Ende des Denkverbots - DER SPIEGEL
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KLONEN Ende des Denkverbots

Bisher war das Klonen von Menschen tabu. Jetzt schlägt die Stimmung abrupt um. Für die Experten, die sich in dieser Woche zur Konferenz in Rom treffen, stellt sich nicht mehr die Frage ob, sondern nur noch wann der erste Klon geboren wird.
• aus DER SPIEGEL 10/2001
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Da ist diese Vorstellung, die Dagmar Rehak wirklich amüsiert: »Wenn ich mit meiner Frau aufs Jugendamt gehe und die Geburt unserer Tochter melde, dann wird''s lustig.« Dass das gemeinsame Kind nur eine Tochter werden kann, steht fest. »Ich hätte gern ein Kind von der Frau, die ich liebe«, sagt die resolute Wienerin. »Die andere Möglichkeit wäre, mich selbst zu klonen.«

Um sich diesen Weg zu eröffnen, kämpft die 32-Jährige für das Recht auf freie Wahl der Fortpflanzung und kennt sich inzwischen mit Chromosomensätzen, mitochondrialer DNS und Zellplasma bestens aus.

»Das Kind, das ich gebären würde, wäre entweder meiner Freundin oder mir sehr ähnlich, aber keine so exakte Kopie wie ein eineiiger Zwilling«, erläutert die experimentierfreudige Lesbe gut gelaunt, »unsere Tochter wäre ein echtes Wunschkind.« Auch eine Sprachregelung für die unorthodoxen Familienbande hat Rehak schon gefunden: »Ich die Mutter, sie die Vate. Das geht mir schon ganz locker über die Lippen.«

Noch vor kurzem hätte Rehak schlicht als Spinnerin gegolten. Seit einigen Wochen jedoch hat die Zukunftsvision des Frauenpaars plötzlich an Kontur gewonnen: Binnen zweieinhalb Jahren wolle er »in einem Mittelmeer-Land« den ersten menschlichen Klon erzeugen, kündigte der italienische Frauenarzt Severino Antinori an und sorgte damit für weltweites Aufsehen (SPIEGEL 6/2001). »Wir wollen den Menschen das Geschenk des Lebens geben«, schwärmte auch Antinoris US-Kompagnon Panos Zavos. 200 Paare hätten schon Interesse bekundet.

Nun hat Dottore Antinori kloninteressierte Kollegen aus aller Welt zur Konferenz nach Rom gebeten. Von Donnerstag dieser Woche an will der energische Mediziner vor geneigten Kollegen technische Details seines Vorhabens erläutern. Im Abschlussvortrag wird der italienische Biologe Antonio Barbaro über die Frage sinnieren: »Wird das Klonen uns unsterblich machen?«

»Menschen klonen ist näher als Sie glauben«, verkündete kurz nach Antinoris Ankündigung das US-Magazin »Time« auf dem Titelblatt. Und auch »Wired«, anerkanntes Fachorgan in Zukunftsfragen, stimmte seine technikbegeisterte Leserschaft auf den »historischen Moment« ein: Ein »Zusammentreffen unterschwelliger Pro-Klon-Agitation, fallenden Tabus und dem unaufhaltsamen Durchmarsch der Wissenschaft« befeuere das Wettrennen um die Hervorbringung des ersten Klonkinds.

Was noch vor Jahresfrist als Frankenstein-Phantasie größenwahnsinniger Hirne erschien - das Erzeugen genetisch identischer Doppelgänger nach einer originalen Menschen-Matrize -, ist über Nacht zu einem in Fachkreisen ernsthaft diskutierten Thema geworden.

Im gleichen Tempo, mit dem die Machbarkeit die verfemte Technik in greifbare Nähe rückt, verliert sie offenbar an Schrecken. Es scheint, als habe das britische Parlament im Dezember 2000 mit seiner Entscheidung, begrenzt Forschung an menschlichen Klonembryonen zu genehmigen, ein unausgesprochenes Denk- und Redeverbot in Sachen Klonen hinweggefegt.

Bei einer internen Umfrage im Verband »A part«, einem weltweiten Zusammenschluss privater Reproduktionskliniken, gaben drei Viertel aller Befragten an, sie seien willens, ungewollt Kinderlosen durch Klonen zu Nachwuchs zu verhelfen. Ein Viertel der Teilnehmer gab gar zu Protokoll, dazu schon heute in der Lage zu sein.

»So sieht''s aus«, fasst A-part-Präsident Wilfried Feichtinger, 50, genüsslich die Lage zusammen. Die moralische Entrüstung, die das Klonvorhaben seines Kollegen Antinori vor allem in Deutschland hervorgerufen habe, wecke in ihm ein Ekelgefühl: »Die Deutschen tun gerade so, als gehe es darum, eine Atombombe zu zünden. Dabei soll beim Klonen kein Leben vernichtet, sondern welches geschaffen werden.«

»Es muss einen tieferen Sinn haben, wenn sich der Mensch am Beginn eines neuen Jahrtausends diese Art der Fortpflanzung erschließt«, grübelt der Frauenarzt, der in einer blütenweißen Jugendstilvilla im vornehmen Wiener Stadtteil Hietzing sein »Institut für Sterilitätsbetreuung« betreibt. Der Doktor im Yves-Saint-Laurent-Poloshirt schlenkert lässig die randlose Brille ums Handgelenk: »Ich habe sieben gesunde Kinder. Wenn einem davon was passieren würde, dann käme Klonen schon in Frage, um es ins Leben zurückzuholen.«

Ob der Schrei des ersten Klonbabys aus dem Kabinett des Dr. Antinori ertönen wird, ist ungewiss: »Einige Wissenschaftler sind ganz versessen auf den traurigen Ruhm, als Erster einen Menschen geklont zu haben«, sagt Gregory Stock, Zukunftsforscher an der University of California in Los Angeles. Auch der Vorsitzende des Bundesverbandes Reproduktionsmedizinischer Zentren, Michael Thaele, ist davon überzeugt, dass die Ankündigung des römischen Babymachers Signalwirkung in der Repro-Branche haben wird: »Wenn Antinori seine Absicht so offen vorträgt, wird bald der Nächste kommen.«

Noch ist die Technik nicht praxisreif, da schießen bereits Spekulationen über den mutmaßlichen Preis ins Kraut. »Er dürfte nicht über dem liegen, was Paare heute für die künstliche Befruchtung bezahlen«, erklärt Feichtinger. Deutlich mehr verlangt hingegen die Firma Clonaid, betrieben von der Ufo-Sekte der Raëlianer. Für 200 000 Dollar will die französische Molekularbiologin Brigitte Boisselier den Service bei Clonaid anbieten, Hunderte Paare hätten sich schon gemeldet. Boisselier, Jüngerin des geistigen Führers und Dutt-Trägers Raël, plant als Erstes die Genkopie eines zehn Monate alten Jungen, der auf dem OP-Tisch starb. »Wir sind schon mittendrin«, beteuert vollmundig Boisselier, der in der Sekte genügend willfährige Eispenderinnen und Leihmütter zur Verfügung stehen. »Ab Oktober soll geklont werden.«

Spätestens der erste Klonerfolg, so erwarten viele, wird die Bollwerke der ethischen Bedenkenträger zum Einsturz bringen, ähnlich wie 1978 nach der Geburt des ersten Retortenbabys: »Wenn die Klonierer das erste gesunde Baby vor die Kamera halten«, erklärt Gregory Pence, Philosophieprofessor an der Universität von Alabama, »haben sie gewonnen.«

Schon sichern sich Firmen im Eiltempo die Patente für die Manipulation am Menschen. Pharmahersteller arbeiten an Präparaten, mit denen weibliche Eizellen außerhalb des Körpers nachreifen könnten - eines der Hauptprobleme der Klonpioniere wäre damit gelöst: die Beschaffung von Eizellen in großen Mengen (siehe Grafik). Mehrere Unternehmen bieten Klonwilligen bereits die Aufbewahrung von Zellmaterial für spätere Verwendung an. Tiefkühlgebühr bei Southern Cross Genetics in Australien: 2500 Dollar.

Als hätte der Auftritt der ersten Klonpioniere eine Schleuse geöffnet, meldeten sich nun unterschiedlichste Interessengruppen zu Wort: Sterile Paare hoffen auf Nachwuchs, verwaiste Eltern wollen ihre toten Kinder klonen, Schwule und Lesben träumen von der Zeugung einer Gay-Generation per Klonverfahren.

Als der New Yorker Randolfe Wicker, ein Fossil der US-Schwulenbewegung, am 1. März 1997 - angeregt von der Geburt des Klonschafs Dolly - einen Menschenklon-Verein für homosexuelle Fortpflanzungsautonomie gründete, fand er nur ein versprengtes Häuflein von Mitstreitern. Gemeinsam schwenkte der Trupp Pappschilder durch die neblige Luft vor dem legendären »Stonewall Inn« in der Christopher Street, der Gay-Meile von Greenwich Village.

Wicker, heute 63, proklamierte schon damals eine »Clone Bill of Rights«. Auf einem Plakat kniete ein Schaf auf einer Wolke, im Text offenbarte die neue Bewegung das Talent ihrer protesterprobten Mitglieder zur Selbstironie: »Der Dolly-Lama - unser neuer spiritueller Führer«.

Vier Jahre später kommt an Wicker, dem distinguierten Herrn mit dem schütteren weißen Haar, der tagsüber einen Laden für antike Lampen und in seiner Freizeit die Clone Rights United Front führt, keiner mehr vorbei, der in der Klondebatte mitreden will. Unter vorsichtigem Beifall einer wachsenden Minderheit fordert Wicker freie Fortpflanzung für freie Bürger. Das Klonen, so Wicker, setze dem »historischen Monopol der Heterosexuellen auf Fortpflanzung ein Ende«.

»Wenn Wicker sich fortpflanzen will - bitte sehr«, spottete Kolumnist David Futrelle in »Salon«, der Netzpostille der New Yorker Intellektuellen. »Aber er kann nicht auf mein Mitleid zählen, falls Randolfe Jr. ein völlig unnatürliches Interesse an Mädchen entwickeln sollte.« Wicker lässt die Häme kalt. Seine Website (www.humancloning.org) hat sich längst zum viel frequentierten Umschlagplatz von Gerüchten und Informationen für Kloninteressierte jenseits der schwul-lesbischen Bewegung entwickelt.

Biologie-Studentinnen melden sich dort als freiwillige Leihmütter für Klonkinder, ein Chatter namens »Elpaso 15« fragt: »Wird der Klon eines Christen als exaktes Duplikat des Erzeugers automatisch erlöst werden, oder muss er sich später noch taufen lassen?« Und im »Handbuch des Menschlichen Klonens« trägt ein Team erstaunlich profundes Klon-Know-how zusammen - von der Follikelreifung bis zur Absaugtechnik für Zellkerne.

Die Vielfalt der Interessenten zeigt, dass die Klonfan-Gemeinde durchaus auch brave Bürger umfasst: US-Bürger Doug Dorner, 35, etwa ist seit seiner Krebserkrankung unfruchtbar. Jetzt meint er: »Technik hat mein Leben gerettet. Warum soll sie mir heute nicht helfen, ein Kind zu bekommen?« Tanya Tomusyak wiederum, Programmiererin im australischen Sydney, möchte aus einer Haarsträhne und drei Babyzähnen ihre Tochter Olga wieder erschaffen lassen. Die fiel zwei Wochen vor ihrem zweiten Geburtstag aus dem Fenster und starb.

Die Deutschen hingegen gelten in der noch jungen Bewegung als Klonmuffel. »Eure unfruchtbaren Paare kommen schon jetzt nach Amerika, ins Land der Freiheit«, hält Klonaktivist Wicker ihnen vor. »Deutsche Paare machen einen großen Teil der Klientel unserer Repro-Kliniken aus.«

Wicker hat Recht: Der Schwangerschaftstourismus boomt. Geworben wird für den kompletten, in Deutschland verbotenen Service - Eispende, Leihmutter, Samenspenderkatalog. Marktschreierische Angebote nötigen den Deutschen die Debatte um jede neue Technik auf.

»Vor allem die Amerikaner und Australier sind sehr umtriebig - und sie dominieren die wissenschaftlichen Gesellschaften«, sagt Wolfgang Würfel, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin. »Da gibt es starke Gruppen, die das Klonen befürworten.« Auf internationalen Kongressen würden Gebärmutter, Eizelle und Spermium »schon jetzt behandelt wie Verschubware«. Es sei »für uns Deutsche in dieser Machbarkeitsstimmung oft schwer, noch ein mahnendes Wort anzubringen«.

Der Druck, das Klonen zuzulassen, wird nach Erfahrung der Mediziner wachsen: »Wir alle kennen und fürchten Patienten, die für ein leibliches Kind alles machen würden«, sagt Robert Fischer vom Fertility Center Hamburg. In Deutschland, schätzt er, fänden sich »zurzeit sicher 50 Paare, die sich lieber klonen lassen würden, als ein Kind aus Indien zu adoptieren. Hauptsache ein eigenes Kind«.

So ist es kaum erstaunlich, dass sich auch in Deutschland erste Lücken in der Front der Klongegner auftun. Liselotte Mettler zum Beispiel, eine der Pionierinnen der In-vitro-Fertilisation von der Universität Kiel, betrachtet das Klonen beim derzeitigen Wissensstand zwar als »verantwortungslosen Versuch an Menschen«. Wenn es jedoch eines Tages »bewiesen wäre, dass reproduktives Klonen medizinisch sicher ist«, findet sie, »dann könnte man auch darüber nachdenken, in Ausnahmefällen das gesetzliche Verbot aufzuheben.«

Manche Kritiker beginnen daran zu zweifeln, dass sich die Entwicklung überhaupt noch aufhalten lässt. »Es sieht so aus, als ob die wissenschaftliche Entwicklung wieder einmal die ethische Diskussion hinter sich gelassen hat«, befürchtet Alexander Kekulé, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Universität Halle.

Zunächst stand die Angst um eine Verletzung der Menschenwürde im Zentrum der Klonkritik: Darf man sich anmaßen, einen Menschen zu erschaffen, der als Genkopie eines anderen sein Leben fristen muss? Wird nicht jeder Klon unweigerlich in eine tiefe Identitätskrise stürzen müssen? »Er wird mit all seinen Ängsten und Hoffnungen immer im Schatten des Originals leben«, warnt der Berliner Gynäkologe und Psychotherapeut Heribert Kentenich (siehe Interview).

Die Menschenklonen-Propheten kontern derlei Befürchtungen, indem sie die mutmaßlichen Unterschiede zwischen Original und Kopie betonen. In der Tat ist das Maß der Ähnlichkeit noch ungewiss. Zum einen unterscheiden sich auch genetisch identische Zwillinge in Intelligenz, motorischen Fähigkeiten oder Temperament etwas voneinander. Zudem ist nicht auszuschließen, dass auch der Klonprozess selbst einen Einfluss auf Eigenschaften und Aussehen des entstehenden Organismus haben könnte.

Bisher verfügen die Forscher nur über Erfahrungen mit Tieren. Und diese lassen eindeutige Schlüsse nicht zu: Einerseits zeigten klonierte Geschwistertiere mitunter, selbst wenn sie direkt nach der Geburt getrennt wurden, gewisse Wesensverwandtschaften: »Ihr Fressverhalten ist unter anderem ähnlicher als unter Nicht-Klonen«, erzählt Jean-Paul Renard, Tierklonierer vom Institut National de la Recherche Agronomique bei Paris.

Andererseits aber können sich Tierkopien offenbar auch sichtlich von ihren Vorbildern unterscheiden. So hat Renard be-

obachtet, dass »unsere geklonten Kühe ihre schwarzen Flecken an unterschiedlichen Stellen ihres Fells haben«.

Klongegner, die sich durch derartige Befunde in ethischem Erklärungsnotstand fühlen, konzentrieren ihre Argumente auf die technischen Unwägbarkeiten.

In der Tat beschönigen die Fotos niedlicher Klonkreaturen die Wirklichkeit. Kälber mit Immundefekten, abnormalen Gelenken und unterentwickelten Gefäßen sowie Lämmer mit überhöhtem Geburtsgewicht: Das sind nur einige der bizarren Abfallprodukte aus den Laboren der Tierklonierer - und dies, obwohl die meisten missgebildeten Klone nie das Licht der Welt erblicken. Sie werden als Embryonen oder Föten von der Gebärmutter abgestoßen oder müssen in Notoperationen entfernt werden.

Die Bilanz der Veterinäre sieht deprimierend aus: Beim Rind entwickeln sich aus maximal 2 Prozent aller manipulierten Eizellen Nachfahren, bei Schafen und Schweinen sind es nur zwischen 0,4 und 1,2 Prozent, bei der Maus weniger als ein Prozent. »Eigentlich ist für uns Forscher jedes geklonte Tier, das gesund geboren wird, ein Wunder«, erklärt Tierkopierer Renard.

Zwar stehen inzwischen weltweit viele Dutzend Klone in den Ställen. Doch was genau geschieht, wenn das Erbgut einer Körperzelle in eine entkernte Eizelle eingebracht wird, ist trotzdem noch längst nicht verstanden. Zum Leidwesen der Wissenschaftler passieren offenbar genau in diesem Moment jene genetischen Pannen, deren Folge verkrüppelte Klone sind.

Eine der Ursachen könnte darin liegen, dass bei erwachsenen Körperzellen, wie sie zum Klonen dienen, stets eine Fülle von Genen aktiv ist. »Diese Gene müssen alle wieder in ihre embryonale Ruhestellung zurückversetzt werden, sonst kann sich aus ihrem Erbmaterial kein neues Lebewesen bilden«, erklärt der Münchner Tiergenetiker Eckhard Wolf. »Dieser so genannte Reprogrammierungs-Prozess ist derart komplex, dass sich jede Menge Fehler ins Erbgut einschleichen können.«

Sorgen bereitet den Biologen auch das Alter des verwendeten Erbmaterials: Es könnte durch Umwelteinflüsse krankhaft mutiert sein. Verschmilzt bei einer natürlichen Zeugung das Erbgut aus Samen- und Eizelle, dann können sich etwaige Genmutationen noch reparieren. »Beim Klonen entfällt dieses wichtige Korrektiv«, erklärt Wolf.

Die Verfechter des Klonens hingegen erklären all das für Kinderkrankheiten einer noch jungen Technik. Mit Problemen wirklich grundsätzlicher Art sei beim Klonen nicht zu rechnen: Was bei Maus und Schwein funktioniert, das werde auch beim Menschen klappen.

Fraglich ist einzig, wie lange dies dauern wird. Denn eine der Lehren nach fünf Jahren Klonerfahrung mit adulten Zellen lautet: Die Schwelle, die es beim Klonen zu überwinden gilt, ist je nach Säugetierart unterschiedlich hoch. Ob der Homo sapiens eher ein Problemfall oder ein dankbares Vervielfältigungsobjekt ist, das traut sich noch niemand so recht einzuschätzen. Allerdings kennen Reproduktionsmediziner »den Fortpflanzungsprozess des Menschen viel besser als den von Affen und anderen Tieren«, so der Münchner Klonexperte Wolf.

Eine der Techniken, die das Arsenal der an Menschen arbeitenden Reproduktionsmediziner maßgeblich geprägt hat, verdankt sich dem Ungeschick eines italienischen Assistenzarztes, der Anfang der neunziger Jahre an der flämischen Freien Universität in Brüssel eine Eizelle für die künstliche Befruchtung präparieren wollte. Versehentlich geriet Gianpiero Palermo mit einer scharfen Hohlnadel tief in eine menschliche Eizelle hinein.

Seinerzeit galt das Innere der Eizelle als heilig und unantastbar, nach einer Beschädigung warf man sie weg. Nicht so Tollpatsch Palermo: Er injizierte einen Samenfaden in die Eizelle hinein und spülte sie dann in die Gebärmutter. Neun Monate später gebar die Frau ein gesundes Baby - eine entscheidende Barriere menschlicher Fortpflanzung war gefallen.

Die so genannte intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) breitet sich seither rasend schnell aus. Sie wurde 1999 allein in Deutschland mehr als 21 000-mal durchgeführt und hat weltweit schätzungsweise mehr als 100 000 Kindern das Leben geschenkt. Selbst nach der Injektion verwachsener, träger und schwanzloser Spermazellen sind schon Babys entstanden.

Doch bald zeigte sich, dass sich mit einer Hohlnadel noch ganz andere Dinge als Samenfäden in die Eizelle spritzen lassen. Jacques Cohen vom Institute for Reproductive Medicine and Science of Saint Barnabas in Livingston (US-Bundesstaat New Jersey) beispielsweise greift zur Injektionspipette, um die Eizellen von Frauen, die älter als 30 Jahre sind, zu verjüngen. Dazu saugt er etwas Zytoplasma mit der Hohlnadel aus der jungen Spendereizelle und injiziert es in ein altes Ei - nach der Befruchtung entstehen Babys mit jeweils drei Elternteilen: einem Vater, einer Mutter und noch jener Mutter, die das Zytoplasma beigesteuert hat.

Ärzte in Rom, Paris, Granada und Sevilla erproben einen noch anderen Weg, der alten, fortpflanzungsschwachen Eizellen zu neuer Frische verhelfen könnte: Sie entnehmen den Kern aus der einen Eizelle und übertragen ihn sodann in ein Spenderei, dessen Kern sie zuvor entfernt haben. Die Mediziner haben auf diese Weise bereits taugliche Eizellen zusammengebastelt.

Die Methode sei auch »für das Klonen von Menschenzellen in der Zukunft von Nutzen«, prophezeiten die Ärzte vergangenen Mai im Fachblatt »Human Reproduction«. Forscher der Firma Stem Cell Sciences im australischen Melbourne wiederum steckten Kerne aus fötalen Menschenzellen in entkernte Eizellen von Schweinen. Prompt wuchs, was scheinbar nicht zusammengehört, zusammen: zu Chimären-Embryonen aus Schwein und Mensch.

Zwei der Wesen ließen die Forscher bis zum 32-Zell-Stadium heranwachsen und warfen sie dann fort. Der beteiligte Reproduktionsmediziner Peter Mountford hält es für denkbar, dass aus dem Mischmasch eine Art Mensch hätte reifen können. »Das ist zwar äußerst unwahrscheinlich und völlig ungesetzlich. Aber ganz auszuschließen ist nicht, dass es möglich wäre.«

Ein ähnliches Experiment gelang Jose Cibelli, einem Mitarbeiter der US-Firma Advanced Cell Technology. Er verschmolz eine Zelle aus seinem eigenen Mund mit der Eizelle einer Kuh. Der Kuh-Mensch-Hybrid teilte sich fünfmal, verkümmerte dann aber in seiner Kulturschale.

Die Fusionsexperimente mit tierischen Eizellen waren nur Vorarbeiten. Mittlerweile wetteifern Ärzte und Biologen weltweit darum, den ersten Embryo aus rein menschlichen Zellen zu klonen, um daraus embryonale Stammzellen (ES-Zellen) zu gewinnen.

Während das Embryonenschutzgesetz deutschen Wissenschaftlern die Hände bindet, hat das britische Unterhaus im Dezember die ethisch heikle Forschung ausdrücklich erlaubt; schließlich sei denkbar, dass mit den ES-Zellen eine ganz neue Ära der Medizin beginnt. Denn im Unterschied zu bereits erwachsenen Körperzellen bergen ES-Zellen ein enormes biologisches Potenzial: Sie können sich noch in nahezu jeden der 210 Zelltypen entwickeln, die im Körper des Menschen vorkommen.

Diese Fähigkeit fasziniert Ärzte und Pharmabosse: Sie lässt es möglich erscheinen, Leber- oder Herzzellen für Transplantationen zu züchten. Der Clou: Wenn das Erbgut vom Patienten selbst stammt, wird sein Organismus das eingepflanzte Gewebe nicht abstoßen.

Schon gelang es dem Australier Mountford, geklonte ES-Zellen von Mäusen gezielt als Nerven- oder Muskelzellen reifen zu lassen. In anderen Versuchen, ebenfalls mit Mäusen, entwickelten sich die zellulären Verwandlungskünstler in Leber-, Darm-, Lungen- oder Nierengewebe. Mountford frohlockt: »Es gibt keinen Grund, warum das, was uns bei Mäusen gelungen ist, nicht auch beim Menschen gelingen sollte.«

Dann aber läge endgültig ein Laborprotokoll vor, das für Ärzte vom Schlage Antinoris gleichsam die Gebrauchsanleitung zum Herstellen eines Menschenklons darstellt. Über die zum Klonen nötige Ausstattung verfügen die Fortpflanzungskliniken ohnehin: Mikromanipulatoren, Brutschränke, sterile Werkbänke und Kühlboxen, in denen flüssiger Stickstoff schwappt, gehören zur Basisausstattung.

Allein in Deutschland bieten mittlerweile 100 Zentren für Reproduktionsmedizin ihre Dienste an. 1982 wurden gerade einmal 742 Behandlungen der künstlichen Befruchtung durchgeführt; 1999 wurde schon 44 086-mal versucht, Kinder im Reagenzglas zu zeugen. Immer selbstverständlicher tritt die Fortpflanzung im Labor neben die natürliche: Ungefähr ein Prozent aller in Deutschland geborenen Babys wird inzwischen außerhalb der Mutter gezeugt.

Schon lockt im Ausland der Service der nächsten Generation. US-Mediziner zum Beispiel bieten Paaren an, das Geschlecht ihres Nachwuchses im Voraus beeinflussen zu können.

In einem anderen Fall entschied nicht das Geschlecht, sondern die Tauglichkeit als Organspender darüber, ob ein Retortenembryo leben durfte: Adam Nash, der vergangenen August im US-Bundesstaat Colorado auf die Welt kam, wurde nur deshalb seiner Mutter implantiert, weil seine Gewebemerkmale mit denen seiner sechs Jahre alten Schwester Molly zusammenpassten. Sekunden nach Adams Geburt gewannen Ärzte Blut aus seiner Nabelschnur und infundierten es der Schwester, die unter einer seltenen Form erblicher Blutarmut leidet.

Manfred Stauber von der Frauenklinik der Universität München befürchtet, die Produktion »möglichst passender Kinder könnte grundsätzlich zur Praxis werden«. Bis heute geschieht das durch Selektion; missgebildete und behinderte Embryonen werden erst gar nicht in die Gebärmutter eingesetzt oder - sofern noch herkömmlich gezeugt - abgetrieben.

Wesentlich breitere Möglichkeiten böte hingegen die genetische Manipulation des Menschen. So könnten eingebaute Gene Proteine liefern, die Krebsherde im Körper bekämpfen, feindselige Mikroben killen oder etwa den Prozess des Alterns verlangsamen.

Viele Experten sind inzwischen davon überzeugt, dass Reproduktionsgenetiker auch dieses Tabu brechen werden. »Wir werden die Gene unserer Kinder manipulieren«, versichert etwa Zukunftsforscher Stock. »Kinder sind zu wichtig, um sie dem zufälligen Zusammentreffen von Eizelle und Sperma zu überlassen.«

Den Schlüssel aber, um genmanipulierte Menschen technisch überhaupt möglich zu machen, könnte die Klontechnik liefern. Dolly-Schöpfer Wilmut jedenfalls sieht erst in der Fusion der Techniken den eigentlichen Durchbruch. Er spricht vom »Trio der modernen Biotechniken": die Genmanipulation, die Genomforschung, das Klonen.

»Jede der drei, für sich genommen, ist erstaunlich«, erklärt der Forscher. »Aber erst zusammen genommen befördern sie die Menschheit in ein neues Zeitalter.«

JÖRG BLECH, BEATE LAKOTTA,

GERALD TRAUFETTER

* »Vier lieben Dich«, 1996.

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