GEOLOGIE Spiel mit dem Erdfeuer
Kumuluswolken treiben über die kalten Andengipfel, den über der kolumbianischen Stadt Pasto thronenden Vulkan Galeras hüllt kalter Nebel ein. Ein Trupp von Wissenschaftlern stapft auf einem zerfurchten Aschenweg den 4276 Meter hohen Feuerberg empor. In ihren Rucksäcken tragen die Forscher Messgeräte und Feldbücher. Sie wollen auskundschaften, wann der sechs Monate zuvor ausgebrochene Berg das nächste Mal Lava und Asche speien wird.
»Genau können wir das allerdings nicht vorhersagen«, gibt die amerikanische Vulkanologin Patty Mothes am Kraterrand Fernsehreportern gegenüber zu Protokoll. Hinter ihr im Bild sind derweil zwölf Kollegen zu erkennen, die sich aufmachen, in den Höllenschlund abzusteigen.
Wie wenig die Forscher wirklich wissen, wird ein paar Stunden später auf schreckliche Weise offenbar: Plötzlich klafft die Erde auf. Gesteinsbrocken schießen durch die Luft, Lava spritzt umher. Der Ausbruch zerfetzt drei Forscher, drei weitere werden von Gesteinstrümmern erschlagen. Auch drei Touristen finden im Steinhagel den Tod.
Das Unglück ereignete sich bereits 1993. Jetzt haben zwei in den USA veröffentlichte Bücher die Katastrophe in den Mittelpunkt einer Debatte um die Berufsmoral der Vulkanforscher gerückt. Denn Galeras war der schwerste, aber keineswegs einzige Unfall im noch jungen Feld der Vulkanologie, zu dem sich etwa 400 Wissenschaftler zählen. Sie überwachen weltweit rund 550 aktive Feuerberge; jährlich explodieren etwa 60 dieser Pulverfässer.
Seit 1975 starben 29 Vulkanologen bei der Ausübung ihres Berufs - ihre Todesrate übersteigt damit selbst diejenige von Risikoberufen wie Bombenentschärfer oder Löwendompteur. Erst im Januar stürzte wieder ein Forscher am ecuadorianischen Guagua Pichincha Vulkan in den Tod.
Stanley Williams, Geologe an der Arizona State University und Leiter der schicksalhaften Galeras-Expedition, entrann dem Berg nur knapp. Die Eruption brach dem Forscher beide Beine und den Unterkiefer; ein Brocken schlug ein Loch in seinen Schädel. Doch Gefahr gehöre zum Geschäft, rechtfertigt sich Williams in seinem Erlebnisbericht*: »Vulkanologen müssen Risiken eingehen, um Ausbrüche vorherzusagen und Tausende von Menschenleben zu schützen.«
In den Tagen vor dem fatalen Marsch zum Krater sei der Berg ruhig gewesen, erinnert sich der Forscher. Der Kegel ventilierte nur wenig Schwefeldampf und Kohlendioxid aus den Kammern im Untergrund, die Felshänge rührten sich nicht.
Die Geologin und Wissenschaftsjournalistin Victoria Bruce nimmt ihm das nicht ab. In ihrem Galeras-Buch, einer Anklageschrift gegen Williams, porträtiert sie den Expeditionsleiter als Heißsporn, der halsbrecherisch mit dem Erdfeuer und dem Leben seiner Kollegen spielt**: »Sicherheitsbedenken rangieren für ihn niedrig, wenn sie bei ihm überhaupt eine Rolle spielen.«
Besonders zanken sich die beiden Autoren um die Bedeutung von Schwärmen leichter Erdbeben, die wenige Tage vor dem Ausbruch aufgezeichnet wurden. Das charakteristische schraubenförmige Muster auf dem Seismogramm hätte die Forscher alarmieren müssen, meint Bruce - und Williams habe davon gewusst: »Ihm war klar, dass der Vulkan diese Signale aussandte. Aber er entschied sich, sie zu ignorieren.« Der Beschuldigte bestreitet diesen Vorwurf vehement - er will ahnungslos gewesen sein.
Das Bebentremolo steht indes nur stellvertretend für eine Grundsatzfrage der Vulkanforscherzunft. Am Pranger steht deren erschreckende Todesbilanz - eine Folge allzu leichtsinnigen Abenteurertums? Den Verdacht schürt Williams selbst: »Vulkanologen suchen, in unterschiedlichem Maße, den Adrenalin-Kick. Ich fühle mich nie so lebendig, wie wenn ich auf einen Vulkan steige.«
Die bekanntesten Opfer unter den Vulkan-Junkies sind die französischen Eruptionsexperten Maurice und Katja Krafft. Über Jahrzehnte hinweg jagte das als »Kriegsberichterstatter der Vulkanologie« berüchtigte Ehepaar weltweit Ausbrüchen hinterher, um selbst im Aschenregen noch zu filmen. Maurice Krafft träumte davon, eines Tages in einem hitzefesten Kanu einen Lavastrom hinabzufahren.
Dazu kam es nicht. 1991 starben sie, zusammen mit 41 anderen Menschen, in einer Sperrzone am japanischen Vulkan Unzen. Über die Gruppe raste eine infernalische
Glutwolke hinweg, die sie wie Mumien zusammenschnurren ließ. Unter den Opfern befand sich, neben den beiden Franzosen, auch der US-Vulkanologe Harry Glicken.
Der Leichtsinn setzt sich fort. Im Juli vergangenen Jahres bestiegen mehrere Vulkanologen nach einer Tagung den aktiven Riesen Semeru auf der Insel Java. Die Experten hatten kaum mehr als einen Ausflug im Sinn, bei dem sie das Spektakel von Dampf- und Aschefontänen bewundern wollten. Sie hatten keine Helme, geschweige denn einen Notfallplan. Als das Vulkangebäude unter ihren Füßen vibrierte, war es bereits zu spät - mit einem Knall explodierte der steinerne Hochofen. Zwei indonesische Vulkanologen starben, fünf Forscher wurden verletzt.
Viele Feuerbergexperten sehen in derlei Katastrophen kein Anzeichen von Fahrlässigkeit. Hans-Ulrich Schmincke etwa, Direktor der Abteilung Vulkanologie am Geomar-Forschungszentrum in Kiel, beteuert: »Fast alle mir bekannten Wissenschaftler gehen bei ihrer Arbeit an aktiven Vulkanen sehr umsichtig vor.« »Unfälle«, so fügt er nüchtern hinzu, »gibt es auch bei anderen Berufen.«
In der Tat geriert sich der Forschungsgegenstand der Vulkanologen oft höchst unberechenbar. Zwar kündigen sich große Eruptionen massiv an: Vulkandächer wölben sich auf, Beben durchrütteln den Berg, Gase rauchen aus den Erdspalten, und der Krater erhitzt sich, als erhebe er sich direkt über einer Herdplatte. Anhand solcher Vorzeichen sagten Vulkanologen 1991 auf den Philippinen den gewaltigen Ausbruch des Pinatubo korrekt voraus. Die Behörden evakuierten rechtzeitig 60 000 Menschen.
Tückischer jedoch sind die kleinen Ausbrüche: Am Fuß des Berges bleiben sie mitunter fast unbemerkt, im Vulkankessel aber können sie Miniapokalypsen gleichen. Ehe ein Vulkanforscher vor eines der Höllentore tritt, muss er genau abwägen, wie hoch die Gefahr derartiger Launen der Natur jeweils ist. Das Problem: Wer auch nur ein Quäntchen Heldenmut verspürt, macht sich im Zweifelsfalle trotzdem auf den Weg.
Die Hoffnung einiger Wissenschaftler, Fernerkundung durch Satelliten und seismologische Stationen, die jedes Erderzittern registrieren, könnte die riskanten Bergtouren überflüssig machen, wird sich vorerst nicht erfüllen. »Nur im Krater lassen sich Proben frischer Lava nehmen und detaillierte Gasanalysen durchführen«, stellt der Vulkanologe Michael Ramsey fest, der das Unglück auf dem Semeru im vergangenen Jahr überlebte.
Die nächsten Todesfälle werden sich daher kaum vermeiden lassen. Williams, der längst wieder auf aktiven Vulkanen herumklettert, meint dazu nur knapp: »Bisweilen verschätzt man sich eben.«
HUBERTUS BREUER
* Stanley Williams, Fen Montaigne: »Der Feuerberg - Wie ich denAusbruch des Vulkans Galeras überlebte«. Bertelsmann Verlag,München 2001; 320 Seiten; 44 Mark; erscheint im August.** Victoria Bruce: »No apparent danger«. Harper Collins, NewYork 2001; 252 Seiten; 26 Dollar; erscheint im Frühjahr 2002 aufDeutsch bei Piper.