WUNDERKISTEN AUS STAHL - DER SPIEGEL
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leben WUNDERKISTEN AUS STAHL

IN EINEM AUSRANGIERTEN PERSONENZUG ENTDECKEN ANGEHENDE ARCHITEKTEN DIE GEHEIMNISSE DER BAUKUNST.
• aus UNI SPIEGEL 3/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dort, wo früher einmal die Zuglauftafel hing, kündigt ein Flugblatt die nächste Party an, zwischen zwei Waggons stehen Liegestühle auf einer selbst gezimmerten Sonnenterrasse, und aus der Warnung »Nicht öffnen, bevor der Zug hält« ist längst eine nostalgische Randnotiz geworden: Auf dem Abstellgleis am Stuttgarter Nordbahnhof gedeiht neues Leben.

An die 30 Architektur- und Kunststudenten nutzen hier einen stillgelegten Bauzug der Bundesbahn zum Arbeiten, manche wohnen sogar auf den Gleisen. Mitten in der Stadt, zwischen einer Eisenbahnersiedlung und einem Schrottplatz, haben sie die 17 Personenwagen der Baureihe »3yg« in ein Labor studentischer Kreativität verwandelt.

»Jeder Waggon ist ein Modul«, sagt Architektur-Absolvent Oliver, 33, einer der Initiatoren des Projekts. Was nicht Eingeweihte an nüchterne Bauzeichnungen denken lässt, ist für den architektonischen Nachwuchs eine Chiffre voller Sinnlichkeit.

Der Waggon als Wunderkiste. Hier dürfen die Studenten nicht nur in Ruhe zeichnen und Modelle bauen, sie können auch ausprobieren, ob die Wirklichkeit hält, was der Plan verspricht. Robin, 29, und Olaf, 26, sind schon um eine Erfahrung reicher. Im vergangenen Jahr haben sie zwischen zwei Wagen eine leichte, stützenfreie Dachkonstruktion errichtet. Der erste Sturm nahm das Ding mit - diesen Sommer wollen sie einen neuen Versuch wagen.

Schließlich ist das Ganze ja ein großes Experiment und Abenteuer, denn leben im Waggon heißt überleben in der Stahlkiste - im Winter klirrekalt, im Sommer irre heiß. Trotz nachträglich isolierter Böden und Wände bringen Ölöfen bei Frost gerade mal 15 Grad Raumtemperatur, im Sommer hilft nur der Ventilator. Wasser gibt's aus dem Kanister, Strom kommt per Verlängerungskabel aus einem nahen Eisenbahnerhaus, wo auch Duschen und Toiletten sind. Auf einen Festnetzanschluss zum Telefonieren können die meisten dank Handy verzichten, ein Computerfreak hat sich immerhin eine ISDN-Leitung in seinen Waggon legen lassen.

So werden Studententräume wahr: Zimmer in Innenstadtlage, 30 Quadratmeter Grundfläche, Gartenmitbenutzung, keine Kehrwoche, 75 Mark Kaltmiete im Monat - das gibt es in der Autostadt Stuttgart nur im stillgelegten Zug. Und die Studentenbar steht gleich einen Stoßpuffer weiter: Der »Waggon für Flüssigkeiten und Schwingungen« ist im Sommer Geheimtipp in der Stuttgarter Studentenszene.

»Ich würde eine Neubauwohnung mit Zentralheizung nicht eintauschen dagegen«, sagt Axel, 26. Auch dass jeden Morgen kurz nach fünf die ersten Rangierloks vorbeistampfen, macht ihm, wenn er im Zug übernachtet, nichts mehr aus: »Das find ich mittlerweile ganz angenehm, das gehört hier einfach dazu.«

Alles begann, als zwei Studenten 1996 die damals in dem Bauzug wohnenden Gleisarbeiter fragten, ob sie einen Waggon, der gerade leer stand, als Arbeitsraum nutzen dürften. Das ging in Ordnung; als aber der Bautrupp aufgelöst wurde, drohte der Zug zur Heimstatt von Junkies, Stadtstreichern oder Jugend-Gangs zu werden. Der potenzielle Schandfleck sollte verschwinden.

Weil jedoch an der Stuttgarter Uni gerade für Architekten die Arbeitsräume fehlten, kamen die beiden Erstbenutzer auf die Idee, die Uni könnte den ganzen Zug zu Zeichen- und Modellbauräumen umfunktionieren. Beinahe hätte der Baubeauftragte der Uni gleich alles zunichte gemacht: Unvereinbar mit der Arbeitsstättenrichtlinie, versicherungstechnisch nichts zu machen, befand der Beamte nach einer Ortsbesichtigung.

Also spannten die beiden Initiatoren zwei Architekturprofessoren als Fürsprecher ein und brachten Ende 1998 die Bahn dazu, die Waggons einem Studentenverein zu überschreiben, für insgesamt 20 000 Mark als so genannter Mietkauf. Ende dieses Jahres gehört der Bauzug endgültig den Studenten.

Die selbst organisierte Studentenkolonie hat im vergangenen Jahr sogar einen Preis der Uni Stuttgart erhalten, der für außergewöhnliche studentische Projekte ausgelobt wird.

Dennoch ist ihre Existenz bedroht: Spätestens wenn das Projekt »Stuttgart 21« anläuft, der komplette Umbau des Hauptbahnhofs, bleibt für den Studenten-Zug kein Platz mehr. Und nach dem Auslaufen des Mietkaufvertrags Ende des Jahres muss die Bahn weiter mitspielen - wenn nicht, landet der ganze Zug beim Schrotthändler gegenüber. Schon heute ist die Freiheit auch auf dem Abstellgleis nicht grenzenlos: »Wenn zu viel Party ist, wenn die Tische mal wieder auf den Gleisen rumstehen, kommt der Bundesgrenzschutz vorbei«, erzählt Oliver. »Und dann ist ganz schnell Schluss mit lustig.« DIETMAR HIPP

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