»Das ist ein Riesengeschäft« - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 108 / 128

»Das ist ein Riesengeschäft«

Der Präsident der Bundesärztekammer Jörg-Dietrich Hoppe über Leihmütter, Embryonenadoption und die Motive der Babymacher
• aus DER SPIEGEL 26/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Herr Hoppe, was halten Sie von den jüngsten Forderungen der Fortpflanzungsmediziner?

Hoppe: Ich stehe dem Inhalt ihres Positionspapiers sehr kritisch gegenüber. Dass die Reproduktionsmediziner damit vorpreschen, erstaunt mich jedoch nicht. In anderen Ländern sind die Regelungen sehr viel progressiver, und die Kollegen haben sicher den Wunsch, dass sich die Situation in Deutschland in eine ähnliche Richtung entwickelt wie zum Beispiel in den USA oder Großbritannien. Da stehen natürlich auch wirtschaftliche Interessen dahinter. Die Reproduktionsmedizin ist ein riesiger Markt. Herr Clement redet ja nur noch von Gesundheitswirtschaft. Mit Mildtätigkeit hat das sicher nichts mehr zu tun.

SPIEGEL: Das Papier bezeichnet es als »unabdingbar«, ungewollteKinderlosigkeit als Krankheit zu begreifen. Sind Menschen, die keine Kinder bekommen, krank?

Hoppe: Es gibt sicher Fälle, wo Krankheit eine Rolle spielt. Wenn ein Paar Pech hat und es zum Beispiel zu einer Eileiterschwangerschaft kommt, bei der die Geschlechtsorgane beschädigt werden, dann ist das natürlich eine Krankheit. Anders ist es, wenn sich zwei Menschen treffen, und es kommt aus naturgegebenen Gründen nicht zu einer Befruchtung. Ich glaube, dass solche Paare ihre Situation als Schicksal akzeptieren sollten.

SPIEGEL: Gibt es denn kein Recht auf ein eigenes Kind?

Hoppe: Nein. Das würde ja bedeuten, dass man nahezu jede Methode erlauben müsste, um dieses Recht auch wirksam werden zu lassen.

SPIEGEL: So ähnlich argumentieren aber die Fortpflanzungsmediziner. Sie beklagen, in Deutschland gebe es im internationalen Vergleich »suboptimale Schwangerschaftsraten«. Auch plädieren sie etwa für die Präimplantationsdiagnostik (PID), mit der genetisch vorbelastete Embryonen schon vor der Implantation in die Gebärmutter aussortiert werden könnten.

Hoppe: Ich empfinde die ganze Diskussion um die Präimplantationsdiagnostik als Heuchelei. Ich persönlich bin kein Anhänger der PID. Doch mit einem Verbot sind die Probleme nicht gelöst. Wer die PID hinterfragt, muss im selben Atemzug auch die Pränataldiagnostik (PND) im Mutterleib hinterfragen. Alle Paare, die theoretisch von der PID Gebrauch machen könnten, nutzen heute die PND und treiben in vielen Fällen ab. Das finde ich mindestens genauso bedenklich.

SPIEGEL: Sie stellen die seit Jahren praktizierte Untersuchung von Ungeborenen im Mutterleib in Frage?

Hoppe: Ich möchte endlich den ganzen Komplex diskutiert sehen, einschließlich der im Paragrafen 218 unbefriedigend geregelten Frage der Spätabtreibungen und einschließlich der Frage, ob wir nicht die zahlreichen als Sozialindikationen stattfindenden Abtreibungen vermeiden könnten, indem wir die Adoptionsmöglichkeiten stärker in den Vordergrund stellen. Ich würde es sehr begrüßen, wenn man betroffene Paare auch auf andere Methoden hinweisen würde, die ohne die Erzeugung von Reagenzglas-Embryonen auskommen. Alternativen wie die Adoption werden von Reproduktionsmedizinern sehr selten angesprochen.

SPIEGEL: Stattdessen regen diese Ärzte an, die Eizellenspende zuzulassen. In »seltenen Ausnahmen« befürworten sie sogar die Leihmutterschaft.

Hoppe: Ich lehne diese Methoden ab. Man muss doch an die Menschen denken, die auf diese Weise entstehen könnten. Die möchten doch auch wissen, wo sie herkommen. Die ganze Verwirrung um eine soziale, leibliche oder unbekannte Mutter ist doch keine Ausgangslage, die man Menschen mutwillig zumuten kann.

SPIEGEL: Um die Chancen auf ein Wunschkind zu erhöhen, fordern die Fortpflanzungsmediziner zudem, statt nur Vorkernstadien, wie bislang üblich, künftig auch Embryonen einfrieren zu dürfen; dann könnten für die Einpflanzung ungeeignete Embryonen leichter aussortiert werden. Wäre das nicht tatsächlich im Sinne der Patienten begrüßenswert?

Hoppe: Das Einfrieren von Embryonen ist nach dem heutigen Embryonenschutzgesetz verboten, und das ist auch gut so. Wir würden sonst ein riesiges Problem bekommen, weil wir nicht wissen, was wir mit den vielen Embryonen machen sollten, die bei dem Prozess zwangsläufig übrig bleiben.

SPIEGEL: Die Fachleute schlagen vor, dass überzählige Embryonen adoptiert werden könnten. Paaren, bei denen eine normale Schwangerschaft nicht zu Stande gekommen ist, könnten fremde Embryonen eingepflanzt werden.

Hoppe: Hier muss die Frage erlaubt sein, welche Motive dahinter stehen. Für die Fortpflanzungsmediziner wäre das natürlich ein Riesengeschäft. Ethisch vertretbar ist das jedoch meiner Ansicht nach nicht. Es hört sich auf den ersten Blick ganz vernünftig an, Embryonen für die Adoption freizugeben. Zumindest wäre es besser, als mit ihnen zu experimentieren. Aber die Gefahr, dass dann Embryonen gleichsam gezüchtet würden, nur um möglichst viele Adoptionen möglich zu machen, ist nicht von der Hand zu weisen.

SPIEGEL: Dem Verbot zum Trotz gibt es Umstände, unter denen auch heute schon überschüssige Embryonen anfallen können. Den Reproduktionsmedizinern zufolge gibt es gegenwärtig 71 tiefgefrorene Embryonen in Deutschland. Was sollte denn Ihrer Ansicht nach mit denen geschehen?

Hoppe: Wenn sie nicht mehr in die Mutter eingepflanzt werden können, darf man derzeit eigentlich gar nichts anderes mit ihnen tun, als sie absterben zu lassen. Das Embryonenschutzgesetz lässt als Ziel einzig die Erzeugung einer Schwangerschaft zu. Forschung ist untersagt. Aber ich bin ziemlich sicher, dass wir eine intensive Diskussion bekommen werden, ob man sie nicht zur Stammzellenproduktion benutzen sollte.

SPIEGEL: Ist der Zug nicht längst abgefahren, weil im Ausland die Entwicklung viel schneller voranschreitet? Schon heute gibt es Fortpflanzungstourismus nach Belgien oder in die USA. Was sagen Sie deutschen Paaren die ins Ausland gehen, weil nur dort Eizellenspende und PID möglich sind?

Hoppe: Das ist wirklich schwer zu sagen. Ich glaube allerdings, dass der Krankheitsbegriff bei uns doch noch anders wahrgenommen wird. Ob man Alzheimer oder Parkinson hat oder ob Kinderlosigkeit vorliegt, ist zum Glück immer noch ein sehr großer Unterschied. Deshalb habe ich auch immer empfohlen, dass man Kinderwunschbehandlungen steuerlich absetzen kann, anstatt sie in der gesetzlichen Krankenversicherung zu verankern. Die Fortpflanzung der Bevölkerung ist nicht eine Angelegenheit der Krankenversicherten, sondern liegt im Interesse der Allgemeinheit.

SPIEGEL: Ist eine neue gesetzliche Regelung der Fortpflanzungsmedizin überhaupt nötig?

Hoppe: Ich glaube, dass die Zeit dafür noch nicht reif ist. Die Fortpflanzungsmediziner haben sich in ihrem Papier auf die reinen reproduktionstechnischen Möglichkeiten konzentriert und einige juristische Bemerkungen gemacht, die deswegen notwendig sind, weil ihre Forderungen mit der Gesetzeslage nicht kompatibel sind. Es fehlt in diesem Papier jedoch jeglicher ethische oder philosophische Diskurs. Andererseits muss es bei der PID bald zu einer klaren gesetzlichen Regelung kommen. Sonst leben wir in einem Zustand, der geradezu provoziert, dass irgendwann ein Gericht über die PID entscheidet. Eine gesellschaftliche und politische Entscheidung ist das dann nicht mehr. INTERVIEW: PHILIP BETHGE

Zur Ausgabe
Artikel 108 / 128

Mehr lesen über