AFGHANISTAN Besudelung im Namen Allahs
Der Schweizer Paul Bucherer gilt als erfahrener Kenner des Hindukusch. Doch als der Afghanistan-Forscher 1998 wieder nach Bamian kam, war er genauso fasziniert wie beim ersten Mal.
Gelassen, wie unberührt vom Lauf der Zeit, lehnten die ältesten Bewohner der Gegend in ihren Felsnischen über der Stadt. Sie hatten den Einfall der Araber erlebt, das Wüten der Mongolen-Horden und die Invasion der Sowjets - die in Stein gehauenen Buddhas von Bamian.
Unbekannte Künstler hatten beide Figuren vor rund 1500 Jahren aus dem Hindukusch-Fels gestemmt, als Bamian noch buddhistische Klostersiedlung und Haltepunkt für Karawanen aus China und Europa war: monumentale Wunderwerke, das eine 36 Meter, das andere - der größte stehende Buddha der Welt - 53 Meter hoch, versehen mit einem eleganten Faltenwurf aus Gipsmörtel. Einst war das Antlitz der Giganten mit vergoldeten Holzmasken verdeckt.
Eine »übermenschliche Manifestation von Glauben und Macht«, urteilten Archäologen noch vergangenes Jahr und ordneten die Statuen unter die 70 größten Weltwunder ein - neben der Sphinx von Gizeh und der Sonnenpyramide im mexikanischen Teotihuacan.
Bucherer hat die beiden Buddhas als einer der Letzten intakt fotografiert. Im Jahr darauf sprengten fanatische Taliban den Kopf der kleineren Statue weg - ein Akt der »Götzenvernichtung« im Namen des Islam, der bildhafte Darstellungen von Lebewesen nicht erlaube.
Letzten Donnerstag rückten die Gotteskrieger, seit 1996 die Machthaber von Kabul, in voller Kriegsausrüstung an: Sie schafften Sprengstoff herbei und begannen nach eigenen Angaben, die Überreste der fremden Hochkultur mit Granaten zu beschießen. Sie »verhöhnten Gott«, hatte Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar gezürnt, die Geschichte des Islam sei wichtiger als die Afghanistans.
Die Vernichtung »unislamischer Kunstwerke« hatten die Taliban seit Beginn ihrer Herrschaft propagiert. Heimlich jedoch verhökerten sie antike Stücke auf dem pakistanischen Antiquitätenmarkt, oft auf denselben Routen aus dem Land geschmuggelt wie das Exportgut Opium.
Nach außen hin freilich leugneten die Gotteskrieger ihren Vandalismus. Als eine Fotografin 1999 erstmals den kopflosen Buddha von Bamian dokumentierte, bestand sie auf Anonymität - aus Angst vor den Fanatikern. Die scheuten den Frontalangriff auf das Weltkulturerbe; Taliban-Führer Omar stellte sogar Wachen vor den Buddhas auf.
Auch eine andere Aktion der Kabuler Führung interpretierte die Weltgemeinschaft noch jüngst als Versöhnungszeichen: Mullah Omar hatte vergangenes Jahr die Opiumproduktion drastisch drosseln lassen und Mohnfelder demonstrativ verbrannt. Experten vermuteten, die Taliban wollten so die Uno-Sanktionen gegen ihr Regime zu Fall bringen und wirtschaftliche Hilfe ins hungernde Land holen, in dem der Bürgerkrieg 500 000 Menschen zu Flüchtlingen gemacht hat.
Kapseln sich die Ultrareligiösen mit der Attacke von Bamian nun ganz bewusst weiter vom Ausland ab, oder war die Ankündigung der martialischen Aktion ein Trick, um den Westen finanziell zu erpressen? Bis Freitagabend gab es keine Beweise dafür, dass die Buddhas tatsächlich zerstört worden sind.
Schon vorab hatte die Unesco von einer »kulturellen Katastrophe« gesprochen. Sie setzte einen Sondergesandten in Marsch, die EU-Botschafter in Islamabad traten zur Krisensitzung zusammen, und das New Yorker Metropolitan Museum of Art bot an, die Statuen durch Kauf zu retten. Was in Bamian geschehe, sei eine »Besudelung im Namen Allahs«, erklärte die Vizepräsidentin des indischen Oberhauses, selbst eine Muslimin. Auch Delhi steht als Retter bereit.
Für Taliban-Gegner Ahmed Schah Massud indessen, der mit seiner Streitmacht im afghanischen Norden steht, ist die Aufregung um die Buddhas »eigenartig«. Der General hielt die Gegend um Bamian zeitweilig besetzt, im Januar wurde sie von den Gotteskriegern zurückerobert.
Bamian ist der wichtigste Ort des Minderheitenvolks der Hazara, das die Buddha-Figuren respektierte. Nach den Kämpfen vom Januar sollen über 500 Zivilisten von den Taliban hingerichtet worden sein. Viele Hazaras retteten sich Richtung Norden, in eisiger Kälte sitzen sie mit Tausenden anderen Flüchtlingen auf Inseln im afghanisch-tadschikischen Grenzfluss Pjandsch fest - eine bislang weitgehend unbeachtete Tragödie.
Offenbar habe die Welt jahrelang die wahre Lage im Taliban-Gebiet »ignoriert«, kommentierte Massud die internationale Empörung um den Kulturkampf von Bamian. CHRISTIAN NEEF