Venedig im Sand - DER SPIEGEL
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ARCHÄOLOGIE Venedig im Sand

Deutsche Archäologen auf heikler Mission: Im Irak legen sie die älteste Großstadt der Welt frei - und gerieten prompt in einen Raketenangriff.
• aus DER SPIEGEL 11/2001
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Das Reich des Bösen erreichte Helmut Becker mit dem Taxi. Im jordanischen Amman stoppte er einen Chevrolet, der ihn durch Gesteinswüsten und die südliche irakische Flugverbotszone fuhr. Am 15. Februar traf der Geophysiker vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege in Bagdad ein.

Um 19 Uhr hielt der Wagen im Villenvorort Saidija. Jörg Faßbinder, ein Forscherkollege, wuchtete ein sperriges Gerät aus dem Kofferraum. Das Instrument ist der sensibelste Magnetfeldmesser der Welt.

Die Orientreise der Münchner ist Teil eines spannenden Projekts. Zehn Jahre nach dem Golfkrieg hat das Deutsche Archäologische Institut (DAI) in Berlin erstmals wieder Grabungsexperten in den Irak geschickt. Das Team sollte Uruk ausmessen - die älteste Großstadt der Welt.

Bizarre Legenden umranken dieses Kraftzentrum am Euphrat, in dem einst bis zu 100 000 Menschen lebten. Schriftquellen zufolge ließ König Gilgamesch (um 2700 vor Christus) die neun Kilometer lang Stadtmauer hochziehen, fortifiziert mit 900 Wehrtürmen. Das Bauvorhaben war so gewaltig, dass im Volk eine Rebellion ausbrach.

Als die Ägypter noch in Bruchbuden hockten, standen in Mesopotamien bereits mehrstöckige Wohnkasernen. Die Schrift, das Bier und der Bollerwagen wurden am Euphrat erfunden. In der Grabungsschicht »Uruk IV« (um 3200 vor Christus) stießen die Archäologen auf öffentliche Bauten, groß wie mittelalterliche Kathedralen. In den palmenbeschatteten Gärten der Stadt wuchsen Knoblauch und Gemüse.

Bereits im Jahr 1898 knüpfte die in Berlin ansässige »Orient-Gesellschaft« Kontakte mit dem Sultan der Osmanen. Der vergab die Filetstücke an die Deutschen. Unter der Schirmherrschaft von Kaiser Wilhelm II. durften sie in Assur, Ur und Babylon graben. Die Ruinen von Uruk wurden 1912 in Beschlag genommen.

An diese Wurzel »aller urbanen Kultur« zurückzukehren, juckt es das DAI schon lange. Doch der Termin für den Neuanfang war schlecht gewählt. Kaum hatten sich die Deutschen in Bagdad eingerichtet, hallte Explosionsdonner über die Stadt.

Becker rannte auf die Dachterasse und sah die »roten Leuchtspuren« der irakischen Flugabwehr-Geschosse: 15 Minuten lang stand der Himmel in Flammen. Die Deutschen waren in den Luftschlag der Amerikaner und Briten vom 16. Februar geraten.

Gleichwohl blieb die Stimmung heiter. Während das aufgebrachte Volk US-Fahnen verkohlte, lud der Staatssekretär für Kultur und Information, Abd al-Halim Hadschadsch, zum Plausch. Bei Mürbeplätzchen und Beduinen-Kaffee in winzigen Tassen wurden die alten Spaten-Kontakte aufgefrischt.

Nach dem offiziellen Part setzte sich das Team um Projektleiterin Margarete van Ess Richtung Süden ab. Uruk liegt 250 Kilometer von Bagdad entfernt. Nur etwa ein Prozent des Ruinengeländes ist bislang freigelegt. Ein Teil der Stadtmauer ist noch sichtbar. Das Eanna-Zikkurat, ein Tempel der Astralgöttin, ragt zwölf Meter empor.

Faßbinder schnallte den Batteriegürtel um und schulterte den Detektor. Sechs Tage wurde das Magnetauge über die abgesteckten Quadranten getragen. »160 Kilometer Fußmarsch und immer durch dicken Staub« erzählt Becker: »Das war ein Trittgefühl wie in der Mehlkiste.«

Langeweile kam dennoch nicht auf. Am 20. Februar bombardierten die USA eine Militärstellung wenige Kilometer von Uruk entfernt. Wieder dröhnten Überschalljets durch den Wüstenhimmel, Raketen detonierten, gefolgt vom wütenden »Kabumm« der irakischen Abwehr.

Die Endauswertung der Magnetbilder letzte Woche in München entschädigte für alles. Auf den Spezialfotos wurde eine kleine Sensation sichtbar: Uruk besaß eine mächtige Wasserstraße, die mitten durch die Stadt lief. »Der Kanal war rund zehn Meter breit und an der Böschung mit Steinen ausgemauert«, erläutert Becker. Von diesem Hauptarm zweigte ein Netz von kleinen Fleeten ab.

Dass die Stadt Schiffswege besaß, steht zwar in Keilschrifttexten. Doch keiner glaubte den alten Berichten. Nun steht fest: Uruk hatte einen Canale Grande.

Ein phantastisches Flair muss die Euphrat-Stadt einst ausgestrahlt haben. Glatzköpfige Priester in Röcken ruderten zum Tempel, an den Fleeten wuschen mandeläugige Frauen feine Gewänder. Reliefs zufolge bauten die Sumerer geteerte Schilfboote mit hochragendem Bug und Heck. Hinten stand der Steuermann mit einem langen Stock, den er in den Grund stakte.

Mit diesen gondelartigen Booten konnten die Bauern der Umgebung offensichtlich auch direkt in die City hineinfahren. Auf einem der Magnetometer-Bilder ist deutlich ein Stadttor zu sehen, das sich über einen Kanal spannt. Die Riesentür, etwa 15 Meter breit, besaß Pfosten aus gebrannten Ziegeln.

Bis Ende März will Projektleiterin van Ess in dem umzäunten Gelände von Uruk noch sondieren. Dann geht es zur Sache. Für das Jahr 2002 plant das DAI eine Großgrabung. MATTHIAS SCHULZ

Wie funktioniert ein Magnetometer? Das Gerät misst Störungen im Erdmagnetfeld, die etwa durch Grabkammern oder verfüllte Gruben entstehen. Gebrannte Ziegel lassen sich bis in fünf Meter Tiefe erfassen.

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