Deutschland, 11 Uhr morgens - DER SPIEGEL
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Deutschland, 11 Uhr morgens

Die geteilte Republik: Die einen dürfen arbeiten. Die anderen spielen Schach, gucken Fernsehen oder machen gar nichts - und sind nun die Faulenzer. Ein Streifzug durch das Land der Arbeitslosen, kurz vor der Mittagspause.
• aus DER SPIEGEL 21/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

BERLIN-SPANDAU, ACHTER STOCK EINES HOCHHAUSES. Es war, wenn er sich recht erinnert, bei »Jörg Pilawa«, die Sat.1-Talkshow war vorbei, nun standen die Kontrahenten friedlich vorm Studio und warteten auf die Taxen. Als diese Frau aus dem Publikum zu ihm trat: Mitte 50, Perlenkette, teurer Mantel, Empörung in den Augen. Was er denn für ein Mensch sei, schimpfte sie. So könne man doch nicht leben. So als Schmarotzer. Er hörte sich alles an, unbewegt. »Aber dann tippte die mir mit ihrem Scheißzeigefinger vor die Brust«, sagt er.

Worauf Roger Schütz, 33 Jahre alt, 186 Zentimeter, 130 Kilo, die Schultern vorschob und dicht, sehr dicht an die Frau herantrat. Er roch ihr Parfum und ihr Geld und ballte die Fäuste, langsam, dass die Knöchel knackten, und glitzerte die Frau nur tückisch an. Sie erstarrte - und dann kam zum Glück das Taxi.

»Noch ein einziges falsches Wort von der«, sagt Schütz, »und es wäre lustig geworden.« Er ballt die Faust, lächelt schief. »Niemand hat das Recht, über mein Leben zu urteilen, Ende, aus.«

Sein Leben: Berlin-Spandau, ein Hochhaus, eineinhalb Zimmer. Fußballposter über der dunklen Tapete, dem 1. FC Nürnberg gehört eine ganze Wand. 800 Videokassetten, Teller mit getrockneten Essensresten, mitten im Raum ein riesiger, nagelneuer Fernseher. Es ist dunkel, die Fenster hat er mit Decken verhängt, dennoch ist es brütend heiß. »Billigste Bauweise, 450 Mark Miete im Monat zahlt das Sozialamt«, sagt Schütz. »Ich bin eben Schmarotzer, na und?«

Schmarotzer heißt: Schlafen bis zum Wachwerden, dann Fernsehen, literweise Kaffee, gegen Abend kocht er sich was, Schweinebraten oder Gulasch, dabei öffnet er die erste Halbliterdose Bier. Manchmal trifft er sich mit Freunden, manchmal arbeitet er irgendwo schwarz: »Von 549 Mark Sozi kann ich nicht leben.« Gelegentlich wird er zu Talkshows eingeladen, wo er den provozierenden Faulenzer spielt. Er raucht viel, er hat oft Zahnschmerzen. »Ich hasse Ärzte«, sagt er, »und die Vorträge von denen. Wenn ich abkratze, hab ich eben Pech, Ende, aus.«

Mit Pech kennt Schütz sich aus. Eltern geschieden, Mutter Psychologin, abgebrochene Lehre als Betonbauer, Drückerkolonne, Drogen, Diebstähle, Knast.

Vor zwei Jahren unternahm Roger Schütz einen letzten Anlauf, schrieb ein paar Bewerbungen, als es nicht gleich klappte, ließ er es sein. »Ich dachte damals, jetzt oder nie«, sagt er. »Und heute sind wir bei nie - na und?«

INNERTHANN, BAYERN, SÄGEWERK. Wie die Arbeitslosen daherreden, das ist es, was Christiane Gollreiter immer wieder wundert. Dass es im Leben darum gehe, möglichst schnell viel Kohle mit wenig Arbeit zu machen. Dann weiß die 41-jährige Unternehmerin, dass auch dieser Kandidat kein Interesse hat, in ihrem Betrieb nahe Rosenheim einen ordentlichen Lohn für ordentliche Arbeit zu verdienen. »Die Arbeitslosenzahlen sind für mich Makulatur. Bei uns im Süden herrscht Vollbeschäftigung - für die, die arbeiten wollen.« Seit vier Monaten sucht sie vergeblich einen Staplerfahrer. »Die Guten haben ihren Job«, hieß es beim Arbeitsamt.

Zweimal kam es dann doch zum Anstellungsverhältnis - doch keiner der beiden Männer hat die Stelle je angetreten. Verschwunden, von einem Tag auf den anderen. »Die ließen schon durchblicken, dass sie mit dem Arbeitslosengeld und Schwarzarbeit ein leichteres Leben haben.«

Dabei wäre der Job auf dem Hightech-Stapler keine schlechte Sache. Ein Arbeitsplatz mitten im wunderschönen bayerischen Voralpenland, knapp 60 Auto-Kilometer von München entfernt. Keine dreckige und auch keine allzu anstrengende Tätigkeit, das Gefährt zwischen den duftenden Paletten mit frisch gesägtem Holz zu rangieren. Und das für mindestens 4300 Mark brutto im Monat, plus tariflicher Zulagen. Seit Wochen steuert der Ehemann der Chefin, eigentlich Diplom-Kaufmann, den Stapler übers Betriebsgelände. Christine Gollreiter hofft jetzt auf Fachkräfte aus dem Osten Deutschlands. Dort, wo zum Teil 20 Prozent Arbeitslosigkeit herrscht, soll es noch gute, zuverlässige Sägewerker geben.

SEBNITZ, SACHSEN, »WESTERN VILLAGE«. Das »Dr.-Petzold-Spaß-Bad« ist schon geöffnet, die »Center Apotheke« bis auf weiteres geschlossen. Und Norbert John blickt weit über den Silbersee: »Da drüben hat unser Indianer sein Tipi aufgestellt«, sagt er. »Siegmar von der Indianistik-Gruppe. Auch arbeitslos.«

John ist Pionier, einer der den Traum des Westerners tagtäglich lebt, auch wenn die endlosen Jagdgründe an der S 154 aufhören und die wilden Stiere fürs Rodeo dieses Jahr im Stall bleiben müssen: »Maul- und Klauenseuche«, sagt er.

Irgendwann war John mal als Straßenbauunternehmer tätig und ging Pleite, weil sein Partner, »ein Wessi«, mit der Kasse verschwand und die Schulden zurückließ. Raue Sitten waren das, damals im Grenzgebiet. Aber jenseits der »Last Frontier«, die Sachsen von Böhmen trennt, gab es noch ein paar Kumpels: »Cowboys in Tschechien. Die hatten schon zu DDR-Zeiten Rodeos gemacht und Pony-Express. Die sagten, wenn du in Sebnitz ein Western-Village aufmachst, kommen wir und reiten Rodeo.«

John und seine Freundin Solveig Kunze, Diplomforstwirtin im Wartestand, gründeten einen Verein: »Western Village Sebnitz e. V.« Sie haben sich Geld zusammengepumpt und einen Steinbruch gekauft.

Jetzt gibt es zwei ABM-Stellen und 15 Arbeitslose, die genug Westernfilme im Kabelfernsehen gesehen haben, um sich aus ihren VEB-Wohnwagen eine Dodge-City-Bude zu zimmern. 119 000 ABM-Stellen gibt es in den östlichen Bundesländern, es gibt Arbeitslose, die jäten Unkraut, die säubern Schwimmbäder, die züchten Rosen. Und in Sebnitz lässt der Staat eben Wildwest spielen. Es gibt vieles, nur eines nicht: »Arbeit. Ich könnte natürlich fortgehen, ins Ausland oder in die westlichen Bundesländer«, sagt Cowgirl Kunze, die Diplomforstwirtin, »aber hier haben wir uns etwas geschaffen. Also bleibe ich.«

RITTERHUDE BEI BREMEN. Seine Schulzeugnisse hat Volker Junge aufgehoben, ein kleiner Stapel loser Blätter, den er nach wenigen Minuten zum Beweis seiner Unschuld aus dem Schrank hervorkramt: Gymnasium, ein Haufen Dreien und Vieren, solides Mittelfeld. Bis sie ihn in der neunten Klasse plötzlich"abgeschossen« haben, trotz einer Eins in Spanisch. Am Ende reichte es für den Hauptschulabschluss. So sitzt Volker Junge, 29, bei seinem Kumpel Walter auf dem Sofa und nimmt Rache: an der Schule, am Arbeitsamt, am Staat. »Una cerveza, por favor«, sagt er.

Im Fernsehen läuft das »Familien-Duell« mit Werner Schulze-Erdel, auf Walters Wohnzimmertisch stehen drei leere Dosen Pils. Gleich fängt »Vera am Mittag« an - sieben Dosen noch, dann ist Feierabend für heute. Andere Sozialhilfeempfänger schimpfen und fordern mehr Geld vom Staat. Junge sagt: Quatsch, die Sozialhilfe ist zu hoch.

Walter holt zwei weitere Dosen »Ratskrone«, Junge rechnet vor: 553 Mark Sozialhilfe überweist ihm das Sozialamt jeden Monat. 18,40 Mark sind das am Tag: 4 Mark für Essen, eine Scheibe Toastbrot am Morgen, mittags einen Teller Texaseintopf aus der Dose, dazu jeden zweiten Tag einen Beutel Tabak und zehn halbe Liter Bier pro Tag, die Dose für 55 Pfennig. Warum also einen Job annehmen für zwölf Mark brutto die Stunde?

Ab und zu schickt ihm das Arbeitsamt ein Angebot. Zeitarbeit meistens, die Junge »Bescheißarbeit« nennt: 14 Tage lang als Packer, 3 Monate lang als Lagerarbeiter, »moderner Sklavenhandel«. Dann sitzt er beim Vorstellungsgespräch und sagt: »Klar will ich arbeiten, nichts lieber als das, aber damit ich zurechtkomme, müsst ihr mir ab und an ein Bier in die Kantine stellen.« Entweder ruft der Personalchef dann selbst beim Arbeitsamt an, oder Junge sagt kurz Bescheid. Die Angebote sind selten geworden.

»Alkoholismus ist schon als Krankheit anerkannt«, sagt Junge und reißt eine neue Dose auf. »Jetzt müssen sie nur noch Faulheit anerkennen.«

BERLIN-TIERGARTEN, REICHSTAG. Als Klaus Grehn, 60, arbeitslos war, begann er morgens um 5 mit der Arbeit und machte nicht vor 22 Uhr Schluss. Er fuhr im Jahr 100 000 Kilometer mit dem Auto, pendelte meist zwischen Berlin und Brüssel, da er in beiden Städten Büros unterhielt. Er war der meistbeschäftigte Arbeitslose Deutschlands.

Jetzt hat er wieder einen bezahlten Job, kann aber auch nicht mehr arbeiten als zuvor. Ein bisschen Schlaf braucht sogar Grehn.

Klaus Grehn ist seit elf Jahren Präsident des deutschen Arbeitslosenverbandes, für den er sich, mal angestellt und bezahlt, mal ehrenamtlich und arbeitslos, krumm legt. Seit zweieinhalb Jahren sitzt er im Bundestag. Nichts hat ihn mehr geärgert als der Satz des Bundeskanzlers über die Faulheit der Arbeitslosen.

Um elf Uhr tagt er im Ausschuss für Arbeit und Sozialordnung des Deutschen Bundestags, als Vertreter für die PDS. Mit seinen Kollegen diskutiert er die »Leitlinien zur europäischen Beschäftigungspolitik«. Er kritisiert die Bundesregierung, die zu wenig tue für die Arbeitslosen. Seine Stimme ist ruhig, bestimmt. Manchmal flackert Ärger auf, wenn er das Gefühl hat, die Sorgen der Arbeitslosen würden nicht ernst genommen.

Sein Verband hat nur 8000 Mitglieder, obwohl in Deutschland fast vier Millionen Menschen einen Job suchen. Klaus Grehn hat »ungeheure Probleme, die Arbeitslosen für ihre Sache zu mobilisieren«.

Zu faul für den Aufstand?

Nein, sagt Grehn. »Es ist die Fassungslosigkeit einer an sich ohnmächtigen Bewegung.«

Grehn leugnet nicht, dass es unter den Arbeitslosen Faule gebe. Er hält sich an die Zahlen der Bundesanstalt für Arbeit. Nach deren Erhebung nähmen sich fünf Prozent ein Recht auf Faulheit. Bei vier Millionen Arbeitslosen sind das 200 000, genug, dass jeder schon mal von einem gehört hat, der nicht arbeiten will, aber Unterstützung kassiert.

Zudem, sagt Grehn, gebe »es sicherlich auch eine natürliche Faulheit«. Die sei aber gleich verteilt bei Arbeitslosen und Beschäftigten. »Nicht alle, die Arbeit haben, laufen schweißtriefend durchs Büro.«

GELSENKIRCHEN, WOHNZIMMER EINER GROSSFAMILIE. Neulich hat ihm einer einen Job besorgt, elf Mark die Stunde als Lagerhelfer. Da ist Uwe Hertrich hin, ging zum Boss und sagte erst mal: »Hömma«. Das sagen sie so im Ruhrgebiet, korrekt ausgesprochen würde es »Jetzt hör mir mal zu« heißen. »Hömma«, hat Hertrich gesagt, »ich brauch 1180 Mark für die Miete, sonst brauch ich gar nicht zu kommen.« »Is gut«, sagte der Chef. Am nächsten Tag wollte Hertrich sein Geld abholen. Er dachte, den Lohn gebe es im Voraus.

Er wurde ziemlich wütend. Er hat dann krankgefeiert, und in der Firma haben sie den Krankenschein einfach nicht anerkannt. Und ihn rausgesetzt.

»Stimmt doch, Kitty, oder?«, sagt Hertrich, und Kitty, seine Frau nickt. Es gibt eine Menge Leute, die sein Leben verbockt haben: seine erste Frau, die er mit einem anderen erwischt hat, die Sachbearbeiterin auf dem Sozialamt, das Jugendamt. Und ganz am Anfang waren da zwei schwule Binnenschiffer, die ihn immer antatschen wollten. Wegen der beiden ist er nicht auf dem Schiff geblieben, damals vor 30 Jahren.

Hömma, sagt er, bringt ja auch nichts. Soll ich für zehn Mark arbeiten gehen? 160 Stunden? »Macht 1600 brutto. Ich kriech Einsfünf Arbeitslosenhilfe, dazu noch 700 vom Sozialamt und Kindergeld.« Insgesamt 3300 Mark. »Ich bin doch nicht bekloppt.«

Nein, faul ist er nicht. Schließlich saugt er jeden Morgen die Wohnung. Oder wenn doch, dann ist das nicht seine Schuld: »Der Staat«, sagt er »schiebt es uns vorn und hinten in den Arsch.« Das kann ihn ziemlich aufregen: »Das sind doch unsere Steuergelder.«

Die auf dem Sozialamt, zum Beispiel, die verplempern das Geld. Da hat er in der alten Wohnung keine Miete mehr bezahlt, weil überall der Schimmel saß. Und das Sozialamt hat ihm das Geld für die Miete trotzdem gegeben, obwohl er ihnen Bescheid gegeben hat. »Eine Frechheit«, sagt er. »Ich hab das natürlich verballert.«

Nach dem dritten »Paderborner Pilsener« weint er. Fünf Kinder - und nichts, was er ihnen bieten könnte, noch nicht mal einen vernünftigen Fernseher. Jetzt sei doch alles gelaufen, wo er doch schon 45 ist, sagt er. »44«, sagt Kitty. »Der ist besoffen«, sagt seine Tochter. Die ist sechs und kommt im Sommer in die Schule. »Ich bin kein gutes Vorbild«, meint Hertrich.

HAMBURG-FUHLSBÜTTEL, ZWANGSFORTBILDUNG DES ARBEITSAMTES. Herr Henke hält einen blauen Klemmhefter in die Höhe. »Bei Bewerbungen sind Schnellhefter out«, sagt er. »Klarsichthüllen sowieso.« Außerdem keine Mischfarben und bitte kein Dunkelbraun. Das fänden Chefs scheußlich. Welches Papier? Am besten satiniertes à 100 Gramm. Für Greenpeace ginge auch mal ungebleichtes.

Die blonde Architektin in der ersten Reihe schmunzelt. In ihrer Aktentasche steckt ihre aktuelle Bewerbung, ein schicker Folder mit Computerskizzen ihrer Baupläne. Der Multimedia-Producer eine Reihe weiter schiebt seine Brille auf den kahl rasierten Kopf und beißt in eine Banane. Was hätte er heute alles schaffen können? 20 Job-Angebote im Internet checken, die Suchmaschinen ihm täglich zuschicken. Sich sofort bewerben. Per E-Mail.

Trotzdem müssen die Architektin und der Producer hierher, fünf Tage lang zum »Informations- und Orientierungsseminar«, einer neuen Zwangsmaßnahme des Hamburger Arbeitsamtes für alle erstmalig gemeldeten Arbeitslosen. Wenn sie nicht erscheinen, hatten ihre Vermittler gesagt, könnte ihr Arbeitslosengeld gestrichen werden.

Weil das Arbeitsamt genug zu tun hat, sitzen sie jetzt im Bildungszentrum Grone-Schule, zusammen mit 19 anderen Arbeitslosen. 7,98 Mark in der Stunde bekommt die Schule dafür pro Teilnehmer.

Der Producer weiß, was er sucht, was er kann und denkt an Ferien in der Karibik. Die Architektin ist geschockt, dass nur 40 Prozent aller Stellenangebote beim Arbeitsamt eingehen. Sie will einen neuen Job. Spätestens zum Monatsersten. Sie wird ihn kriegen. Nur nicht hier.

FRANKFURT-SACHSENHAUSEN, TRINKHALLE. Kurz nach elf der Kümmerling Nummer zehn. Dazu ein Weizenbier. Kein Gedanke an die Umschulung, die schon seit zwei Stunden läuft. »Kein Bock«, sagt Werner S., 42, stolzer Adler auf dem Unterarm, »das kann man nachholen.« Freitag, die Sonne scheint, Wochenende, Hochbetrieb am Kiosk. Nur, dass niemand wegen der Zeitungen kommt.

»Eine Trinkhalle eben«, Ralf Fischer, ebenfalls Stammgast, ebenfalls arbeitslos. »Sind alle nur zum Saufen hier.« Bockwurst, Langnese, »Bild«, Jägermeister.

»Der ist doch Millionär«, ruft Werner von der anderen Seite der Theke herüber, der zähle nicht. »Na ja«, sagt Fischer, »ich hab halt geerbt.« Und dann den Job als Messebauer aufgegeben, weil er sich mit dem Chef nicht mehr vertragen hat. Arbeitslos hat er sich nicht gemeldet, »ich schenk dem Staat das Geld«.

»Soll er''s doch mir geben«, sagt Werner, der Adler zuckt auf seinem Arm. Zappler nennen sie ihn, weil er nie still halten kann. Kein Job, kein Erbe, früher Staplerfahrer, Packer, Pförtner, »Drecksarbeit«. Kümmerling Nummer elf geht auf Kosten des Hauses.

Die erste Umschulung »war für die Füße«, die zweite hat er sich selbst ausgesucht: Exportsachbearbeiter Luftfracht, großer Flughafen, viele Arbeitsplätze. Machen Sie was, hatte das Arbeitsamt gesagt. »Klappt schon«, sagt er, alkoholschwer die Stimme, aber sicher. Nebenher geht er schwarz putzen. Wen interessiert schon ein Kanzlerwort.

»Alles Familie hier«, sagt Werner, »Sozialstation.« Zeit für Kümmerling Nummer zwölf.

MÜNCHEN, ENGLISCHER GARTEN. Vielleicht hätte er sich ein bisschen doof anstellen können, einer, der langsam denkt und kaum was weiß. Aber das hätten sie Michael*, 28, kaum abgekauft. Der taffe junge Münchner hat mit gutem Abschluss BWL studiert, zwei Jahre als Produktmanager gearbeitet und wechselte dann für ein paar Monate in ein Start-up.

So einen nimmt jeder. Aber Michael wollte mit dem Geld vom Arbeitsamt die zweite Karriere vorbereiten. Der junge Mann will Drehbuchautor werden. »Ich arbeite jeden Tag hart«, sagt Michael. Nichts mit Ausschlafen und Cappuccino-Trinken in Schwabing.

Erst recht keine Zeit, eine Stelle anzutreten. Aber genau das wollte das Amt nach ein paar Monaten. Michael sollte sich

für einen Posten im Öffentlichen Dienst bewerben. Dort, fürchtete er, hätte man ihn prompt eingestellt. Deshalb antwortete er im Fragebogen mit rechten Sprüchen: »Deutschland den Deutschen«. Der Trick funktionierte auch ein zweites Mal.

Seit fast einem Jahr lässt sich Michael schon vom Staat aushalten. Es sei, sagt er, schließlich für einen guten Zweck. Der erste Drehbuchauftrag ist greifbar nahe. Dann zahlt er auch Steuern. Versprochen.

HAMBURG-INNENSTADT, PARK »PLANTEN UN BLOMEN«. Er zählt sich nicht zu den »Großmeistern«, sondern zu den »Patzern«. Das sind die Leute, die am Vormittag Zeit haben, Schach im Park zu spielen - auf einem Plattenfeld mit Figuren, so groß wie Pinguine, oder rundum an kleinen Tischen. In dem seltsamen Völkchen der »Patzer«, das sich an dem lauschigen Ort zu treffen pflegt, aber genießt er das Ansehen eines Großmeisters.

Er gewinnt. »Und wenn ich nicht gewinne, lerne ich dazu«, sagt Matthias Pydde, 37. Er sei, so redet er sein Leben schön, »ein Überlebenskünstler«.

Seine Karriere: Heimkind, Hauptschulende mit fünf Fünfen, einer Sechs. Schachfanatiker. Absturz, Drogenkarriere, Knast, Zwangstherapie. In der Haft schaffte er mühelos den Fachoberschulabschluss, lernte aber »dummerweise« keinen Beruf. So landete er als entlassener Strafgefangener in der Sozialhilfe, obwohl er kein »Drogist« mehr war. Alle drei Monate brauchte er einen Stempel vom Arbeitsamt: »Den kriegte ich ohne Theater, ich war ja ein Niemand, der in der Arbeitslosenstatistik nicht vorkam und deshalb auch nicht abgearbeitet werden musste.«

Ja doch, so sagt der Überlebenskünstler während er die gegnerische Dame bedroht, das Kanzler-Donnern gegen Faulenzer habe sich durch wachsenden Druck auf seinen Bekanntenkreis bemerkbar gemacht. Er genieße wegen eines Kapselrisses in der linken Schulter noch eine Schonfrist. Und wenn sie abgelaufen ist? Da müsse sich ein »Profi« wie er keine Sorgen machen.

Mit Kusshand aber würde der Sozialprofiteur in die Arbeitswelt überlaufen, wenn er Kindern Schach beibringen dürfte: »Mein Lebenstraum.«

Am Abend wird er »leer gelutscht« nach Hause schleichen, wie manch anderer nach einem langen Arbeitstag.

HAMBURG-EIMSBÜTTEL, BALKON EINER ETAGENWOHNUNG. Es dauert immer ein wenig, bis die Strahlen der Sonne den Balkon im vierten Stock erreichen, aber um kurz nach elf sind sie da, und dann öffnen sich die pinkfarbenen Blüten der Mittagsblumen aus Südafrika, bis sie so groß sind wie Glühbirnen. »Für die ist das jetzt die beste Zeit des Tages«, sagt Lena*.

Für sie selbst nicht unbedingt.

Lenas Balkon ist eher ein Dschungel als ein Ziergarten - und wenn sie dort ihre erste Tasse Tee trinkt, dann wirkt sie ein bisschen wie die Schauspielerin Andie MacDowell, die in dem Film »Greencard« eine Botanikerin spielt: ein hübsches Mädchen, gerade mal 28, dem die ganze Welt offen stehen müsste.

Vor einem Dreivierteljahr wurde sie entlassen. Sie hatte für eine kleine Filmproduktionsfirma die Herstellung und den Dreh von Videoclips für Hamburger HipHop-Bands wie Fünf Sterne Deluxe und Eins Zwo betreut - »ein feiner Job mit feinen Leuten, dazu noch gute Aufstiegschancen«. Nach einem Verhältnis mit einem der Teilhaber, das nur am Anfang leicht schien, war alles nicht mehr ganz so fein, Lena sollte sich etwas Neues suchen.

Das erste Gespräch mit der Frau vom Arbeitsamt war nett, aber nutzlos.

»Ich habe bisher als Producerin gearbeitet«, erklärte Lena.

»Als was?«, fragte die Frau mit den gerahmten Katzenporträts auf dem Tisch.

Lena erzählte von den HipHop-Bands.

»Hip was?«, fragte die nette Frau.

Das wird schwierig, dachte Lena.

Die knapp 2000 Mark Arbeitslosenhilfe werden pünktlich überwiesen, aber es kam noch nicht mal ein Angebot, das sie hätte ablehnen können. »Die Tatsache, dass ich bislang immer gefragt wurde, lähmt mich ein bisschen. Und anbiedern mag ich mich nicht.«

Zweimal die Woche geht Lena zu einer Therapeutin, das Selbstwertgefühl steigern. Dass sie in der nächsten Woche Bewerbungsfotos machen lässt, die sie an eine Zeitarbeitsfirma schicken will, wertet die Therapeutin als Fortschritt. Ein Jahr wird die Therapie noch dauern.

Täglich kauft Lena neue Pflanzen, pflegt sie manchmal stundenlang. »Blumen verschönern alles - sogar Friedhöfe.«

Gegen Abend schrumpfen die Mittagsblumen wieder in sich zusammen, bis sie nur noch Knollen sind. »So klein gefallen sie mir eigentlich am besten«, sagt Lena.

BERLIN-TIERGARTEN, AMTSGERICHT. »Wohnsitz?«, fragt der Richter. »Noch keinen«, sagt Klaus-Dieter Willi W., genannt Putti. Zöpfchen, Schnauzer und einen Bürstenschnitt, so perfekt auf Horizontale getrimmt wie ein Fußabtreter. Es ist 11 Uhr im Sitzungssaal 101. »Beruf?«, fragt der Richter. »Arbeitslos«, sagt Putti. Früher habe er mal Tischler gelernt.

Seufzend und kopfschüttelnd hört er dem Staatsanwalt zu: »... angeklagt, mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge unerlaubt Handel getrieben zu haben.«

»Herr Richter, da muss ich ausholen«, sagt Putti, und jetzt seufzt der Staatsanwalt. »Hasch ist für mich das Hauptnahrungsmittel. Bisschen abschalten. Ich bin dann nicht aggressiv. Dann schmeckt der Alkohol auch nicht mehr.«

Aber die 1120 Mark Arbeitslosenhilfe seien so wenig, dass er etwas habe unternehmen müssen. Also hätten sie eine Haschisch-Einkaufsgemeinschaft gebildet. So ist das in der Wirtschaft: größere Mengen, kleinerer Preis. »Da macht das Rauchen Spaß. Wir waren sieben Leute, die zusammengelegt haben. Ein Sozialhilfeempfänger, ein Arbeitsloser, alles gute Leute. Da war sogar eine Mutter dabei, eine gute Mutter von einem guten Kind.«

Von der Anklagebank kann man die Linden draußen sehen. Putti hat schon gesessen und weiß, wie das ist: »Man wird entlassen und steht erst mal da wie Nase.« Sein Sohn ist fünf. Also redet er um sein Leben: »Damals im Wedding hatte ich die 300 Gramm nur dabei, weil ein Kumpel nicht zu Hause war. Das war kein Handel, Herr Richter. Wenn Uwe, das ist auch so eine arme Socke, mal auf die Hunde aufgepasst hat, hat er auch was abbekommen. Umsonst. Ich habe nichts daran verdient. Oder sehen sie an mir schwere Behängungen? Ich sag''s so, wie''s ist«, sagt Klaus-Dieter Willi W., genannt Putti.

Für einen kurzen Moment hat er die Hand aufs Herz gelegt.

Es hilft nichts: zwei Jahre Haft.

FRANKFURT-FLUGHAFEN, SHERATON-HOTEL. Bislang hat er sich nicht arbeitslos gemeldet. Stolz, natürlich. Seine Freunde sagen: Du bist schön blöd. Du hast schließlich jahrelang Beiträge bezahlt. Er kann es nicht.

Bernd Hölzenbein, 55, 420 Bundesligaspiele für Eintracht Frankfurt, 40 Länderspiele, Weltmeister 1974, wurde arbeitslos, als Eintracht Frankfurt 1996 abstieg aus der Bundesliga. Fünf Jahre in Folge war der Verein im Europapokal, um ein Haar wäre die Eintracht Meister geworden; Hölzenbein, damals Vizepräsident, wurde in den Himmel gejubelt. »Vater des Erfolges«. Nach dem Abstieg hieß es: Der hat keine Ahnung. Der ist verbrannt.

Plötzlich hatte Hölzenbein das Gefühl, untauglich zu sein. Mit 50. »Bin ich tatsächlich so gut, wie ich immer dachte? Und niemand, der Interesse an einem hat. Niemand.«

Körperlich ist er so fit wie seit Jahren nicht mehr. Morgens geht er laufen, dann kauft er ein, spielt eine Runde Golf. Montags kickt er mit Journalisten, dienstags mit Freunden in der Halle, ab und an ein Benefizspiel.

Neulich kam jemand vom Eintracht-Vorstand. »Wir wollen dir helfen, wir bieten dir was im Jugendbereich an.« Und Hölzenbein antwortete: »Seid ihr wahnsinnig? Ich kann euch helfen!« Er will nichts geschenkt.

Irgendwann, sagt er, geht''s schon wieder hoch. Er glaubt fest daran. »Sonst könnte ich mich ja erschießen.« Nur halb im Spaß sagt er: »Ich kann doch keine Anzeige in die ,FAZ'' setzen: Fußball-Weltmeister, begeisterter Jogger und Hobbygolfer sucht Stelle im bezahlten Fußball.«

HAMBURG, TELEFONAT MIT KNUT. Verdammte Fliegerei. 13 Stunden von St. John bis Hamburg, und dann noch der Zeitunterschied. Knut ist müde. Fünf- bis sechsmal im Jahr kommt er zum Heimaturlaub, sagt er.

St. John, Virgin Islands, Karibik: subtropisches Klima, gemildert durch einen leichten Passat. Knut, der Arbeitslose, 58, besitzt dort ein Haus: Hanglage, drei Schlafzimmer, drei Bäder, Terrasse mit Blick aufs Meer und den Sonnenuntergang.

In Deutschland findet er niemanden, der ihm die Villa gönnt. Hier nennen sie ihn »Karibik-Knut«, »Deutschlands frechster Sozialhilfe-Abzocker«, schrieb »Bild«.

Knut hat sieben Jahre lang Sozialhilfe bezogen, nachdem 1990 sein Squash-Center Pleite machte. Im Antrag hatte er den Besitz auf St. John verschwiegen. War natürlich ein Fehler, das nicht anzugeben, gibt er später zu.

Mittlerweile ist Knut wegen Betrugs verurteilt und muss 57 000 Mark zurückzahlen. Die Stütze wurde gestrichen.

Knut ist freundlich am Telefon, er weiß, dass er ein für alle Male auf die Rolle als »Karibik-Knut« festgelegt ist: »Als Sozialhilfebetrüger ist man eben ganz unten.« Es ist ja auch nicht so, dass er nicht hätte arbeiten wollen, damals. Er wurde Taxifahrer, aber bald machten die Knie nicht mehr mit. Das Sozialamt zahlte die Behandlung.

Gern ist Knut bereit, seine Geschichte zu erzählen, aber ein bisschen Geld sehen möchte er dafür schon.

Wie viel?

»Machen Sie mir ein Angebot. Sie verdienen doch auch Geld«, sagt er. »Ich will auch was verdienen.«

Wie viel?

»Ein paar tausend sollten es schon sein«, sagt Knut. Eine Stunde Interview plus Foto. Für 2000 Mark ist er dabei. Drunter geht''s nicht, er hat »kein Interesse«.

Im Internet bietet Knut seine Villa als Mietobjekt an: www.fantasticview.com. Preis für eine Woche Hauptsaison: 3500 Dollar.

DÜSSELDORF, RHEINTREPPEN. Da sitzen sie in ihrer Mittagspause auf der Treppe, blicken auf den Fluss und glauben, dass eine Wohnung, ein Auto und ein Job zur Grundausstattung des Lebens gehören. Sie tragen Anzüge, Hemden, Krawatten, ein paar auch T-Shirts, und sie rücken ab von dem Punk, der zwischen ihnen sitzt.

Markus trägt eine Hose, die aus der Altkleidersammlung stammen könnte, den Oberkörper verhüllt eine Art schwarzer Lappen, der an den Seiten geschlitzt ist. Vorn ist der Lappen bedruckt. »Dumm und glücklich« ist da zu lesen. Weiter oben thront ein breites Grinsen, eine verspiegelte Nickelbrille und ein roter Irokesen-Schnitt auf fast kahlem Schädel. Die Blicke seiner Nachbarn sagen: »Du bist eine faule, nichtsnutzige Sau.«

»O ja, genau das bin ich«, sagt Markus, »und ich bin stolz darauf.« Warum sollte er arbeiten, wenn er nicht arbeiten muss? Warum sollte er glauben, dass ein Leben frei von Arbeit ein unvollständiges Leben sei? »Die Gesellschaft sollte froh sein über Menschen wie mich. Es gibt so viele, die arbeiten wollen.«

Markus ist ziemlich sicher, dass er einen Arbeitsplatz bekommen würde. Die Lehre zum Schlosser hat er um ein halbes Jahr verkürzt, wegen seiner guten Noten. Sechs Wochen arbeitete er als Geselle, dann ertrug er den Anblick »dieser hohlen Fritten« nicht mehr, »die immer nur über Fußball, Frauen und Ficken reden und die mit 40 schon scheintot sind«. Markus ist 24 Jahre alt, und wird er gefragt, was er vom Leben erwartet, antwortet er: »Spaß.«

Er meldete sich arbeitslos, legte sich in die Sonne, spazierte am Rhein entlang, und wenn es sich nicht vermeiden ließ, ging er zu Vorstellungsgesprächen. Die Jobs nicht zu kriegen war kein Problem. Für den Fall, dass der Irokesen-Schnitt und das Dummund-glücklich-T-Shirt nicht ausreichten, liegt in Markus'' Zimmer ein zweites T-Shirt. Auf ihm steht: Ficken, Bumsen, Blasen.

Neun Monate lang kassierte er Arbeitslosengeld, dann drohte Sozialhilfe, und Markus lernte die Vorzüge des zweiten Bildungswegs schätzen: »Das Abitur an einem Kolleg dauert drei Jahre, jeden Monat Schüler-Bafög und Kindergeld, insgesamt 1200 Mark.« Zivile Unterrichtszeiten, freie Nachmittage, manchmal blaumachen. Markus versteht nicht, was schlecht sein soll an Deutschland.

FREISING, ARBEITSAMT. Rapsfelder, Butterblumen und Kerzen in Kastanienkronen leuchten den Weg nach 85356 Freising, Oberbayern, hellblauer Mai, Hallertau, Hopfenland. Der Arbeitsamtsbezirk, 265 000 Einwohner, meldet die niedrigste Arbeitslosenquote aller 181 Arbeitsämter in Deutschland: 2,5 Prozent.

»Und jetzt glauben Sie«, sagt Gerhard Güßgen, Arbeitsamtsdirektor, »wir hätten hier nichts zu tun, nicht wahr?« Im Knopfloch trägt er einen Button mit dem rotweißen A-Logo der Bundesanstalt, im Herzen die Sorge um die Zukunft der Region. Elf Uhr, Dienstbesprechung im Chefzimmer 324. Es geht um die gefräßige Wirtschaft im Norden Münchens, deren Hunger auf Humankapital den Arbeitsmarkt überfordert. Texas Instruments, Avon, Cisco, Müller-Brot, der Flughafen; Freising hat vergessen, wie sich Arbeitslosigkeit buchstabiert. Es fehlen nicht Jobs, sondern Wohnungen. Arbeiter, nicht Arbeit.

2973 offene Stellen im April. 3460 Arbeitslose. Schröders faule Säcke? Kohls alte Freunde aus dem Freizeitpark? Amtsdirektor Güßgen erzählt Geschichten von rückenkranken Landarbeitern und Näherinnen »ohne ausgeprägte Selbstmanagementkompetenzen«. Und er stellt Gegenfragen von philosophischer Wucht: »Will einer nicht? Kann er nicht? Will er nicht können? Oder kann er nicht wollen?« Nein, sagt Güßgen: »Es werden hier Leute runtergebrochen auf das Thema Faulheit, die da nicht reingehören.«

Runtergebrochen werden in Freising stattdessen Globalisierung und Standortwettbewerb. 21 ihrer 24 Millionen Mark Jahresetat können die 15 Freisinger Arbeitsvermittler für »Maßnahmen« ausgeben. Einen Teil davon investieren sie in Fahrten nach Bautzen, nach Leipzig, um an Info-Ständen für die Schönheiten Altbayerns zu werben. »Sozial begleitete Mobilität« nennen sie ihr Projekt, und wer daran teilnimmt, dem schnüren die Freisinger, soweit sie dürfen, ein All-inclusive-Paket samt »Schnupperphase«, Job für die Freundin, Mobilitätsprämie, Wohnungssuche, Kontaktvermittlung zum Sportverein und wöchentlichem Shuttle-Bus in die Heimat. »Job in Club Interregio«, »MobilKick« heißen die zugehörigen Broschüren, die werben und locken und behaupten: Ziel sei es nicht, dass der Osten »im Laufe der Zeit an Fachkräften ausblutet«.

NEUBRANDENBURG, ARBEITSAMT. Rapsfelder, Butterblumen und Kerzen in Kastanienkronen leuchten den Weg nach 17034 Neubrandenburg, Mecklenburg, hellblauer Mai, Müritz, Feldberg, Seenplatte. Der Arbeitsamtsbezirk, 410 000 Einwohner, meldet die höchste Arbeitslosenquote aller 181 Arbeitsämter in Deutschland: 23,1 Prozent.

»Wir kämpfen hier jeden Tag«, sagt Joachim Seidel, Abteilungsleiter der Arbeitsvermittler in Neubrandenburg, »und wir tun viel Gutes. Aber die Masse, die ist einfach zu groß.« Schräg hinter Seidel hängt das Foto eines im Gras ruhenden Löwen, vor ihm liegen pinkrote Umlaufmappen in Stapeln. Dienstbesprechung in Zimmer B 320. Es geht um die schläfrige Wirtschaft südlich der Küste, die kaum Humankapital braucht, jedenfalls nicht »in Größenordnun gen«. Panzer-Reparaturwerk, Baukombinat, Reifenfabrik, Land- und Forstbetriebe, sie alle machten einst eine intakte Stadt in der DDR aus, nur Kleinkram ist übrig geblieben, mit der Wende mussten alle lernen, was ein Arbeitsamt ist. Seither werden Wohnungen frei, aber keine Stellen. Arbeiter gibt es, aber keine Arbeit.

1504 offene Stellen im April. 49 291 Arbeitslose. Wie mag sich die Faulheit für sie anfühlen? Seidel erzählt Geschichten von »struktureller Unterbeschäftigung«, vom »motivationserhaltenden Instrument ABM«, von Jugendlichen mit schwarzer Zukunft. Von Faulheit weiß er nicht viel zu reden. 479 Sperrzeiten wurden verhängt von Januar bis April, weil Arbeitslose ihre neuen Jobs gleich wieder hinschmissen oder weil sie zumutbare Arbeit ablehnten. 479 - viel, nicht viel? Seidel fragt: »Ist die Ostsee tief, oder ist sie seicht?«

Groß ist sie jedenfalls, groß wie die Krise Neubrandenburgs, das Gefahr läuft, im Standortwettbewerb zu unterliegen. 461 Millionen der 1,65 Milliarden Mark Jahresetat können die 93 Neubrandenburger Arbeitsvermittler für »Maßnahmen« ausgeben. Den Großteil investieren sie in die Fort- und Weiterbildung, als würden die höher Gebildeten eines Tages plötzlich in Scharen gebraucht.

Gebraucht wird woanders. Süddeutsche Unternehmen laden in Neubrandenburg zur »Angebotsmesse«. Im Herbst 2000 wurden 50 Mecklenburger als Saisonarbeiter in die österreichischen Alpen vermittelt, als Küchenhelfer, Skiliftwächter, Hilfsarbeiter, einige sind da geblieben. Entvölkerung? »Ich sehe das emotionslos«, sagt Seidel. »Wir haben schließlich keine Kleinstaaterei mehr in Deutschland.«

Arbeitsuchende stellen sich vor in der Amtsbroschüre »Chefsache«. 20 Seiten Kleinanzeigen in Neubrandenburg, oft sind die Bewerber ausgebildet, jung, engagiert - perfekt, wäre da nicht stets der letzte Satz: »Neubrandenburg und Umgebung bevorzugt.«

BERLIN-CHARLOTTENBURG, SCHLOSSGARTEN. Lothar Liefke, 49, war Gärtner und Diplom-Ingenieur Landschaftsbau. Egal wo er in Berlin spazieren geht, überall sieht er Spuren seiner Arbeit. Er hat den Savignyplatz neu angelegt, die Lichtenberger Straße bepflanzt und die Platanen vor dem »Schwalbennest«, dem denkmalgeschützten Polizeihochsitz auf dem Ku''damm. Er habe es geliebt, sagt Liefke, mit großen Maschinen zu fuhrwerken, Tausende Kubikmeter Sand umzuschichten, auf einer öden Fläche etwas entstehen zu lassen.

Er hatte sein eigenes Unternehmen mit 25 Mitarbeitern. Doch dann: Zahlungsprobleme, Konkurs, eine halbe Million Mark Schulden. Erst als er noch genau 3,14 Mark im Portemonnaie hatte und seine Modelleisenbahn verkaufen musste, um an Bares zu kommen, habe er kapiert. Langsam durchsickerte die Katastrophe alle Lebensbereiche - von Äußerlichkeiten wie Wohnung, Auto, Reisen, rote Paprika, die man sich nicht mehr leisten konnte, über Freunde, denen man nichts mehr zu erzählen hatte, bis hin zur Selbstachtung, die »nicht gegen null geht«, sagt Liefke, »aber fast«. Zum Glück habe seine Frau ihm nie Vorwürfe gemacht.

Irgendwann hat er beim Arbeitsamt gefragt, ob er nicht ehrenamtlich arbeiten könne, im Schlosspark zum Beispiel. »Das hat mich noch nie jemand gefragt«, raunzte die Sachbearbeiterin ihn an und angelte einen Zettel mit einer ABM-Stelle aus einem Fach. Dabei ging es um die digitale Erfassung öffentlicher Grünanlagen, Liefke wurde Projektleiter. Er hat die notwendigen Geräte besorgt, die Leute eingewiesen und tatsächlich vorgehabt, nach einem Jahr Ergebnisse vorzuweisen. Das, glaubt Liefke heute, habe die Gruppe ihm übel genommen. Liefkes ABM-Stelle wurde nicht verlängert. Nun renoviert er sein Badezimmer.

RHEINHAUSEN, EHEMALIGES KRUPP-LOHNBÜRO. Der Tscheche Igor Kamocai, 49, ist ein Mann für die besonderen Fälle. Ein Psychologe im Dienst der Media-Forum, einer Firma, die sich im Auftrag des Duisburger Arbeitsamtes um die Härtefälle kümmert. Langzeitarbeitslose, schwer Vermittelbare, Alkoholiker, Drogenabhängige. Früher war Rheinhausen der Brutkasten des deutschen Arbeitskampfs. 1993 ging Krupp weg, der Arbeitskampf war verloren. Heute ist Rheinhausen nur ein hässlicher Stadtteil Duisburgs. 13,9 Prozent Arbeitslose, 57 Prozent davon ungelernt.

Wenn seine Kollegen nicht mehr weiterwissen, wenn unklar ist, ob jemand faul ist oder krank, muss Igor ran. Die Leute, die bei ihm landen, wissen nicht, dass er Psychologe ist, weil sie sonst meinen könnten, sie müssten in die Klapsmühle.

Vor kurzem hatte Kamocai eine Frau auf dem Stuhl, die kam immer mit einem Renault Twingo vorgefahren und war meistens mit ihrem Handy beschäftigt. Eine Krankenschwester, aber die Jobs, die ihr Media-Forum anbot, lehnte sie ab. Faul?

Als Kamocai zum ersten Mal mit ihr sprach, fühlte er sich an einen Edgar-Wallace-Film erinnert, bei dem immer dann, wenn etwas nicht stimmt, eine schiefe Musik spielt. Sie saß sehr oft bei dem Mann aus Tschechien im Zimmer. Irgendwann erzählte sie ihm, dass sie mal bei einem Radiologen gearbeitet habe, der sei ein Verbrecher gewesen. In seiner Praxis, sagte sie, sei es nicht mit rechten Dingen zugegangen. Seitdem sei bei ihr nichts mehr wie vorher. Sie sei »verstrahlt«.

Kamocai diagnostizierte eine Psychose. Er schickte sie zu einem Neurologen. Sie ist jetzt in Dauerbehandlung, nicht mehr zu vermitteln. Sie kommt noch sehr oft ins Media-Forum, weil sie so gern mit Igor Kamocai redet. Wenn er Zeit hat, spricht er auch mit ihr. Er hat selten Zeit.

HAMBURG-INNENSTADT, CAFÉ PARIS. Abgebrochenes Studium der Sonderpädagogik, Mutter von zwei Kindern, freischaffende Literaturpädagogin, Bundesvorstandssprecherin der Grünen. Die Sachbearbeiterin wusste nicht, in welche Kategorie sie die Frau auf der anderen Seite des Tisches einordnen sollte. Antje Radcke, 41, wusste es auch nicht. Schließlich einigten sich die beiden auf Geschäftsführerin. Radcke war offiziell arbeitslos. Statt Berliner Empfänge gibt es seit September vergangenen Jahres die Meldepflicht beim Amt. Statt 8500 Mark brutto 674,80 Mark die Woche. Statt eines Auftritts in der »Tagesschau« Schmähbriefe.

»Es gibt Leute, die denken, ich habe ein Vermögen verdient, wohne in einer dicken Villa und kassiere Arbeitslosengeld«, sagt Radcke. »Blödsinn. Ich habe keine Mark sparen können. Was ich allein für Klamotten ausgegeben habe. Als Privatfrau kann ich vielleicht die ganze Woche in einem Blazer herumlaufen, aber nicht als Bundesvorstandssprecherin.«

Radcke erzählt von ihrem neuen Leben. Wie sie zu einer Demonstration nach Berlin fahren wollte und jemand vom Arbeitsamt ihr sagte, da könne sie nicht einfach so hin. Sie müsse den ganzen Tag zur Verfügung stehen - oder Urlaub beantragen.

Wie sie klärte, was mit dem Honorar für ihr Buch »Das Ideal und die Macht« zu geschehen habe. Es wurde auf ihr Arbeitslosengeld angerechnet. Der Staat zahlte acht Wochen lang keine Unterstützung.

Wovon sie in Zukunft leben wird, weiß sie noch nicht. Sie weiß nur, dass sie ab September kein Arbeitslosengeld mehr beziehen will. Zurzeit ist Radcke Landesvorsitzende der Grünen in Hamburg, ein Ehrenamt. Sie überlegt, ein Bio-Café aufzumachen, aber sie hat kein Geld, nur ihren Namen.

BERLIN-MITTE, WEINBERG-PARK. Morgens um elf, es kann auch halb zwölf werden, beginnt Guillaume Paoli, 42, seinen ganz persönlichen Kampf gegen Gerhard Schröder. Nach dem Frühstück, Milchkaffee und Croissants, schnappt Paoli sich seinen blau-weißen Liegestuhl, marschiert die Rosenthaler Straße entlang zum Weinberg- Park, wo er sich ein ruhiges Plätzchen sucht und sein Tagwerk aufnimmt: konzentriertes Nichtstun.

Drei, vier, fünf Stunden am Tag verbringt Paoli in kämpferischer Ruhestellung. »Der Liegestuhl ist eine Waffe«, sagt Paoli, »und Faulheit ist die perfekte Kampftechnik gegen die Vorstöße des Kanzlers.«

Paoli weiß, was er nicht tut. Er kann seine Tatenlosigkeit in elegante Worte fassen, und manchmal setzt er sich sogar an den Schreibcomputer. Für die »FAZ« ebenso wie für das Underground-Blatt »Der Müßiggangster« verfasst der gebürtige Korse Essays, in denen er seine Faulheitstheorien mit ein bisschen Marx, Fukuyama und Clausewitz aufschäumt und mit Taoismus bepudert. Und an der Berliner Volksbühne wiederum hält er Lesungen aus seinem Manifest der »Glücklichen Arbeitslosen«. Aber wer sind sie? Und was wollen sie?

Paoli lächelt charmant. Macht eine Wirkungspause. »Revolution«, sagt er dann. Der Aufstand der Faulen: »Es ist an der Zeit, dass wir zeigen, dass wir ohne Arbeit glücklich sind - und mit dieser sanften Demonstration, gerade weil wir nicht toben, brüllen, jammern, treffen wir das System an seiner empfindlichsten Stelle.«

Die Moral des Feindes darf ein Revolutionär nur verachten. Die Industriegesellschaft, führt Paoli aus, kreiere zwangsläufig Arbeitslose. Die aber könnten mühelos miternährt werden; das Gezeter, dass sie dem Staat oder den Arbeitenden auf der Tasche lägen, sei ein einziger Bluff. »Politik und Kapital hätten uns gern winselnd und hilflos«, sagt Paoli, »als Drohung für die Geknechteten. Wir aber wollen als Faulenzer anerkannt werden - ohne die entwürdigende Gängelei durchs Arbeitsamt.«

Allzu inquisitorisch jedoch fallen die Kontrollen nicht aus. Für die 2200 Mark, die Paoli und seine Freundin monatlich kassieren, werden sie zwei-, dreimal im Jahr vorgeladen, und natürlich haben sie keine Mühe, die Umschulungsmaßnahmen und Job-Offerten liebenswürdig abzubiegen. »Wenn ich wollte«, sagt Paoli, der nach getaner Nicht-Arbeit ein beachtliches Lektürepensum absolviert und drei Fremdsprachen beherrscht, »wenn ich wirklich wollte, könnte ich innerhalb eines Nachmittags eine Arbeit finden. Aber mein Job ist es, keinen zu haben.«

Selbst eine Karriere als Galionsfigur der Nichtstuer reizt ihn nicht. Seit Schröder gegen die Faulenzer wetterte, hatte Paoli alle Hände voll zu tun, die Einladungen zu Talkshows abzuwimmeln und Angebote großer Zeitungen abzulehnen. »Wahrscheinlich könnte ich berühmt werden«, sagt er, »aber wäre das nicht vulgär? Berühmt wird schließlich jeder, viel schwieriger ist es, bedeutungslos zu bleiben.«

UWE BUSE, FIONA EHLERS,

ULLRICH FICHTNER, MARC FISCHER, MATTHIAS GEYER, HAUKE GOOS, RALF HOPPE, ANJA JARDINE, ANSBERT KNEIP, DIRK KURBJUWEIT, CONNY NEUMANN, THOMAS SCHULZ, ALEXANDER SMOLTCZYK

* Name von der Redaktion geändert.* Name geändert.

Anja Jardine
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