NEPAL Killer im Kampfanzug
Den Kopf glatt rasiert, die Brust bedeckt mit einem T-Shirt, auf dem in leuchtendem Safran das Hindu-Mantra »Om« prangte, trat Rajiv Rai Shahi vor die Presse. »Es war der Kronprinz«, sagte der Arzt , »er ist schlicht ein Mörder.«
Shahi ist ein angeheirateter Neffe des bis vorletzten Freitag amtierenden nepalesischen Königs Birendra und einer von drei Augenzeugen, die bislang Auskunft gaben über ein Massaker, bei dem ähnlich viel blaues Blut floss wie zuletzt am 17. Juli 1918 beim Mord an der Zarenfamilie Romanow.
Zehn Mitglieder des nepalesischen Königshauses fielen der Bluttat zum Opfer, darunter auch sein Oberhaupt Birendra. Doch während es einst in Russland Bolschewisten waren, die ein ganzes Gesellschaftssystem in den Orkus der Geschichte putschten, war der Killer von Katmandu den Zeugen zufolge ein Mitglied der Familie: Kronprinz Dipendra, zur Tatzeit betrunken und maßlos beleidigt, weil seine Mutter seiner Brautwahl nicht zustimmte. Ein Adliger, der Amok lief.
Zum gemeinsamen Abendessen im Narayahiti-Palast war Dipendra, 29, ver-
spätet erschienen. Königin Aischwarja hatte ihren Sohn empört wieder fortgeschickt, denn der hatte sich, nach einer Runde Squash am Nachmittag, voll laufen lassen. Ein paar Stunden nach dem Rausschmiss war er in den großen Privatsalon zurückgekehrt - im Kampfanzug, mit zwei Schnellfeuergewehren und, in einer Tasche, einer halbautomatischen Waffe.
Die in manchen Details voneinander abweichenden Schilderungen der Überlebenden ergeben ein grausiges Tableau: Wortlos mähte Dipendra erst den Vater nieder, dann die fliehende Mutter und seinen Bruder Nirajan, 22, den er in den Grünanlagen mit 30 Schüssen durchsiebte. Seine 25-jährige Schwester Shruti und fünf weitere Angehörige starben gleichfalls im MP-Feuer. Zwischenzeitlich geriet ihm die israelische Uzi außer Kontrolle, Geschossgarben ließen Brocken von der Salondecke prasseln. Schließlich setzte der Thronfolger sich selbst einen Kopfschuss. Er überlebte ihn, im Militärhospital von Katmandu im Koma liegend, nur um drei Tage.
Seither regiert sein Onkel Gjanendra, und der versprach als Erstes die rasche und vollständige Aufklärung des Tathergangs. Denn Gjanendras Zweig der Familie blieb von dem Massaker so gut verschont - was im 23-Millionen-Volk der Nepalesen prompt zu Gerüchten führte, der neue König habe seine Finger im Spiel gehabt.
»Von Monarchie zur Anarchie!« lauteten die ersten erregten Schlagzeilen. Wütende Bürger randalierten in den Straßen und richteten ihre Aggressionen gewohnheitsmäßig auch gegen den großmächtigen Nachbarn Indien. Indische Zeitungen wurden verbrannt, Kabelnetze stoppten vorsichtshalber indische Nachrichten.
Die unterschiedlichsten Verschwörungstheorien kursierten, denn verdächtig schnell, zwei Tage nach dem Attentat, waren die Opfer verbrannt worden, vermutlich ohne Autopsie. »Das nepalesische Publikum glaubt den Augenzeugen nicht«, sagt Narayan Wagle, stellvertretender Chef der Tageszeitung »Kantipur«.
Vor zehn Jahren erst hatte die Königsfamilie ihre absolutistische Macht verloren; Nepal wandelte sich zur konstitutionellen Monarchie. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von 1200 Dollar pro Kopf und Jahr blieb es jedoch selbst nach asiatischen Maßstäben ein Armenhaus. Gewaltbereite linke Rebellen wollen deshalb den korrupten, für seine Extravaganzen berüchtigten Adel ganz abservieren.
Diese Maoisten hoffen, aus den neuerlichen Wirren Nutzen zu ziehen. Ihre Guerrilla-Organisation nach dem Vorbild des peruanischen »Leuchtenden Pfads« ist im halben Land aktiv und hat in vier von insgesamt 75 Distrikten Nepals, wo 40 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze leben und nur 25 Prozent eine Schule besuchen, ein von Katmandu abgekoppeltes, paralleles Verwaltungssystem aufgebaut.
Ihr Führer, »Genosse Prachanda«, schürt gleichfalls den Verdacht, das Blutbad sei »vorausgeplant« gewesen und prophezeit »das Ende des jetzigen politischen Systems«. Die streng nationalistischen Maoisten fordern die Abschaffung der Monarchie, ein Ende der feudalen Strukturen und einen Ein-Parteien-Staat.
Die parlamentarische Opposition in der Hauptstadt verlangt zudem den Rücktritt von Premierminister Girija Prasad Koirala, weil sie ihm Korruption anlastet sowie seine Unfähigkeit, die radikalen Linken zu befrieden, deren Aufstände und Attentate in den vergangenen Jahren etwa 1600 Opfer kosteten (SPIEGEL 17/1999). Auf der Fahrt zur Verbrennung der Getöteten wurde Koiralas Wagen mit Steinen beworfen.
Auch wenn die staatliche Untersuchungskommission ihre offizielle Version des Blutbads veröffentlicht, könnte sich die Lage noch einmal zuspitzen. Dem wenig populären König droht neues Ungemach, egal wie der Befund ausfällt.
Schon während der Krönungszeremonie am vorigen Montag riefen jugendliche Nepalesen in Sprechchören zur Revolte auf: »Tod dem Gjanendra!«
RÜDIGER FALKSOHN, PADMA RAO
* Bei seiner Krönung am vorigen Montag in Katmandu.