»Es ist Krieg, Mann« - DER SPIEGEL
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BRASILIEN »Es ist Krieg, Mann«

Rio de Janeiro ertrinkt in Gewalt: Nach bestialischen Morden ertönt der Ruf nach härterem Durchgreifen, dabei ist die Polizei eine der korruptesten der Welt. Nun soll, wieder mal, ein neuer Chef aufräumen. Von Matthias Matussek
Von Matthias Matussek
• aus DER SPIEGEL 22/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wäre Rio noch einer jener alten Abenteuerfilme in Technicolor, könnten seine Probleme durch diesen Mann gelöst werden. Starkes Kinn, gerader Blick, Nichtraucher. So einer springt aus dem Helikopter ins Rennboot, um im letzten Moment die Bombe zu entschärfen, die auf die Palmen der Copacabana zurast, und das alles im Anzug. Einen Doktortitel hat er auch noch: Dr. Alvaro Lins, 33 Jahre alt.

Er ist der neue Polizeichef, ein Spitzenermittler in Sachen Geldwäsche und Entführungen, und er ist aufgeweckt genug, um das ganz andere Kino gut zu finden. »Traffic« zum Beispiel, den tristen Doku-Thriller, der zeigt, dass der Kampf gegen die Drogen nicht mehr zu gewinnen ist: »Dieser Film ist Rio heute.«

Die Milliardenbranche Drogen spült seit den achtziger Jahren Waffen und Verrückte und Tote um den Globus. Wer kommt gegen ihre Gewinnspannen an? Schon stabilere Demokratien wanken, der schwindsüchtigen brasilianischen dagegen haut sie die Beine weg. Rio ist fest im Griff der verfeindeten Mafia-Banden Comando Vermelho und Terceiro Comando, und der Brutalisierungspegel steigt täglich. Das ist die Ausgangslage.

»Sollte man den Mist nicht endlich legalisieren, um der Mafia das Geschäft zu nehmen?« Lins nickt unmerklich. Seine Augen bleiben grau und kühl. Das Kino zeigt, was er nicht sagen darf.

Drogen kaufen Waffen, und Lins, der vierte Polizeichef in vier Jahren, sitzt auf einem Pulverfass. Acht Stockwerke unter ihm, in der Kripo-Zentrale von Rio de Janeiro, liegt diese Tropfsteinhöhle aus Eisen und Stahl mit rund 200 000 beschlagnahmten Pistolen und Gewehren, in verstaubten Pyramiden oder frisch hineingeschwemmten Bündeln, durch die man hüfthoch steigt - Ablagerungen aus Mord und Totschlag.

Die israelische Uzi, die russische Kalaschnikow, die argentinische Fara - die Global Economy des Verbrechens. Keiner schafft es noch, diesen tödlichen Schrott zu katalogisieren. Allein im letzten Jahr wurden 10 332 Waffen kassiert, mehr als je zuvor und genug, um die gesamten Polizeikräfte Venezuelas auszurüsten. Und jeder weiß: Das hier ist nur ein Bruchteil. Rio ertrinkt in Waffen, und die allermeisten davon sind in den falschen Händen.

»Früher hat man Autos kurzgeschlossen und geklaut«, sagt Lins. »Heute halten dir 16-Jährige an Ampeln die Knarre an den Schädel, und oft drücken sie ab.« Die Zahl der Raubmorde hat sich im April im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Eine Stadt lebt in Angst, und Lins soll sie ihr nehmen.

Die Angst ist unsichtbar und totalitär. Sie ist eine ständige Menschenrechtsverletzung, um die sich kein Aktionskomitee kümmert. Sie schreibt dir vor, was du tun darfst und was nicht, und spätestens mit dem ersten Überfall am Strand hast du sie eingefangen wie einen Virus.

Die Gefahr lässt sich nicht ghettoisieren wie etwa in New York. In keiner Stadt der Welt sind Armenhütten und Paläste, Edelmut und Elend, Liebe und Tod verschränkt wie hier: wie Finger zweier Hände.

Sicher, der Mensch ist das Lebewesen, das verdrängen kann. Du gibst nachts an roten Ampeln Gas - und du verdrängst. Du hörst von dem Gangster, der seine Opfer mit Pistolenschüssen durch die Hände stigmatisiert und zurücklässt wie Visitenkarten aus der katholischen Hölle - und du verdrängst. Ein angeschossener Autofahrer rast an deiner Haustür vorbei, auf der Flucht vor Banditen - und du verdrängst.

Doch dann passiert dieser eine Mord, und du schaffst es nicht mehr. Zwei Banditen, die in Santa Teresa, dem charmanten Boheme-Viertel auf dem Hügel, die Logopädin Márcia in ihrer Wohnung überfielen. Sie vergewaltigten sie und ihre 13-jährige Tochter, während Sohn und Ex-Mann, beide gefesselt, im Nebenzimmer lagen. Schließlich skalpierten sie die Lehrerin.

Die Beute für die Gangster: 500 Mark. Unter ihnen war der 18-jährige babygesichtige Alan, der wochenlang für Márcia gearbeitet hatte; während er sie massakrierte, brüstete er sich damit, Killer der Mafia »Rotes Kommando« zu sein.

Truman Capotes »Kaltblütig« also, in der Carioca-Version. Dieser Mord hat es tatsächlich geschafft, die Korruptionsspektakel mittelmäßiger politischer Pfauen von den Titelseiten zu verdrängen. Rios Tänzer sind aus dem Tritt geraten. Leitartikler fordern eine Diskussion um die Todesstrafe, und du rufst mit allen anderen nach einer starken Polizei, nach einem Supermann, vielleicht nach einem wie Alvaro Lins.

Und dann wirst du erst recht nervös, denn im Ernstfall weißt du nicht mehr, wen du vor dir hast: den guten oder den bösen Cop.

Noch in den siebziger Jahren schlich man mit einem Schauder an der düsteren Polizeizentrale vorbei, denn man wusste, dass in ihren Kellern die Gegner der Diktatur gefoltert wurden. 30 Jahre später wünschen sich manche zurück in den totalitären Staat, weil sie das totalitäre Verbrechen nicht mehr ertragen.

Doch unter den rund 30 000 Militärpolizisten und 10 000 Zivilen sind nicht wenige, die das Schlechteste zweier Welten beerbt haben: die Brutalität der Diktatur und die kriminelle Selbstbereicherungsanarchie einer zerfallenden jungen Demokratie. Ein Höllencocktail.

Polizisten kontrollieren den Transen-Strich in Lapa, und sie verdienen als Fluchthelfer aus den Gefängnissen. Sie greifen mit privaten Verkehrskontrollen Autofahrer ab. Sie kidnappen, sie dealen, sie hehlen geklaute Autos. Menschenrechtsorganisationen machen mobil, denn Rios Polizei ist die tödlichste der Welt - bei ihren Einsätzen kommen auf einen Verwundeten drei Tote.

Doch auch das ist richtig: Es sind Polizisten, die korrupte Kollegen verhaften, und es sind Polizisten, die bei ihren Razzien gegen durchorganisierte Gangsterarmeen ihr Leben aufs Spiel setzen. »Die sind weit besser ausgerüstet als wir«, sagt Lins. »Alle vier Tage beerdigen wir einen von uns.«

Und täglich werden doppelt so viele Gangster ausgebildet wie Polizisten. Lins weiß, wovon er spricht, er hat die Spezialeinheit Polinter samt Knast geleitet. Wer da rauskommt, ist zur Mordmaschine frisiert: Allein im letzten Jahr starben in Rio 90 Beamte.

Es ist Krieg in Rio de Janeiro, und an der Front lösen sich die Unterschiede zwischen Verbrechen und Verbrechensbekämpfung fast zwangsläufig auf. Man braucht sehr gute Augen, um in diesem Halbdämmer das eine vom anderen zu unterscheiden.

Die Polizeiwache 59 A in Rios Baixada Fluminense ist ein schäbiger dreistöckiger Klotz mit Bauschutt hinterm Eingangsportal und ein paar sichergestellten Automotoren im Flur. Der Beamte am Nachtschalter quält eine alte Schreibmaschine mit zwei Fingern, tack, tack, tack, wie kleine Schüsse, die in Notwehr abgegeben werden gegen die lärmende barfüßige Klientel vor dem Fenster.

Man sieht den Protokollen an, dass sie bereits vergessen sind, wenn sie aus der Maschine gezogen werden - die Aufklärungsquote liegt unter zwei Prozent. In der Baixada wird so schnell getötet wie im kolumbianischen Cali, und zu neun von zehn Morden fehlt jeder Hinweis.

In der Baixada grassiert die Lepra. Im endlosen Gewirr schlecht verputzter Schuhschachteln wird mit allem gedealt: mit Mädchen, mit geschützten Vögeln aus dem Pantanal, mit Drogen sowieso. Kokain-Pate Beira-Mar hatte in der Baixada seine Waffenlager, aus denen er die kolumbianische Farc-Guerrilla belieferte. Und die Polizisten haben von allen in Rio den miesesten Ruf - Sicherheitschef Josias Quintal verdächtigt sie, mit den Autoschiebern zusammenzuarbeiten.

Wer in der Baixada Dienst schiebt, hat Überleben gelernt. Delegado Ronaldo etwa, der seit 35 Jahren dabei ist. Jetzt ist er 63 und kann »einfach nicht aufhören«. Sein Zimmer ist Luxus. Es hat einen Fernseher, der auf Fausthiebe reagiert und eine Kunstledercouch, auf der er sich ausstrecken kann - die anderen schieben sich Tische zusammen.

Ronaldo trägt ein zu enges dotterfarbenes Hemd, eine schreiende Krawatte, und er spricht langsam, denn ein Tumor hat ein hühnereigroßes Loch in seinen linken Kiefer gefressen. Ab und zu steht er auf, um seinen Mund auszuspülen.

»Wie geht es euch Deutschen nach Hitler?«, fragt er mitfühlend. Immerhin, meint er nach einem Blick in die entgeisterten Gesichter, gab es damals wohl Ordnung und Arbeit für alle, und vor allem keine Kriminellen. Eine kaputte Neonröhre zuckt, sein Gesicht ist bleich, und seine Augen sind müde, denn sie haben ein Leben lang in den Schmutz gestarrt. »Hitler war Idealist«, sagt er, und dann spült er wieder den Mund.

Die Nachtschicht hat gerade begonnen, und vor Ronaldos Tisch sitzt Delegado Luiz Torres, sein Freund vom Nachbarrevier, mit einer Checkliste. Die neueste Anordnung von oben, von Lins - nun sollen sich die Chefinspektoren gegenseitig kontrollieren. »Zur Hebung der Moral«, sagt Luiz achselzuckend, »eine pädagogische Maßnahme.«

Also, wie sieht es aus mit der Anwesenheitsliste? Mit Funkgeräten, Bewaffnung, Gefängnisbelegung? »Zurzeit sitzen 381, heute Nacht werden wir die 390 schaffen.« Geplant war der Knast mal für 100, aber was taugen schon Pläne: »Von mir aus können die da oben so viel kontrollieren, wie sie wollen, das ändert meine Arbeit kein Stück.«

Die Nacht beginnt mit einem kleinen Aderlass - drei Jugendliche müssen auf richterliche Anordnung entlassen werden, da sie die Waffen und das Kokain bei ihrer Festnahme nicht am Körper trugen. Der Delegado lässt sich zum Knasttrakt durchschließen, wo bereits ein Anwalt mit den Papieren wedelt.

Vor der Wache warten Freundinnen, Teenagerbeautys mit harten Piranha-Augen und knappen Tops, und im Imbiss gegenüber wird der Knast-Fraß weggespült. Sie lassen sich feiern wie Helden. »Die sind bald wieder hier«, sagt Delegado Ronaldo.

Kurz darauf fliegt die Tür auf. Ein Trupp Militärpolizisten stößt den 20-jährigen Dealer Carlos in den Raum, ein ausgemergeltes, barfüßiges Straßenkid in Shorts. Sein linkes Auge ist geschwollen. Die Ware - 54 Briefe Kokain, 59 Beutelchen Marihuana - wird auf dem Tisch ausgebreitet. Dazu eine komplette Telefonliste.

Er sei erst seit zwei Wochen im Geschäft, behauptet Carlos, und Ronaldo scheint ihm zu glauben - nur ein Neuling kann so bescheuert sein und sich mit Kundenliste verhaften lassen. Er wird Carlos in den Gefängnistrakt schieben lassen wie in einen überfüllten Frachtraum, und die Welt wird danach keinen Deut besser aussehen.

Es regnet pausenlos, die Polizeiwache 59 A erlebt eine Nacht wie jede andere. Mit glänzend nassen Gesichtern und durchweichten Uniformen stürzen die Beamten in den folgenden Stunden mit immer neuen Fängen herein, wie Fischer eines Kutters, der auf einem Meer des Elends treibt.

Sargento Gonçalvez vom 15. Bataillon der Militärpolizei hatte Carlos mit seinen Männern in der Favela Dungue aufgegriffen. Im Regen war die Sicht schlecht, es kam zu Schusswechseln: »Die anderen sind abgehauen.« Wie viel er verdient? Der Sargento kramt seinen Gehaltszettel raus. Warum er für 743 Mark sein Leben riskiert? »Weil ich verrückt bin«, sagt er und lacht schallend. Er hat zwei Kinder, und seine Frau hat jede Nacht um ihn Angst.

Während er die Festnahme zu Protokoll gibt, sorgt eine Gossenposse für Abwechslung. In den Verhörraum stolpern der kleinwüchsige Fernando und die voluminöse Luiza. Fernando wollte es sich von Luiza besorgen lassen, ein Blowjob für fünf Mark, bis er gemerkt hat, dass Luiza ein Kerl ist. Jetzt will er seine fünf Mark wieder- haben. Der MP nickt mitfühlend.

Kurz darauf wird klar, dass das Recht wichtiger ist als Brot und dass die schlechteste Polizei immer noch besser ist als gar keine: Der 13-jährige Roberto ist mit seinem Vater zur Zeugenvernehmung erschienen. Dieser Typ dort, gefesselt auf einer Bank im Flur, hat ihm seinen 22er Revolver vors Gesicht gehalten und das Mofa geklaut.

Roberto ist blass vor Angst und Wut. Noch vor drei Stunden hat er in eine tödliche kleine Mündung gestarrt. Was mit dem Räuber passieren soll? Scheu schaut er hinüber. »Er sollte nie wieder rauskommen dürfen.« Was er von der Polizei hält? »Sie ist die beste der Welt.«

Der Täter sitzt in der Zwischenzeit grinsend auf einer Bank. Er wird mit Bewährungsauflagen bald wieder auf der Straße sein. »Die Knarre, die wir ihm abgenommen haben, ist gemein«, sagt der MP, der ihn gestellt hat: »Kleinkalibrige Geschosse wandern im Körper, man kriegt sie schlecht raus.«

So geht es weiter, Stunde um Stunde. In ermüdender Routine wirft die Mannschaft von Wache 59 A die Netze aus, und dann wird an Deck gezogen, was die Nacht an Drogendealern und Autoknackern und Mördern hergibt, an Verzweifelten und Lebensschrott, und es gibt keine Erlösten auf dieser Wache, nur gemeinsam Verdammte auf einem Totenschiff.

Am frühen Morgen wird es ruhig. Delegado Ronaldo kramt sein kariertes Kissen aus dem Spind und spült ein letztes Mal seinen Mund aus. Korruption? »Natürlich gibt es die«, sagt er. Politiker sind korrupt, Richter sind es, selbst im Fußball wird bestochen. Jeden Tag liest du so was in der Zeitung. Jeder bereichert sich. Und da soll der kleine Polizist nicht die Hand aufhalten?

Der Delegado zuckt mit den Schultern. »Was erwarten Sie?« Nichts wird sich ändern, nie, in dieser endlosen Nacht.

Ohne Hoffnung allerdings kann keine Gesellschaft leben, und Hoffnung ist das Geschäft der Politik. Mit dem Versprechen auf Sicherheit und Polizeireform wurde Rios Gouverneur Anthony Garotinho vor drei Jahren ins Amt gewählt, und das Programm dafür hatte Luiz Eduardo Soares entworfen.

Dass der Mensch gut ist und die kapitalistische Gesellschaft schlecht, gehört zu den Grundüberzeugungen der Linken. Soares, der linke Anthropologie-Professor, bog ihr eine zweite metaphysische Weisheit bei, nämlich, dass der Mensch durchaus auch böse ist und dass man die Gesellschaft vor ihm schützen muss.

Es ist wichtig, für eine gerechtere Gesellschaft zu kämpfen. Aber es wäre auch prima, wenn dir auf dem Weg dahin nicht die Handtasche geklaut oder der Kopf weggeblasen wird. Früher hat Soares die Junta bekämpft. Heute kämpft er für eine effiziente Polizei.

Die Hoffnung unter Soares bekam einen Namen: »Nova Polícia« wurde auf die Autos gepinselt, und die typische, heruntergekommene Rio-Wache wurde umgewandelt in eine »Delegacia Legal«, was gleichzeitig toll und legal bedeutet.

Tatsächlich gab es bald die ersten Modellstationen mit Aircondition und Empfangstheken wie in einem Handy-Laden. Die Leute sollten gern zu ihren Revierpolizisten kommen, und auch die wurden besser behandelt - nun gab es Schreibkräfte und Pritschen für den Nachtdienst, eine Abkoppelung der Gefängnisse und vor allem Computer, die die vorsintflutlichen Ablagesysteme ersetzen. Ein Feelgood-Programm.

Doch bald wurde klar, dass es Soares nicht bei Pinselstrichen und neuen Autos bewenden lassen wollte. Er forderte das System heraus. Er führte ein strenges Kontrollsystem der Delegacias ein, die bis dahin wie unabhängige kleine Fürstentümer operierten und teilweise erhebliche Schutzgelder bei Puffbesitzern und Hehlern eintrieben. »Delegacias wurden verhökert wie Pfründen.«

Korrupte Polizisten wurden angeklagt oder verließen von sich aus den Dienst. Soares schuf ein Netz von Vertrauensleuten für seinen Kampf. »Das ging gut, bis ich dem Gouverneur beweisen konnte, dass die Korruption der Polizei bis in die Spitze reichte.«

Er ging damit an die Öffentlichkeit. Der Gouverneur reagierte, so Soares, sofort - er schmiss ihn raus und ernannte ausgerechnet einen derjenigen zum Polizeichef, die Soares im Fadenkreuz hatte.

»Das war hohe politische Kunst«, sagt Soares sarkastisch: »Wenn du es mit einem Gegner nicht aufnehmen kannst, mach ihn dir zum Freund.« Der neue Chef musste zwar bald unter Korruptionsverdacht zurücktreten, aber das Erneuerungsprogramm geriet ins Stolpern.

Immerhin gibt es mittlerweile 15 dieser"Delegacias Legais«, und eine davon ist gerade im Neon sprühenden Gavea eröffnet worden - viel Glas und Helligkeit und strahlend blaue Designertresen, so modern wie die Bars ringsum, und ihr Chef im Nachtdienst ist Delegado Luís Zettermann.

Zettermann weiß längst, dass es nicht die Armut ist, die Kriminelle backt - rund ein Drittel aller Morde durch Jugendliche gehen auf das Konto von Mittelstandskids, von denen also, die die Discos in seinem Revier frequentieren. Von Bürschchen mit Bartflaum und Designerklamotten, die töten, um ihre Drogen, ihre Konsumtrips zu finanzieren. Oder auch einfach nur aus Spaß: »Nicht Armut macht kriminell, sondern Leere.«

Über die Jahre ist Zettermann zum Philosophen geworden: »Dreck bleibt Dreck, egal, wie er sich anzieht.« Und dann noch diese weitere Weisheit: »Du kannst gegen das System nur gewinnen, wenn du ehrlich bleibst.«

Sein Sieg sieht auf den ersten Blick fürchterlich aus. Da er sich die Mieten in der Nähe der Wache nicht leisten kann, wohnt er weit draußen im Norden der Stadt. Klumpfüßige Möbel, ein winziger vergitterter Balkon, Leonardo da Vincis »Abendmahl« als Teller an der Wand.

Seine Karriere ist ein Pappkarton mit vergilbenden Zeitungsausschnitten, die über aufregende Ermittlungserfolge eines jungen Juristen und Inspektors in der Provinz berichten. Die Schlagzeilen werden größer, als er befördert wird und sich mit den Glücksspielsyndikaten anlegt. Dann wird der Tonfall gehässig, und schließlich tröpfeln nur noch Randnotizen über einen Prozess und Wiedergutmachungen.

Zettermanns Fehler? Er war der Sonne zu nahe gekommen. Er hatte Mafiosi zugesetzt, die einen kurzen Draht zu Abgeordneten hatten. »Du kannst dir nicht vorstellen«, gestand ihm der damalige Polizeichef Hélio Luz später, »wie viele Bitten ich bekommen habe, dich abzuziehen.«

Als Hélio Luz schließlich genervt von politischen Intrigen das Handtuch schmiss, wurde es für Zettermann eng. Er stolperte in eine der Fallen, die man Polizisten legt, die zu neugierig sind. Ein offensichtlich bezahlter Kleinkrimineller bezichtigte ihn der Korruption.

Letztes Jahr wurde er in allen Punkten rehabilitiert. Die Staatsanwältin - »sie hasste mich ohnehin, weil ich ihre Freundin nicht beförderte« - bekam ein Disziplinarverfahren und Zettermann diese neue Delegacia angeboten. »Ein neuer Kampf«, sagt er. »Das hat mich gereizt.«

Plötzlich wird klar, was er mit dem Sieg gegen das System meint. Diese Wohnung, diese durchgesessene Couch, diese armseligen Schmuckteller und zerschlissenen Bücher, dieser ganze Krempel schreit: Ich habe nie die Hand aufgehalten.

Zettermann ist nicht mehr jung, das Haar lichtet sich, und er hat Probleme mit seinem Gewicht. Doch an einen wie ihn muss Raymond Chandler gedacht haben, als er seinen Helden beschrieb: »Durch diese schäbigen Straßen muss ein Mann gehen, der selber nicht schäbig ist.« Ein Mann von Ehre, ehrlich aus Instinkt.

Tugend als Millimeterarbeit, als tägliche unbeirrte Plackerei - wenn es eine Chance für Rios Polizei gibt, dann liegt sie nicht bei den Superbullen und grandiosen Masterplänen, sondern bei unscheinbaren Typen wie Zettermann.

Hat Zettermann nicht Angst? »Angst müssen die haben, die unehrlich sind«, sagt er. »Die werden von allen Seiten bedroht, ich nur von vorne.«

Eines seiner Zimmer hat er mit Teppichböden ausgenagelt und zum Tonstudio ausgebaut. Da sitzt er nach Dienstschluss und bearbeitet sein Keyboard und komponiert seine Balladen. Die traurigste heißt »Unser Land«. Der Refrain lautet: »Eines Tages wird es genauso aussehen, wie wir es uns erträumt haben.«

Der Weg dahin scheint endlos, und er führt ganz sicher über Männer wie Cabela. Er erwartet uns in einem unauffälligen zweistöckigen Haus am Rande der Favela Campo do Alemão. Cabela ist Killer des Comando Vermelho, des Roten Kommandos. Er trägt eine Strickmütze mit Sehschlitzen, darüber die Kapuze eines Anoraks.

Er sitzt am Fenster und schaut durch das Schmuckgitter immer wieder nervös zur Straße hinunter, auf die ein paar Peitschenlaternen gelbes Licht werfen. Ein Anwalt hat dieses Treffen vermittelt, und alle sind nervös: der Anwalt, der Reporter, der Fotograf, der Killer.

Der Killer fühlt sich unwohl, denn er ist nicht auf eigenem Terrain. Er hat die unangenehme Angewohnheit, Sätze dadurch zu unterstreichen, dass er den Lauf seiner halb automatischen Pistole schnappen lässt. Warum er sich überhaupt interviewen lässt? Wahrscheinlich, weil es der Selbstmystifikation hilft. Er hat sein Leben auf diese Gangsterrolle reduziert, und die will er nun sehen. Schließlich ist auch der große Mafia-Pate Beira-Mar eine Art Medienstar, ist derzeit auf dem Cover der Illustrierten.

Dass sie den Paten gefasst haben, ändert überhaupt nichts. Und es ist noch die Frage, wie lange er überhaupt sitzt. Beira-Mar sei mit seiner Bande verbündet. »Mein Blut ist rot«, sagt er, »rot wie das Rote Kommando.« So ähnlich klingen auch die Slogans für Suppentüten oder Vasco da Gama, seinen Fußballverein.

Nur, dass es hier nicht um Tore geht, sondern um Tote. Cabelas monotones Genuschel ist reflexionsloser, tödlicher Gangster-Rap, mit Worten, die zu Boden fallen wie leere Patronenhülsen. Wenn der Boss zum Krieg ruft, sagt er, geht er ins Gefecht, in vorderster Linie. Dann marschieren sie in eine Favela, um mit dem Gegner aufzuräumen, mit Leuten des Terceiro Comando, der Mafia-Konkurrenz. »Die Deutschen stören dabei nicht weiter.« Die »alemães«, tatsächlich, das ist Gangsterslang für »Polizei«. Vor den Alemães hat er keinen Respekt. Entweder sie stehen auf der Gehaltsliste, oder sie werden getötet. Allerdings haben sie seinen Bruder auf dem Gewissen. Das »Terceiro« habe sie bezahlt, um eine Razzia durchzuziehen, und damals, vor zehn Jahren, hatte er Rache geschworen und war dem Roten Kommando beigetreten.

Cabela ist 28. Einen Ausstieg gibt es für ihn nicht mehr. Ob er mit seinem Tod rechnet? »Das weiß nur Gott.« Was Gott damit zu tun habe? »Gott ist groß«, sagt er und lässt die Pistole schnappen.

Wo kommt er her, wie wuchs er auf, was machen seine Eltern? »Wenn ich meinen Vater erwischen würde«, schnapp, schnapp, »würde ich ihn umbringen.« Warum? »Weil er nach dem Tod meines Bruders sagte, das geschehe ihm recht.«

Seine Einheit, sagt er, umfasse ungefähr 150 Leute. Sein Boss ist jünger als er, er kennt ihn seit der Kindheit. Was ihn zum Boss gemacht habe? »Er hat mehr umgelegt.« Schnapp, schnapp. Wie viel Cabela auf dem Gewissen hat. »Es ist Krieg, Mann, da zählt man nicht nach.« Wer Krieg führt, ist entlastet.

Natürlich hat auch er schon gesessen. Der Jugendknast, sagt er, war eine Art Grundschule, doch die Fachausbildung kriegst du nur auf dem Asphalt. Wenn es schlecht läuft in der Favela, wenn die Drogen knapp werden, dann geht er auf den Asphalt. Dann macht er Jagd in den Straßen Rios, auf Passanten und Autos, und dann ist die ganze Stadt sein Revier.

Was man tun müsse, um sich gegen ihn zu schützen und gegen dieses Ding da, das ihm aus der Hand wächst und das er ständig befingern muss wie eine Warze? »Am besten, du sagst, du bist Familienvater und Arbeiter.« Allerdings sei auch das keine Gewähr. Letzte Woche musste er abdrücken, denn der Kerl hatte eine falsche Bewegung gemacht. »Notwehr«, sagt er, und du spürst, wie Wut in dir aufsteigt und mit dem Blick auf die Knarre eine unendliche Wehrlosigkeit. Welcher Sozialingenieur soll so einen je umkrempeln können?

Plötzlich dringt von der Straße der Sirenenrülpser eines Streifenwagens. Cabela springt auf und brüllt. Stühle fallen, alle gehen in Deckung. Nach einer Weile späht der Anwalt durchs Fenster. »Nur die Guarda Municipal«, sagt er. Die unbewaffnete Stadtpolizei, die Falschparker aufschreibt. Es gelingt ihm, Cabela ein wenig zu beruhigen.

Bei allen rast der Puls, denn Typen wie Cabela sind unberechenbare Berufsparanoiker. Seine Augen über dem Rand der Sehschlitze stehen in Schweißpfützen, und sie wandern unruhig hin und her wie blaue Fische. Nun muss es schnell gehen. »Noch fünf Minuten.«

Ob der neue Polizeichef eine Gefahr für ihn und das Rote Kommando darstelle? Cabela ist verdutzt. Dann lacht er ungläubig. »Der arbeitet bald bei uns mit«, sagt er. Nein, Mann, die Deutschen sind nicht das Problem. Der Feind ist das Terceiro Comando. Hinterhältige Schlangen. Feiglinge. »Sie töten sogar Kinder.«

Das ist wohl das Verblüffendste an diesen Typen - selbst der Brutalste bemüht sich noch um moralische Überlegenheit. Es gibt immer einen, der noch schlimmer ist und den Tod absolut verdient hat. Und das sind die vom Terceiro Comando. Die anderen Opfer, Familienväter zum Beispiel, auch Polizisten, sind bloße Notwehr.

Zurzeit sei man dabei, Waffen zu beschaffen. Und dann gehe es in den Krieg. Er lässt ein letztes Mal den Lauf schnappen und springt auf. »Kauft in den nächsten Wochen die Zeitung«, sagt er. »Erinnert euch an Cabela.«

Wir sollen also die Kritiken lesen. Das sind wohl die schlimmsten Filme: die ratlos enden.

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