»Ich bin doch kein Prophet«
SPIEGEL: Herr Sommer, bei der Hauptversammlung am Dienstag dieser Woche müssen Sie sich den wütenden Kleinaktionären stellen, und die meistgestellte Frage dürfte sein: »Was haben Sie mit meinem Geld gemacht?« Wird die Veranstaltung zu einem Volkstribunal für das Management der Telekom?
Sommer: Hauptversammlungen haben ja ihre eigene Dynamik, und deshalb ist so etwas schwer einzuschätzen. Wir rechnen damit, dass immerhin fast 10 000 Aktionäre nach Köln kommen. Aber ich glaube nicht, dass die Emotionen hochkochen.
SPIEGEL: Im vorigen Jahr stand der Kurs der T-Aktie bei etwa 70 Euro - Sie wurden gefeiert wie ein Showstar. Jetzt liegt der Kurs bei unter 30 Euro, und Sie gelten als »Minus-Mann« oder als »Dax-Fallobst«. Fürchten Sie nicht, ausgebuht zu werden?
Sommer: Ich verstehe, wenn Anleger emotional reagieren, denn es geht für sie ja auch um etwas sehr Emotionales, nämlich ihr Geld. Und deshalb wird es sicher den einen oder anderen unangenehmen Redebeitrag geben. Aber mein Job ist es nicht, Emotionen mit Emotionen zu beantworten. Ich setze eher auf die Chance, in der Kommunikation mit den Anlegern für mehr Transparenz zu sorgen.
SPIEGEL: Einige Aktionäre haben bereits angekündigt, dem Vorstand die Entlastung zu verweigern.
Sommer: Solche Anträge gab es früher auch schon. In diesem Jahr kann ich sie aber überhaupt nicht nachvollziehen, denn wir haben ein sehr gutes unternehmerisches Jahr hinter uns - trotz des schwierigen Umfelds.
SPIEGEL: Immerhin haben bis jetzt nur die Anleger einen guten Schnitt gemacht, die beim ersten Börsengang eingestiegen sind. Alle anderen haben bis zu drei Viertel ihres eingesetzten Kapitals verloren.
Sommer: Natürlich gibt es Anleger, die zu einem höheren Kurs als dem jetzigen gekauft haben. Daneben gibt es aber auch sehr viele Kleinaktionäre, die beim Höchststand von über 100 Euro ihre Papiere verkauft haben.
SPIEGEL: Das hört sich fast so an wie die Antwort Ihres Werbestars Manfred Krug, der einem erbosten Anleger schrieb: »Sie konnten den Hals nicht voll kriegen. Jetzt muss ich mir Ihr Gejammer anhören.«
Sommer: Zu der persönlichen Korrespondenz von Herrn Krug will ich mich nicht äußern. Das ist dessen Angelegenheit, und wir können Herrn Krug nicht den Mund verbieten. Aber dass mit der T-Aktie auch gewaltige Beträge verdient wurden, steht doch völlig außer Frage.
SPIEGEL: Mit dieser Erklärung werden sich die Verlierer kaum zufrieden geben. Viele geben Ihnen die Schuld am anhaltenden Kursverfall.
Sommer: Natürlich bin ich auch verantwortlich für den Aktienkurs. Aber der Kurssturz betrifft ja nicht die Telekom allein. Das ist ein globales Börsenthema, und es enthält ein Problem von grundsätzlicher Bedeutung: Wie kann man die Finanzsysteme so verbessern, dass nicht sämtliche Firmen über einen Kamm geschoren werden? Es ist doch nicht erklärbar, warum alle Firmen einer Branche an der Börse gleichzeitig abstürzen. Logisch wäre für mich, wenn die Firma A abstürzt, weil sie in Schwierigkeiten steckt, und Firma B oben bleibt, weil die Geschäfte gut laufen. Wenn es diese Differenzierung gäbe, stünde der Telekom-Kurs deutlich höher.
SPIEGEL: Die Frage lautet aber auch: Haben Sie genug getan, um die Kleinanleger auf die Wechselbäder an der Börse ausreichend vorzubereiten?
Sommer: Wenn Sie unsere vier Börsengänge anschauen, dann werden Sie feststellen, dass ich nie versucht habe, beim Ausgabekurs noch den letzten Euro rauszupressen, sondern stets auch die langfristige nachbörsliche Entwicklung im Blick hatte.
SPIEGEL: Für die Anleger, die beim letzten Börsengang zu 66,5 Euro eingestiegen sind, dürfte das wie Hohn klingen.
Sommer: Aber ich bitte Sie, ich bin doch kein Prophet. Als wir vergangenes Jahr den Ausgabekurs festlegten, war ich fest überzeugt, dass wir nach dem Rückgang von 100 auf 60 die Talsohle durchschritten hätten. Und das war nicht nur meine Meinung. Wir sind ja immer von den besten Experten der Welt umgeben, die uns für teures Geld beraten. Keiner hatte erwartet, dass die Börse diesen Absturz erlebt.
SPIEGEL: Auch T-Online hat sich nach dem Börsengang nicht gerade gut entwickelt.
Sommer: Wenn Sie den heutigen Kurs nehmen, haben Sie Recht. Aber schauen Sie sich das Umfeld vor einem Jahr an. Damals sagten alle, das Börsenklima ist so schlecht, wie könnt ihr eine Aktienemission wagen. Als ordentlicher Segler, der bei jedem Wetter rausfährt, habe ich es trotzdem gewagt. Aber wie schwer ein Gewitter wirklich aussehen kann, das wissen wir erst jetzt.
SPIEGEL: Hätten Sie nicht wenigstens die Analysten und Banken bremsen müssen, als die T-Aktie beim Höchststand immer noch zum Kauf empfohlen wurde?
Sommer: Ich habe überhaupt nicht das Recht, den Kurs rauf- oder runterzureden. Ich würde mich strafbar machen, wenn ich das täte. Allerdings habe ich wenig Verständnis dafür, wenn die gleichen Analysten, die beim Kurs von 100 Euro zum Kauf der T-Aktie geraten haben, jetzt bei 30 Euro zum Verkauf raten, obwohl die Telekom heute viel kräftiger und gesünder dasteht als vor einem Jahr. Das ist doch der entscheidende Punkt.
SPIEGEL: Nun gibt es für den Kursverfall auch hausgemachte Gründe wie etwa die Fehlbewertung der Immobilien. Kam die Abwertung um 3,9 Milliarden Mark, die Sie im März vorgenommen haben, nicht um Jahre zu spät?
Sommer: Auf unseren Aktienkurs hatte die Korrektur keinerlei Auswirkungen. Die Gerüchte über eine vermeintliche Fehlbewertung unserer Immobilien gibt es, seit ich bei der Telekom bin. Im Markt hat die Abwertung um knapp 4 Milliarden bei einer Bilanzsumme von 250 Milliarden Mark nie eine Rolle gespielt.
SPIEGEL: Viele Kleinaktionäre verlieren aber angesichts solcher Vorgänge das Vertrauen in die Deutsche Telekom.
Sommer: Da unterschätzen Sie unsere Kleinaktionäre gewaltig. Das Immobilienthema hat auf deren Anlageentscheidung keinen Einfluss.
SPIEGEL: Immerhin mussten die T-Aktionäre zur Kenntnis nehmen, dass die Staatsanwaltschaft gegen Telekom-Vorstände und auch gegen Sie persönlich wegen Kapitalanlagebetrugs und Bilanzfälschung ermittelt. Meinen Sie wirklich, das geht an den Aktionären spurlos vorbei?
Sommer: Solche Vorgänge sind gut für eine Schlagzeile wie »Sommer im Visier der Staatsanwaltschaft«. Die Aktionäre kümmert das nicht. Kein Mensch verkauft deswegen seine Aktien.
SPIEGEL: Können Sie sich als Beschuldigter auf der Hauptversammlung überhaupt zu diesem Thema äußern?
Sommer: Es gibt zu dem Komplex von uns sehr klare Aussagen, die wir auf der Hauptversammlung vertiefen werden, um die Sache noch deutlicher zu machen. Zurückhaltung ist mit Aussagen geboten, die Personen betreffen, weil das als Beeinflussung von Zeugen gewertet werden könnte.
SPIEGEL: Ist das der Grund, warum Sie zu den Vorwürfen Ihres ehemaligen Immobilienchefs Frerich Görts, der ja ein Haupttreiber in der ganzen Affäre ist, bisher keine Stellung bezogen haben?
Sommer: Ja, wir haben uns mit Sachfragen sehr detailliert auseinander gesetzt. Nicht jedoch mit irgendwelchen Personen, die im Hintergrund ihre Spielchen treiben.
SPIEGEL: Herr Görts ist ja nicht irgendeine Person. Er war Staatssekretär, Personalvorstand der Telekom und später Chef der DeTe-Immobilien. In Briefen an Sie persönlich hat er schon 1998 auf eine drohende Fehlbewertung der Immobilien in Milliardenhöhe aufmerksam gemacht. Sind Sie damit nicht zu lässig umgegangen?
Sommer: Nein, wir haben reagiert. Wir haben die Methoden, nach denen unsere Bilanzen aufgestellt wurden, von Sachverständigen minutiös überprüfen lassen ...
SPIEGEL: ... und Herrn Görts fristlos gefeuert.
Sommer: Dazu kann ich mich nur sehr allgemein äußern: Jeder Vorstandsvorsitzende muss seinen Konzern vor Erpressungsversuchen schützen. Wenn man das konsequent tut, muss man auch damit rechnen, Gegenstand von unappetitlichen Auseinandersetzungen zu werden.
SPIEGEL: Sie sehen sich als Opfer?
Sommer: Sicherlich genieße ich es nicht, den Staatsanwalt im Haus zu haben. Aber noch einmal: Bei uns ist nichts unseriös gelaufen, weder beim Eröffnungsbörsengang noch später.
SPIEGEL: Genau das behaupten aber einige Aktionäre und haben Schadensersatzklagen wegen falscher Angaben im Börsenprospekt eingereicht. Was würde der Erfolg solcher Klagen für die Telekom bedeuten?
Sommer: Wir sehen den Klagen sehr gelassen entgegen. Das eigentliche Dilemma ist ein anderes: Das Thema ist so komplex, dass es uns wohl noch lange beschäftigen wird und uns damit von wirklich wichtigen Dingen abhält. Die Komplexität sehen Sie auch daran, dass die Börsenaufsicht die Abwertung noch nicht akzeptiert hat.
SPIEGEL: Neben der Immobilienaffäre irritiert viele Anleger auch Ihr geplanter US-Deal. Vor allem der gewaltige Kaufpreis von rund 100 Milliarden Mark, den Sie für die Mobilfunkgesellschaft Voicestream bezahlen wollen, stößt auf Unverständnis. Was werden Sie besorgten Aktionären auf der Hauptversammlung in Köln entgegenhalten?
Sommer: Ich glaube, der Preis wird heute akzeptiert. Jetzt geht es um die Umsetzung der Strategie und um die Gewinnung von Marktanteilen in den USA, wo wir Lizenzen haben, um 97 Prozent der Bevölkerung zu erreichen.
SPIEGEL: Mit Lizenzen allein kann man noch nicht telefonieren. Wie viel Geld müssen Sie noch ausgeben, bis das Netz in den USA steht?
Sommer: Unsere Pläne sehen vor, dass wir zwei Milliarden Dollar pro Jahr investieren müssen, um die Netze und die Vertriebsorganisation aufzubauen. Dann werden wir auf Grund der überlegenen GSM-Technik aber einen großen Vorsprung haben.
SPIEGEL: Vorausgesetzt, der Deal wird wirklich abgeschlossen. Noch können die Amerikaner ablehnen, weil der Kurs der Telekom mit weniger als 26 Euro deutlich unter dem vereinbarten Referenzkurs von 33 Euro liegt. Rechnen Sie mit Problemen?
Sommer: Die Frage sollten Sie John Stanton und den anderen Voicestream-Aktionären stellen, die sind die Verkäufer. Alles, was ich bisher gehört habe, deutet darauf hin, dass wir uns keine Sorgen machen müssen.
SPIEGEL: So richtig überzeugend scheinen Ihre Argumente trotzdem nicht zu sein.
Sommer: Warum?
SPIEGEL: Immerhin haben Sie in den vergangenen Wochen mit gewaltigem Aufwand versucht, Großinvestoren in aller Welt von Ihrem Konzept zu überzeugen. Auf den Aktienkurs hat sich das nicht sonderlich positiv ausgewirkt. War die »Mutter aller Roadshows«, wie Sie die Rundreise selbst genannt haben, ein Flop?
Sommer: Das ist eine Frage der Definition. Investoren definieren den Erfolg darin, dass sie sagen: »Wir haben einen Informationsgewinn, wir verstehen die Story der Telekom besser, und wir sind eher motiviert zu kaufen als zu verkaufen.«
SPIEGEL: Genau das müsste doch zu steigenden Preisen führen. Oder verstehen wir die Börsenregeln falsch?
Sommer: Überhaupt nicht. Die Börsenregeln besagen aber auch, dass der Preis fällt, wenn ein großes Angebot da ist.
SPIEGEL: Und das ist momentan der Fall?
Sommer: Ja. Wir haben vertraglich vereinbart, dass die fünf großen Voicestream-Aktionäre jeweils 17 Prozent ihrer Aktien in einer relativ kurzen Zeitspanne vor der Übernahme abstoßen können. Das ist eine gewaltige Summe, die der Markt aufnehmen muss. Darauf haben wir die Investoren bei der Roadshow vorbereitet.
SPIEGEL: Mit Erfolg?
Sommer: Ich bin zufrieden. Vor zwei Wochen hat bereits einer der Aktionäre, die finnische Telefongesellschaft Sonera, ihre Anteile am Markt verkauft. Das waren immerhin zwölf Millionen Aktien. Die sind von langfristig orientierten Großanlegern genommen worden, ohne dass es zu größeren Kursverlusten gekommen ist. Ich bin zuversichtlich, dass der Markt auch die weiteren Verkäufe so locker verarbeitet.
SPIEGEL: Wie schätzen Sie die Chancen, dass der seit langem geplante Börsengang Ihrer Handy-Tochter T-Mobil noch in diesem Jahr stattfindet?
Sommer: Wir werden das im vierten Quartal prüfen. Nur wenn der Zeitpunkt optimal ist, gehen wir an die Börse.
SPIEGEL: Eine erneute Verschiebung könnte Sie aber teuer zu stehen kommen. Immerhin drohen Rating-Agenturen damit, die Bonität der Telekom herabzustufen, wenn es in diesem Jahr keinen Börsengang der Handy-Tochter gibt.
Sommer: Eine Herabstufung würde uns rund 90 Millionen Euro pro Jahr kosten. Das zahlt niemand gern, aber ein misslungener Börsengang würde ein Vielfaches kosten. Deshalb kann ich nur sagen: Wir lassen uns nicht drängen.
SPIEGEL: Herr Sommer, vor dem ersten Börsengang haben Sie den künftigen Aktionären versichert: »Die T-Aktie wird so sicher wie eine vererbbare Zusatzrente sein.« Im Mai 2000, bei einem Kurs von 62 Euro, sagten Sie: »Wer jetzt einsteigt, kann sich auf ein phantastisches Potenzial freuen.« Ein halbes Jahr später, bei einem Kurs von 36 Euro, hieß es: »Nicht nervös werden!« Was raten Sie den Anlegern heute?
Sommer: Jemandem, der spekulieren will, dem kann ich keinen Rat geben. Aber wenn wir sehen, wie schnell sich Phasen ändern können, dann gibt es doch keinen Grund anzunehmen, dass die jetzige Schwächeperiode bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag anhält. Und wenn die Börsen wieder nach oben gehen, kenne ich kein Unternehmen, das bessere Chancen hat als die Deutsche Telekom.
SPIEGEL: Herr Sommer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Frank Dohmen, Klaus-Peter Kerbusk in derTelekom-Niederlassung in Hamburg.