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AFGHANISTAN Galgen auf dem Fußballfeld

Völlig isoliert und von der übrigen Welt mit Sanktionen überzogen, verschärfen die Taliban die Herrschaft des islamischen Rechts durch immer härtere Erlasse. Doch selbst die striktesten Gotteskrieger kapitulieren manchmal vor der Wirklichkeit.
Von Joachim Hoelzgen
• aus DER SPIEGEL 20/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mit rot glühenden Bremsen fahren die Lastwagen vom Khojak-Pass im Grenzgebirge zu Afghanistan hinab. Das Gestein in den Schluchten ist ausgemergelt wie die Landschaft und die Menschen, die hier leben. Staub wirbelt auf, der alles durchdringt, alles umhüllt.

Im Haus des Beamten, der den Bezirk Killa Abdullah im pakistanischen Belutschistan verwaltet, ist es dagegen sauber und angenehm kühl. Bedienstete reichen Biskuits und grünen Tee. Aus dem Nachbarland ist ein General der Taliban erschienen, erkennbar am schwarzen Turban und an einem Bart, der wild von seinem Kinn absteht. Mohammad Faruk, 27, befehligt die Grenztruppen der Taliban auf der afghanischen Seite.

Für den jungen General ist das ein Ehrenamt. Hier beginnt nämlich eine Straße, mit der sich die Taliban geradezu inbrünstig verbunden fühlen. Sie führt nach Kandahar, das heute als heilige Hauptstadt der frommen Krieger verehrt wird, und sie markiert den Schauplatz ihres ersten militärischen Triumphs.

Im Oktober 1994 eroberte hier eine kleine Gruppe Taliban, in den Koranschulen Pakistans ausgebildet und vom pakistanischen Geheimdienst unterstützt, den Fernfahrer-Flecken Spin Boldak, dessen Lehmhütten und Basare gleich hinter der Grenze wuchern. Auch ein Waffenlager des Kriegsfürsten Hekmatjar, das von Raketenwerfern, Schützenpanzern, Artillerie und Munition strotzte, fiel ihnen damals in die Hände.

Beim Tee im Empfangsraum des »deputy commissioner« hagelt es rhetorische Salven auf die Uno und die USA. Der pakistanische Verwaltungschef verurteilt die Sanktionen der Weltgemeinschaft, die gegen Afghanistan erlassen worden sind, weil es den Terroristenchef Ussama Ibn Ladin beherbergt. Auslandskonten sind gesperrt, die Fluggesellschaft Ariana darf nicht mehr die Landesgrenzen überfliegen. Afghanistan, fast doppelt so groß wie Deutschland, ist dadurch mit seinen 21 Millionen Menschen von der Welt so gut wie abgeschnitten. Die Fruchthändler in Kandahar etwa können die Rosinen und getrockneten Maulbeeren der Region - sie wurden an Bord von Frachtflugzeugen ausgeflogen - nicht mehr nach Europa exportieren.

Es hat die Taliban schwer getroffen, dass die Strafmaßnahmen just von jenen Mächten beantragt wurden, die sich in Afghanistan zehn Jahre feindselig gegenüberstanden: von Moskau, das 1979 seine Truppen in das Land einfallen ließ, und von Washington als Förderer der Mudschahidin, die sich damals den russischen Soldaten entgegenwarfen.

Umso mehr ärgert nun die Turbankrieger jener Teil der Uno-Sanktionen, der Waffenlieferungen an sie untersagt. Ihre Gegner im derzeitigen Bürgerkrieg, die Kämpfer des tadschikischen Generals Ahmed Schah Massud im Nordosten Afghanistans, sind dagegen von dem Waffenembargo ausgenommen.

Den USA kamen die Taliban anfangs gelegen, weil sie Afghanistan in einen Puffer gegen Iran zu verwandeln schienen. Auch Pakistans Premierministerin Benazir Bhutto unterstützte damals die Korankrieger - sie schienen für Islamabad endlich den Weg zu den Reichtümern Zentralasiens, Erdgas und Öl, frei zu machen.

Im Distriktsgebäude an der Grenze steigt die Spannung. »Was Washington befiehlt, muss Kofi Annan machen«, redet sich der pakistanische Kommissar in Rage. Er spricht vom Westen wie von einem strafenden Gott, der Menschen verkrüppelt.

Der Taliban-General hat die starre Miene der Macht aufgesetzt. Manchmal aber lächelt er, wenn der Gastgeber besonders hochfahrend daherredet. Das mag in einem Widerspruch begründet sein, der schon den ganzen Morgen sichtbar ist: Vom Khojak-Pass kriechen Kolonnen von Lastwagen, die mit Weizen aus Amerika beladen sind, zur Grenze. Auf den Kunststoffsäcken steht, vor dem Hintergrund des Sternenbanners, groß der Aufdruck »USAid«. Im Hafen von Karatschi sind 75 000 Tonnen des Getreides gelöscht worden, bestimmt für Afghanistan, in dem schon früher zwischen guten und schlechten Zeiten kaum zu unterscheiden war.

Plagen wie aus dem Mittelalter erschüttern das Reich der Taliban: Krieg, Hunger, Dürre, Krankheiten und Grausamkeit. Nach der Eroberung der Stadt Masar-i-Scharif vor knapp drei Jahren haben die Taliban offenbar ein Rache-Massaker angerichtet, bei dem sie Gefangene in Container sperrten und sie in der Tageshitze regelrecht zu Tode schmorten. Ihre Feinde hätten Gefangene an Panzerketten fesseln und die Tanks dann im Kreis fahren lassen, entgegnen die Taliban.

Die Bevölkerung Afghanistans ist erschöpft und ausgelaugt. Sie ist von den Hilfswerken der Uno und des Roten Kreuzes abhängig - die internationalen Organisationen stellen die meisten Arbeitsplätze.

Hunderttausende, die es noch können, fliehen, buchstäblich von irgendwoher nach nirgendwohin. Doch die Taliban - der Name ist von dem arabischen Wort »talib« für »Student« oder »Schüler« abgeleitet - halten an ihrem Kurs des radikalen Religionsstaats fest, dessen Konzept auf dem 1400 Jahre alten Koran begründet ist. Westliche Werte wie die Menschenrechte sind den Taliban fremd, nur die Gebote der Scharia sind gültig.

Doch zugleich - und auch das ist Taliban-Afghanistan - verbrennen die Gotteskrieger Heroin-Labors und retten verirrte Nomaden aus höchster Not.

Im Süden Afghanistans hat eine dreijährige Trockenheit die große Wüste Registan in eine Welt verwandelt, die an die erdabgewandte Seite des Mondes erinnert. Hier mussten die Taliban Hubschrauber und Lkw-Konvois einsetzen, um 1300 Familien des Nomadenstamms der Mengal zu retten. In der Dürre waren den Hirten die Ziegen, Schafe und selbst die Kamele verendet.

Sechs Provinzen, unter ihnen Kandahar, Helmand und Oruzgan, das an jenes Bergland grenzt, in dem die Buddha-Statuen von Bamian zerstört wurden, sind von dem Naturdesaster betroffen. 4,5 Millionen Menschen leben hier - davon sind 1,2 Millionen Kinder unter fünf Jahren.

Diejenigen, die nicht geflohen sind, versuchen, das Elend stoisch oder mürrisch zu ertragen, doch es wird nun zur Bedrohung für die Machtzentrale selbst: das Kandahar der Taliban-Bewegung und ihres Anführers Mohammed Omar, 41, genannt »Mashar Mullah«, der Verehrte Mullah, und »Amirul Momineen«, Befehlshaber der Gläubigen. Im Kampf gegen die sowjetischen Besatzer Afghanistans verlor der oberste Taliban ein Auge. Er gilt als zurückhaltend und scheu.

Gern erzählt er aber, wie er im Krieg gegen die Russen Panzer abschoss. Die Taliban sprechen ihm große, gleichsam seherische Kräfte zu, weil er sich als Erster gegen die Kriegsfürsten Afghanistans erhob, die das Land tyrannisierten. »Wir werden siegen«, lautet das Motto des Mullahs, der manchmal den Turban über die leere Augenhöhle zieht.

In Kandahar befinden sich aber auch die Sittenwächter des Ministeriums zur Beförderung der Tugend und der Verhinderung des Lasters, das mit der Sprengung der Buddha-Statuen betraut war. Die Anordnungen des Ministeriums sind trostlos und deprimierend. Kommandos der Religionspolizei haben Jungen und Mädchen ausgepeitscht, die es wagten, sich auf der Straße auch nur zu unterhalten. Als Zeichen einer vermeintlichen Liberalisierung sind die Eiferer nun von dieser Praxis abgegangen und haben die Zwangsehe für junge Leute eingeführt, die miteinander flirten.

Die berüchtigten Hinrichtungen von Kandahar finden im Stadion des Fußballvereins Ittifak statt, zu Deutsch: Einheit. Dort weist ein Platzwart auf den ausgefransten Rasen. »Wir bräuchten eine Pumpe, um ihn zu bewässern.«

Stattdessen fließt Blut - immer einen Tag nachdem Radio Scharia die öffentliche Vollstreckung von Todesurteilen ankündigt.

Mörder werden von Angehörigen der Opfer im Strafraum erschossen; die Stehränge hinter dem Tor sind dann abgesperrt, damit Zuschauer nicht getroffen werden. Drei Frauen, die angeblich andere Frauen töteten, sind noch im Januar öffentlich und mit Kalaschnikows hingerichtet worden, später auch zwei angebliche Prostituierte. Drei Straßenräuber seien dagegen am Mittelkreis des Fußballfelds an Galgen gerichtet worden, erzählt ein Taxifahrer, der als Zuschauer im Stadion war. Verheiratete Frauen, die eine Affäre hatten, werden in Kandahar nach islamischem Recht gesteinigt.

Das bedrückende Regime verhindert jede Form vertraulicher Nähe. Die Bewohner der Stadt sind von Angst, Armut und Not eingekerkert. Wie in Kabul ragen Kriegsruinen mit den scharfen Konturen eines Kupferstichs gegen den Himmel. Pinien verkümmern unter der Staublast.

Die Straßen werden von Tanklastzügen beherrscht, die in Iran Diesel und Benzin gebunkert haben. Die Stahlwände der Fahrzeuge sind vom Alter aufgeraut wie Blätterteig. Dazwischen die afghanische Art des Kleingütertransports: Pferde und Esel, die Karren ziehen - und Menschen, die das Gleiche tun. Die Konturen der nach vorn gebeugten Körper sind unkenntlich unter Hemdjacken und Pluderhosen.

Passanten haben die Turbanschleifen um den Hals geschlungen und beißen in den Stoff - ein notdürftiger Schutz vor dem Staub und dem schwarzen Auspuffqualm. Steif wie Holzpuppen stehen Bettler herum, die verzweifelt ihre Arme hochwerfen, wenn eine Gabe ausbleibt. Der Knall einer Explosion: Minenräumer, die im Auftrag der geschmähten Uno arbeiten, haben einen der Sprengsätze zur Detonation gebracht.

Plötzlich entsteht eine Windhose, die beim Rotieren den Staub förmlich gischten lässt. Am Platz der Märtyrer brandet er gegen Restaurants, in denen ausschließlich Männer Pullao, das traditionelle Reisgericht, verzehren.

Afghaninnen schreiten vorüber in ihrer Burka, dem Ganzkörperumhang mit einem kleinen Stoffgitter als Sehschlitz. Alle müssen das Gewand tragen, weil Paschtunen glauben, das unverhüllte Gesicht einer Frau wecke bei den Männern Lüsternheit. Erstaunlich ist, dass die Religionspolizisten, die in ihren roten Toyotas vorbeikurven, nicht anhalten.

Denn die Frauen - ihr elastischer Gang lässt erkennen, dass sie jung sind - gehen allein oder in kleinen Gruppen. Doch bis zur Geburt des dritten Kindes dürfen Frauen nach den Regeln der Taliban nur in Begleitung ihres Mannes oder eines männlichen Familienangehörigen das Haus verlassen - und selbst dann nur, um das Haus von Verwandten zu besuchen.

Aber auch in Kandahar sind Frauen neugierig. Eine Burka-Trägerin presst im Vorbeigehen einen Satz zwischen den Zähnen hervor. Auf Englisch sagt sie: »Willkommen, Fremder, in unserer Stadt.«

Womöglich ist sie unterwegs zur Schule für Krankenpflege. Junge Männer und Frauen absolvieren dort eine Ausbildung nach dem Standard der Genfer Weltgesundheitsorganisation - natürlich in streng getrennten Klassen. Bis vor kurzem hatten die Taliban Mädchen auch diese Ausbildung verwehrt, doch der Bedarf an Krankenschwestern ist in dem geschundenen Land übermächtig.

Die erste Jahrgangsklasse hat gerade Examen abgelegt. Ergebnis: Sieben junge Frauen schnitten am besten ab. Selbst die Taliban scheinen erkannt zu haben, wie groß der Wille zur Ausbildung ist. Zähneknirschend sind deshalb Heimschulen für Mädchen zugelassen worden, die von Männern auf keinen Fall betreten werden dürfen, auch nicht von den Taliban - das verbieten die Sittengesetze.

Andere Schlaglichter der Taliban-Herrschaft werden in der Wochenzeitschrift »Dharb-i-M'umin« (deutsch: »Der Muslim greift an") beleuchtet, dem Sprachrohr des Regimes. In dem Kampfblatt beschreibt Mohammad Wali, der Chef des Tugend- und Lasterministeriums, Afghanistan als religiöses Paradies. Freiwillig hätten sich zum Beispiel Häftlinge, die im Gefängnis Unterricht in islamischem Recht erhielten, nach der Entlassung in Besserungslager begeben, wo sie »die Größe des islamischen Glaubens verstanden haben«, so Wali.

Amerikas gefürchteter Gottseibeiuns, der Chefterrorist Ussama Ibn Ladin, hat Kandahar angeblich verlassen. Mit arabischen Gefährten sei er in das zerklüftete Oruzgan ausgewichen und habe dort eine sichere Basis aufgebaut - auf Anraten von Mullah Omar, der von dort stammt.

Im Januar war Ibn Ladin noch einmal in der Stadt gesichtet worden: Bei der Hochzeit eines Sohnes ließ er sich sogar filmen. Und er verlas ein Gedicht. »Kabul, unsere Brüder und die Kampfkamele sind bereit«, lautete ein Vers.

Locker sieht der Chefdiplomat der Taliban den Fall. Sayed Rahmatullah Hashimi, 25, ist im schwarzen Mercedes 250 vorgefahren. Gerade ist er aus Washington zurückgekehrt, wo er im State Department vorsprach und die Regierung Bush aufforderte, die Afghanistan-Politik der USA zu »überdenken«.

Und warum schützt seine Regierung weiterhin Ussama Ibn Ladin? »Der kämpfte doch gegen die Russen - Präsident Reagan nannte ihn sogar einen Helden.« Der Reisediplomat schlachtet die Widersprüche der US-Politik nach Kräften aus. »Wie sollten wir den Amerikanern glauben, dass er ein Terrorist sei? Hätten sie uns das nicht schon vorher sagen können?«

Bei gebildeten Afghanen sitzt der Missmut über die Zustände im Land tief. »Die Leute empfinden es als bedrückend, dass es keine Demokratie, kein Parlament mehr gibt«, meint ein ehemaliger Abgeordneter, der sich noch an die Zeit des Königs Zahir Schah erinnert. Der war 1973 aus dem Königspalast in Kabul geputscht worden. Aus seinem Exil in Rom meldet er sich jetzt mit dem Vorschlag zurück, eine Exilregierung aufbauen zu wollen.

Von ihrem Hauptquartier in Kandahar setzen die islamischen Rechtsgelehrten weiterhin die strikteste Version der Scharia durch. Neu ist die Turbanpflicht für Schuljungen, die Schließung öffentlicher Bäder auch für Männer (für Frauen gilt das Bäder-Tabu seit 1996) und das Verbot, eine »anglo-amerikanische Haartracht« zu tragen - in Kabul sind deshalb Friseure verhaftet worden.

Fernsehen und Musik sind schon lange untersagt. Musikinstrumente werden, falls gefunden, öffentlich verbrannt. Selbst Lieder mit Texten der mystischen Sufi-Poesie, die von den Afghanen geliebt wurde, sind nicht erlaubt. Die Menschen sollen das heilige Buch lieben - und nur wer es auswendig kennt, erhält im Alter eine Rente vom Staat.

Normalerweise stehen Taliban wie angepflockt an jenen Pfosten am Straßenrand, von denen Bänder der Musikkassetten baumeln, die den Autofahrern abgenommen und entrollt wurden. Diese Aufgabe haben jetzt junge Koranschüler übernommen, die an Stoppschwellen nach den verhassten Kassetten fahnden.

Das Land der Taliban ist ein Reich des Ungefähren und des Unberechenbaren. Dem Entwurf des radikalen Gottesstaats und dem vorbehaltlosen Glauben an den Koran und den Propheten stehen die Widrigkeiten der Wirklichkeit entgegen: Isolation vom Rest der Welt, das menschliche Schwemmgut der Flüchtlinge, zerstörte Straßen, verdorrte Obstgärten und Felder in einer der ehemals fruchtbarsten Regionen Zentralasiens.

»Wir haben keinen Weizen. Wir müssen die Kinder sterben lassen, wenn uns keiner hilft.« Das sagen nicht nur die überlebenden Nomaden vom Stamm der Mengal in ihrem Camp südlich der Straße, die nach Herat führt. 200 000 weitere Nichtsesshafte sind in der Registan-Wüste bedroht. »Die Lage dieser Menschen wird von Tag zu Tag verzweifelter«, heißt es in einem Bericht der Uno, »langsam, aber sicher hungern sie dem Tod entgegen.«

Junge Männer haben sich in den Salz- und Kohlebergwerken Belutschistans verdingt, um ihre Familien durchzubringen. Nach dem Verdursten der Tiere haben sich in Kandahar die Fleischpreise praktisch verdoppelt, Hammelkeulen sind eine Rarität, aber auch das Fladenbrot hat im Preis angezogen. Ein Arbeiter, der zehn Stunden schuftet, bringt es nur auf 40 000 Afghani, das sind 1,10 Mark.

Vor einem Jahr hat Mullah Omar den Mohnanbau verboten, der Kandahar und Helmand zum größten Lieferanten der Weltdroge Heroin gemacht hatte. Afghanistan braucht Weizen, Heroin kann niemand essen. Nun aber sind eine viertel Million Menschen, die früher das Rohopium, den »Gummi«, von den Fruchtkapseln schabten, arbeitslos. Viele von ihnen sind süchtig, weil sie von der Ernte genascht haben.

Im Distrikt Maiwand weht der Wind auf die Veranda des Mohnbauern Schah Wali, der auf einem Kissen neben dem Vogelkäfig sitzt. Viel gibt es für ihn nicht mehr zu tun. Denn Saatgut für Weizen hat er nicht, weil über den Khojak-Pass nur ein Bruchteil dessen hereinkommt, was benötigt wird.

Schah Wali ist klar, dass ein erneuter Anbau von Schlafmohn gefährlich wäre. Mullah Omar hat dafür drei Jahre Gefängnis vorgesehen. Die internationale Staatengemeinschaft solle helfen, meint der ehemalige Opiumkönig. Selbstkritisch fügt er hinzu: »Wir wissen, dass wir in Ihren Ländern großes Unheil angerichtet haben.«

Die Sanktionen der Uno verschlimmern das Los unbeteiligter Afghanen vor allem durch den Wertverlust der Landeswährung. Die Strafmaßnahmen ließen die Preise unerträglich steigen, meinen die Fruchthändler in Kandahar, deren Granatäpfel nun verrotten.

Auf dem Flughafen vor der Stadt herrscht ein weltfremder Taliban, der nicht sagen will, wann die nächste Maschine aus Kabul landet. Die Zukunft sei nur von Allah einsehbar, meint der Stationsmanager, vielleicht komme die Antonow An-24 um 9.30 Uhr, wahrscheinlich aber später, und ob überhaupt, das sei nicht sicher.

Schließlich setzt die Turboprop-Maschine der Ariana sicher auf. 45 Passagiere müssen sich beim Aussteigen an das grelle Licht gewöhnen, denn drinnen war die Kabinenbeleuchtung ausgefallen. »Die Überholung des Flugzeugs ist längst fällig«, sagt Abdul Qadir, der Erste Offizier. Es müsse zum Hersteller in die Ukraine oder wenigstens nach Karatschi gebracht werden.

Qadir ist ein durch und durch professioneller Luftkutscher. Im Cockpit nippt er an einem Becher Kaffee. »Hier: Das Wetterradar ist vor Monaten ausgefallen - es gibt keine Ersatzteile.« Auch die Zulassung des Satellitennavigationsgeräts vom US-Hersteller Jeppesen Sanderson ist abgelaufen. »Es ist zwar noch da, aber wir dürfen es nicht mehr gebrauchen.«

Der Flugzeugführer Qadir muss durch die Wolkengebirge des Hindukusch und über endlose Wüsten fliegen. Er ist kein Taliban. Er ist ein tapferer Afghane.

JOACHIM HOELZGEN

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