becker: Es wurde jedes Rad in Bewegung gesetzt, um mich unter Druck zu setzen, damit ich klein beigebe. Aber es gab nichts zu drohen. Jeder hat ein paar Leichen im Keller, ich habe dort aber nicht sehr viele. Ich bin eine öffentliche Person. Es weiß einfach jeder beinahe alles über mich.

SPIEGEL: Brauchen Sie die Öffentlichkeit, um richtig kämpfen zu können?

Becker: Nein, aber dann bin ich gut. Ich hatte nach dem Auftritt ein gutes Gefühl. Burstyn hätte weitergehen können und hat es nicht gemacht, weil er irgendeine Art von Respekt vor mir hatte. Und danach hat Barbara versucht, alle Menschen in meinem Umfeld zu mobilisieren, um ein Abkommen zu erreichen. Ihr wurde nämlich schlagartig klar: Sie ist die Nächste auf der Schlachtbank - aber nicht eineinhalb Stunden, sondern sechs Stunden. Sie weiß, ich bin okay. Sie weiß, wenn ich gereizt bin, gehe ich aufs Ganze. Ich habe ihr offen und ehrlich gesagt, welche Beweise wir in der Hand haben.

SPIEGEL: Und Sie hatten keine Angst, dass Sie mit diesem Kampf Ihren Kindern gewaltig schaden könnten?

Becker: Doch, logisch. Ich konnte nicht so vorgehen, wie ich wollte. Ich hätte es gemacht, wenn man mich gezwungen hätte - vielleicht auch, um meine Kinder zu retten. Gesagt habe ich: Jemand hat den Ball ins Rollen gebracht - okay, lass uns kämpfen. Aber zum Glück haben wir beide realisiert: Wir müssen jetzt die Kuh vom Eis holen. Wir müssen jetzt irgendein Arrangement finden, damit die Kinder auch weiterhin noch beide Eltern haben. Das ist uns gelungen. Wir haben unsere eigenen Anwälte beruhigt und den Dampf rausgelassen. So ging das den ganzen Tag: Ich war mit Barbara zusammen, und wir haben uns Dinge überlegt. Dann fragte sie Daniel am Telefon, ob das gut ist, was der Boris sagt. Dann sagte Daniel: Ja, das ist gut. Dann hieß es: Was ist dein Vorschlag? - Den habe ich dann mit meinen Anwälten besprochen und gefragt, ob das okay ist. Dann hieß es, das ist okay. So ging es hin und her, völlig absurd.

SPIEGEL: Sie fühlten sich nicht überfordert?

Becker: Nein. Ich dachte, ich bin im absolut falschen Film. Ich stand manchmal neben mir und habe gedacht: Das kann doch nicht wahr sein.

SPIEGEL: Sie erzählen sehr distanziert. Wie ging es Ihnen während der Zeit?

Becker: Wie früher, wirklich. Wie im Tunnel, wenn ein Match anstand. Hätte ich mich aus Frust etwa betrunken, wäre sowieso alles vorbei gewesen. Ich war von morgens um neun in der Kanzlei bis abends um acht, bin dann nach Fisher Island gefahren, habe mit den Kindern und Barbara zu Abend gegessen, habe die Kinder ins Bett gebracht und anschließend mit Barbara bis in die Puppen diskutiert. Und morgens um sieben begann das Gleiche wieder.

SPIEGEL: Und jetzt sind Sie erleichtert und frisch verliebt?

Becker: Ich bin natürlich erleichtert, denn die schnelle Scheidung war die Lösung; die haben wir als Vollzug unserer Einigung gebraucht.

SPIEGEL: Sie zahlen neun Millionen Mark plus laufende Kosten für Leibwächter, Schule, Studium und Ähnliches?

Becker: Kein Kommentar.

SPIEGEL: Was hat Ihr ältester Sohn, der ja inzwischen sieben Jahre alt ist, von all dem mitbekommen?

Becker: Ich befürchte, sehr viel. Ich spreche mit ihm darüber mit Worten, die ein Junge in diesem Alter verstehen kann oder verstehen soll.

SPIEGEL: Wissen Sie, wie Ihre Ex-Frau mit ihm über Sie redet?

Becker: Nein.

SPIEGEL: Sie haben sich in eine sechs Jahre jüngere Frau, Sabrina Setlur, verliebt, die ein wenig von dem hat, was Ihre Ex-Frau hatte, als sie noch nicht Mutter war.

Becker: Das eine hat nichts mit dem anderen zu tun, es ging nicht um Dritte. Ein schnelles Abenteuer kann man ja nicht mit Familie und Kindern und Vertrauen und Respekt vergleichen. Das gilt für Barbara genauso wie für mich. Wenn man lange Jahre mit ein und derselben Person verheiratet ist, hat mit großer Wahrscheinlichkeit der Mann oder die Frau mal eine Affäre gehabt. So what? Das ist nicht das Thema. Das war auch bei den Beckers nicht das Thema. Uns verband mehr als diese zehn Sekunden Sex. Dennoch war Barbara die erotischste Frau, die ich bis dahin kennen gelernt hatte. Punkt.

SPIEGEL: Vorvergangene Woche haben Sie sich mit Sabrina Setlur Journalisten in New York geoutet - geht es mit dem öffentlichen Leben weiter wie gehabt?

Becker: Ich hatte mir gewünscht, die Chance zu haben, Sabrina abseits der öffentlichen Beobachtung wirklich kennen zu lernen. New York hat gezeigt, dass dies illusorisch ist.

SPIEGEL: Seit Anfang Dezember gab es über 30 Schlagzeilen auf Seite eins der »Bild«-Zeitung. Macht das Spaß?

Becker: Ganz ehrlich: Es ist absolut beschissen und abstoßend. Grund genug zu sagen: Leute, ihr könnt mich mal alle richtig am Arsch lecken.

SPIEGEL: Warum interessieren sich die Leute so dafür, was Boris Becker macht?

Becker: Weil ich für viele nicht zu greifen, zu durchschauen bin oder ein Leben lebe, das viele gern leben würden oder eben nicht gern leben würden. Und weil ich vielleicht für viele der bin, der ihren Träumen entspricht, den guten wie den schlechten. Es ist in der Tat so, ich habe viele Facetten und viele Höhepunkte, aber auch viele Tiefschläge gehabt, und das alles komprimiert in 33 Jahren. Ich kann es nicht ändern, es ist eben so im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Es hat mich bisher nicht umgebracht.

SPIEGEL: Sie sind offenbar relativ stabil.

Becker: Ja. Und das macht alle wohl umso verrückter: Der Becker muss doch mal fallen.

SPIEGEL: Sie selbst beteiligen doch die Journalisten auch an Ihrem Leben. Aus Kalkül, damit Sie besser wegkommen?

Becker: Diese Sache war zu groß, um sie steuern zu können. Ich dachte, ich könnte mit Sabrina in New York untertauchen, da leben fast acht Millionen Menschen, und wenn wir getrennt hinfliegen, spät buchen, das müsste gehen. Als ich am Flughafen ankam, waren Leute von »Bild« und »Bunte« da, es muss jemand aus meiner Umgebung geredet haben. Ich wurde bei der Landung begrüßt. Von da an gab''s kein Zurück mehr. Also sage ich ihnen: Wir sind einfach nur zwei junge Menschen, versteckt in New York. Glauben Sie mir, gern mache ich das nicht. Aber ich habe gar keine andere Wahl.

SPIEGEL: Es gibt andere Prominente, die die Flucht aus der Öffentlichkeit ganz gut hingekriegt haben.

Becker: Ja. Der Aufruhr bei mir rührt vermutlich daher, dass alle dachten, ich bin jetzt in der Box: Der ist verheiratet, und das dritte, vierte, fünfte Kind kommt, alles ist und bleibt überschaubar. Plötzlich aber ist er mit einer Rapperin zusammen. Wie kann er nur! Er ist doch unser Boris! Er kommt doch aus Leimen, nicht aus Manhattan!

SPIEGEL: Sie reden viel über die Fehler anderer. Vielleicht hätten Sie sich auch nicht inflationieren sollen. Früher haben Sie sich rar gemacht, heute sind Sie allgegenwärtig wie einst Lothar Matthäus.

Becker: Da ist etwas dran, und wenn das jetzt noch ein Vierteljahr so weitergeht, dann sagen alle: Boris Becker, halt die Schnauze. Es ist genug. Aber was in den letzten acht Wochen in der Öffentlichkeit passiert ist, ist ja nicht wirklich meine Schuld. Ich bin durch eine private Krise gegangen, ich muss keine Rolle mehr spielen. Ich habe mich verändert. Ich erlaube es mir, mich zu verändern. Ich bin jetzt halt auch geschieden wie viele Menschen in Deutschland. Es gibt Picasso, es gibt Mitterrand, es gibt Beckenbauer. Und jetzt eben Becker und Millionen andere.

SPIEGEL: Franz Beckenbauer hat mit seiner außerehelichen Vaterschaft viel weniger Aufsehen erregt - auch weil er souveräner damit umgegangen ist.

Becker: Franz ist jetzt Mitte 50, er hat seinen Platz in der Geschichte, es ist überschaubar, was er die nächsten 10, 20 Jahre macht, und bei mir nicht. Ich bewundere ihn für seine charmante, lustige Art und Weise, und er mag mich vielleicht für das, was ich mache. Aber tauschen? Nie im Leben würde ich tauschen. Und er wahrscheinlich auch nicht mit mir.

SPIEGEL: Wenn Sie sich das Jahr 2000 anschauen mit den Affären um Christoph Daum, Franz Beckenbauer und Sie - ist das ein Zufall?

Becker: Nein, Sport hat in Deutschland längst eine andere Dimension und wirklich was mit Lifestyle, mit Unterhaltung, mit Lebensgefühl zu tun. Nicht umsonst verdienen heutzutage die Sportler zehnmal so viel wie vor Jahren, weil es eben viel mehr ist, als nur den Ball ins Tor zu schießen. Wenn ich heute der erste 17-jährige Wimbledonsieger wäre, würde ich es nicht überstehen.

SPIEGEL: Seit Ihrem Wimbledonsieg haben Sie im regelmäßigen Rhythmus von rund sieben Jahren sehr heftige Trennungen herbeigeführt: von Ihrem Trainer Günther Bosch, von Manager Ion Tiriac, jetzt von Ihrer Frau.

Becker: Wissenschaftler behaupten ja, dass sich der Mensch alle sieben Jahre verändert, bis zu seinem 49. Lebensjahr.

SPIEGEL: Warum aber diese heftigen Trennungen? Müssen Sie sich immer wieder befreien?

Becker: Ich bin ein sehr intensiver Mensch, der gern lebt, und ich versuche, viele Informationen aufzusaugen, zu verarbeiten, zu verstehen. Dadurch befinde ich mich in einem permanenten Wandel, und es ist für jeden in meinem Umfeld schwer, damit zurechtzukommen. Aber das Leben muss für mich einen Sinn geben, es ist eine ständige Auseinandersetzung.

SPIEGEL: Sie können ziemlich gnadenlos sein.

Becker: Ich glaube, dass es beruflich solche Situationen gibt, denn ich fordere und fördere. Dass mir irgendwann mein Gegenüber nichts mehr gibt oder mich nicht mehr so vertreten kann, wie es nötig ist, kommt vor. Privat ist das anders. Ich bin eine treue Seele.

SPIEGEL: In Ihrer aktiven Zeit wurden Sie oft mit Steffi Graf verglichen - die inszeniert ihre neue Privatheit wesentlich dezenter.

Becker: So war ihr Leben als Tennisspielerin. Keiner hätte doch für möglich gehalten, dass die Gräfin aus Brühl mal mit einem Las-Vegas-Boy richtig fest liiert ist, dass sie jetzt mit Andre Agassi in Las Vegas und San Francisco wohnt. Aber auch sie hat diesen wilden Hang in sich. Sie kümmert sich nicht darum, was hier in den Gazetten steht. Sie hat eine gute Zeit mit Andre, der ist ein feiner Kerl. Sie hat definitiv im Moment mehr zu lachen als ich - sie lebt in San Francisco und lacht sich kaputt.

SPIEGEL: Herr Becker, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Zur Ausgabe
Artikel 2 / 121