LEIDEN AM LERNEN - DER SPIEGEL
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leben LEIDEN AM LERNEN

EIN VIERTEL ALLER STUDIERENDEN HAT PSYCHISCHE SCHWIERIGKEITEN. THERAPIEZENTREN DER UNIS VERSPRECHEN HILFE.
• aus UNI SPIEGEL 2/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Peter ist 31 Jahre alt, studiert im 13. Fachsemester an der Hamburger Uni Geschichte und Politik und hat noch keinen einzigen Schein für sein Hauptstudium. Er hat zwar fleißig Hauptseminare besucht, Referate gehalten und an Arbeitsgruppen teilgenommen, aber noch nie eine Hausarbeit verfasst. Keine einzige, in mehr als sechs Studienjahren.

Im vergangenen Winter saß der gelernte Werbekaufmann im Anzug zwischen 20-Jährigen in Jeans in einem Einführungskurs für Methoden. Vorher in Bonn hatte er das Grundstudium für den Magister mit kleinen Essays oder Filmprojekten bestreiten können. Nach einem Wechsel zum Diplom-Studiengang in der Hansestadt wurde seine Zwischenprüfung nicht anerkannt. Er belegte unzählige Hauptseminare - und konnte das Pensum nicht bewältigen. »Es ist super demotivierend: Je mehr du dir vornimmst, desto weniger schaffst du.«

Die Versuche, eine Hausarbeit zu schreiben, waren nicht weniger frustrierend. Erst schob er Terminschwierigkeiten vor. Aber irgendwann konnte er sich nichts mehr vormachen. Peter studierte einschlägige Literatur zum Thema »Wie verfasse ich eine wissenschaftliche Arbeit?« Ohne Ergebnis. Er erstellte Konzepte und Gliederungen. Vergebens. »Ich habe einfach nie gelernt, wie man richtig studiert. Ich beherrsche mein Handwerkszeug nicht«, stellt Peter nüchtern fest.

Für den berufserfahrenen Werber, der sein Studium unter anderem als freier Autor für verschiedene Zeitschriften finanziert, wurde das Thema Hausarbeit zur dunklen Wolke.

Als er die Ankündigung für »Lern-Lust statt Studienfrust - Ein Seminar über Lern- und Arbeitstechniken« des Zentrums für Studienberatung und Psychologische Beratung (ZSPB) am Schwarzen Brett entdeckte, wusste er: »Das sind Profis, die können mir helfen.«

Dieser »Workshop« war im Wintersemester 2000/01 einer von neun des ZSPB, vier davon unter dem Motto »Praxis und Perspektiven« speziell für Studentinnen.

Das »Lern-Lust«-Seminar zum Beispiel umfasst 20 Stunden an 4 Tagen. Zuerst soll jeder sein zentrales Problem definieren. Bei einer »Traumreise« imaginieren die Teilnehmer ein Bild der momentanen Situation, das sie später auch malen. Entspannungstechniken wie autogenes Training gehören ebenso zum Programm wie die Diskussion von Fachliteratur über wissenschaftliches Arbeiten.

Die Beratung ist eine Hilfe in allen Studienlagen. Sie gibt Hinweise beim ersten Kontakt mit der Universität und bei Fragen zu Studien- und Prüfungsordnungen, passenden Fächerkombinationen und Studentenheimplätzen. Oft zeigt sich erst bei solchen Gesprächen, dass auch psychologischer Rat gefragt ist.

Lern- und Arbeitsstörungen, Identitäts- und Selbstwertprobleme sowie Prüfungsängste sind die häufigsten Probleme. Ungefähr 75 Prozent der Rat Suchenden werden nach durchschnittlich sechs Gesprächen aus der Beratung entlassen. Die anderen nehmen an Gruppenseminaren teil, setzen die Einzelberatung fort oder werden an einen externen Psychologen zur Weiterbehandlung überwiesen.

Andere Klienten kommen aus der psychotherapeutischen Praxis an das Zentrum, weil es für den Fall kompetent ist - etwa bei extremer Prüfungsangst. Die kann so heftig sein, dass ein Kandidat während des mündlichen Examens in Ohnmacht fällt.

Die Erfahrung, die die Psychologen in Sachen Uni-Stress haben, ist nicht der einzige Vorteil. »Unser Angebot«, erklärt Bernd Nixdorff, 47, Diplom-Psychologe beim ZSPB und als Psychotherapeut approbiert, »ist extrem niedrigschwellig, wir sind in den Uni-Betrieb integriert, leicht zu erreichen, und niemand muss sich als krank definieren, um unsere Hilfe in Anspruch zu nehmen.«

Der Leidensdruck ist stark. 26,8 Prozent der Studierenden fühlen sich nach der letzten Umfrage des Deutschen Studentenwerks durch psychische Schwierigkeiten im Studium beeinträchtigt. In Berlin gehen jährlich ungefähr 800 Studierende zur Psychologischen Beratung der Freien Universität. 407 Studenten in Beratung oder Psychotherapie, 307 davon zum ersten Mal, wurden 1999 in Hamburg gezählt.

Die Klientel rekrutiert sich aus allen Fachbereichen und Semestern. Allerdings ist die Gruppe der höheren Semester besonders groß. Geistes- und Sozialwissenschaftler suchen häufiger Beratung als Juristen, Wirtschafts- oder Naturwissenschaftler. Frauen lassen sich öfter als Männer beraten. BWLer haben jedoch nicht etwa weniger Probleme als Soziologen, und Frauen sind nicht labiler als Männer.

Peter Figge, 55, ZSPB-Leiter, meint: »Frauen sind problembewusster - sie kommen häufiger am Anfang des Studiums. Und für einen Informatiker sind >Psycho-Angebote< zu Ich-nah, ein Pädagoge, der sich auch im Studium mit Menschen beschäftigt, findet das weniger abschreckend.«

Manchmal beginnen die Probleme schon vor dem Studium. Lena, 21, war Anfang 1998 mit den Nerven völlig fertig. Sie hatte nach dem Abitur ein freiwilliges soziales Jahr in einer Behindertenwerkstatt absolviert, und die anstrengenden Erfahrungen dort machten ihr klar: Sonderpädagogik war nicht das richtige Studium für sie - einerseits zu stressig, andererseits nicht anspruchsvoll genug. Die Ungewissheit - was soll ich tun, was soll jetzt werden? - machte sie krank: Sechs Wochen lang litt sie unter Kreislaufstörungen und Migräneanfällen.

Das Einzige, was feststand: Als Studienort kommt nur Hamburg in Frage. Diese Stadt kannte die sehr behütet in einer holsteinischen Kleinstadt aufgewachsene Lena wenigstens ein bisschen. Ihr ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis überrascht. Die rapsblonde Norddeutsche sieht aus wie die Unschuld vom Lande, aber sie bekennt sich zur Öko-Freak-Fraktion - mit Glitzer-Bindi auf der Stirn und Mystik-Symbol am Hals. In ihrer offenen, direkten Art wirkt sie jedenfalls nicht schüchtern.

Nach einer wahren Informations-Odyssee - »Ich wusste einfach nicht, was es für Möglichkeiten gibt« - landete Lena im Herbst 1999 im ZSPB bei einer Kleingruppenberatung für Magisterstudiengänge. »Danach war ich noch verwirrter.« Bei einem Einzelgespräch empfahl Studienberaterin Frauke Narjes, 43, ihr die »Orientierung Generale« (siehe Kasten). Dieses neue Projekt schien wie für Lena erfunden und brachte die Entscheidung. Zum Sommersemester 2000 schrieb sie sich für Ethnologie, Religionswissenschaft und Volkskunde ein.

»Religion ist mein Hauptinteresse«, sagt Lena, »aber weniger das Christentum, sondern Schamanismus oder der alte Hexenglaube.« Die Seminarangebote hatten sie zunächst begeistert. Das erste Semester war allerdings »grauenhaft«.

Wie Peter schrieb sie sich in viel zu vielen Seminaren ein und fühlte sich schnell heillos überfordert. Sie nennt sich selbstkritisch »wenig realistisch, absolut perfektionistisch und unglaublich langsam«. Geholfen haben ihr mehrere Einzelgespräche, die sie im Lauf der Zeit mit Narjes führte: »Die weiß, was abgeht im Uni-Urwald.«

Lena hat es genützt, dass sie im Gespräch ihre Gedanken ordnen konnte und so wieder Orientierung fand - einen vorgefertigten »Plan« würde sie aber nicht akzeptieren. Einen Workshop zum Thema »Zeitmanagement« fand sie einfach »schrecklich«. Die gruppendynamische Arbeit ging ihr auf die Nerven. Die Einzelgespräche im ZSPB möchte sie aber nicht missen und kann den Besuch dort nur empfehlen: »Alle tun so tough, aber in Wahrheit haben alle irgendwelche Probleme. Im Grunde braucht jeder einen Berater.«

Viele Studierende unterschätzen die Ansprüche, die der neue Lebensabschnitt stellt. Die neu gewonnene Unabhängigkeit steht oft im Gegensatz zur ökonomischen Abhängigkeit. Neben dem Studium müssen viele ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten.

Manchmal sind es richtige Macken, die dem ZSPB neue Kundschaft zuführen. Psychologe Nixdorff therapierte zum Beispiel einen suizidgefährdeten Medizinstudenten, der schwer unter einer Zwangsneurose litt: Statt zu lernen, beschäftigte er sich ununterbrochen mit seiner Modellautosammlung. Im Lauf der Therapie stellte sich heraus, dass er am liebsten Hotelfachmann werden würde. Doch die Familie, eine Ärztedynastie, hatte ihn in die ungeliebte Ausbildung gezwungen - er flüchtete sich in unsinnige Handlungen.

Doch total Durchgeknallte oder absolute Versager sind eher selten im Zentrum.

Nicht der Irrsinn der Studierenden ist das Problem, sondern der Irrsinn des Studiums. »Viele haben zu wenig Bewusstsein dafür, welche Fähigkeiten überhaupt in ihnen schlummern«, meint Narjes. Dieser Mangel an Selbsteinschätzung sei eine unmittelbare Folge der Massenuniversität.

Der anonyme Betrieb ist auch die Ursache dafür, dass so viele Studenten sich allein gelassen fühlen und sich, wie Peter, »einfach so durchwurschteln« - bis es gar nicht mehr geht und sie endlich Hilfe in Anspruch nehmen.

Das Arbeitstechnik-Seminar, das Peter im vergangenen Semester besuchte, hat ihm konkrete Hilfen zum Verfassen einer wissenschaftlichen Arbeit gegeben. Die Entdeckung, dass er nicht als einziger Student Probleme mit dem wissenschaftlichen Arbeiten hat, tat seinem Selbstwertgefühl gut.

Die Ursache für seine Schreibschwierigkeiten offenbart ein Grunddilemma vieler Studenten, denn Perfektionismus gepaart mit Versagensangst ist weit verbreitet: »Ich hatte Angst, etwas nicht zu können, von dem ich glaubte, dass ich es eigentlich kann.«

KATHARINA STEGELMANN

STUDIUM AUF PROBE

Seit 1999 bietet die Universität Hamburg die »Orientierung Generale« an. Trotz umfassender Informationen wissen viele Abiturienten nicht, welches Fach das richtige für sie ist. Ein Semester lang können die Unentschlossenen im Rahmen des Projekts ausgewählte Einführungskurse aller Fachbereiche besuchen. Zusätzlich können sie einmal pro Woche in einem zweistündigen Tutorium ihre Erfahrungen diskutieren. Dazu gibt es Seminare zum wissenschaftlichen Arbeiten und zur beruflichen Perspektive. Bewerbungen für das Studium auf Probe sind an das Zentrum für Studienberatung und Psychologische Beratung, Edmund-Siemers-Allee 1, 20146 Hamburg, zu richten. Da die Nachfrage das Angebot übersteigt, entscheidet das Los.

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