leben HIPHOP IN HARVARD
Lawrence Kris Parker alias KRS-One fühlt sich wohl auf der Bühne. Wenn er sich erst einmal warm geredet hat, hört er so schnell nicht wieder auf. Der verbale Furor zeichnet auch andere Rapper aus, die ihre Kunst nicht bloß als Job, sondern als Berufung verstehen. Doch KRS-One bewegt sich vor Uni-Auditorien genauso selbstverständlich wie auf Konzertbühnen. Seit Jahren hält der US-Rapper, der mit seinen 35 Jahren bereits als Elder Statesman des HipHop gilt, leidenschaftliche Reden vor Studenten und verbindet pointierte Unterhaltung mit politischen Bekenntnissen.
Ihren Anfang nahm KRS-Ones Laufbahn als Uni-Gastredner, nachdem er in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre seine ersten großen Erfolge als Rapper gefeiert hatte.
Es waren die Straßen und Absteigen von New York, in denen der Teenager Lawrence Parker seine wichtigsten Lehrmeister traf. In einem Obdachlosenasyl freundete er sich mit dem Sozialarbeiter und Gelegenheits-DJ Scott »La Rock« Sterling an.
Unter dem Namen Boogie Down Productions produzierten KRS-One und La Rock ab 1986 ihre ersten Underground-Hits mit Stücken wie »South Bronx« und »The Bridge Is Over«, die ein Jahr später in dem heute legendären Album »Criminal Minded« erschienen.
»Criminal Minded« schickte aggressive und eindringliche Schockwellen aus den Boxen, einen Sound, der Maßstäbe setzte. KRS-Ones wortgewaltige Texte, die von seinen Erlebnissen auf der Straße geprägt waren, machten ihn zum neuen Star der HipHop-Szene. 1988 veröffentlichte er mit der Platte »By All Means Necessary« einen weiteren Meilenstein.
Nachdem er auf dem Cover des Albums ein bekanntes Foto des radikalen schwarzen Bürgerrechtlers Malcolm X nachgestellt hatte, in militanter Pose mit einer Maschinenpistole, avancierte KRS-One kurze Zeit später zu einem der Pioniere des Rap mit sozialen Obertönen. »Ich wurde mir meiner Verantwortung und meiner Vorbildrolle als Rapper bewusst«, sagt der Musiker. Auf Grund seiner Erfahrungen als Obdachloser habe er »über andere Sachen sprechen können als andere Rapper«. Dabei allein blieb es nicht. KRS-One gründete viel beachtete Initiativen wie die »Stop the Violence«-Bewegung gegen Gewaltverherrlichung im HipHop, und er setzte sich für soziale Reformen im amerikanischen Bildungssystem ein. Tatsächlich rückte KRS-One in den vergangenen Jahren mehr als engagierter und rhetorisch versierter Kommentator und Kritiker ins Blickfeld, weniger als Musiker. Jetzt erschien wieder ein Album: »The Sneak Attack«.
Der Rapper, der sich selbstbewusst als »ersten und offiziellen Lehrer« des Hip-Hop bezeichnet, absolviert jedes Jahr etliche Diskussionen und Vorträge an Universitäten wie Harvard oder Yale. Er veröffentlichte diverse Artikel, unter anderem in der »New York Times«.
Sein bislang ambitioniertestes Projekt: der »Temple of HipHop«. Gegründet 1998, soll aus dem HipHop-Tempel eine Schule entstehen, die in neun von KRS-One festgelegten HipHop-Elementen (Breakdancing, MCing, Graffiti, DJing, Beatboxing, Mode, Sprache, Philosophie und Wirtschaft) Unterricht anbietet.
Bis Finanzierung und Organisation einer eigenen Schule stehen, setzt sich der Tempel-Verein »für die Bewahrung eines bewusstseinsorientierten HipHop ein«. Zu den nach eigenen Angaben 25 000 Mitgliedern gehören HipHop-Größen wie Afrika Bambaataa, Kool DJ Herc, Chuck D und Grandmaster Flash.
»Wir machen nicht nur HipHop, wir sind HipHop«, sagt KRS-One. »HipHop ist nicht nur ein Musikgenre, sondern eine viele Lebensaspekte umfassende Kultur«, verkündet der Rap-Dozent. »Das sollen die Leute endlich begreifen.« HEIKO HOFFMANN