»Dufte urban« - DER SPIEGEL
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TRENDSETTER »Dufte urban«

Während in Ostdeutschland eine Million Plattenbauwohnungen leer stehen, feiert Berlins Avantgarde die DDR-Hochhaus-Architektur als Inbegriff zeitgenössischen Lebens.
• aus DER SPIEGEL 23/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vom zehnten Stockwerk seiner DDR-Plattenbauwohnung blickt der Grafikdesigner Till Sperrle, 28, auf den Berliner Alexanderplatz - auf die achtspurige Autotrasse, den Fernsehturm und die Hochhäuser aus Beton. Bei dieser Aussicht kommt der Kreative voll auf seine Kosten: »Ich hatte schon immer ein Faible für brutalisierte Architektur.«

Um in »Deutschlands einziger Großstadt« zu wohnen, verließ Sperrle im Januar seine Heimat Stuttgart und deren »simulierte, altstädtische Gemütlichkeit«. Die neue Wohnung wählte der Schwabe bewusst in der grauen Platte, so zentral und so hoch oben wie möglich.

Und damit liegt er voll im Trend. Während die normierten »Arbeiterschließfächer« (DDR-Jargon) nach der Wende zum Synonym für Anonymität und sozialistische Massentristesse wurden, hat die Berliner Avantgarde die Platte jetzt neu entdeckt.

Künstler, Architekten, Werber und Medienschaffende suchen inzwischen gezielt das Leben in der WBS 70, dem zu DDR-Zeiten am häufigsten verwendeten Baukastensystem aus Beton. Und wie damals, als Neubauwohnungen mit fließend warmem Wasser und Zentralheizung als Privileg galten, sind sie heute, zumal häufig erst jüngst renoviert, fast schon wieder Mangelware - jedenfalls in Berlin-Mitte.

Landschaftsarchitekt Uli Uphaus, 30, aus Osnabrück ergatterte im 15. Stock der Leipziger Straße, einer monströsen Plattensiedlung gegenüber dem Axel-Springer-Hochhaus, eine Drei-Raum-Wohnung, 96 Quadratmeter, für 1330 Mark warm. Der ehemalige Altbaubewohner schätzt das neue »konsequente Stadtgefühl«. Hier nehme er die Metropole wahr, wie sie wirklich sei, fernab von aufgehübschten Baudenkmälern und den Promis am Gendarmenmarkt: »Völlig ungeschönt.«

Presslufthämmer dröhnen durch die Straßenschlucht, vor und neben Uphaus' Apartment recken sich die Betonburgen in den Himmel. Dazwischen geben sie den Blick frei auf ein Panorama, das vom Französischen über den Deutschen Dom, die Museumsinsel, das Universitätsklinikum Charité hin zum Alexanderplatz weit in den Westen reicht - rundum 270 Grad.

Überhaupt betrachten die neuen Mieter der alten DDR-Hochhäuser die Welt aus 40 Meter Höhe mit ganz anderen Augen. »Ein Gefühl absoluter Freiheit, eine Erhabenheit gegenüber denjenigen, die da unten leben müssen«, empfindet Landschaftsarchitekt Frank Peter Thomas, 31, aus Langenargen am Bodensee in seiner Wohnung im 20. Stockwerk.

Die Begeisterung für den kalten Schick der DDR-Moderne ist die Antwort auf den dekorativen Stilmix des Westens, wo sich heute in Altbauwohnungen das Landhausflair mit der Japan-Welle mengt. Die Konsequenz, mit der die DDR-Architektur ihre Vorstellung vom Leben des neuen, sozialistischen Menschen betonisiert hat, ist im Städtebau des Westens weitgehend unbekannt. Dort wurde in den City-Zentren vor allem gearbeitet, Hochhaus-Wohnghettos fanden sich meist in den Randbezirken.

Die junge Szene eint ein tiefer Widerwille gegen Historismus und die Heimeligkeit des Nachkriegsbildungsbürgertums: weg von Parkett, Stuck und Flügeltür, hin zu klaren Schnitten, Betonwänden und Linoleumböden.

In kaum einer der neu bezogenen Platten steht mehr als ein Sideboard, ein Tisch und ein Gummibaum: »Gemütlichkeit brauche ich nicht«, sagt Jens Jacob, 35, Kreativdirektor einer Multimedia-Agentur: »Zu viele Möbel, Menschen oder Dekorationen passen nicht zur reduzierten Plattenbauästhetik.« Vor einem Jahr kaufte er seine Wohnung an der Leipziger Straße - im 25. Stock.

Den funktionalen Purismus kennen viele der 30-Jährigen noch aus den Wohnmagazinen ihrer Kindheit. Hinter ihrem heutigen Einrichtungsstil stehe auch der Wunsch, so zu leben, wie man es damals als ideal empfunden hätte, glaubt der Schwabe Thomas, der sich konsequent mit spätem Sechziger-Jahre-Retrodesign umgibt.

Doch keiner imitiert am Himmel über Berlin das Interieur des klassischen Bungalows von damals so perfekt wie der Herforder Künstler Erik Schmidt, 32. In seiner Wohnung im obersten Stock einer Plattenburg am Platz der Vereinten Nationen legte er an den Wänden den Sichtbeton und die Siebziger-Jahre-Tapete früherer Mieter frei. Auf dem Tisch steht eine holzfurnierte Sechziger-Jahre-Obstschale, im Wohnzimmer eine weiße Ledercouch und Plastikmöbel aus den Siebzigern in Rot und Weiß.

Fast ganz Deutschland kennt inzwischen diese Wohnung, sie ist Kult. Coca-Cola drehte hier den Werbespot, in dem ein Mädchen an einem heißen Tag eine eisgekühlte Unterhose aus dem Kühlschrank holt. Die Popgruppe Echt setzte dort das Video zu ihrem Song »Weinst Du« in Szene, in dem ein Paar verloren herumsteht, als es merkt, dass es sich nichts mehr zu sagen hat. Die Platte als coole Kulisse.

Als Künstler Schmidt sich vor drei Jahren um die 130-Quadratmeter-Maisonette mit Atelierraum und Dachterrasse zu 1400 Mark warm bewarb, hatten bereits fünf Leute abgesagt: Platte, nein danke. Außerhalb des Zentrums von Berlin denkt man bis heute so: Rund eine Million Plattenwohnungen im Osten stehen leer, bis zu 400 000 davon sollen abgerissen werden.

Schmidt hingegen, der mit seinen Lackstift-Collagen auf Fototapeten die Komik und Kälte der Kommunikationsgesellschaft beschreibt, glaubte in der so genannten Schlange, einem kurvigen Betonkoloss, optimale Arbeitsbedingungen vorzufinden. Er griff sofort zu.

Die 1280 Wohnungen vom Bautyp P2/11 am ehemaligen Leninplatz gelten als Edelplatte und Highlight der DDR-Architekturmoderne. Die Anlage, die mit dem gebogenen Block auf der anderen Seite des Platzes, dem »Bumerang«, ein Ensemble bildet, mag äußerlich kalt und abweisend wirken. Fachleute halten die zwischen 1968 und 1970 vom damaligen DDR-Chefarchitekten Hermann Henselmann erbaute und inzwischen denkmalgeschützte Siedlung aber noch immer für einen großen Wurf. 1997 wurde die originalgetreue Instandsetzung mit dem Bauherrenpreis für Modernisierung ausgezeichnet.

Wer im früheren Ost-Berlin in zentraler Innenstadtlage in der Platte wohnte, war entweder ein Star, Diplomat oder Mitarbeiter der Staatssicherheit, in jedem Fall dem System treu ergeben. So leben heute ehemalige Linientreue der DDR Tür an Tür mit den neuen Trendsettern der Gegenwart.

Plattenbaumieter Uphaus ist inzwischen »fasziniert« von den Lebensgeschichten, die sich da hinter den verstellbaren Plattenwänden verbergen. Erste scheue Kontakte habe er schon geknüpft.

»Wir sind keine Nostalgiker, aber wir lehnen die DDR-Vergangenheit nicht ab,« erklärt Rob Savelberg, 24, die Haltung einer neuen Generation, die sich an den Kalten Krieg kaum noch erinnert. Der holländische Geschichtsstudent gehört zu den rund 60 jungen Existenzgründern, die sich im »Haus des Lehrers«, einem zwölfstöckigen ehemaligen DDR-Repräsentationsbau am Alexanderplatz, eingemietet haben - und zum Teil, wie Landschaftsarchitekt Thomas, privat in eine Platte zogen.

Die Hochhaus-Fans, ein bunter Haufen junger Musiker, Designer, Wissenschaftler und Künstler, lieben den verstaubten DDR-Charme der einstigen Fortbildungsstätte, sollen das Gebäude jedoch Ende Juni für einen Investor räumen. Besonders attraktiv finden sie, dass an jenem Ort, an dem die Erzieher einer Diktatur früher auf Linie gezogen wurden, heute kreatives Chaos und Meinungsvielfalt herrschen.

Überhaupt halten die jungen Mieter, die mehrheitlich aus dem Westen kommen, den massenhaft geplanten Abriss der architektonischen DDR-Denkmäler - wie des höchsten Ost-Berliner Hochhauses, des Forum-Hotels, oder des Palasts der Republik - für völlig unangemessen. »Das ist eine Eliminierung der DDR-Vergangenheit«, sagt Savelberg und wirbt um Respekt vor der Geschichte: »Die Westdeutschen wiederholen den gleichen Fehler wie die Kommunisten nach dem Krieg, als sie das Berliner Schloss gesprengt haben.«

Viele könnten die Qualität der großen Plattenbauten nicht wirklich ermessen, meint der Potsdamer Architekt Ralph Brandt, 31, der aus dem »Haus des Lehrers« sowohl auf den Alexanderplatz als auch auf die Karl-Marx-Allee mit ihren massiven Plattenbauten blickt: »Als Kontrast zu den Schickimicki-Lofts ist das sehr modern, dufte urban und ein eigener Lebensstil.«

Wie lange die Euphorie zumindest bei den Neumietern anhalten wird, ist ungewiss: Landschaftsarchitekt Uphaus bekennt, seine derzeitige Behausung im 15. Stock sei zwar großartig, aber wohl doch eher eine »Durchgangsstation«. Er sei eben stets auf der Suche nach »dem Neuen«. SUSANNE KOELBL

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