Blutiger Kakao - DER SPIEGEL
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AFRIKA Blutiger Kakao

Im Westen des Kontinents blüht der Handel mit Kindern. Sie werden in Haushalten und auf Plantagen als billige Arbeitskräfte missbraucht.
Von Hans Hielscher und Hakeem Jimo
• aus DER SPIEGEL 17/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Alanij lebt bei der Geschäftsfrau Remi Balogun, die in der nigerianischen Metropole Lagos einen Getränkeladen betreibt. Der zehnjährige Junge bedient tagsüber Kunden; abends putzt er den Haushalt seiner Chefin. Die holt sich alle drei bis vier Jahre einen neuen kindlichen Helfer aus dem Nachbarland Benin. Auch Alanij kommt von dort.

Aminata, ebenfalls zehn Jahre alt, hat für einen Geschäftsmann in Libreville Backwaren verkauft. Von morgens bis abends musste sie auf den Märkten der Hauptstadt von Gabun das Backwerk anbieten. Weil ihr Herr sie schlug, hielt sie es nicht länger aus und lief weg. Das kleine Mädchen fand bei Nonnen Unterkunft und hofft, bald wieder ins heimatliche Togo zurückzukehren.

Alanij und Aminata sind zwei von schätzungsweise 200 000 Kindern, die in Westafrika in Haushalten und Geschäften, in Werkstätten und auf Plantagen als billige Arbeitskräfte missbraucht werden. Fern von ihren Familien müssen sie den ganzen Tag lang schuften, werden oft unzureichend ernährt, nachts vegetieren sie in stallähnlichen Verschlägen.

Ihren mittellosen Eltern wurden die Kinder meist mit großartigen Versprechen abgeschwatzt: Die Arbeit sei leicht und ihre Nachkommen erhielten die Möglichkeit zum Schulbesuch. Überdies zahlen die Mittelsmänner umgerechnet 50 bis 70 Mark pro Kind und verkaufen es - meist im Ausland - zum zehnfachen Preis.

Das Geschäft mit den Kindern tritt immer häufiger an die Stelle einer afrikanischen Tradition: Arme Stammesmitglieder schickten ihre Nachkommen zu besser gestellten Familien, bei denen sie zwar im Haus oder bei der Arbeit helfen mussten, dafür aber wurden sie versorgt und erzogen.

Inzwischen ist der Brauch zu einer Art organisiertem Sklavenhandel verkommen. Die bitterarmen Binnenländer Mali und Burkina Faso oder Kleinstaaten wie Togo und Benin gelten als Lieferländer für die Ware Kind. Importeure sind der weltgrößte Kakao-Produzent Elfenbeinküste und die Ölexporteure Nigeria und Gabun. »Jeder Gabuner hat seinen Ausländer«, spotten Afrikaner über das Land mit dem höchsten Sozialprodukt pro Kopf zwischen Sahara und Sambesi.

Gabun war auch das Ziel jenes Schiffes, das in der Osterwoche das Elend der verkauften Kinder von Westafrika ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückte: Die in Nigeria registrierte »Etireno« war in Benins Haupthafen Cotonou in See gestochen. Das 40 Meter lange Schiff habe 250 Minderjährige an Bord, meldeten die Agenturen - Arbeitskräfte für Libreville.

Unter dem Namen »Nordby« hatte die »Etireno« früher in Dänemark als Fähre gedient. Nun tuckerte sie mit ihrer menschlichen Fracht durch die Bucht von Benin, die einmal »Sklavenküste« hieß, weil von dort einst Millionen Afrikaner nach Amerika verschifft worden waren. Das Schiff signalisierte der Welt, dass dieses trübe Kapitel der Menschheitsgeschichte noch immer nicht abgeschlossen ist.

Die Royal Navy sei bereit zur »Jagd auf das Sklavenschiff«, meldete der Londoner »Independent« in Erinnerung an Zeiten, in denen Britannien die Meere beherrschte. Uno-Funktionäre reisten in die Region, und Benins Behörden stellten Haftbefehle für Kapitän und Besatzung der »Etireno« aus.

Als das Schiff nach einer 18tägigen Irrfahrt wieder im Ausgangshafen Cotonou einlief, weil Gabun und später auch Kamerun die Landung verweigert hatten, warteten dort die Polizei, Hilfsorganisationen und Reporter. Doch statt der vermuteten 250 verschleppten Minderjährigen befanden sich unter den 139 Passagieren lediglich 40 Kinder und Teenager. Angeblich waren alle in Begleitung wenigstens eines Elternteils.

Alfonso González-Jäggli, spanischer Mitarbeiter des Kinderhilfswerks »Terre des hommes«, schließt dennoch »einen Fall von Kinderhandel« nicht aus. Im Haus seiner Organisation in Cotonou und in einem SOS-Kinderdorf am Rande der Stadt befragten Ende voriger Woche Spezialisten die 5- bis 15-Jährigen von der »Etireno« nach ihrer Herkunft und dem Grund ihrer Reise.

Seine Kollegin Sophie Agbidi hat herausgefunden, dass einige Kinder aus Mali und Togo stammen. Die Afrikanerin ist auf solche Recherchen spezialisiert. Sie ermittelt anhand von Dialekten und ins Gesicht geritzten Ziernarben die Herkunft aufgegriffener Kinder. Die werden ihr normalerweise von der »Brigade für den Schutz von Minderjährigen« ins Büro gebracht, einer Sonderabteilung der Polizei von Benin, die über fünf Mitarbeiter verfügt.

Ihr Chef, Kommissar Kocou Degan, glaubt indes nicht, dass es sich bei der »Etireno« um ein Sklavenschiff handelt. Boote für den Menschenhandel seien in der Regel kleiner, sagt er. Und von Benin aus würden die Kinder üblicherweise zunächst auf dem Landweg nach Nigeria geschmuggelt. Erst dort stiegen sie in den Mangrovensümpfen des Niger-Deltas in umgebaute Fischerboote zur lebensgefährlichen Weiterfahrt nach Gabun.

Auf diesem Weg war auch die kleine Togolesin Aminata gereist, die in Libreville Gebäck verkaufen musste: Zuerst 700 Kilometer in Autos über Benin nach Nigeria, dann 1000 Kilometer per Boot nach Libreville. Grenzen zu überwinden ist nicht schwierig: Die Schmuggler umgehen offizielle Übergänge oder bestechen Beamte.

Zu den wichtigsten Routen der neuen Sklavenhändler gehört die Verbindung von Mali an die Elfenbeinküste: Etwa 15 000 malische Kinder wurden bereits unter falschen Versprechungen in das südliche Nachbarland gelockt, wo sie auf Kakao-Plantagen schuften. »Wer Kakao trinkt, trinkt ihr Blut«, warnt der Direktor von Malis »Save the Children Fund«. Britische Schokoladenhersteller versprachen, sich um die Lebensbedingungen der »chocolate slaves« zu kümmern.

Illegale Märkte für die Vermittlung von Kinderarbeitern haben Hilfsorganisationen in Abidjan, Lagos und Libreville ausgemacht. In Gabun bot eine aus Benin stammende »Maman Gentille« rund hundert Mädchen für Haushaltsarbeit an. Kinder sind in dem Land deshalb so gefragt, weil die Behörden für erwachsene Ausländer Arbeitsgenehmigungen vorschreiben.

Die nirgendwo registrierten fremden Kinder genießen dagegen keinerlei Schutz. Viele werden geschlagen oder sexuell missbraucht; einige wurden sogar umgebracht, weil Fetischpriester Organe für ihre Riten benötigten.

Seit kurzem erweitern die Menschenhändler ihr Operationsgebiet über Afrika hinaus: So entdeckten Journalisten unter den Kameljockeys am Golf Jungen aus Benin. Zur Ausreise in die arabische Welt bietet die Pilgerfahrt nach Mekka eine gute Möglichkeit. Auf der Hadsch gehen Jahr für Jahr Hunderte Kinder verloren.

Und ganz findige Schmuggler haben für ihre lebende Ware auch schon Routen nach Westeuropa entdeckt. Die Kinder, so heißt es dann, würden dort an Sportwettbewerben teilnehmen, oder sie reisten zur Audienz beim Papst. HANS HIELSCHER, HAKEEM JIMO

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