FUSSBALL »Ich bete für Union«
SPIEGEL: Frau Hagen, Sie gelten als bekennende Anhängerin von Union Berlin. Wie haben Sie den größten Triumph der neueren Vereinsgeschichte, das Erreichen des DFB-Pokalfinales, miterlebt?
Hagen: Ich hab das Spiel im Fernsehen geguckt. Ich habe immer hin- und hergeschaltet, denn es war ja alles sehr aufregend. Aber das Elfmeterschießen habe ich dann ganz mitgekriegt.
SPIEGEL: Sie sagen, Sie verfügten über spirituelle Kraft. Warum sind Sie nicht im Stadion gewesen, um Union mit Ihrer besonderen Energie zu unterstützen?
Hagen: Als Heilige darf man eben nicht alles machen. Ich war einmal bei Union im Stadion an der Alten Försterei. Damals sang ich in der Halbzeitpause die Vereinshymne »Eisern, Union«. Trotzdem hat die Mannschaft ihr Spiel gegen den Chemnitzer FC mit 0:1 verloren. Deshalb habe ich diesmal gesagt: Jungs, das müsst ihr jetzt alleine schaffen. Es ist ja auch gut ausgegangen.
SPIEGEL: Der heutige Regionalligist Union galt zu DDR-Zeiten als Lieblingsclub der Regimegegner. Vor allem bei Spielen gegen den verhassten Stasi-Club und Ortsrivalen BFC Dynamo skandierten die Zuschauer bei Freistößen gern: »Die Mauer muss weg.« Wie sind Sie Union-Fan geworden?
Hagen: Ich bin Union sozusagen genetisch verbunden. Mein Papi war glühender Anhänger. Der hat kaum ein Spiel versäumt und ist immer völlig ausgeflippt, wenn die gespielt haben. Ich war immer total faszi-
niert von diesen Gefühlsausbrüchen meines Vaters, obwohl ich eigentlich gar nicht verstand, worum es genau ging. Aus reiner Liebe zu meinem Vater bin ich mit Union verwachsen.
SPIEGEL: Sie sind gerade in Deutschland unterwegs und treten bei »Rock gegen rechte Gewalt« auf. Gleichzeitig haben gerade ostdeutsche Fußballclubs große Probleme mit Rechtsextremismus. Wieso gilt das auch für Ihren Lieblingsverein?
Hagen: Das ist leider ein Teil der Alltagskultur geworden. Die rechten Organisationen in Deutschland haben ja auch ein leichtes Spiel. Die Jugendlichen sehnen sich nach Zusammengehörigkeit und finden sie gerade dort. Außerdem wird unterschätzt, dass die Rechten den Kids Angebote machen, die sie nicht ausschlagen können: Die besorgen Jobs und kümmern sich um soziale Dinge. Dagegen müssen wir endlich was tun. Es kann doch nicht angehen, dass die immer nur mit Samthandschuhen angefasst werden und die Richter Milde walten lassen.
SPIEGEL: Ihr Großvater ist im Konzentrationslager Sachsenhausen umgekommen ...
Hagen: ... und meinen Vater haben die Nazis misshandelt. Schon als ich sechs Jahre alt war, hat er mich mit zur Gedenkstätte genommen. Später zeigte er mir seine Narben.
SPIEGEL: Welche eigenen Erfahrungen haben Sie mit dem Rechtsextremismus gemacht?
Hagen: Ich war 1987 bei einem Konzert der »Toten Hosen« in Berlin. Da kam plötzlich ein Haufen Neonazis und prügelte auf die Leute ein. Es kam sogar zu einer Messerstecherei. Skinheads waren das nicht, die sahen ganz normal aus. Und obwohl überall Polizei herumstand, ist keiner dazwischengegangen.
SPIEGEL: Sind Sie auch angegriffen worden?
Hagen: Mir haben sie mehrmals ins Gesicht geschlagen. Irgendwann sah ich nur noch Sterne. Danach habe ich mir gesagt »Bloß weg aus Deutschland!« und bin nach Ibiza abgehauen.
SPIEGEL: Mittlerweile verbringen Sie wieder einen Großteil Ihrer Zeit in der Bundesrepublik. Wie kommen Sie als Tribünengast mit der bisweilen rüden Fußballkultur klar?
Hagen: Zwischen Fußball und Rockmusik gibt es doch viele Parallelen: Adrenalin wird freigesetzt, es wird geatmet, geschwitzt, geschrien. Ich habe mich damals im Stadion pudelwohl gefühlt. Außerdem ist mir egal, welchen Fanschal jemand trägt. Ich bin wie die Sonne: Ich scheine für jeden.
SPIEGEL: Im Finale gegen Schalke 04 am 26. Mai im Berliner Olympiastadion ist Union krasser Außenseiter. Wie wollen Sie der Mannschaft helfen, auch dieses Spiel zu gewinnen?
Hagen: Vielleicht gehe ich diesmal hin. Aber ich will die Spieler nicht nervös machen. Deshalb werde ich mit meiner Magie wohl lieber im Hintergrund wirken.
SPIEGEL: Wie darf man sich das vorstellen?
Hagen: Ich werde die Fußballgöttin rufen und wieder für Union beten.
INTERVIEW: GERHARD PFEIL, THILO THIELKE
* Nach dem 6:4-Sieg über Borussia Mönchengladbach am vorigenDienstag, bei dem Torwart Sven Beuckert im Elfmeterschießen zweimalparierte.