VANDALISMUS »Bist du Gott, so wehr dich«
Am Jüngsten Tag, so soll der Prophet die Menschheit gewarnt haben, wird es für Künstler kritisch. Wer dann seinen gemalten oder aus Stein gemeißelten Geschöpfen kein Leben einhauchen kann, ist eines schweren Frevels überführt: Er hat Allah lästerlich ins Handwerk gepfuscht. Schlimm wird es ihm ergehen.
So lange wollen die afghanischen Taliban-Krieger offenbar den Beweis nicht aufschieben, dass die zwei gigantischen Buddha-Figuren in den Felsnischen von Bamian im Hindukusch »nur Steine« sind, wie Sprecher des Gottesstaates verächtlich betonen. Wenn die Schreckensnachrichten aus dem Sperrbezirk zutreffen, waren die 36 und 53 Meter hohen Statuen Ende letzter Woche schon zum großen Teil durch Maschinengewehr- und Raketenbeschuss zertrümmert - ein Menetekel für alle Bildwerke im Land.
Am vergangenen Freitag meldete eine in Pakistan residierende Agentur unter Berufung auf »zuverlässige Quellen«, zumindest einer der Buddha-Kolosse sei mittlerweile mit Hilfe einer Sprengladung »enthauptet« worden. Fotos, die das Zerstörungswerk belegen, gab es bis Ende der Woche nicht.
Appelle von außen, das trotz mancher Schäden im Lauf der Jahrhunderte noch immer einzigartige Kulturerbe zu schonen und dennoch - durch dessen Verhüllung oder Abtransport - radikalreligiöse Gefühle zu befriedigen, wurden brüsk zurückgewiesen. Vergebens beschworen selbst Politiker radikalislamischer Staaten die fundamentalistischen Muslime, ihre »Götzenvernichtung« einzustellen. Exil-Afghanen riefen, so in Hamburg, zu Demonstrationen gegen »Zerstörungswut« und »pseudoislamisches Gebaren« auf.
Ratlosigkeit auch in den Medien: Die »Frankfurter Rundschau« streute die abstruse Parole des slowenischen Philosophen Slavoj Zizek, der Taliban-Staat sei nun mal die »brutalisierte Version« eines »Kapitalismus mit asiatischen Werten« - »Wer sind wir, dies zu verurteilen?« Hingegen tadelte die »Süddeutsche Zeitung« treuherzig, »irgendwie« hätten die Taliban wohl »noch nicht mitgekriegt, dass man sich heute ziviler verhält«.
Diesen Zivilisationsschub müssen viele Fanatiker zwischen dem Balkan und Indonesien verschlafen haben. Ungewohnt atavistisch an dem Wüten der Taliban wirkt allerdings, dass es sich ohne erkennbaren Eigennutz gegen rund 1500 Jahre alte Zeugnisse einer fremden, in Bamian längst nicht mehr ausgeübten Religion richtet. Als historische Hypothek jedoch ist derlei Kunstvernichtung auch dem Westen wohl vertraut - hier wie dort durch ein eng ausgelegtes Glaubensdogma motiviert.
»Bist du Gott, so wehr dich«, verhöhnten Halbwüchsige zur Basler Fasnacht 1529 einen hölzernen Kruzifixus in durchaus ähnlichem Geist, wie er die Taliban zur Zerstörung der Buddha-Statuen anstachelt, »bist du aber Mensch, so blute!« Die wehrlose Skulptur wurde verbrannt, anschließend zogen die jungen Leute nach einem zeitgenössischen Bericht »in alle Kirchen und zerschlugen und verbrannten alle Bilder«. Der Humanist Erasmus von Rotterdam verglich das Autodafé mit dem Untergang Trojas.
Und wie in Basel, so wurden während des 16. Jahrhunderts in vielen schweizerischen, deutschen, niederländischen und französischen Regionen geistliche Bildwerke zerhackt, angezündet oder eingeschmolzen. Dieser »Bildersturm« der protestantischen Reformation habe mit der »mittelalterlichen Kirchenausstattung eine der reichsten Kulturen des Abendlandes gebietsweise ausgelöscht«, urteilt nun Peter Jezler, Direktor des Bernischen Historischen Museums, im Katalog zu einer einschlägigen Ausstellung seines Hauses. Ihr Untertitel: »Wahnsinn oder Gottes Wille?«
Das ist eine Gewissensfrage fürs christliche Europa wie für die islamische Welt. Beide Religionen gründen, gemeinsam mit der älteren jüdischen, auf schriftlicher Überlieferung; Anbetung von Idolen ist tabu. Ob aber - und falls ja, in welcher Funktion - künstlerische Bilder zulässig seien, dazu liegt kein eindeutiges Dogma
vor. Auch hat das Problem die Theologen beider Seiten keineswegs immer vordringlich beschäftigt.
Der Koran spricht zumindest direkt kein Verbot aus, erst die spätere Tradition berichtet vereinzelt von eindeutig bilderfeindlichen Worten und Reaktionen Mohammeds. Dass er Stammes-Götzenbilder von der Kaaba, dem heiligen Stein in Mekka, abserviert, wird - ironische Pointe - gern in Buchmalereien dargestellt. Sein Gesicht allerdings ist da in der Regel verschleiert.
Auch die Christen, seit dem 4. Jahrhundert an der Macht im Römischen Reich, räumten mit heidnischen Werken auf, vornehmlich mit solchen der klassischen Antike. Nichtchristen klagten, die Mönche zerstörten sogar Kunstwerke ohne Kultcharakter.
Im 8. Jahrhundert jedoch brach in Byzanz ein erster intern christlicher »Bilderstreit« aus. Dabei war die Verkündigungslage eigentlich viel klarer als bei den Muslimen: Das zweite Gebot des Alten Testaments ("Du sollst dir kein Bildnis machen") musste schon sehr scharfsinnig ausgelegt werden, damit sich Christus-, Marien- und andere Heiligenbilder für legitim erklären ließen.
Gut, Gesetzeskünder Moses hatte das berühmte Goldene Kalb als Idol vernichtet. Aber wieso, fragten Bilderfreunde schlau, hat er andererseits eine eherne Schlange zu Trost und Rettung seiner Glaubensgenossen aufgerichtet?
Den byzantinischen Kaiser Leo III. überzeugte das nicht. 730 untersagte er per Edikt die Verehrung der weit verbreiteten Ikonen und löste einen verheerenden Bildersturm ("Ikonoklasmus") aus, ehe unter seinen Nachfolgern die Stimmung wieder umschlug. Im Einzelnen lassen sich die Argumente der Ikonoklasten kaum noch nachvollziehen, weil deren Schriften dann von den siegreichen Gegnern vernichtet worden sind.
Doch ob sich Gott das Recht am eigenen Bild nicht ein für alle Mal vorbehalten habe, ob seine Fleischwerdung die bildliche Darstellung nun rechtfertige oder aber gerade verbiete, ob »Verehrung« und »Anbetung« der Bilder säuberlich unterschieden werden könnten - diese Dispute wurden acht Jahrhunderte später in der Reformation erbittert wieder aufgenommen. Einigkeit herrschte nicht einmal unter Protestanten. Reformator Martin Luther urteilte nüchtern, Bilder an sich seien »weder gut noch böse«. Und er reagierte scharf auf einen Wittenberger Bildersturm, den der Prediger Karlstadt mit seinem Pamphlet »Von der Abtuung der Bilder« rechtfertigte. Die öffentliche Ordnung war Luther heilig.
Klar: Bilderstürme geben allemal auch dem schieren Destruktionstrieb des Menschen Zucker - ob nun Halbstarke ein Kruzifix verfeuern oder Taliban-Kämpfer auf Buddha-Statuen ballern. Der fromme Vorwand der Tempelreinigung kaschiert problemlos eine Gemütsmelange aus Polterabend-Stimmung, sozialem Aufbegehren und dumpfer Frustabfuhr: Macht kaputt, was euch kaputtmacht.
Nicht zufällig gehen Bilderstürme des 16. Jahrhunderts vielfach mit Machtkonflikten und gesellschaftlichen Revolten einher. Doch die Zürcher Ratsversammlung lieferte 1524 auch das Musterbeispiel eines amtlich beschlossenen Bildersturms in aller Ordnung: Bei geschlossenen Kirchentüren wurden jene heiligen Bilder ab-
geräumt, deren Zerstörung gerade eben noch mit der Todesstrafe bedroht gewesen war. Das Volk musste draußen bleiben.
Hitzig tobte der Streit um den rechten Glauben, bisweilen auch um das Eigentum an konfiszierten und zerstörten Schätzen. Die Erwägung aber, ob es nicht unverantwortlich sei, kostbare Kulturgüter zu zerstören, wäre den Eiferern damals in der Schweiz wohl ebenso fremd gewesen wie jetzt denen im Hindukusch.
»Es sind nur Steine« - so ähnlich klingt es aus vielen Äußerungen der Reformationszeit. Eine gängige Argumentation ging dahin, statt auf trügerische bunte Bilder sollten die Gläubigen das Augenmerk lieber auf ihre Mitmenschen richten. Die seien als »lebendige Bilder Gottes« jedem Kunstwerk überlegen. Und für ihr Wohl sei das Geld der Reichen, als Almosenspende, entschieden besser angelegt als in scheinbar gottgefälligen Malereien und Schnitzereien, mit denen sich die Stifter doch bloß in den Kirchen wichtig machten.
Klingt gut, klingt human. Nur dass die Armen von zertrümmerten Bildwerken wenig hatten. Und eine Nachwelt, die in ihrem angeblich so heuchlerischen »aseptisch-liberalen, (multi-)kulturellen Konsens« (Zizek) gelernt hat, auch Werke mit fremder Ideologie als Kunstwerke zu schätzen, muss noch mit schmerzlich klaffenden Lücken leben, wenn die Täter schon lange tot sein werden. Dass sie möglicherweise reinen Herzens handelten und handeln, ist ein fragwürdiger Trost.
Die Berner »Bildersturm«-Ausstellung präsentiert als Entdeckung die Bruchstücke steinerner Heiligenfiguren, die 1528 vor dem Münster eingescharrt worden waren und die nach einer zeitgenössischen Quelle »bis an den letzten Tag« dort liegen bleiben sollten. Ganz so lange hat es mit der Auferstehung also doch nicht gedauert. Manche Brocken strahlen nun einzeln ergreifende Ruinen-Reize aus, andere waren noch zu einer Andeutung einstiger Schönheit zusammenzupuzzeln.
Ähnliches, muss man befürchten, wird sich von Resten der Bamian-Buddhas schwerlich sagen lassen. JÜRGEN HOHMEYER
* Skulptur (um 1400), Grabungsfund aus Bern.* »Die Zerstörung des Goldenen Kalbes«, Ausschnitt aus einemGemälde von Andrea Celesti (1637 bis 1706).