MEDIZINER Verpatzter Eingriff
Patienten des Wuppertaler Kiefer- und Schönheitschirurgen Frank-Peter Spahn bekamen in der letzten Zeit erstaunliche Post: Ein »Implantoral Club International« bat um Geldspenden für den Prominenten-Arzt, weil der zur »Zielscheibe einer Vernichtungskampagne« geworden sei. Die Bankverbindung für die milden Gaben wurde gleich mitgeteilt.
Bei einem Eingriff des Doktors, dem angeblich so übel mitgespielt wird, wurde im vergangenen Sommer die SPD-Bundestagsabgeordnete Marga Elser fast zu Tode operiert. Dabei musste Spahn zu dem Zeitpunkt schon wissen, dass die Entziehung seiner Approbation unmittelbar bevorstand. Sie ruht seither wegen »Unwürdigkeit und Unzuverlässigkeit« (SPIEGEL 35/2000).
Die Wuppertaler Staatsanwaltschaft ermittelt obendrein wegen eines Todesfalls gegen Spahn: Einer seiner Patienten war bei einer Operation ins Koma gefallen und nicht wieder aufgewacht; eine Kieferoperation habe zudem einen weiteren entstellt, so Oberstaatsanwalt Alfons Grevener.
Den Mediziner Spahn, 50, scheinen solche Missgeschicke nicht anzufechten - und schon gar nicht vom Geldverdienen abzuhalten. Frühere Patienten bekommen bis heute die schriftliche Aufforderung, sich zu »jährlichen Kontrollen« einzufinden. Immer noch kann Spahn auf eine begeisterte Fan-Gemeinde bauen, nimmt er doch für sich etwa in Anspruch, dem Busen einer bekannten Boulevard-Schönheit wunderbar aufgeholfen zu haben.
Nur eines hat sich geändert: Spahn empfängt jetzt in Belgien. Dorthin hat er schon vor Jahren seinen Wohnsitz verlegt.
Die Düsseldorfer Bezirksregierung, die das Ruhen von Spahns Approbation angeordnet hat, sieht sich machtlos. »In Deutschland darf er nicht mehr praktizieren«, erklärt die zuständige Abteilungsleiterin Elke Bartels, allerdings habe er auch eine belgische Approbation. Die dortigen Behörden seien über alles »umfassend und schnell« informiert worden.
Bartels ist »fassungslos« darüber, wie »skrupellos und unbeeindruckt« Spahn weiterhin praktiziere und offenbar auch deutsche Patienten behandle. Die Beamtin wundert sich aber auch, »dass es immer noch Menschen gibt, die sich freiwillig in die Hände dieses Mediziners begeben«.
Schließlich machte der fast tödliche Eingriff an der SPD-Politikerin Elser Schlagzeilen. Während einer Kieferoperation war ihr von einem Anästhesisten ein Beatmungsschlauch in die Speiseröhre eingeführt worden, woraufhin der Magen platzte. Spahn trägt nach Überzeugung der Bezirksregierung die Verantwortung für den Eingriff und auch dafür, dass ein Wiederbelebungsgerät fehlte. Wochenlang lag Elser im Koma. Heute, acht Monate später, leidet sie immer noch an den Folgen des verpatzten Eingriffs.
Spahn war so selbstsicher, dass er nach der Pfuscherei sogar noch einen Auftritt in der Hans-Meiser-Show zusagte - allerdings wurde er kurz vor Erreichen des Studios verhaftet und kam erst nach mehreren Wochen gegen eine Kaution von 750 000 Mark wieder frei.
Der Arzt gefällt sich indes in der Rolle des Opfers: Es gäbe offensichtliche finanzielle Interessen, ihn in Misskredit zu bringen.
Derweil beschäftigen sich mehrere Gutachter mit Spahns Operationen. Die Urteile fallen meist kritisch aus. »Spahn verwendet ein relativ ungebräuchliches Implantatsystem und ist mit dem Material recht risikofreudig«, meint Friedrich Neukam, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Implantologie.
Außerdem beschränkt sich Spahn auch nicht auf die Kieferchirurgie. Ein Gutachter weiß von einem Fall zu berichten, bei dem Spahn einer jungen Frau in einem Aufwasch neue Zähne verpasst, den Busen korrigiert und die Pobacken geliftet habe.
Inzwischen plagt deutsche Gesundheitsbeamte gar der Verdacht, dass der Arzt an seiner alten Wirkungsstätte in Wuppertal weiter behandeln könnte. Das Gebäude der in Konkurs gegangenen schäbigen Container-Klinik (Bartels: »Ich verstehe nicht, wie man da als Patient reingehen konnte") hat Spahn-Bruder Ralf erworben.
Beamte des Gesundheitsamtes trafen Frank-Peter Spahn schon zweimal in der ehemaligen Felderbach-Klinik an - allerdings konnten sie ihn nicht bei einer Behandlung in flagranti ertappen. Die Staatsdiener dürfen die Behandlungsräume nicht einfach stürmen, sie müssen sich ordentlich . Dabei konnte ihnen Spahn jedes Mal einen Kollegen präsentieren und ungerührt erklären, dieser und nicht er selbst führe hier das Messer. »Mein Mandant stellt die Patienten seinem Nachfolger vor«, erklärt Spahn-Anwalt Wolfgang Rüping.
»Ich halte es für unwahrscheinlich, dass - wenn sich dort Patienten aufhalten und Herr Spahn zugegen ist - dieser nicht auch in die Behandlung eingebunden wäre«, sagt Jörg Rieger, Leiter des Wuppertaler Gesundheitsamtes.
Riegers Beamte überlegten deshalb schon, einen Mitarbeiter verdeckt als Patienten bei Spahn einzuschleusen. Die Staatsanwaltschaft stoppte das Unterfangen jedoch: Das Gesetz lasse einen solchen Einsatz nicht zu. BARBARA SCHMID,
MARTIN STAUDINGER