FRANKREICH Ausbeuter des Elends
Die Erklärungen, welche die Beamten der Grenzpolizei zu Protokoll nehmen, gleichen einander, als wären sie einstudiert: Mohammed, geboren 1965, Beruf Koch, mittellos und ohne Papiere, Staatsangehörigkeit »irakisch-kurdisch«, begehrt politisches Asyl. Motiv: Todesdrohungen in seiner Heimat.
Misstrauisch und wortkarg berichten die 908 Kurden, die vor einer Woche bei Saint-Raphaël an der Côte d'Azur als verlassene Boatpeople strandeten, von ihrer langen Odyssee. Fast alle stammen aus der Gegend von Mossul, einer Stadt in Irakisch-Kurdistan, die vom Regime des Diktators Saddam Hussein kontrolliert wird.
Für manche begann die Reise ins Unbekannte vor zwei Monaten, zu Fuß oder auf Lastwagen. An der türkischen Grenze zahlten sie 200 oder 300 Dollar, damit die Polizisten und Soldaten sie ins Land ließen. In kleinen Gruppen schlugen sie sich bis zur verabredeten Sammelstelle durch: Iskenderun, dem am weitesten östlich gelegenen Hafen der Türkei in unmittelbarer Nachbarschaft zu Syrien.
Dort begann am 10. Februar die letzte Etappe, als Leidensfahrt auf einem schwarz gestrichenen Frachter, der draußen auf hoher See mit gelöschten Positionslichtern wartete. Der Kapitän und die Besatzung zeigten sich nur vermummt. Ihrer menschlichen Ladung warfen sie Konservendosen und Flaschen mit Wasser zu. Es dauerte nicht lange, bis die Passagiere, darunter 478 Kinder, in ihren eigenen Exkrementen wateten. Aber die Matrosen drohten auf Türkisch, jeden über Bord zu werfen, der nach oben an die frische Luft wollte.
Wer einen Platz auf diesem Geisterschiff ergattert hatte, durfte nicht arm sein. Sulejman, ein Bauer mit sechsköpfiger Familie, zahlte 20 000 Dollar für die Einwegreise in die erträumte Freiheit. Hof und Felder hatte er verkauft - auf Druck der irakischen Behörden, die im strategisch wichtigen Erdölzentrum Mossul viele arabische Staatsbürger ansiedeln wollten.
An Frankreich als Endziel dachte kaum einer der Kurden, die eine Woche lang im dunklen, verdreckten Bauch der »East Sea« ausharrten. Die meisten glaubten wohl, es ginge nach Italien. Dort hatten immer wieder Schiffe und Schlauchboote Flüchtlinge an den Stränden Apuliens ausgesetzt. Im August 1999 dümpelte vor Bari antriebs- und steuerlos ein Schiff, auf dem sich 1100 Menschen drängten.
Aber die Italiener haben ihre Küstenwache inzwischen so aufgerüstet, dass ein Frachtdampfer kaum noch durchschlüpfen kann. Frankreichs Mittelmeerküste ist dagegen bislang nur schwach geschützt: Von 19 Kontrollstationen zwischen den Pyrenäen, Korsika und den Seealpen sind 14 nachts außer Betrieb.
Offensichtlich wusste der Kapitän des Seelenverkäufers, dass er schwerlich entdeckt werden konnte, als er um drei Uhr früh das Schiff 20 Meter vom Strand entfernt im Felsen verkeilte. Kurz zuvor hatte die Besatzung die Passagiere geweckt: »Haltet euch bereit, wir sind fast da.« Dann setzte die Crew sich mit einem Beiboot ab und ward nicht mehr gesehen.
Für Frankreich war die Ankunft einer ganzen Schiffsladung Kurden eine Premiere. Flüchtlinge aus der Türkei oder dem Irak sickern sonst meist auf dem Landweg ein; von Italien aus bringen Schlepper sie in Autos oder Lastwagen nach Nizza. Dort besteigen sie Züge nach Calais am Ärmelkanal - die wichtigste Drehscheibe für die illegale Einwanderung nach Großbritannien. In England wurden voriges Jahr mehr als doppelt so viele Asylanträge gestellt (97 860) wie in Frankreich (38 590). Andere streben nach Deutschland (78 760 Asylgesuche) oder in die Niederlande (43 890).
Angesichts der unerwarteten Gäste beschlich die Politiker die Furcht, die inzwischen gesunkene »East Sea« könne der Vorbote eines Stroms von Boatpeople werden, falls die Kurden allzu reibungslos aufgenommen würden. »Es gibt die Stimme des Herzens, und es gibt die Stimme der Vernunft«, befand der zuständige Präfekt Daniel Canepa. Die Behörden erklärten das provisorische Flüchtlingslager in einer alten Kaserne kurzum zur »Wartezone« - als hätten die Immigranten noch gar nicht französischen Boden betreten. Doch nach vier Tagen kamen sie vorläufig frei. Zurückschaffen oder abschieben lassen sich die Gestrandeten ohnehin nicht.
Das »in Frankreich einzigartige Ereignis« (Staatspräsident Chirac) zeigt erneut, dass die Europäische Union noch kein Mittel gegen den organisierten Menschenschmuggel gefunden hat. Innenminister Daniel Vaillant forderte ein gemeinsames Vorgehen der EU gegen die »Ausbeuter menschlichen Elends«. Wirkungsvoll ließen sich die mafiosen Schlepperbanden indes nur am Anfang der wichtigsten Schleuserwege in die Festung Europa bekämpfen - weit vor den EU-Grenzen: in der Türkei, auf dem Balkan, in Osteuropa und Nordafrika.
Solange das nicht gelingt, bleibt das Dilemma unauflöslich, das Premier Lionel Jospin nach der Tragödie an der Côte d'Azur beschrieb: »Wie können wir die Flüchtlinge menschenwürdig empfangen, ohne jenen, die mit dem Leid Geschäfte machen, eine Art Prämie zu zahlen?« ROMAIN LEICK