MIT KOPF, HERZ UND HAND - DER SPIEGEL
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MIT KOPF, HERZ UND HAND

AN DER KARRIERE-UNI ST. GALLEN HABEN DIE STUDENTEN EINE REFORM DER ALLZU EINSEITIGEN MANAGER-AUSBILDUNG DURCHGESETZT.
• aus UNI SPIEGEL 1/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das muss eine nette Uni sein. Sie sollte »auch der Liebe Raum geben«, fordert der Vertreter der Studentenschaft, der »Liebe zu allen Menschen, denen die Universität auf ihre Art und Weise dienen will«. Und der Rektor predigt die Einheit von »Kopf, Herz und Hand« und will »Menschen mit Leidenschaft und Energie« heranziehen.

Der Hort dieser außergewöhnlichen Herzensbildung liegt auf dem Rosenberg am Fuße der Ostschweizer Voralpen - und ist eigentlich als kühle Kaderschmiede für Karrieristen bekannt: die Universität St. Gallen. Absolventen dieser elitären Hochschule gelten als »künftige Topmanager«, wie manche Professoren ihre Studenten auch gern anreden, und viele erreichen in der Tat Spitzenpositionen, wie etwa Paul Achleitner, Finanzvorstand der Allianz, oder Walter Kielholz, Chief Executive Officer von Swiss Re, der zweitgrößten Rückversicherung der Welt.

Mit dem Abschluss von der HSG, wie sich die Uni noch immer nach ihrem alten Namen »Hochschule St. Gallen« nennt, geht es oft schneller aufwärts als mit dem schlichten deutschen BWL-Diplom. Bent Reichardt, 28, aus Koblenz zum Beispiel ist nach seiner Promotion über Venture Capitalists soeben Assistent von Bertelsmann-Gründer Reinhard Mohn geworden.

Doch Rektor Peter Gomez weiss, dass die einseitige ökonomische Ausrichtung des Studiums längst nicht mehr den Anforderungen an die Unternehmerpersönlichkeit der Zukunft entspricht. »Wir wollen keine Shareholder-Value-Leute«, erklärt Gomez, »wir fordern und fördern Persönlichkeiten.«

Zu den vier möglichen Hauptfächern Wirtschaftswissenschaften, Wirtschaftspädagogik, Jura und Staatswissenschaften müssen die Studenten traditionell ein weiteres Fach aus den Geistes- und Sozialwissenschaften wählen, ein so genanntes Kulturfach. Das kann Psychologie sein, Ostasienkunde oder die Geschichte der Mathematik.

Fast 5000 Persönlichkeiten werden in St. Gallen ausgebildet, darunter 773 Studenten aus Deutschland. Sie kommen an die HSG wegen des guten Rufs und weil sie mit den deutschen Unis unzufrieden sind. Friederike Hesse, 25, hat, bevor sie vor drei Jahren in St. Gallen anfing, in Hamburg Volkswirtschaftslehre studiert: »Da gab es nur Chaos und Mainstream, die Studenten wurden schlecht betreut, und es war uncool, sich zu engagieren«, sagt sie. An der HSG hingegen sei alles »brillant organisiert«, es gebe kleine Seminare und eine intensive Betreuung. »Ich wollte nicht in der Masse untergehen«, ergänzt Florian Schweitzer, 27, ehemaliger Präsident der Studentenschaft, der in Deutschland aufgewachsen ist.

Die Verhältnisse von St. Gallen lobt auch ein Neuzugang unter den Professoren: Peter Glotz, der Ende 1999 sein Amt als Gründungsrektor der Reform-Uni Erfurt hinschmiss, weil er sich von Thüringer Bürokraten genervt fühlte. In St. Gallen hat er seine Welt gefunden. »Alles wird professionell gemanagt«, schwärmt der Professor für Medien und Gesellschaft.

Für St. Gallen typisch ist bisher die starke Verschulung der Lehrveranstaltungen: Fakten büffeln und auswendig lernen. Inhaltliche Diskussionen sind selten. Geprüft wird am Ende des Semesters. In den berüchtigten »St. Galler Pauksommern«, erzählt Schweitzer, stürzen sich alle Studenten auf die Lehrbücher und schließen sich wochenlang ein.

Am Ende sind sie kompakt, leistungsorientiert und wirtschaftsnah ausgebildet. Unternehmen wissen das zu schätzen. Auf der jährlichen Rekrutierungsmesse, dem Forum HSG, musste die Zahl der teilnehmenden Unternehmen auf 100 begrenzt werden, sonst hätte es mehr Jobs als Bewerber gegeben.

Schon im ersten Semester werden an der HSG Business-Pläne geschrieben und Kontakte zu Banken und Versicherungen geknüpft, in so genannten Integrationsseminaren beraten BWL-Studenten Unternehmen wie Nestlé oder die Schweizer Großbank UBS.

Zum Internationalen Management-Symposium, das von Studenten organisiert wird, reisen jährlich im Frühjahr die Bosse nach St. Gallen. Unternehmen finanzieren reihenweise Lehrstühle. Die Bertelsmann- und die Heinz-Nixdorf- Stiftung unterstützten die Gründung des Instituts für Medien- und Kommunikationsmanagement, an dem Glotz lehrt. Firmen sponsern den Data-Room, in dem Börsenkurse in Echtzeit angezeigt werden, und fördern studentische Initiativen wie das Start-Forum für Unternehmensgründer.

Das bleibt nicht ohne Folgen: Die Studenten in St. Gallen brennen förmlich vor Unternehmergeist. Verena Delius, 22, etwa hat gerade mit ihrer Schwester in Bielefeld eine Sushi-Bar eröffnet, »was Reales, nichts mit Internet«. Sie organisierte 1999 das Start-Gründerforum mit und lernte dort viele Unternehmer kennen. Zurück in Westfalen, hat sie sofort einen Business-Plan erstellt und die Eltern zum Ordnungsamt geschickt. Jetzt lässt sie sich täglich von ihrer Schwester die Umsätze nach St. Gallen mailen und freut sich, wie gut das gemeinsame Geschäft läuft.

Florian Schweitzer hat mit Freunden eine Firma aufgezogen, bei der junge Leute mit guten Ideen und Geldgeber zusammengebracht werden sollen - »eine Art Heiratsvermittlung im Internet«. Ein Professor sponsert das Projekt mit seinem privaten Kapital.

Die studentischen Jung-Unternehmer nehmen sich während der Vorlesungswochen die Zeit für ihre Geschäfte, weil die stressigen Prüfungen erst am Ende des Semesters liegen. Und die anderswo üblichen Freizeitaktivitäten sind hier mangels Angebot auch nicht sehr zeitraubend. St. Gallen ist zwar beschaulich und idyllisch gelegen, aber »spießig und teuer«, sagt Martin Karow, 23, der neue Studentenschaftspräsident aus Hamburg. Das studentische Nachtleben fällt da ziemlich flach. Man trifft sich mal in der »Seeger-Bar« oder im »Extrablatt« am Marktplatz, aber so ganz wohl fühlen sich die vom Rosenberg unten im Tal nicht.

Für die einheimische Bevölkerung sind die Studenten arrogante Schnösel, das Verhältnis ist gespannt. Also bleiben die Hochschüler unter sich und engagieren sich in eigenen Initiativen. Das ist sowieso besser für die Karriere. An wenigen Unis gibt es eine vergleichbare Vielfalt und Professionalität von studentischen Aktivitäten. Das liegt möglicherweise an der »besonderen Studentenschaft«, wie Rektor Gomez sie nennt, einer Spezies Student, die sich weit über das normale Maß hinaus für die Uni, die Umwelt, die Kunst und natürlich die Karriere einsetzt. Mehr als 70 verschiedene Initiativen sind auf dem Campus aktiv - von der studentischen Unternehmensberatung bis zur Kulturzeitschrift, vom Kreis der Muslime bis zum Rhetorik-Center.

Jeder siebte Student an der HSG nimmt an mindestens einer dieser Gruppen teil, die meisten von ihnen sind Deutsche.

»Die Deutschen sind unternehmungslustiger und selbstbewusster«, sagt Florian Schweitzer, weil sie - im Gegensatz zu ihren Schweizer Kommilitonen - in einer harten Aufnahmeprüfung ausgesiebt werden: ein Aufsatz zu einem allgemein-gesellschaftlichen Thema und ein Multiple-Choice-Test in »Elementarer Wirtschaftskunde«. Mehr als 600 Abiturienten aus Deutschland haben sich im vergangenen Jahr beworben, nur jeder Dritte wurde genommen.

Die es schaffen, haben hohe Erwartungen an die Uni. Wer an der HSG studiert, will natürlich Karriere machen. Doch viele wollen nicht nur stur Fakten büffeln und von der Uni direkt auf den Chefsessel vorrücken. Sie möchten mitreden und ihre Hochschule mitgestalten. Vor mehr als zwei Jahren hat die Studentenschaft die Losung »Education is EduAction« ausgerufen und einen Wettbewerb für die besten Reform-Ideen ausgeschrieben.

»Wir wollten unsere Erfahrungen aus den Studenteninitiativen in die Lehre einbringen«, sagt Florian Schweitzer. Zusammen mit seinen Kommilitonen aus der Studentenschaft hat er sich eingesetzt für mehr eigenverantwortliches Lernen, für einen höheren Stellenwert der Kulturfächer und für die akademische Anerkennung ihres Engagements. Bis es so weit war, mussten die Studenten bei den Professoren viel Überzeugungsarbeit leisten. Ihr Vorteil dabei: Sie sitzen in allen Gremien der HSG, und sie haben überall ein gleichberechtigtes Stimmrecht: Ohne die Studenten wird in St. Gallen nichts entschieden. Dafür sind sie aber auch weniger aufmüpfig als ihre deutschen Asta-Kollegen. Gegen höhere Studiengebühren geht hier keiner auf die Straße. »Wenn es ein Problem gibt, rufe ich den Rektor an, und wir setzen uns zusammen«, sagt Schweitzer.

So haben sich die Studenten mit ihren Vorstellungen zur Studienreform durchgesetzt. Die Universität baut jetzt das ganze Studium um, »da bleibt kein Stein auf dem anderen«, sagt Rektor Gomez. Die Uni St. Gallen will zur Weltklasse gehören, sie misst sich mit den großen amerikanischen Business Schools und steht mit ihnen im Wettbewerb um gute Studenten. Doch in den letzten Jahren, glaubt Gomez, habe die HSG viele ihrer Eigenarten verloren - sie habe zu viele Studenten, sie sei zu spezialisiert, es werde zu viel Wert auf Faktenwissen gelegt. International hätte St. Gallen so auf Dauer nicht bestehen können.

Deshalb wird jetzt das Diplom abgeschafft, ab dem Herbst 2001 wird es nur noch die Abschlüsse Bachelor und Master geben. Das dreijährige Bachelor-Programm beginnt mit einer »Assessmentstufe«, einer Art Probejahr, in dem die Studenten beweisen müssen, dass sie zur Uni passen - wenn nicht, müssen sie wieder gehen.

In der Lehre erhalten die sozialen Kompetenzen mehr Gewicht. So sollen etwa Juristen künftig auch Konfliktmanagement üben. Jeder Student wird einen persönlichen Studienplan bekommen und einen Professor als Coach. Die Rolle der Hochschullehrer wird sich durch die Reform grundlegend ändern, versichert Gomez: »Dass einer in der Vorlesung aus seinem Buch vorliest, wird es nicht mehr geben.« MARION SCHMIDT

INFORMATIONEN UNI ST. GALLEN

Universität St. Gallen

Dufourstraße 50

CH-9000 St. Gallen

Tel. 0041-71-2242111

Fax 0041-71-2242816

E-Mail: studieninfo@unisg.ch

Website: www.unisg.ch (Uni)

www.stud.unisg.ch (Studentenschaft)

Studienfächer:

Betriebswirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre, Wirtschaftspädagogik, Staatswissenschaften, Rechtswissenschaften

Zulassungsbedingungen und Auswahlverfahren:

Ausländische Bewerber werden nur eingeschränkt aufgenommen (max. ein Viertel der Studenten). Sie müssen eine Zulassungsprüfung bestehen, die einmal jährlich etwa vier Wochen vor Beginn des Wintersemesters stattfindet. Anmeldeschluss für das WS 2001/2002 ist der 15. Juli 2001.

Studiengebühren:

Pro Semester werden 973 Franken (etwa 1200 Mark) erhoben, dazu kommen eine Anmeldegebühr für ausländische Studenten (200 Franken) und ein Semesterbeitrag von 107 Franken für Studentenschaft, Uni-Sport, Mensa und Bibliothek.

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