Narziss und Schmollmund - DER SPIEGEL
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Narziss und Schmollmund

Pflichtbewusstsein, Anstand, Benehmen - die Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf fordert unter dem Beifall vieler Bürger die Eltern zu mehr Strenge gegenüber ihren Kindern auf. Doch was helfen konservative Erziehungsmethoden gegen die Gefährdungen in der Pubertät heutzutage?
Von Nikolaus von Festenberg, Angela Gatterburg und Ulrike Knöfel
• aus DER SPIEGEL 22/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Manchmal ist guter Rat gar nicht teuer. »Unsere Tochter bekommt fünf Mark die Woche Taschengeld«, verkündete Doris Schröder-Köpf, 37, die Frau des amtierenden Bundeskanzlers. Und die Nation erbebte, als hätte da jemand etwas Ungeheuerliches gesagt.

Denn wie Frau Doris Millionen deutsche Eltern belehrte, das klang nach der Wiederauferstehung jener Pädagogik, der nicht nur jeder Stammtisch hier zu Lande zujubelt, sondern der auch laut einer Forsa-Umfrage für RTL eine klare Mehrheit der Deutschen (62 Prozent) zustimmt: »Wir müssen unsere Kinder wieder mehr erziehen und ihnen Werte vermitteln. Pflichtbewusstsein, Fleiß, Aufrichtigkeit, Hilfsbereitschaft, Verlässlichkeit, Anstand, richtiges Benehmen - das sind für mich keine konservativen Klischees, sondern Tugenden und Werte, die wir von Generation zu Generation weitergeben müssen. Nur dann kann unser Gemeinwesen auf Dauer funktionieren.«

Das laute Kopfnicken aus den Kreisen der Medien- und Politikerelite folgte prompt. Der bisher als Erziehungsexperte unentdeckte TV-Moderator Günther Jauch, 44 ("Wer wird Millionär?"), pries die segensreiche Wirkung des täglichen Klavierübens auf seine Kinder: »Die klassische halbe Stunde, das gehört absolut zur Bildung dazu.« Der Teamchef der deutschen Fußballnationalmannschaft, Rudi Völler, 41, nahm die Schröder-Köpf-Vorlage auf und erläuterte sein erzieherisches Nein zum Handy bei seinen Kindern: »Das ist mir mit den ganzen Spielen und den SMS-Mitteilungen einfach zu viel. Das hat noch Zeit.«

Gegen den unheiligen Druck von Markenklamotten auf die lieben Kleinen empfahl beispielsweise die CDU-Vorsitzende Angela Merkel, 46, »einen Modellversuch mit schicken Schuluniformen. Eine Schuluniform stützt das Gemeinschaftgefühl«. Und Elisabeth Fürstin von Bismarck, 62, gab als Rezept für das Gelingen ihrer vier Kinder zu Protokoll: »Ich habe als Kind jeden Abend gebetet. Mit meinen Kindern habe ich auch gebetet, abends im Bettchen oder in der Natur.«

Klavierüben, Schuluniform oder fürstliche Gebete zur guten Nacht - die Debatte, die Schröder-Köpf angestoßen hat, mag angestaubte Schlagworte und Rezepte zu Tage gefördert haben, aber sie zeigt zugleich die tiefe Verunsicherung und Hilflosigkeit, die in Deutschland beim Thema Erziehung herrscht. Was mit ihren Kindern - vor allem in der Pubertät - geschieht, bereitet mehr und mehr Eltern hier zu Lande Sorge.

Was steckt hinter den alarmierenden Berichten über Gewalt, steigenden Drogenkonsum und die Selbstmordneigung unter Jugendlichen?

Wie sollen Eltern reagieren, wenn schon 14-jährige Mädchen eine Schönheitsoperation über sich ergehen lassen wollen, um nicht in der Clique scheel angesehen zu werden? Welche inneren Verletzungen bringen sich Jugendliche bei, wenn sie unter sich sind? Wie finden Väter und Mütter überhaupt noch einen Zugang zu dem, was in den pubertierenden Kids vorgeht?

Verwöhnte Kinder (SPIEGEL 33/2000), motivationslose Jugendliche und überforderte Lehrer zeigen: Die Wiedergewinnung gemeinsamer Erziehungsüberzeugungen ist eine zentrale Aufgabe des Gemeinwesens, mindestens so wichtig wie der Aufbau einer weltmarkttauglichen Wissensgesellschaft.

Mit Bestimmtheit zu sagen, wie »richtige« Erziehung heute aussehen soll, ist schwer, zu sehr hat die Modernisierung der Gesellschaft die Bedeutung von Familie und Elternhaus verändert, mischen sich Medien in die Pädagogik ein, definieren wirtschaftliche Anforderungen neu, wie lange Jugend dauert, was Reife bedeutet, welche Normen Bestand haben.

Zu drastischer Kinderdressur und Schwarzer Pädagogik zurückzukehren wäre fatal. Knapp bemessenes Taschengeld und eine strenge Festlegung von Zu-Bett-Geh-Zeiten mögen das chronisch schlechte Gewissen der Eltern beruhigen, eine Garantie für den Erziehungserfolg sind sie nicht.

Viele überkommene Vorstellungen von Kindheit und Adoleszenz als Durchgangsstufen zum Erwachsensein müssen nach Ansicht von Experten neu überdacht werden. Pubertät beginnt heute viel früher, und die Adoleszenz dauert viel länger als je zuvor - das bedeutet eine große Herausforderung für die Eltern. Denn kaum ein Vater und kaum eine Mutter ahnt, in welche Schwierigkeiten ihre Kinder geraten, wenn sie den gegenläufigen Normen von Schule, Clique, Jugendkultur und Elternhaus genügen und zugleich sich selbst finden wollen.

So einfach, mit einem guten Jugendbuch, Geigenunterricht, elterlichen Rügen und knapp bemessenem Taschengeld bringt man seine Kinder nicht über diese gefahrenreiche Passage, in der die Weichen für das spätere Leben gestellt werden.

Das zeigen auch Berichte, die Jungen und Mädchen von ihren Erfahrungen als Austauschschüler aus den USA zurückbringen: In den Upper-Class-Familien der Staaten wird in der Phase der Vorpubertät in viel stärkerem Maße als hier zu Lande die Einhaltung formaler Regeln eingefordert. Harmloser und braver sind US-Boys und -Girls in der Pubertät darum nicht, sie müssen nur einen größeren Aufwand treiben, Eltern und Erziehern etwas vorzulügen.

Anstand und Pflichtbewusstsein sind schöne Tugenden, aber jeder, der einmal versucht hat, sich einem in pubertärem Trotz erstarrten oder von Modefimmeln besessenen Jungen oder Mädchen mit Vernunft zu nähern, kennt die unendlichen Wirren zwischen Erziehungsideal und Wirklichkeit.

»Man hält nicht für möglich, auf welch unvorhersehbare Weise sich ein ehemals süßes Baby entwickelt«, klagt Julia, die Mutter eines 14-Jährigen. Ihr Sohn erwartet Essen, saubere Wäsche und Taschengeld, ignoriert seine Mutter im Übrigen meistens oder beschimpft sie als »Scheißalte« oder »blöde Kuh«.

Diese Schmähungen seien für sie extrem kränkend, sagt die Alleinerziehende, 38, und es tröstet sie wenig, wenn sie in klugen Ratgebern liest, dass Jugendliche mit Grenzverletzungen und Übertretungen dieser Art versuchen, ihre Eltern zu emotionalisieren.

»Die pubertieren heute anders als wir damals«, sagt die leidgeprüfte Frau.

So sehen es auch Soziologen und Pädagogen. Heute habe pubertäres Leiden und Erleben eine andere Qualität als noch vor Jahrzehnten, erklärt der Hannoveraner Kultursoziologe und Erziehungswissenschaftler Thomas Ziehe, 53. Die moderne Leistungsgesellschaft stellt hohe Anforderungen an junge Menschen, aber verlässliche Regeln, Schutz und Sicherheit biete sie kaum. Erziehungswissenschaftler Ziehe: »Wir haben uns von einer politischen in eine quasi private Gesellschaft verwandelt, die sich permanent selbst bespiegelt, eine Art innere Videokamera auf sich richtet.«

Und deren Bilder machten einen nicht gerade sicherer. »Die Sorge, nicht bestehen zu können vor den eigenen Ansprüchen und denen der anderen, die Angst, menschlich durchzufallen«, so Ziehe, sei wie »ein inneres Grundrauschen, das ich fast nicht überhören kann«.

Und vielleicht war Pubertät noch nie so schwer wie heute. Jeder fünfte Pubertierende ist phasenweise verhaltensauffällig, depressiv oder neigt zu Gewalttätigkeit, Drogen- und Alkoholkonsum und Kriminalität.

Gewalt ist ständig präsent im jugendlichen Alltag, und es wird kaum jemanden trösten, wenn Experten beschwichtigen, die hohe Gewaltquote beruhe auf der gestiegenen Bereitschaft junger Menschen, die Delikte, die ihnen Gleichaltrige angetan haben, anzuzeigen.

Eine Studie der Universität Bremen ergab, dass sich Jugendliche im Alter zwischen 12 und 17 Jahren in alarmierend hoher Zahl mit Selbstmordgedanken tragen. Von 1035 Jugendlichen hatten 30 bereits einen Suizidversuch unternommen, fast jeder zehnte eine Selbsttötung erwogen. Die Studie belegt zudem eine mit dem Alter steigende Suchtbereitschaft: Ein- bis zweimal pro Woche Alkohol zu trinken war mehr als einem Fünftel der 16- bis 17-Jährigen selbstverständlich.

Und wenn Statistiker nach den Wertorientierungen der Jungen fragen, stoßen sie auf eine merkwürdige Indifferenz. In einer vergleichenden Studie unter 15- bis 27-Jährigen in Baden-Württemberg und Sachsen stimmen 38 beziehungsweise 44 Prozent der Befragten der Auffassung zu, dass »man nicht weit damit kommt«, wenn man nach ethisch-moralischen Grundsätzen lebt. Andere Untersuchungen wie die Shell-Studie ergeben ein viel freundlicheres Bild von den Jungen: Da ist von gewachsener Zuversicht und Leistungsbereitschaft die Rede.

Wolfgang Melzer, Professor für Schulpädagogik an der Universität Dresden sieht bei den Jungen das erstaunliche Phänomen, »dass instrumentelle, das heißt auf den eigenen Nutzen zielende Einstellungen und Altruismus beziehungsweise Postmaterialismus keine Gegensätze mehr darstellen«.

Alltagserfahrungen bestätigen diese merkwürdige Existenz von zwei Seelen in der Brust von Jugendlichen: Die eben noch arrogant den Sozialkundelehrer mit seinen grünen Öko-Idealen als uncool haben abblitzen lassen, traben wenig später brav zur Demo gegen die teilweise Zuschüttung eines Süßwasserwatts, das der Ausweitung des Hamburger Airbus-Werks geopfert werden soll.

Und vielleicht hat Erziehungswissenschaftler Ziehe mit seiner Beobachtung Recht, dass die Bereitschaft, aber auch Fähigkeit, über Werte zu diskutieren, bei jungen Menschen stark abgenommen hat. Ziehe: »Das ist eine Schwäche der Umfragen: Die Jugendlichen verstehen zum Teil die Fragen überhaupt nicht und kreuzen dann irgendetwas an. Die Statistiken sind entsprechend unzuverlässig.«

Die ethisch-politische Dauerreflexion, mit der die 68er-Generation die Welt in Gut und Böse einteilte und nach der sich die Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen richtete, hat bei den meisten Jugendlichen ausgedient. Die kulturellen Pubertätsmuster früherer Epochen wirken ebenfalls fremd auf heutige Jugendliche.

Was sollen sie anfangen mit dem Schicksal einer Madame Bovary, die sich während ihrer Pubertät hinter Klostermauern durch die Lektüre von romantisch-empfindsamen Romanen ihr Bild vom passenden Mann verdarb? Welcher junge Mann lernt etwas von Tonio Krögers vornehm-einsamem Kummer, wer will sich heute ernsthaft mit den Verwirrungen des Zöglings Törless auseinander setzen?

Die Kampfzone von Jugendlichen sieht anders aus. Sicher, die Tränen stolzer Einsamkeit fließen auch heute noch, wie Popstar Sasha über seinen Gang durch die Hölle der Pubertät berichtet (siehe Interview); aber an die Stelle des Sinnierens über die Welt, des Abtauchens in literarische Gegenwelten, ist die Macht der Cliquen getreten, von Soziologen »Peers« genannt. Diese Peers sind die neue Erziehungsmacht: Waren in den sechziger Jahren nur 16 Prozent in Cliquen von Gleichaltrigen eingebunden, so waren es in den achtziger Jahren schon 60 Prozent. In diesen Gruppen weht ein scharfer Wind, und ein Teenager mit der Schröder-Köpf-Weise »Üb immer Treu und Redlichkeit« im Herzen hätte einen schweren Stand. In der heutigen Pubertät zählt nicht Ethik, sondern Schönheit.

Der oscargekrönte Film »American Beauty« zeigt das moderne Drama der Pubertät umfassend und drastisch: Jane, einsame Teenagertochter frustrierter Eltern, leidet unter der frostigen Atmosphäre zu Hause, schämt sich für ihren Vater, der ihre hübsche Freundin anbaggert und spart auf eine Busenoperation, weil sie ihre Brüste nicht mag.

Ziehe spricht von einer »aesthetic correctness«, die bei immer mehr Jugendlichen für Leidensdruck sorgt. Längst üben Madonna und Jennifer Lopez, Robbie Williams und die glatt geföhnten Soap-Helden von »Gute Zeiten, schlechte Zeiten« erzieherische Macht über die Kids aus, prägen deren Weltbild, setzen Standards, was Aussehen, Verhalten, Einstellungen angeht. Die überlieferten kulturellen Abgrenzungen haben sich verwischt oder sind gänzlich verschwunden. »Heute muss alles perfekt sein«, sagt Angela Schürmann in einem »Brigitte«-Interview. Die Psychotherapeutin und ärztliche Direktorin am Ostseezentrum in Neustadt (Holstein) hat selbst eine 16-jährige Tochter.

»Bevor die Mädchen in die Disco gehen, wird erst einmal stundenlang jedes Härchen entfernt: Die Beine müssen ganz glatt rasiert sein, und inzwischen wird auch die Bikini-Zone gestylt.« Es sei schön, sich zu schmücken und zu schminken, so Schürmann, aber die Mädchen gingen ja nicht einmal ungestylt zum Briefkasten an der Ecke. »Natürlich gibt es immer noch Mädchen, die sagen, ich mache jetzt eine Radtour, da ist es wurscht, wie ich aussehe. Oder ich kann wunderbar Geige spielen, da ist es mir egal, wie dick meine Brillengläser sind. Aber die werden nicht gut angesehen.«

Auch Stefanie Müller, plastische Chirurgin in Berlin mit 20 Jahren Berufserfahrung, konstatiert, dass der Druck, einem Ideal nachzurennen, für junge Mädchen heute sehr groß ist, »viel stärker als noch vor Jahren«. Schönheitsvorbilder habe es immer gegeben, so Müller, für Männer wie für Frauen, für Jungen und für Mädchen, doch heute werde ihre Nachahmung viel forcierter angestrebt.

In den USA, wo Müller eine Zeit lang hospitiert hat, sind Nasenoperationen bei jungen Mädchen längst üblich, um deren Chancen auf dem Beziehungsmarkt zu verbessern. So weit sei es in Deutschland noch nicht, erklärt Müller, doch die Verhältnisse würden sich früher oder später wohl den amerikanischen angleichen.

In ihrer Praxis geht es häufig um die klassischen Problemzonen: Bauch, Beine, Po. Junge Mädchen kommen oft allein, manchmal auch mit ihren Eltern. Diese wirken häufig bremsend, wenn die Tochter eine Operation vornehmen lassen will. Manchmal aber auch völlig verzweifelt - etwa, wenn die Tochter exzessiv hungert, um ihre Traumfigur zu erreichen.

Wenn Mädchen eine starke Veranlagung zu den so genannten Reiterhosen haben, also zu Fettansammlungen an den Oberschenkeln, sagt Müller, sei die Chance, das durch Diät oder durch Sport zu verbessern, sehr gering. »In einem solchen Fall überlege ich gemeinsam mit den Eltern, wie man die Körpersilhouette verbessern kann an den Stellen, die das Mädchen belasten - bevor sie trotzig weiter hungert und magersüchtig oder bulimisch wird. Das halte ich in diesen Fällen für die bessere Lösung.«

Brustvergrößerungen bei jungen Mädchen lehnt Stefanie Müller ab, sehr große Brüste hingegen könnten für sonst insgesamt schlanke Teenager sehr belastend sein, »da operiere ich schon mal«. Es kommen auch immer mehr junge Männer zu ihr, die einen Waschbrettbauch wollen.

Was cool aussieht, ist schwere Arbeit und in letzter Zeit offenbar für die Jugendlichen immer schwerer geworden: Gnadenlos ist der Blick in der Clique aufeinander, immer anspruchsvoller, aufwendiger und teurer werden das tägliche Styling, die lässige Selbstinszenierung, die vorgetäuschte Sorglosigkeit, was die eigene Zukunft angeht.

In dem erfolgreichen Romandebüt »Crazy«, das der damals 17-jährige Benjamin Lebert verfasste, klingt das so: »Anstatt zu schlafen«, gelte es, »eine Feuerleiter hinaufzuklettern, zu saufen, was das Zeug hält, mal eben ein bisschen zu vögeln und nebenbei erwachsen zu werden.«

Es sei schwer, in einer auf Jugendlichkeit fixierten Gesellschaft erwachsen zu werden, sagt Dieter Thomä, Philosophieprofessor an der Universität von St. Gallen und Vater einer 16-jährigen Tochter und eines 12-jährigen Sohns im SPIEGEL-Gespräch (Seite 125): Gerade weil die Gesellschaft sich »ein so jugendliches Profil gibt«, so Thomä, wolle man schnell in ihr Fuß fassen und sehe sich gleichzeitig ängstlich beim Älterwerden zu.

Jung sein, schön sein: Die permanente Ästhetisierung des Daseins ist heute ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, man hat nicht alt, nicht dick, nicht hässlich, nicht arm zu sein. Dazu kommt die Sexualisierung der öffentlichen Sphäre, das tägliche Nachmittags-Rhabarbern im Fernsehen - infantile Egozentrik, wohin man blickt.

Die Grenzen zwischen dämlich und kindisch, pubertär und halb erwachsen sind inzwischen fließend, behauptet auch der amerikanische Gesellschaftskritiker Robert Bly in seinem Buch »Die kindliche Gesellschaft«, die Regentschaft der Halberwachsenen habe längst begonnen. Infantile Wunschgetriebenheit entdeckt Bly überall, eine kollektive kindliche Genusssucht, bei Kindern wie Erwachsenen, einen allgegenwärtigen Zwang zur perfekten Selbstdarstellung.

»Ich wollte, ich könnte mal ohne Gel in den Haaren in die Schule gehen«, erklärt Lukas, 14. »Aber wie die anderen mich angucken würden, ey, wie siehst du denn aus. Nee, das geht einfach nicht.« Seine Cliquenfreundin Daniela, 15, bestätigt den Terror um gutes Aussehen: »Gucci und Ralph Lauren sind angesagt. Schuhe von Deichmann oder Klamotten von Tchibo sind assig. ,Du siehst aus wie ''ne Mülltonne'', sagen die anderen dann.«

Narziss mit Schmollmund - was bleibt Teenagern zu tun, wenn alles Inszenierung ist und es nur noch um einen rasenden ästhetischen Wettbewerb der Lebensstile, der Moden geht, um eine gigantische, extravagante Selbstinszenierung, bei dem Voyeurismus und Jugendkult über tradierte Moral triumphieren?

Der Stylinggesellschaft kann sich niemand entziehen, dem Zwang zum Erfolg ebenso wenig. Viele Pubertierende leiden unter dem permanenten Druck, ungenügend zu sein. »Was soll nur aus dir werden?«, herrschte ein Lehrer den 14-jährigen Schüler Lukas an. »Du wirst bei der Müllabfuhr landen.«

»Was soll nur aus mir werden?«, fragte der Junge zu Hause seine Mutter ängstlich, weinte mehrere Stunden lang und gestand ihr, er habe Angst vor der Zukunft.

Seine 42-jährige Mutter Franziska ist überzeugt davon, dass solche Ausbrüche ihren Sohn entlasten, auch wenn er sich später dafür schämt. »Das Problem der Pubertät ist doch: nicht mehr unbeschwert Kind und noch nicht erwachsen zu sein.« Die Mädchen und Jungen, glaubt sie, hätten alle das Gefühl, nicht in Ordnung zu sein, so wie sie sind. »Und das bekommen sie auch von vielen Lehrern gespiegelt, sie erleben sich als disharmonisch, eckig, nicht im Einklang mit sich selbst.«

Über die Schlabberhosen, in denen ihr Junge herumschlurft wie ein alter Mann, regt sie sich nicht auf: »Ich weiß ja, das geht vorbei.« Immerhin war sie kürzlich einigermaßen erleichtert, als er ihr gestand, Haschisch rauchen käme als Dauerbeschäftigung für ihn schon deshalb nicht in Frage, weil man so bescheuert aussehe, wenn man bekifft sei.

Sie fände es schön, wenn ihr Sohn konkrete menschliche Vorbilder hätte und darüber einen Beruf attraktiv fände, statt mit Tätigkeiten zu liebäugeln, nur weil sie Geld und Statussymbole wie Villa, Boot und dickes Auto einbringen.

»Die sind zwar heute mit der ganzen Welt vernetzt«, so Mutter Franziska, »aber sie kennen sich nicht in ihr aus. Sie haben wenige Erfahrungen mit sich selbst gemacht, es gibt einfach zu wenig Erlebnisräume für sie.« Ihr Sohn bestätigt das. Vor allem im Winter, wo soll man da rumhängen? Am wohlsten hat sich Lukas bezeichnenderweise im Ferienlager gefühlt. »Da spielten Styling und Klamotten keine Rolle, niemand bemühte sich, gut auszusehen«, sagt er, »aber alle bemühten sich, für die Gruppe etwas zu tun.« Seine Klassenkameradin Lina, 14, die ebenfalls dabei war, fand diese zwei Wochen auch großartig. »Endlich mal mehr Sein als Schein«, sagt sie philosophisch.

Die Anforderungen von Jugendlichen an die eigene Zukunft sind hoch, nicht dazuzugehören ist schlimm, »ein Loser zu sein«, so eine Hamburger Mutter, »ist das Schlimmste«.

Haben oder Sein - das ist keine Frage. Der Zielkatalog ist klar: »Ich will erfolgreich sein, gut aussehen und später viel Geld haben«, sagt die 16-jährige Barbara. Was sie allerdings nicht daran hindert, die Schule zu schwänzen und ihre abgesackten Noten mit Gleichgültigkeit zu betrachten. »Na und? Es gibt viele Wege zum Erfolg. Geh ich eben zu Jauch ins Fernsehen.«

Anders als früher sind Teenager heute kleine Spezialisten: Sie mögen ihre eigene innere Labilität nicht verstehen, ihre schnell wechselnden Gefühlswallungen, aber ihr theoretisches Wissen im Bereich Technik, Musik, Sport, Mode, auch ihre Kenntnisse im Bereich von Sexualität und Beziehungen sind beträchtlich.

Auch beobachten Experten einen viel größeren Konformitätsdruck als früher: Die Bereitschaft, jemanden auszugrenzen, weil er die falschen Schuhe, das falsche Handy, den falschen Haarschnitt hat, ist groß.

Was falsch und richtig ist, bestimmt die Clique, und die Wahrheit der Clique ist häufig die Wahrheit, die die Medien proklamieren. Die Flut von betäubenden, manipulierenden Bildern sei noch nie so groß gewesen wie heute, glaubt der Kölner Lehrer Jan Heinrich*: »Die leben quasi unter einer visuellen und akustischen Dunstglocke, das hat es bei früheren Generatio-

nen nicht gegeben.«

Eltern wollen keine rückständigen Technikmuffel sein - entsprechend gut ausgestattet sind Teenager heute: Von den 10,9 Millionen Kindern und Jugendlichen im Alter von 6 bis 17 besitzen 38 Prozent einen Fernseher, rund ein Drittel hat eine Hi-Fi-Anlage, fast ein Fünftel einen Videorecorder. Etwa die Hälfte aller 6- bis 17-Jährigen sitzt bereits am PC.

Kam man vor 20 Jahren noch mit drei Fernsehprogrammen aus, kann man sich heute rund um die Uhr durch unzählige Kanäle zappen. So entstehen erziehungsfreie Räume. Eltern wüssten häufig nicht,

was ihre Sprösslinge da so alles trieben, er-

klärt Lehrer Heinrich. Dass der neueste Hit bei vielen Jungens zum Beispiel darin bestehe, sich möglichst grässliche Bilder von Unfallopfern aus dem Internet herunterzuladen. »Das muss nicht schlimm sein«, erklärt Heinrich, »kann aber Einzelne überfordern und seelisch sehr belasten.«

Eltern wollen einerseits großzügig sein, verständnisvoll, andererseits sind sie schnell entnervt, überfordert, ziehen sich zurück, interessieren sich weder für die Freunde ihrer Kinder noch für deren Hobbys, ihre Musik, ihre Freizeitinteressen. Sie entwickeln eine genervte, resignierte Egal-Haltung. »Das war vielleicht früher auch so«, sagt Pädagoge Heinrich, selbst Vater zweier Töchter, »aber heute kann es sehr viel dramatischere Folgen haben.«

Denn die Jugendlichen, emotional labil und extrem beeinflussbar in der Pubertät, grenzen sich von den Eltern und der Familie ab und wenden sich verstärkt der Außenwelt zu. Das war zwar auch immer so, aber, erklärt Erziehungswissenschaftler Ziehe: »Der Zugang zu allen Dingen der Erwachsenenwelt ist im Vergleich zu früher viel leichter geworden. Die Schwierigkeit zu unterscheiden, richtig zu wählen und auch mal Nein zu sagen, hat stark zugenommen.« Auch die Beschaffung von Alkohol, harten Drogen und Pornografie ist heute beängstigend leicht.

»Manche Dämme«, resümiert Pädagoge Heinrich, »sind inzwischen einfach gebrochen: Die Möglichkeit, mit Bildern und Inhalten in Kontakt zu kommen, hat riesig zugenommen, die Jugendlichen kennen sich, theoretisch jedenfalls, heute besser aus als jede Generation zuvor.« Was sich vor allem männliche Jugendliche an Gewalt- und Sexdarstellungen aus dem Netz besorgten, sei den Eltern häufig nicht klar.

»Die Teenager von gestern waren leichter steuerbar, angepasster, respektvoller«, meint Heinrich. »Vielleicht war das ja bei vielen auch eine Art Autoritätshörigkeit. Heute wirken sie schnell überfordert, unter Druck, ratlos.« Und wenn es einbricht im Alter von 13, 14, 15, dann bricht es richtig ein - und kann zu entscheidenden Weichenstellungen führen. Wie bei der 16-jährigen Laura: Die hochintelligente Schülerin aus einem sozialen Brennpunkt Hamburgs wurde von ihrer ehrgeizigen Mutter auf ein Gymnasium in einem Nobelstadtteil geschickt, wegen der guten Lehrer dort und der kleinen Klassen. Laura fuhr jeden Tag 40 Minuten mit der Bahn zur Schule und 40 Minuten zurück.

Den größten Stress aber bereiteten ihr nicht der Schulweg oder die Leistungsanforderungen, sondern die ständigen Hänseleien der Mitschüler. Jede Pause verbrachte sie allein, zu keinem Fest, zu keinem Ausflug wurde sie eingeladen, ihre schüchternen Angebote, schwächeren Schülern mit den Hausaufgaben zu helfen, wurden kühl abgelehnt. Schließlich erklärte das einsame und verzweifelte Mädchen seiner Mutter, dass sie die Schule hinschmeiße und für ein Jahr in einen israelischen Kibbuz wolle.

Pubertät, das heißt immer auch Entmachtung der Eltern, und diese Entmachtung ist notwendig, denn Jugendliche müssen einen eigenen Weg finden, der für sie oft sehr schwer zu entdecken ist. Pädagoge Heinrich: »Die Grenze zwischen Gut und Böse ist tatsächlich verwischt bei vielen Teenagern, die haben kein Geländer mehr, an dem sie sich entlanghangeln können, und darunter leiden sie unbewusst.«

Eltern leiden gelegentlich auch, das ist unvermeidlich. Verzweiflung gehört zum Elterndasein, und ohne Rückschläge geht es nicht. Die Erziehungsarbeit der ersten elf, zwölf Jahre, glaubt Pädagoge Heinrich, sei ausschlaggebend und prägend.

Ein paar Grundregeln gibt es natürlich, sie klingen wie moderne Management-Empfehlungen: Eltern sollten ansprechbar bleiben, auch wenn ihre Sprösslinge muffig sind, vernünftige Grenzen aushandeln und auf ihre Einhaltung achten, Kindern und Jugendlichen Zeit widmen, statt sie materiell abzuspeisen, mit den wechselnden Lebenswelten der Kinder in Kontakt bleiben, ohne sie penetrant zu kontrollieren, die notwendige Abgrenzung nicht als Kränkung oder Verlust erleben.

Das Wichtigste neben diesen paar Kleinigkeiten: die Beziehung nie brüchig werden lassen, sondern verlässlich da sein, selbst wenn es zu drastischen Vorfällen und üblen Provokationen kommt. Denn wenn Jugendliche sich von ihren Eltern aufgegeben fühlen, geben sie sich oft selber auf. Ihre jugendliche Psyche geht in die Selbstdestruktion, sie zerstören sich und ihr Leben, in der Hoffnung, ihre Eltern auf diese Weise emotional zu erreichen.

Die Jugendlichen ihrerseits suchen Entlastung in ihrer eigenen Kultursphäre. Wer wissen will, was Jugendliche im Innern umtreibt, sollte sich die HipHop-Szene angucken. Diese Musik, die in den siebziger Jahren noch das Ventil der durch Städtebausanierung entwurzelten Schwarzen in den USA war, ist heute dank strikter Kommerzialisierung ein Sammelbecken für ein Lebensgefühl, das nicht mehr wild, sondern vor allem cool sein will. Zwar sind in der deutschen Szene auch Krawallbrüder mit frauenfeindlichen Texten wie Eminem beliebt, andererseits geht es bei deutschen Rappern um »Respect« und »Skills«, um Achtung und Fähigkeiten.

Mit ihren schlabbrigen Marken-Klamotten, die an die Ursprünge der Bewegung in der Bronx erinnern sollen, wirkt die Szene uniform und ausgrenzend. Aber gleichzeitig ist sie tolerant. Denn uncool sind Rassismus, harte Drogen und Gewalt, und insofern ist diese Jugendbewegung ein lässiges, hin und wieder poetisches Miteinander - immerhin.

Da singt die Gruppe Massive Töne Kulturkritisches: »Tausend Magazine sagen dir, was in oder out ist / ob du als Snob Mandarinen oder Sauerkraut isst / laut bist oder leise beim Geschlechtsverkehr / mit dem öffentlichen Nahverkehr fährst oder nicht, oder doch / Hosen trägt man nicht mit Loch, was noch? / Über dein Übergewicht wird gerichtet / von einer Frauenzeitschriftredaktion / die nur dichtet und dich nicht kennt, deine Richtlinien nennt / Jeder befolgt sie, keiner will transparent und ausgegrenzt sein / Fröhliches Beisammensein - gleich fröhliches Gleichsein / Reichsein, sein Eigen nicht zeigen, Nein / Einigkeit der Einfachheit wegen, in Ewigkeit / Der Trend wechselt mit der Jahreszeit.«

Die Jugend stolpert, Gängelband der Medien, und wehrt sich auf ihre Weise: mit poetischem Eigensinn. Anstandsappelle, strenge Erziehung - sie können ihr nicht helfen. Als wolle die Rockgruppe Echt der Kanzlergattin antworten, heißt es in dem Song »2010": »Hey, ich seh es dir doch an / du denkst, ich kriege nichts gebacken / in meinen Nacken. Nein ich will mich nicht festlegen / Will mich noch ein Stück bewegen / Lebe in den Tag hinein / Brauch nicht viel zum Überleben.«

Die HipHop-Fans bilden zwei der vielen Gruppierungen in der schillernden Peergroup-Welt, und sie unterscheiden sich von anderen keineswegs so sehr, wie man vermuten könnte. Die Texte sprechen zwar vielen Teenagern aus der Seele, führen aber nicht zu Konsumverweigerung oder gar zu politischen Bekenntnissen. »Ich hör es, ich finde es gut«, erklärt der 16-jährige Schüler Dennis. »Aber ich weiß auch, dass das nicht die Wirklichkeit ist. Rumgammeln ist nicht angesagt. Man kann nicht so tun, als wäre das Leben eine große, lange Woodstock-Party. Die Zeiten sind vorbei. Wer sich nicht anpasst, ist out.«

Sein Freund Daniel und er wollen sich jetzt elegante Anzüge kaufen, um gut auszusehen, sie treiben Sport, und sie wollen ein bisschen abnehmen. Beliebt sein, seufzen sie, sei nun mal enorm wichtig. »Siehste nicht gut aus, biste nicht beliebt. So einfach ist das.«

Vom Erwachsensein haben sie klare Vorstellungen: Man macht sein eigenes Ding, lässt sich nicht verbiegen, geht ins Theater, wenn alle anderen ins Kino laufen, sagt Nein zu Drogen, auch wenn sie an jeder Ecke angeboten werden. »Und richtig erwachsen ist man«, sagt Dennis weise, »wenn man kapiert hat, dass man sterben muss.« NIKOLAUS VON FESTENBERG,

ANGELA GATTERBURG, ULRIKE KNÖFEL,

ANNA STEINBACH

* Name von der Redaktion geändert.

Anna Steinbach
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