ISRAEL Die Stunde des Haudegens
Für Minuten sahen die Israelis auf dem Fernsehschirm ihre schlimmsten Alpträume wahr werden: Eine Serie blutiger Terroranschläge überzieht das Land, Dutzende Menschen sterben. Panzer rollen, die Regierung beruft Reservisten ein und lässt Gasmasken verteilen. Alle Abmachungen mit den Palästinensern werden annulliert. Prompt kündigen Jordanien und Ägypten ihre Friedensverträge mit Israel, an den Grenzen ziehen arabische Truppen auf. Doch dann schrillt eine Alarmglocke, und eine düstere Stimme verkündet: »Es ist noch nicht zu spät, die Zukunft zu ändern.«
Für Ehud Barak scheint der Satz nicht mehr zu gelten. Zwar sollen Furcht einflößende Wahlspots wie »Der Tag nach der Scharon-Wahl« die Stimmung noch zu Gunsten des längst abgeschriebenen Ministerpräsidenten wenden. Verzweifelt bläut Barak den Israelis ein, bei der Premierwahl am Dienstag gehe es um »Krieg oder Frieden: Machen wir uns auf den Weg nach Europa oder wird die Region zum Balkan?« Ariel Scharon, daran lässt Barak keinen Zweifel, bedeutet Kosovo-Verhältnisse.
Doch merkwürdigerweise beeindrucken Baraks düstere Prognosen die meisten Israelis überhaupt nicht. Zumindest in Umfragen ist die Mehrheit längst zu Scharon übergelaufen. Bis zum Wochenende, wenige Tage vor Öffnung der Wahllokale, führte der Herausforderer von Rechtsaußen mit etwa 20 Prozent. Selbst in Baraks Heimatort Kochaw Jaïr wollen angeblich mehr als 60 Prozent für den Likud-Mann stimmen.
Den »Bulldozer«, wie Scharon wegen seiner draufgängerischen Kriegsvergangenheit und Liebe zum Siedlungsbau genannt wird, scheint nichts mehr aufhalten zu können. Sogar Barak-Vertraute glauben: »Jetzt kann uns nur ein Wunder retten.« Ein letzter Versuch linker Kritiker, Barak noch gegen den wohl aussichtsreicheren Schimon Peres auszutauschen, scheiterte an der Sturheit des Noch-Premiers: »Ich glaube nicht an Umfragen.«
Bringt der alte Krieger Scharon der Region tatsächlich eine »wahre Katastrophe«, vor der Palästinenser-Präsident Jassir Arafat warnt? Oder schafft es der angeblich geläuterte Haudegen, mit harter Hand die Gewalt zu beenden?
So viel ist sicher: Das Misstrauen gegenüber Scharon ist groß, auch wenn besonders kühne Denker ihn bereits als Israels zweiten Menachem Begin sehen. Der einstige Untergrundkämpfer hatte 1977 beargwöhnt sein Amt als Premier angetreten und dann im März 1979 den historischen Frieden mit Ägypten geschlossen.
Vor allem die arabischen Staaten sind alarmiert. Denn an den Händen des Generals a. D. klebt viel Blut. Wenn Scharon nicht von Anfang an besänftigende Signale sende, kabelten die Jordanier nach Washington, werde es für sie sehr schwer, ihren Friedensvertrag mit Israel noch länger zu verteidigen.
Aber auch in europäischen Regierungszentralen herrscht die Sorge, der neue Premier könnte Israel in eine noch ärgere Eiszeit führen als einst Benjamin Netanjahu. Während Arafat im Weißen Haus ein- und ausging, geriet der jüdische Staat in seine größte internationale Isolation. Doch bei aller Skepsis gegenüber Scharon - für viele Israelis überwiegt die Enttäuschung über Barak. Viel schlimmer, sagen viele, kann es nicht mehr werden. Vom Friedensprozess ist nur noch ein Trümmerhaufen übrig. Allein Idealisten glauben Barak noch, wenn er sagt: »Ein Abkommen liegt in greifbarer Nähe.«
Denn ein Ende der Gewalt ist nicht in Sicht. Fast 400 Menschen starben bereits bei den Zusammenstößen seit Ausbruch der neuen Intifada im September. Gab es zunächst vor allem palästinensische Opfer, sterben inzwischen fast jede Woche auch Israelis durch Anschläge militanter Palästinenser. Bis ins israelische Friedenslager hinein ist das Vertrauen in Jassir Arafat zutiefst erschüttert. Deshalb glauben viele Israelis inzwischen, Scharons eiserne Faust könne ihnen eher Sicherheit bringen.
Längst zählt nicht mehr, dass Barak Israels höchst dekorierter Soldat war. »Mr. Security ist jetzt Scharon«, sagt der Parteienexperte Daniel Ben-Simon.
Zutreffend ist, dass Scharon jede Menge Kriegserfahrung hat. Der 72-Jährige verkörpert Israels Vergangenheit. Vom Unabhängigkeitskrieg 1948 an focht der Sohn russischer Einwanderer, ein Protegé David Ben-Gurions, auf den Schlachtfeldern der israelisch-arabischen Kriege. In den fünfziger Jahren befehligte er eine Sondertruppe für Vergeltungsaktionen gegen Araber. »Ich hatte das Privileg«, nennt das Scharon, »gegen arabische Terroristen vorzugehen. Wo immer ich war, herrschte danach jahrelang Ruhe.«
Doch immer wieder gab es Untersuchungen, ob er seine Befehlsgewalt nicht überschritten habe. Im Libanonkrieg musste er 1983 sogar als Verteidigungsminister zurücktreten, weil ihm eine Mitverantwortung für den Tod Hunderter Palästinenser angelastet wurde. Die Flüchtlinge waren von christlichen Falangisten, den Verbündeten Israels, massakriert worden.
Die Chance witternd, sucht Scharon mit Weichzeichner-Spots sein blutiges Image zu mildern. Er zeigt sich als gemütlicher Großvater im karierten Flanellhemd und fürsorglicher Landwirt, der mit dem Traktor durch Olivenhaine kurvt - ein neuer, geläuterter Scharon? »Nur einer mit kurzem Gedächtnis kann den, der da mit Haube und großen Zähnen im Bett liegt, nicht erkennen«, wettert Barak. Scharon macht sich einen Spaß daraus, zu kontern: »Ich verspeise keine Araber zum Frühstück.«
Dem Likud-Führer kommt zugute, dass sich selbst die israelischen Araber, traditionell Unterstützer der Arbeitspartei, von Barak abgewandt haben. Denn es war Baraks Polizei, die bei Solidaritätsdemonstrationen für die Intifada 13 arabische Bürger Israels erschoss. Scharon verspricht den chronisch benachteiligten arabischen Israelis nun »endlich gleiche Rechte«. Dass Arafat ein »Mörder« und »Lügner« sei, wie er noch unlängst geschimpft hatte, wiederholte er nicht. Zu den Palästinensern und in etliche arabische Länder sandte er Emissäre mit beruhigenden Botschaften.
Das ist auch nötig. Denn das, was Scharon als »Friedensplan« bezeichnet, sehen Palästinenser wie Libanesen als »Rezept zum Krieg«. Doch ungeachtet allen rhetorischen Säbelrasselns: Sowohl Israel wie auch die arabischen Länder wissen nur zu gut, dass es bei einem erneuten Waffengang nur Verlierer geben würde. Dennoch warnt Baraks Parteifreund, Friedensnobelpreisträger Schimon Peres, zugleich vor neuem »Terror und Gewalt« (siehe Interview Seite 146).
Scharon will Arafat denn auch erst einmal mit Maximal-Positionen einschüchtern. Der bullige Siedler-Freund will keinen Millimeter Land mehr abgeben. Die Palästinenser sollen sich mit den 42 Prozent des Westjordanlandes begnügen, die sie auch jetzt schon ganz oder teilweise kontrollieren. Keine einzige Siedlung werde geräumt. Der einstige Bauminister hat sogar schon neue geplant. Ausgerechnet in den »Haluza-Dünen« südlich des Gaza-Streifens, die Barak und Ex-US-Präsident Bill Clinton als Tauschgebiet für Siedlungen vorsahen, will Scharon Siedlerhäuser errichten. Selbst die Transitstraßen durch das Westjordanland und die Wasservorräte soll Israel weiter kontrollieren.
Warum die Palästinenser all dies akzeptieren sollten, weiß nur Scharon. »Wie aus dem Libanon müssen wir jetzt unsere Jungs auch aus den besetzten Gebieten heimholen«, hält Barak fast verzweifelt dagegen. Wer den Israelis etwas anderes erzähle, täusche sie.
Solche Angriffe scheinen Scharon nicht zu treffen. Seines Sieges gewiss hat er bereits angekündigt, noch in der Wahlnacht die Arbeitspartei Baraks zu einer großen Koalition der »nationalen Einheit« einzuladen, allerdings eher gezwungenermaßen. Denn Rechte und Ultraorthodoxe allein haben in der Knesset keine Mehrheit. Und bereits Ende März muss der neue Premier den Haushalt durchs Parlament bringen. Misslingt das, wäre auch Scharon schon nach wenigen Wochen am Ende. ANNETTE GROßBONGARDT