Scharfer Grat - DER SPIEGEL
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DIPLOMATEN Scharfer Grat

Mit kessen Fotos hat die Frau des Schweizer Botschafters in Berlin erneut Aufsehen erregt. Der Gatte hat nun eine Menge Ärger in der Heimat.
Von Jürgen Hogrefe
• aus DER SPIEGEL 19/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie es sich unter guten Eheleuten gehört, hatte Shawne, 31, ihrem Gemahl von ihren Plänen erzählt. Eine Illustrierte wolle »künstlerisch hochwertige Fotos« von ihr schießen, für eine »home story« - also heimelig zu Hause. Ehemann Thomas, 43, fand das »okay«. Er gab seiner Gattin aber mahnend mit auf den Weg: »Bitte zeig nicht zu viel.« »I wo«, versprach die und schmückte sich für die »künstlerische Herausforderung«.

Die Schweizer Boulevard-Gazette »Blick« fühlte sich auf ganz andere Weise herausgefordert. Sie geißelte vergangene Woche die »mehr als gewagte Fotostraße« in der Illustrierten »Max« als Skandalbilder und forderte, den Ehemann zu feuern.

Skandal. Skandal? Was soll anstößig sein an den Bildern, auf denen sich die Blondine räkelt - mal naiv, mal lasziv? Da quillt nicht viel aus dem Dekolleté, wenn Shawne als Cowgirl mit strassbesetztem Leibchen posiert. Und hoch zu Ross reitet die Dame nicht etwa nackt wie einst Lady Godiva durch die Stadt, sondern in einer wallenden Robe, das Langhaar züchtig in ein Diadem gewrummelt.

Heikel ist allein, dass Shawne Fielding nicht irgendwer ist, sondern die Gattin des Schweizer Botschafters Thomas Borer. Und die artifizielle »home story« spielt nicht in einer Moabiter Mietwohnung, sondern in der Residenz des Schweizer Botschafters in Berlin, die zwischen Kanzleramt und Reichstag im Spreebogen steht. In dieser Woche soll die Botschaft glanzvoll durch die Spitzen der eidgenössischen Gesellschaft eröffnet werden.

Auf scharfem Grat bewegt sich das auffällige Paar, seit es vor knapp zwei Jahren in die Berliner Gesellschaft einbrach - und zwar vorsätzlich. Borer, der zuvor im Berner Außenministerium ein modernes »Management nach klaren Zielvorgaben« einführte, hatte sich vorgenommen, an seinem neuen Dienstsitz das verzopfte Image von Heidi-Land ordentlich aufzumöbeln. Immer entlang der Parole »Präsenz Schweiz": Die Eidgenossenschaft solle im Ausland »ein zeitgemäßes, positives, attraktives Erscheinungsbild unseres Landes vermitteln« - »public diplomacy«.

Dabei kam dem kühnen Botschafter gut zupass, dass seine Frau bereits in den USA als Miss Dallas und Mrs. Texas hervorragte und an der Seite des Hollywood-Beaus Richard Gere schauspielern durfte. Die schräge Kombination aus Dallas und Duttwyler klappte in Berlin perfekt.

1200 Partygäste lauschten ergriffen, als Shawne zum Schweizer Nationalfeiertag die Landeshymne ins Mikrofon hauchte, fast so sinnlich wie einst Marilyn Monroe. Die zahlreichen Dinners, Lunches und Cocktailpartys in der Botschaft sind stets ausgebucht, »viele der Gäste wollen die Gattin des Botschafters mal sehen«, freut sich Borer. Tausende Berliner kommen, wenn die Schweiz zur Feier unter freiem Himmel einlädt: Partys bei Borers sind in Berlin »in«.

So gekonnt stellt die blonde Shawne ihre Rundungen in den Dienst der Eidgenossenschaft, dass der Hauptstadt-Boulevard jubelt: »Die aufregendste Gestalt der Berliner Society« ("Bild"). Offenbar erfüllt die dralle Texanerin die Sehnsucht der Metropole nach Glamour und Gloria derart perfekt, dass »Bild« schon vor Monaten flehte: »Bitte, bitte, sexy Shawne! Bleib mit deinem Mann bei uns in Berlin.«

Im biederen Bern kommen die Auftritte des Pärchens weniger gut an. Die Diplomatie dürfe »nicht zu einem Zweig der Unterhaltungsindustrie verkommen«, erregte sich ein Abgeordneter des Nationalrats. Der Vorsteher des Eidgenössischen Départements für auswärtige Angelegenheiten, Joseph Deiss, maulte: »Medienauftritte sollten künftig gezielter ausgewählt und in den Zusammenhang unserer Außenpolitik gestellt werden.« Doch Lob erhielt Borer stets vom ehemaligen Bundespräsidenten Adolf Ogi: »Ich bin begeistert von ihm.«

Spätestens nach ihrem Auftritt bei Thomas Gottschalks »Wetten, dass ...?« vor einem Millionen-Publikum im Dezember vergangenen Jahres, als zu einer Wette minutenlang Walliser und Berner Alpengipfel im schönsten Licht glühten, waren viele Eidgenossen mit ihrem schrillen Botschafterpaar versöhnt: »Er passt in das extravertierte Berlin«, fand ein Unternehmer. »Ein unbezahlbarer Werbespot«, urteilte die Zürcher »Sonntagszeitung«.

Doch jetzt tönt die Kritik aus dem Alpenland lauter als sonst. Warum? Weil die Botschafter-Gattin sich diesmal so grell wie eine Drag-Queen schminkte, dass die »Süddeutsche Zeitung« sie schon »auf dem Weg in die Luder-Liga« wähnt? Weil sie ihre texanische Rundungen mit dem Schweizerkreuz schmückt? Weil ein Minirock nicht auf das Dach der Schweizer Botschaft gehört? Borer findet derartige Kritik kleinlich. »Ich vertrete doch nicht ein arabisches Land mit Schleierzwang«, stöhnt der Diplomat, »und Berlin ist doch nicht Neu-Delhi.«

Seine Einwirkungsmöglichkeiten auf die Ehefrau schätzt Borer zudem eher gering ein. Die sei nicht anders als andere: »Wenn ich zu ihr sage, 'aber heut gehst du nicht mit einem Mini aus', dann ist der Mini am Ende noch kürzer.« JÜRGEN HOGREFE

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