SEUCHEN »Impfungen sind eine unverzichtbare Waffe«
Thein, 61, ist Tiermediziner und Mikrobiologe an der Universität München. Bis vor wenigen Jahren leitete er beim Pharmakonzern Bayer die Entwicklungsabteilung für Tier-Impfstoffe. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Herr Professor Thein, kaum ein Tag vergeht ohne MKS-Fehlalarm. Ist diese Tierkrankheit so schwer zu diagnostizieren?
Thein: Überhaupt nicht, die Symptome sind sehr eindeutig. Das Problem besteht darin, dass nur wenige Tierärzte die Maul- und Klauenseuche noch aus eigener Anschauung kennen. Im Übrigen ist die Ausbildung der Veterinärmediziner, gerade was MKS anbelangt, sicher vernachlässigt worden. An den Tierärztlichen Hochschulen sollte wieder mehr praxisrelevante Seuchenmedizin gelehrt werden.
SPIEGEL: Viele Tierkrankheiten kommen ja in Deutschland kaum noch vor.
Thein: Auch ein Erfolg der Schutzimpfungen. Es ist aber ein Irrtum zu glauben, die alten Seuchen wären für immer besiegt. In den letzten zwei Jahren trat bei Pferden in Deutschland zum Beispiel plötzlich wieder hochfiebriger Rotz auf, der seit langem als ausgerottet galt. In Zeiten offener Grenzen und weltweiter Tier- und Fleischtransporte kehren die alten Seuchen unweigerlich wieder zurück.
SPIEGEL: Haben die Fachleute auch mit einer Wiederkehr von MKS nach Westeuropa gerechnet?
Thein: Ja. Fast alle unabhängigen Seuchenexperten haben gewarnt, dass wir nach Beendigung der Impfung wieder mit MKS-Ausbrüchen rechnen müssen. Doch in den Veterinärausschuss der EU haben die Prognosen der Fachleute offensichtlich keinen Eingang gefunden.
SPIEGEL: Immerhin blieb Westeuropa auch nach Beendigung der flächendeckenden Schutzimpfung lange Zeit seuchenfrei.
Thein: Die europäischen Agrarpolitiker haben einfach zehn Jahre lang Glück gehabt. Doch der Ausbruch, den wir jetzt erleben, müsste eigentlich allen Verantwortlichen die Augen öffnen, dass der Erreger nicht auf Dauer vor den Außengrenzen der EU Halt macht. Vor allem in den Anrainerstaaten der EU - Türkei, Bulgarien, Russland - war MKS auch nie ganz verschwunden.
SPIEGEL: Halten Sie die Seuchenbekämpfungsstrategie der EU für gescheitert?
Thein: Ja. Was wir derzeit an Hilflosigkeit erleben, zeigt, dass man sich zu sehr auf der sicheren Seite geglaubt hat. Es gab nie eine wissenschaftlich überzeugende Begründung für einen Impfstopp. Die Entscheidung der EU hatte allein handelspolitische Gründe. Das Tier wurde zur bloßen Ware herabgestuft.
SPIEGEL: Gibt es bei der Abwehr von MKS übertriebenen Aktionismus?
Thein: In der Tat haben wir es mit einer völlig unangebrachten Hysterie zu tun. So ist es seuchenmedizinisch in keiner Weise notwendig, in Deutschland - einem bislang MKS-freien Land - Pferdeturniere abzusagen. Das gefährdet viele Existenzen.
SPIEGEL: Wie sicher schützen die vorhandenen Impfstoffe vor MKS?
Thein: Die heutigen Impfstoffe sind zuverlässig. Sie helfen nicht nur gegen die drei wichtigsten Serotypen, sondern auch gegen deren mögliche Varianten. Wer als verantwortlicher Politiker das Gegenteil behauptet, ist schlecht beraten.
SPIEGEL: Kann die Krankheit auch durch das Impfen selbst ausgelöst werden?
Thein: Das ist Schnee von gestern. Bei den vor 20 Jahren eingeführten modernen Impfstoffen hat es nicht einen einzigen derartigen Zwischenfall gegeben. Lediglich bei den ganz früher verwendeten Vakzinen wurde statistisch gesehen etwa eins von 10 000 Tieren durch die Impfung mit unvollständig abgetöteten Viren infiziert - was aber auch in keinem Fall zum Ausbruch der Krankheit führte.
SPIEGEL: Viele Menschen mögen aber kein Fleisch geimpfter Tiere mehr essen.
Thein: Auch das ist Hysterie. Dann dürfen die Leute überhaupt kein Fleisch mehr essen. Denn natürlich werden Nutztiere gegen viele Krankheiten geimpft. Rinder zum Beispiel erhalten einen Impf-Cocktail, der unter anderem vor Atemwegsinfektionen oder Durchfall schützen soll. Dass ausgerechnet gegen die hochansteckende Maul- und Klauenseuche nicht geimpft werden darf, ist tiermedizinisch nicht einzusehen. Ganz abgesehen davon ist auch jeder ungeimpfte Warmblüter voller Abwehrstoffe gegen Viren, weil er anders gar nicht den Kampf mit den ständig eindringenden Erregern überleben könnte.
SPIEGEL: Wie groß ist die Gefahr, dass gegen MKS geimpfte Tiere noch gesunde Tiere anstecken?
Thein: Die Gefahr ist gleich null. Alle wissenschaftlichen Untersuchungen hierzu haben eindeutig gezeigt: Geimpfte Tiere scheiden keine Viren aus, die andere Tiere auf natürlichem Wege infizieren können. Sonst wäre es auch kaum gelungen, das MKS-verseuchte Deutschland durch Einführung einer flächendeckenden Schutzimpfung innerhalb weniger Jahre MKS-frei zu machen.
SPIEGEL: Ist es sinnvoll, Markerimpfstoffe zu entwickeln, um geimpfte von infizierten Tieren zu unterscheiden?
Thein: Nur wenn man das Geld unbedingt für überflüssige Forschung ausgeben will. Markerimpfstoffe sind gar nicht mehr nötig. Das amerikanische Unternehmen United Biomedical bietet bereits einen einfachen Bluttest an, mit dem geimpfte und infizierte Tiere voneinander unterschieden werden können. Bei der Vermehrung von MKS-Viren in infizierten Tieren entstehen nämlich charakteristische Eiweiße, die sich im Blut nachweisen lassen und die bei geimpften Tieren nicht vorkommen.
SPIEGEL: Sind Sie dafür, wieder umgehend mit der Impfung aller Klauentiere zu beginnen?
Thein: Derzeit brauchen wir noch keine flächendeckende Schutzimpfung. Entscheidend ist aber, dass wir uns in der gegenwärtigen Notlage nicht die räumlich begrenzte Schutzimpfung als unverzichtbare strategische Waffe aus der Hand schlagen lassen. Der von Nordrhein-Westfalen geforderte Impfgürtel entlang der gefährdeten Grenze zu den Niederlanden wäre jetzt genau das Richtige. Dass wir für solche vorbeugenden Impfungen bei der EU erst um Erlaubnis fragen müssen, grenzt an Absolutismus.
SPIEGEL: Wenn irgendwo MKS ausbricht, sind immerhin Ringimpfungen um den Seuchenherd zulässig.
Thein: Allerdings nur, wenn die geimpften Tiere anschließend getötet werden. Dabei wäre dies zur Seuchenbekämpfung gar nicht erforderlich. Ohne medizinische Begründung werden auf mittelalterliche Weise Tausende Tiere der Geldgier der Menschen geopfert. Perverser geht es kaum noch. INTERVIEW: OLAF STAMPF